Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 8 (18.2.1933)
- Date
- 1933-02-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 lfm äffen öerücfifeii entgegenzutreten teile ich höflichst mit, daß die seit 30 Jahren von der Wiener Kundschaft infolge ihrer vorzüglichen Qualität bevorzugten Gödinger Mazzes auch heuer in den einschlägigen Geschäften zu haben sein weraen. Ich stelle die ergebene Bitte, schon fetzt Ihren Bedarf an Gödinger Mazzes Ihrem Kaufmann bekanntzugeben, um mir die rechtzeitige Ablieferung zu ermöglichen. Die Erzeugung der GSdlnger Mazzes erfolgt unter streng ritueller Aufsicht. Sie sind nur dann echt, wenn jedes Paket mit meiner Photographie versehen ist. Erste Gödinger Osterbrotbäckerei Bernhard Glaser, Göding (Mähren) breitei Schichten der evangelisch getauften Arbeiter sich vom Evangelium Christi lossagten und zu dem von Karl Marx bekehrten. 'Er war klug genug, zu wissen, daß man diese Entwicklung nicht mit Predigten, sondern nur mit sozialen Taten bremsen Könne. Darum wollte er dein Marxismus die christliche Sozialpolitik entgegenstellen. Ihn berauschte der Gedanke: dem Kaiser, dessen Hof Prediger er war, ein von der Sozialdemokratie befreites und der Kirche Christi wiedergewonnenes Berlin zu Füßen legen zu können. Um die Arbeiter ging es ihm. darum nannte er seine Partei zunächst Christlich-Soziale Arbeiterpartei. Darum behandelte er in seinen ersten Vorträgen fast ausschließlich Arbeiterfragen. : Aber die Arbeiter trauten ihm nicht. Sie hatten mit der evangelischen Staatskirche zu üble Erfahrungen gemacht. Sie witterten unter dem Staatsbrot, das Stöcker zu beschaffen versprach, einen Angelhaken. Er bekam in seine Christlich- Soziale Arbeiterpartei keine Arbeiter. Wenn doch ehi paar kamen, so waren es entweder verdächtige „Gelbe" oder geistig träge Pietisten oder gar Leute so wurmstichiger Art wie jener Schneider Grüneberg, der ein paar Monate von Stöcker als die erste Arbeiterschwalbe gefeiert wurde, bis er unter peinlichen Begleitumständen von der Bildfläche verschwinden mußte. ' Was Stöckers Versammlungen füllte, das waren die Massen desselben Mittelstandes, der heute zu Hitler strömt. Das waren Studenten, die unter dem Banne der in der Tat außergewöhnlichen Redegabe des Hofpredigers standen. Das waren ältere junge Mädchen, zum großen Teil adligen Geblüts, die für ihn als Seelenarzt schwärmten. Alle möglichen Elemente waren vertreten. Nur die Arbeiter — vacat! Kurz entschlossen taufte Stöcker seine Christlich-Soziale Arbeiterpartei in Christlich- Soziale Partei um. Und paßte sich seinem Publikum an. Wenn die Arbeiter nicht zum Propheten kommen, dann geht der Prophet zu den Bürgern. Diese Kleinbürger aber, die das Gros der Stöckerschen Anhängerschaft bildeten, reagierten auf nichts lebhafter als auf antisemitische Redensarten. Die sozialen Nöte der breiten Masse, die Stöcker in die politische Arena getrieben hatten, waren dem politisch ungebildeten Mittelstande ganz gleichgültig. Wenn Stöcker sie noch hie und da behandelte, so hörten die Stöckerianer respektvoll, aber gelangweilt zu. Lebendig wurden sie erst, wenn antisemitische Witze kamen. Geistig zu träge, um über die wirtschaftlichen Gründe der Notlage des selbständigen Mittelstandes nachzudenken, waren sie heilfroh, einen Sündenbock gefunden zu haben. Der Jude ist schuld! Das ist eine so bequeme Formel. Da braucht man das eigne Köpfchen nicht weiter anzustrengen. Stöcker war durchaus kein Antisemit im völkischen Sinne. Das verbot ihm seine Bibelgläubigkeit. Dazu war er auch zu klug. Aber er hatte keine sittlichen Bedenken, sich die antisemitischen Instinkte weiter Volkskreise nutzbar zu machen. Wie er denn überhaupt sehr oft den Zweck das Mittel heiligen ließ. Er wollte rednerische Erfolge