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Die Wahrheit · 1933-02-17 · Heft 7 (17.2.1933) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 7 (17.2.1933)
Date
1933-02-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT AAAJ Union österreichischer Juden Achtung! Mitglieder des Parteirates I Die erste diesjährige Tagung des Parteirates findet am 18. d. M. statt Ort: Cafg.Restaurant Tonello, II., Lilienbrunngasse 2 Beginn: präzise 8 Uhr abends Referate: Univ.-Dozent Dr. Hugo Stern: Bedeutung des Parteirates Klub-Obmann Dr. Josef Ticho: Programmatisches Eduard Widrlch: Organisatorisches Einlaß nur gegen die an die Mitglieder des Parteirates ergangenen Einladungen. TT\ legt Lietzmann mit dem Hinweis auf den französischen Juristen Jean Juster in dem Buch über die Juden im Römerreich: aus sechs positiven Zeugnissen geht hervor, daß zur Zeit des Pilatus das Synhedrion das volle Recht besaß, jüdische Religionsverbrecher und Gotteslästerer mit dem Tode zu bestrafen und steinigen zu lassen. Ist Jesus nicht nach jüdischem Recht gesteinigt worden, so hat ihn auch nicht das jüdische Gericht wegen Gotteslästerung verurteilt und der Bericht des Markus (14, 55 bis 65) ist unhistorisch. Die Nachtsitzung des Synhedrions erscheint als Fremdkörper in dem großen Petrus-Bericht: nach diesem als dem zuverlässigen Zeugen ist vor der jüdischen Behörde überhaupt nicht über Jesus Gericht gehalten worden, sondern man hat ihn ohne weiteres dem Prokurator übergeben. Pilatus hat Jesus zum Tode verurteilt und mit der gewöhnlichen Todesart für Landfriedensbrecher (für ihn war Jesus ein nationalistischer Bandenführer) kreuzigen lassen. Lietzmanns These hat fiberall in der Welt Aufsehen erregt und wurde in der internationalen Presse ein. gehend behandelt. In den kirchenhistorischen Kreisen Deutschlands und des Auslandes fanden Lietzmanns Ausführungen Anklang. Aus alter Iltfr Einstein kehrt nach Deutschland zurück. Professor Albert Einstein, der vor einigen Monaten aus Deutschland nach seiner Arbeitsstätte in Pasadena in Kalifornien gereist war, hat sich nun entschlossen, in Bälde die Rückreise nach Deutschland anzutreten. Als Professor Einstein nach Amerika fuhr, brachte der „Völkische * Beobachter" einen Angriff auf den Gelehrten, der in dem Wunsch ausklang, Einstein möge gar nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Manche Kreise in den Vereinigten Staaten glaubten, daß Professor Einstein nun, da H i t- 1 e r an der Spitze der deutschen Regierung steht, es vorziehen wird, in Amerika zu verbleiben. Professor Einstein aber äußerte sich Pressevertretern gegenüber in bestimmtester Form, er bleibe Deutschland treu und wolle auf die Fortsetzung seiner Arbeit in Deutschland nicht verzichten. Gemäß den dem Institut in Princeton gegenüber übernommenen Verpflichtungen werde er sich alljährlich rund fünf Monate in Princeton aufhalten, die übrige Zeit aber seine Arbeit in Deutschland tun und seinen dortigen Verpflichtungen nachkommen. (Es ist bekannt, daß Einstein im Hinblick auf seine neuen Pflichten in Amerika und die mit ihnen verbundene Einschränkung seiner Tätigkeit in Deutschland auf sein Gehalt als Professor der Berliner Universität freiwillig verzichtet hat Das preußische Kultusministerium hat im Einverständnis mit dem Universitätssenat beschlossen, das Einstein-Gehalt in ein Stipendium für Forschungsarbeit umzuwandeln, über dessen Verwendung Einstein selbst zu bestimmen haben wird.) Säbbatheiligung — eine Spekulation! Ein Fall, der in weiten Kreisen des rumänischen Judentums als geradezu groteske Absonderlichkeit bezeichnet wird, beschäftigt die öffentliche Meinung: Ein jüdischer Kaufmann, der sein Geschäft aus religiösen Gründen an Sabbat- und jüdischen Festtagen geschlossen hält, steht deshalb unter Anklage wegen Preis- und Warenspekulation! In Berescht (Kreis Covorlui) erschien an einem Sabbattage ein Hilfsrichter des Landgerichts beim jüdischen Schuhhändler Lupu Fain und nahm mit diesem ein Protokoll wegen Verkaufsverweigerung auf, obwohl es der Bevölkerung des Städtchens allgemein bekannt ist, daß Fain seit Bestehen seiner vor mehreren Jahren gegründeten Firma als streng religiöser Jude