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Die Wahrheit · 1933-02-18 · Heft 8 (18.2.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 8 (18.2.1933)
Date
1933-02-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT «■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■»■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■B SanzWieninifcstasel j Alles ist begeistert von den berühmten ftturiUtt-yMiwcxottk 5 Jlathan förodetzky \ Zentrale: Wien, 2. (ßiczirft, JCeonoltlsgnsse *3 ■ Telephone: A 4b l-y0, A 41-9-52, A 60-2-63 ■ Die 3dh.midl-ytlcMxx.ottk und das Fabrikat „yttmfte. 3<AmMtJf£. <&." ■ (Mazzoth, Qrieß und Farwel) sind außerdem erhältlich in allen besseren Geschäften u Hitlers Vorläufer. Von Hellmut von G e r I a c h. muß gelingen, schon deshalb, weil sonst eine Schwächung der „Union" unter den obwaltenden und noch zu erwartenden Verhältnissen (allgemeines Wahlrecht!) zum Bankerott der altehrwürdigen Wiener Kultusgemein.de, an der wir alle mit großer Liebe hängen, führen würde. Das muß mit allen Mitteln verhütet werden. Die „Union österreichischer Juden" wird auch in aller Zukunft die treue Wacht in der Seitenstettengassc bleiben. Meine Herren! Es braucht wohl nicht erst besonders betont zu werden, daß ein fester und unbeugsamer Parteigeist, sowie eine stramme undeiserneParteidisziplin, äußere und was noch wichtiger ist innere Parteidisziplin, alle an der nunmehr bevorstehenden Arbeit Beteiligten erfüllen muß. Die Durchführung und Durchsetzung eines Programmes — wir können das täglich an den großen politischen Parteien bestätigt finden — hängt ja nicht allein von den Ideen ab, die einem Parteiprogramm zugrunde liegen, sondern zum großen, vielleicht zum größten Teile davon ab, von welchem Geiste die Parteimitglieder erfüllt sind und von der Disziplin, die in ihren Reihen herrscht. Und zum Schlüsse noch eines: Vergessen wir nie, daß die Probleme, die uns bei unserer Aufbauarbeit entgegentreten werden, niemals vom Standpunkte engherziger Einseitigkeit, sondern immer nur vom Gesichtspunkte der Totalität zu lösen sind. Gilt dieser Satz im allgemeinen, so gilt er, einer alten Erfahrung gemäß, besonders dort, wo es sich um jüdische Fragen, um jüdische Probleme handelt. In diesem Sinne, meine Herren, ist die Arbeit des Parteirates gedacht. Wird es uns mit Gottes Hilfe gelingen, dieselbe durchzuführen, — und wo ein fester Wille ist, da ist auch ein gangbarer Weg vorhanden — dann braucht uns um das Zukunftschicksal der „Union" nicht bange zu sein, — sie bleibt der feste und unerschütterliche Hort des positiv religiös und im vaterländischen Sinneeingestellten, nichtnationalen Judentums von Wien und ganz Oesterreich! Aelteres, intelligentes Fräulein, mit besten Referenzen, sacht gegen kleine häusliche Mithilfe bei älterer Persönlichkeit Wohngelegenheit. Zuschriften an die Administration dieses Blattes. Feuilleton Eindrücke aus Polen. Jedem, der Polen besucht, schreibt Jakob"Lests c h i a s k y in der ausgezeichneten Zeitschrift der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, fällt eine Panik unter den Juden auf, und zwar keine vorübergehende, durch besondere schwere Ereignisse hervorgerufene, sondern eine Panik, die jahrelang anhält und Kleinmut und mangelndes Vertrauen an eine bessere Zukunft zur Folge hat. Es ist eine Art Pogromzustand, es herrscht das Gefühl vor, daß man sich