haben. Und weil sie am sichersten bei antisemitisjetieh Mätzchen sich einstellten, so wurde er immer mehr aus einem ernsthaften Sozialpolitiker zu einem seichten Nichts-als-Rhetoriker. Uebrigens ging es ihm auch in einem andern Punkt ähnlich wie Hitler: Die Rücksicht auf d i e; G e 1 d g e b e r spielte eine überragende Rolle. Nicht etwa, daß er Geld für seine Person angenörhihen oder auch nur gebraucht hätte. Er stand sich, pekuniär glänzend, da seine Frau aus reicher Pamilie stammte. Wohl aber brauchte er sehr viel Geld für seine kirchliche Tätigkeit, besonders seine Stadtmission. Die Geldgeber dafür waren streng kirchliche Kreise mit konservativer und darum durchaus antisozialer Grundhaltung. Diese Kreise waren gewohnt, Almosen geben als christliche Pflicht anzusehen. Ihnen widerstrebte aber jede Behandlung der Arbeiter als eines gleichberechtigten Faktors und darum jede Gesetzgebung, die Rechte für die Arbeiter statuierte. So dämpfte Stöcker seine ursprünglich sozialradikalen Forderungen, genau wie Hitler das auch getan hat — man braucht sich darüber nur bei seinem früheren Kampfgenossen OttoStrasser zu erkundigen. Nur daß Stöcker sich seine Geldgeber für die Stadtmission erhalten wollte, während Hitler sich seine Geldquellen für seine Partei nicht verstopfen möchte. Die fließen aber natürlich nicht für irgendeinen Sozialismus, auch nicht für einen sogenannten nationalen, sondern nur für eine Bewegung, von der sich die Hintermänner Spaltung der Arbeiterschaft und damit Lahmlegung der Arbeiterbewegung versprechen. Stöcker sind auch nur annähernd ähnliche Erfolge wie Hitler nie beschieden gewesen. Warum dieser auffällige Unterschied, obwohl doch Stöcker der weitaus bedeutendere Redner war? Weil Hitler ein organisatorisches Genie ist. während Stöcker für Organisationsfragen überhaupt kein Verständnis und kein Interesse hatte. Stöcker hat nie begriffen, daß tausend applaudierende Versanimlungsbesucher für eine Bewegung viel weniger bedeuten als zehn organisierte Mitglieder. Wo er sprach, und er sprach fast täglich, hatte er überfüllte Versammlungen. Aber ihn beschäftigte nur die Saat, nicht die Ernte. Ihm genügte die Zustimmung. Die Mitgliederbewegung war ihm gleichgültig. So blieb seine Christlich-Soziale Partei immer eine Unbeträchtlichkeit, während Hitler den Kern erfaßt hat: der Beifall ist Nebensache, die Bildung von straff organisierten Kadres und Zellen ist die Hauptsache. Man täte Stöcker unrecht, wenn man zum Vergleich mit Hitler nur ihn herausgriffe. Der Gesamtkomplex der antisemitischen Bewegung der achtziger und neunziger Jahre muß mit dem Nationalsozialismus in Parallele gestellt werden. In diesem Gesamtkomplex war Stöcker nicht bloß der relativ anständigste Vertreter. Als sein Gegenpol kann jener Rektor Ahl war dt genannt werden, der es mit seiner skrupellosen Demagogie sogar fertig brachte, bei der Reichstagswahl in Neustettin über Stöcker als seinen Gegenkandidaten zu siegen. Ahlwardt war Rektor a. D., was seine Anhänger deuteten: Rektor aller Deutschen! Er war nur Demagoge und deshalb reiner Antisemit, ohne jedes hemmende Beiwerk eines positiven oder wenigstens scheinpositiven Programms. ENonriE adswabl DILIIOSTE PREISE £ pr# #s 5.a« #*• *. TEPPICHE VODB/lNQE nöPEisiorrE, dechen MVR I.,BA«EBNr1iinKT!2-I4 Als er Neustettin, so ziemlich den rückständigsten hinterpomnierschen Wahlkreis, erobern wollte, hielt er abends immer Volksversammlungen ab. Am Tage aber besuchte er mit seinem Sekretär die einzelnen Bauerngehötte. Vor jedem Bauern ließ er sich die Größe seines Besitzes und die Ziffer seines Viehbestandes nennen. Dann diktierte in Gegenwart des Bauern seinem Sekretär: ..Bauer A. hat hundert Morgen, zwei PFerde, sechs Stück Rindvieh, acht Schweine. Muß haben: vier Pferde, zehn Stück Rindvieh, zwanzig Schweine.