niemals an Sabbat¬ oder jüdischen Feiertagen etwas verkauft hat Gegen den Kaufmann wurde die Anklage auf Grund eines Gesetzes gegen Waren- und Preisspekulation erhoben, das Gefängnis von 3 bis 9 Monaten sowie Geldbußen von 5000 bis .30.000 Lei für diejenigen vorsieht, die durch Vernichtung von Waren oder durch Verweigerung GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM. KORNMEHl uaaaBMMMHraaaanMHMaMBMnaM^BMi^HHi WIEN IX., BEROGASSE NR. 19 FILIALE! XVIII., WAHRINQERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17*99 and A 164-34 Lieferant fflr Heilanstalt*» AbtellungenffirKoscherfleisch ■ntsr Aufsieht des ehrw« Rabblnatss dar Isf. Kultusgsmeinds Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen ihres Verkaufes eine spekulative Preissteigerung erreichen wollen. Man sieht dem Ausgang des gegen Fain eingeleiteten Prozeßverfahrens mit Spannung entgegen. Kein Schächtverbot in Ungarn. Das neue ungarische Tierschutzgesetz sieht einen Betäubungszwang für Schlachttiere vor. Auf Intervention der Führer der beiden israelitischen Landeskanzleien und des jüdischen Abgeordneten Dr. Geza Desi beim Ackerbauminister wurde eine ergänzende Verordnung erlassen, der gemäß das S c h ä c Ilten nach jüdisch emRitus dem Betäubungszwang nicht unterliegt. -;-35fg! Die litauischen Juden werden wirtschaftlich depossediert. Die in Kowno erscheinende jiddische Tageszeitung „Ydische Stime" erhebt scharfe Anklagen gegen gewisse staatliche und gesellschaftliche Kreise, die sich fortgesetzt und mit Erfolg bemühen, die Juden in Litauen aus ihren wirtschaftlichen Positionen hinauszustoßen. Die Zeitung fordert die Judenheit Litauens zu einem Zusammenschluß zwecks wirtschaftlichen und politischen Selbstschutzes auf. Obwohl die jüdische Bevölkerung Litauens unter der herrschenden Wirtschaftskrise nicht weniger zu leiden hat als die nichtjüdische, geht man zum Angriff auf die jüdische Position über, wälzt immer schwerere Steuerlasten auf die jüdischen Berufe und duldet eine stets wachsende Pressehetze gegen die Juden. Ohne viel äußeres Aufsehen, aber um so hartnäckiger werden die Juden aus der Wirtschaft und aus den intellektuellen Berufen hinausgedrängt. „Ydische Stime" fordert die Judenheit Litauens auf, sich unter der Führung ihrer Intellektuellen zusammenzuschließen, um gegen die wirtschaftliche Benachteiligung anzukämpfen und die zugrunde gehenden jüdischen Handwerker, Kaufleute und Ladenbesitzer zu schützen. Vernichtender Schlag für die Warschauer Jüdischen Institutionen. Der Warschauer Stadtrat hat vor kurzem den Magistrat beauftragt, mit Rücksicht auf die Finanzkrise der Stadtverwaltung die Subventionen für Schulwesen und soziale Fürsorge um 40 Prozent herabzusetzen. Der Magistrat interpretierte diesen Beschluß in einer Weise, daß er die Subventionen für eine große Zahl rein polnischer Anstalten ungekürzt ließ, dagegen aber die für andere Anstalten entweder ganz gestrichen oder zu einem Bruchteil der früheren Summe reduziert hat. Dabei kamen die j ü d ischen Institutionen weitaus am schlechtesten weg. Die Zuschüsse für die jiddischen und hebräischen Schulen wurden um mehr als 60 Prozent herabgesetzt. In der gleichen Weise wurden auch die Zuschüsse für die jüdisch-orthodoxen Schulen und die jüdischen Waisenanstalten gekürzt. Die Zuschüsse für das Medem-Sanatorium, die medizinischen Beratungsstellen für jüdische Kinder, die Kindermilchversorgungsanstalten, die Anstalten für Frauenschutz, das jüdische Zentralhilfskomitee, die jüdische Kunstgesellschaft, die jüdische Theatergesellschaft und viele andere jüdische Institutionen wurden ganz und gar gestrichen, der Zuschuß für TOZ wurde von 10.000 Zloty auf 1000 Zloty herabgesetzt Insbesondere sind die schwer um ihre Existenz ringenden jüdischen Schulen durch das Vorgehen des Magistrats in eine außerordentlich kritische Lage geraten. Lehrer mit höherer Fachausbildung erhalten an diesen Schulen einen Monatslohn von 60 bis 70 Zloty, aber auch diese Gehälter können nicht mehr ausgezahlt werden- Auch schon das vorjährige Warschauer Stadtbudget hat die jüdischen Institutionen im Vergleich zu den nichtjüdischen stark benachteiligt. Aus mehreren polnischen