retten, daß man entfliehen muß, und da eine Rettung für die jüdische Gesamtheit unmöglich ist. versucht ein jeder, sich auf eigene Faust zu retten. Jeder einzelne tut nach wie vor seine Arbeit, geht in die Werkstatt oder in die Fabrik, arbeitet oder sucht Käufer für seine Ware, versucht sich ein Darlehen zu verschaffen, um die Wechsel bezahlen oder die Steuern entrichten zu können. Der einzelne wird zu sehr von der Not getrieben. Er hat keine Zeit, sich die Frage vorzulegen, warum sein Glaube an den Erfolg immer kleiner wird. Vor dem Kriege fühlte man eine Energie, eine strömende Kraft in der schwarzen Menschehmasse des Nalewki. Jetzt ist das Leben dort verschwunden. Das gleiche Bild in Wilna, in Bialystok und in Lemberg. Am Wochentag wimmelt der Markt von alten jüdischen Weibern mit bleichen, ausgemergelten Gesichtern, Juden mit weißen Barten spähen hinter ihren Ständen hervor, halbwüchsige Jungen bieten alte Gummischuhe an . . . Ein Greis sitzt in einem Winkel und flickt Schuhe; ein altes Weiblein verkauft heiße Bohnen; Frauen und Münner drängen sich an die Vorübergehenden mit Bitten, Vorschlägen, Segenswünschen, Flüchen und wilden Ausrufen. Je tiefer man in die Menge dringt, desto dichter gekeilt ist sie. Wie ein Jahrmarkt auf einem Friedhof mit Gespenstern und Schemen, die sich bewegen, sprechen, handeln, ihre Hände und die übrigen Glieder bewegen, aber nicht leben. Fast ein Achtel der jüdischen Bevölkerung Polens lebt von dem Verkauf in diesen Buden. Wenige Stunden auf dem Büro eines Vereins für Kleinhandel in Lemberg lassen uns einige dieser lebenden Toten kennenlernen. Es ist Schabbos-Ausgang. Das Büro ist vollgepfropft mit Juden. Alle tragen noch die abgewetzten verschossenen Schabbos-KIeider, die Gesichter sind abgehärmt verbraucht wie die Kleider. Ich folge dem Vorsitzenden in sein Zimmer, und einzeln treten die Bittsteller ein. Da steht vor uns eine magere Jüdin, das Kopftuch tief über die Augen gezogen. Sie muß 6 Zloty an Steuern bezahlen. Bezahlt sie bis Montag diese Summe Die außerordentlichen Erfolge der deutschen Nationalsozialisten finden natürlich ihre Erklärung nicht nur negativ in dem Versagen andrer Parteien und in den wirtschaftlichen Verhältnissen Deutschlands. Sie müssen aucli sozusagen positive Gründe haben. Zwei mächtige, einander widerstreitende Strömungen durchziehen die Welt: Nationalismus und Sozialismus. Adolf Hitler hatte die jeden nüchternen Menschen phantastisch anmutende Idee, beide in einer Synthese zusammenzufassen. Das ist natürlich ein Versuch mit untauglichen Mitteln. Sozialismus und Nationalismus sind eine Antinomie. Der Sozialismus ist, wenn überhaupt, nur international zu verwirklichen. Darum ist jeder Versuch einer Realisierung des sogenannten Programms der Nationalsozialisten von vornherein zum Scheitern verdammt. Jeder logisch denkende Mensch sieht das ein. Aber die Logiker sind nicht in der Mehrheit. Die Patentlösung Adolf Hitlers ist übrigens kein Originalprodukt seines Geistes. Auch dieser Messias hat seine Vorläufer gehabt. In gewissem Sinn kann sogar Friedrich N a u m a n n als solcher bezeichnet werden. Naumann begründete 1896 den Nationalsozialen Verein, um die Versöhnung von Demokratie und Kaisertum anzustreben. Er glaubte, die Arbeiter für den nicht, wird man ihr Geschäft pfänden. Sie hat eine Bude auf dem Markt, ein Geschäft, dessen ganze Ware 10 bis 15 