*' Und die Bauern glaubten, wenn sie Ahlwardt wählten, würde er dafür sorgen, daB ihr Viehstand durch Gesetzgebungsakt entsprechend aufgefüllt werde. Ahlwardt war berühmt geworden durch zwei Broschüren. Die eine hieß „J ti d e n f 1 i n t e n" und stellte die Behauptung auf, Isidor Löwe habe einen Teil der deutschen Armee mit unbrauchbaren Flinten beliefert. Die andere behandelte den angeblichen „Meineid eines .In <\ e u". Der angegriffene Jude war BI e i c h r ö d e r. der B a nk i e r B i s ni a r c ks. Natürlich enthielten beide Schriften nur e r- 1 o g e n e n U n s i n n. Aber sie wirkten zunächst. Ein paar Jahre hindurch war Ahlwardt der zugkräftigste Volksredner Deutschlands, dem es gelang, in zwei Wahlkreisen zugleich gewählt zu werden. Als ein gemäßigter Antisemit, der Doktor v. Dallwitz, einmal Ahlwardt aufsuchte, um sich von ihm sein Material vorlegen zu lassen, fand er dies Material durchaus unzureichend. Er machte Ahlwardt darauf aufmerksam. Dieser entgegnete lächelnd: „Wenn ich etwas nicht beweisen kann, behaupte ich es eben." Hitler ist eine Mischung von Stöcker und Ahlwardt. Nur eins kommt bei ihm und seiner Bewegung dem Vorkriegsantisemitismus gegenüber als völlig neu hinzu: die Propaganda der Gewalttätigkeit, (die G o e r i n g jetzt im Verwaltungswege in die Tat umsetzt. D. Red.) S t ö c k e r kämpfte gegen die angeblichen Auswüchse des Judentums. Ahlwardt forderte Ausnahmegesetze gegen die Juden. Selbst der extremste Antisemit hätte vor dem Kriege nicht die Parole auszugeben gewagt: „Köpfe müssen rollen!" „Der Mensch ist dumm," überschrieb Charles Richet ein denkwürdiges Büchlein. Durch den Krieg ist die Dummheit der Menschen nicht kleiner, ihre Gemeinheit aber erheblich größer gworden. (Abwehr-Blätter.) ff Entartetes Judentum Sä Noch ein Wort Der Hirtenbrief des Linzer Bischofs Doktor G f ö 11 n e r hat in diesen Blättern bereite wiederholt die gebührende Behandlung erfahren. In der Sache selbst hat Bischof Dr. Gföllner, wenn auch in starker Uebertneibung, auf «Sn Gebiet aufmerksam gemacht, das schon häufig von Nichtjuden wie von Juden beleuchtet worden ist. Am erschöpfendsten ist, wie die letzte „C. V.-Zeitung" atrfrrterksam macht, Professor Dr. J. Heinemann (Breslau) in der Abhandlung „Vom jüdischen Geist, ein Wort an diei Ehrlichen unter Ölen Anklägern" (Philo-Verlag, Berlin) auf das Thema eingegangen. Heinemann stellt fest: Der Vorwurf, der Jude verschließe sich der Tatsache, daß in seiner Gemeinschaft die Zersetzung starken Boden gefunden hat, ist, soweit er sich gegen bewußte Juden richtete, völlig unberechtigt. Daß es Juden gibt, die sich zur Ueberlieferung uiftJ zum Lebensinteresse des Judentums durch Zerstörung echter Kulturwerke in Widerspruch setzen, empfinden wir — so sagt Heinemann — vielleicht noch schm.erzlicher als' unsere christlichen Mitbürger. Wohl aber verwahren wir uns dagegen, wenn Antisemiten durch unwahre Aufbauschungen genau begrenzter Tatbestände unser Ehrgefühl kränken und zugleich die Heilung empfindlich erschweren. Er zitiert einen Satz des Professors Reinhold S e e b e r g. des bekannten evangelischen Theologen, der in einer Arbeit über Antisemitismus, Judentum und Kirchenrecht ausführt: „Es steht keineswegs so, als wenn es nur Juden wären, die in dieser Richtung wirken. Es sind zahllose Christen und Germanen daran beteiligt. Ja, mas-n kann noch mehr sagen: <Bie Ideen, die vom Judentum so geschickt propagiert werden, sind so gut wie niemals von ihm produziert worden." Heinemann führt dann weiter aus, (faß die Menschen, die zu solchem Vorwurf Anlaß geben, zwar aus dem Judentum hervorgegangen sind, aber, später alles Jüdische von s-ich ge w o rfen haben. : Einen- : Teil. der.