Städten wird gemeldet, daß die Stadtverwaltungen neuerdings die Zuschüsse für jüdische erzieherische und sozialfürsorgerische Institutionen in einer Weise reduziert und teilweise auch gestrichen haben, daß der Bestand der Institutionen in Frage gestellt ist. Rom, Der diesjährige Preis für das beste italienische literarische Werk, die sogenannte „Premio Fracchia", wurde dem jungen italienisch-jüdischen Schriftsteller Arturo Loria verliehen. Von Arturo Loria wurden bisher drei Bände Novellen veröffentlicht, durch die er den Ruf eines der begabtesten italienischen Erzähler erlangte. Die offiziöse römische Zeitung „La T r ibuna" widmet der Tatsache der Preisverleihung an Loria einen Leitartikel, in dem Loria als ein originelles und vielversprechendes Talent des italienischen Schriftrums gewertet wird. JVaftenUreuz am Werk Die rumänische Regierung will ungestörtes Studium sichern. , Im Zusammenhang mit der Verkündung des Belagerungszustandes in Bukarest, Jassy, Galatz, Czernowitz und einigen anderen Städten und Industriegebieten hat die Regierung eine Proklamation erlassen, in der sie auf die Gefahren hinweist, die einerseits durch geheime kommunistische Organisationen, anderseits infolge der den Umsturz begünstigenden Gewaltakte „von anderer Seite" (die Proklamation vermeidet es, offen von den Exzessen der Cuzisten und Eisengardisten zu sprechen) dem Lande drohen. Vom jüdischen Standpunkt interessiert besonders der der Studentenschaft, von der die antisemitischen Exzesse in der Regel ausgehen, gewidmete Abschnitt. Dort heißt es u. a.: „Niemand kann es den Studenten, insbesondere sofern sie großjährig sind, verwehren, Politik zu machen. Aber die U n i v e rsitäten sind reine Tempel des Studiums, nicht Herde politischer Unruhen. Die Regierung ist entschlossen, an den Universitäten und Hochschulen allen denjenigen, die sich ernsthaft den Studien widmen wollen, die Möglichkeit zu sichern, über die zur Vermittlung von Wissen erforderliche Ruhe verfügen zu können." Auslandspropaganda. Lettländische Nationalsozialisten, die das Programm Adolf Hitlers akzeptieren, es aber in gleicher Weise gegen Juden wie Deutsche angewendet wissen wollen, stürmten in Riga den „Bialik-Klub", ein Kulturzentrum der lettländischen Hebraisten, mißhandelten die anwesenden Klubmitglieder, von denen mehrere verwundet wurden, und zertrümmerten die Inneneinrichtung, darunter Bilder von Theodor Herzl und Chaim N. Bialik. Die Polizei verhaftete die Eindringlinge. Drei von ihnen hatten sich vor dem Schnellgericht zu verantworten. Einer der Angreifer wurde zu einem Monat, die zwei anderen zu je 14 Tagen Gefängnis verurteilt. Der Führer der lettländischen Nationalsozialisten Stellmacher und mehrere prominente Nationalsozialisten wurden von der Polizei in Haft genommen, eine umfangreiche Korrespondenz sowie Propagandaschriften wurden in ihren Häusern beschlagnahmt. Gegen die Verhafteten wird die Beschuldigung erhoben, daß sie eine gegen die Landesverfassung und die staatliche Ordnung gerichtete Tätigkeit entfalten. A Während der letzten Kundgebungen der D a nziger Nationalsozialisten wurden mehrere jüdische Passanten von Demonstranten niedergeschlagen; einige Passanten wurden verletzt, unter ihnen ein Arzt, der palästinensischer Staatsbürger ist. Der englische Konsul in Danzig hat bei der Danziger Regierung wegen Mißhandlung des Bürgers eines englischen Mandatsterritoriums Beschwerde erhoben. Anschlag auf die Synagoge in Krefeld. In der Nacht vom 5. zum 6. Februar wurden von unbekannten Tätern drei Fensterscheiben der Krefelder Synagoge durch Steinwürfe zertrümmert. Die zertrümmerten Fensterscheben stellen künstlerisch wertvolle Glasmalereien dar, die nach Entwürfen von Professor Thorn-Prikker hergestellt sind. Es soll ein Schade von etwa 6000 Mark entstanden sein. Nach den polizeilichen Ermittlungen scheint es sich um einen vorbereiteten Anschlag gehandelt zu haben, weil die Täter als Wurfgegenstände Kleinpflaster benutzten, das^ich in der näheren und weiteren Umgebung der Synagoge nicht befindet und deshalb von den Tätern zu ihrem Vorhaben mitgefühlt worden sein muß.. . : i

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