Zloty wert ist. Von diesem Geschäft lebt sie mit ihren vier Kindern. Ihr Mann ist schon vier Jahre tot. Schon bei seinen Lebzeiten war sie die Hauptverdienerin, weil er ständig Thora gelernt hat. Die Kinder sind gut geraten. Sie wollen aber nichts von der Krise und den Steuern wissen, sie verlangen zumindest nach trockenem Brot. Auf meine Frage, was das ist, eine Krise, gab sie eine sehr einfache und klare Antwort, eine viel klarere als die Wissenschaftler sie geben. Eine Krise, sagte sie, ist da, wenn es allen Leuten schlecht geht. Als ich allein war, ging es mir zwar auch schlecht, aber es war noch nicht so schrecklich. Ich konnte mir noch ein paar Zloty oder etwas Ware ausleihen, aber wenn eine Krise ist, ist es sehr schlimm. Der zweite war ein junger Mann, ein hoher, schlanker, mit einem schneeweißen Kragen, blank geputzten Schuhen, ein „Gent". Er hatte früher ein Schuhgeschäft im Zentrum der Stadt und war vermögend. Während der Krise im Jahre 1925 mußte er das Geschäft schließen und auf dem Markt eine Bude mieten. Im letzten Jahr war er gezwungen, auch die Bude zu verkaufen. Jetzt steht er auf dem Markt herum, mit einem Paar Schuhen, die er feilbietet. Sein Aeußeres hat noch einen Abglanz der früheren Zeit. Er hat aber schon die Hoffnung verloren, jemals in seine früheren Verhältnisse zurückzukommen. Jahrelang hat er vor den Menschen den Zusammenbruch verheimlicht, bei dem einen geliehen, bei dem anderen gedeckt, gedreht, gehandelt, gehofft, daß es sich schon irgendwie machen wird, bis er sich schließlich sagte: Schluß mit der Sache, es hat keinen Zweck, man muß die Armut in das Haus hineinlassen und sich in die Vereinigung der Bettler einschreiben, offen vor der ganzen Welt und ohne Scham. Es ist schon ein Jahr her, seitdem er auf dem Markt ist. gleich mit allen Waisen und Witwen, alten Leuten und arbeitslosen Arbeitern, Taugenichtsen und heruntergekommenen Mittelstandsleuten usw., mit dem ganzen Abfall des jüdischen Zentrums Lembergs! Jeder, der nicht verstanden hatte, sich beizeiten etwas Kapital zurückzulegen, jeder, der aus den Reihen herausgestoßen wurde, jeder Gefallene und hoffnungslose Bettler — all diese Ausgestoßenen werden auf dem Markt aufgenommen. Jedes Jahr kommen Hunderte von Buden und Ständen hinzu. Und dann noch die fliegenden Händler, die ihre ganze Ware herumtragen. Wenn ein Jude vom Lande weglaufen mußte, weil man dort die Juden schlägt oder die Genossenschaft ihm das letzte Stückchen Brot weggeschnappt hat, stellt er sich in Lemberg auf den Markt hin, und nicht nur er allein, sondern auch seine Frau und seine Tochter setzt er dort bei einer Bude oder bei einem Ständchen hin, um das Auskommen zu sichern. Da steht er nun und hat schon bestehenden Staat gewinnen zu können, wenn er Wilhelm II. für radikale Sozialpolitik und konsequente Demokratie gewönne. Trotzdem tut man dem Andenken Naumanns Unrecht, wenn man ihn mit Hitler in einem Atem nennt. Hitler ist unkritischer Demagoge. Naumann war kritischer Denker und darum gefeit gegen Demagogie. Er war so wenig Demagoge, daß er nie Massen für sich gewann, sondern nur eine Oberschicht ihm allerdings leidenschaftlich ergebener Intellektueller. Als er 1903 den Nationalsozialen Verein zur Auflösung brachte, hatten die Wahlen seiner Partei ein einziges Mandat erbracht. Der wahre Vorläufer Adolf Hitlers war der Hof Prediger Adolf Stöcker. ein Demagoge: ganz großen Formats. Als Stöcker Ende der siebziger Jahre mit seiner christlich-sozialen Propaganda an die Oeffentlichkeit trat, leitete ihn sicher im Unterbewußtsein ehrgeiziger Machtwille. Aber niemand, der ihm nahegestanden hat, wird ihm stärkste sachliche- Beweggründe absprechen können. Er war ein leidenschaftlicher Vertreter der, ecclesia militans. Als protestantischen Orthodoxen schmerzte es ihn brennend, daß die katholische Kirche ungeschwächt. die Massen des katholischen Volksteils beherrschte, während die, lange Tuberkulose, und seine aufgeregten Augen schreien, daß er schon lange blutigen Auswurf hat, da steht er in Nässe und Kälte die ganze Woche an seinem Stand und hat die ganze Woche über 46 Zloty Erlös gehabt. Verdienen konnte er 10 oder 15 Zloty und er hat doch eine Frau mit zwei Kindern zu Hause, und er selbst muß sogar täglich zwei Glas Milch trinken, sonst wird er bald zugrunde gehen. Und was wird später sein? Wie kann man sich aus dem Grabe befreien, in dem man lebendig begraben ist? Wie reißt man sich heraus aus dem Schutthaufen, auf den die Stadt ihren ganzen Abfall wirft? Der junge Mann mit den sehnsüchtigen Augen redete immer erregter. Wir saßen da und schwiegen wie versteinert. Wir haben ihn ausreden lassen, obwohl wir das Gefühl hatten, daß seine heftige Rede ihn viel- Gesundheit kosten wird. Er sprach so eine Viertelstunde, dann hat er sich auf eine Bank gesetzt und geschwiegen. Plötzlich ist er still aufgestanden und aus dem Zimmer hinausgegangen und hat um nichts gebeten und nichts verlangt. Der Vorsitzende sagt mir: Die sind am ärgsten dran. Sie können nicht bitten. Sie; fühlen sich wirklich auf dem Markt begraben, aber sie schreien nur, und mit dem Schreiben ist doch nicht' geholfen. Es ist ein Grab, dem man nicht entrinnen kann. Es ist doch schon besser, wenn man ruhig Hegt und nicht schreit Still und verschämt kommt ein alter Jude herein. Er ist Schuhmacher. Mit neun Jahren hat ihn der Vater schon in die Lehre gegeben. Anfangs hat er die Schuhe der Reichen und dann später die der Bettler repariert Er klagt nicht. Er dankt Gott daß er bis jetzt Arbeit hatte, aber er ist alt und kann nicht mehr arbeiten. Er will sich auf dem Markt mit ein Paar alten Stiefeln und Gummischuhen zum Verkauf hinsetzen. Der alte Mann: ist taub und meint daß auch wir taub sind. Er schreit aus Leibeskräften, daß er schon 55 Jahre gearbeitet hat und, jetzt sich ausruhen möchte. Wenn man ihm 25 Zloty geliehen hätte, könnte er ein „Geschäft" mit alten Schuhen und Gummischuhen gründen. Er versteht sich sehr gut auf Leder und noch besser auf fertige Schuhe. Er wird das Darlehen bestimmt zurückzahlen, denn warum soll er nicht wie so viele Juden, die davon leben, bei diesem Geschäft verdienen. Ich war vier Stunden im Büro des Vereins. Fortwährend kamen Juden und Jüdinnen. Einer verlangte ein paar Zloty, um die Steuer zu bezahlen, der zweite,, um ein Patent anzumelden, der dritte, um sich von der, cU-r Pfändung zu befreien, der vierte will ganz früh bei cen Bauern Kartoffeln einkaufen und sie in der Stadt in einem kleinen Wagen an die Käufer bringen, und die fünfte, eine Witwe, will ein Darlehen haben, um: ein Geschäft zu eröffnen usw. Scharenweise kamen sie und nur die wenigsten konnten befriedigt heimziehen. Jakob L e s t s c h i n s k y.

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