Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 6 (10.2.1933)
- Date
- 1933-02-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064350-3064356--19179-3084288- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Fall Cohn erledigt. Der Fall des Professors Ernst Cohn hat am 1. Februar eine neue Zuspitzung erfahren. Nachdem der Rektor der Breslauer Universität den Wünschen der nationalsozialistischen Studenten auf Zurückziehung der Kriminal- und Kontrollbeamten aus der Universität Folge geleistet hat, ist es am vergangenen Mittwoch von neuem zu Kundgebungen und Tumultszenen gegen Professor Ernst Cohn gekommen. Nunmehr hat Rektor Brocke Iniann an Professor Cohn ein Schreiben gerichtet, in dem er ihm mitteilt, daß er den Schutz seiner Vorlesungen und die Sicherheit von Leib und Leben seiner Hörer nicht mehr gewährleisten könne. Er würde es deshalb für richtig halten, wenn Professor Cohn seine Vorlesungen für die nächsten Tage aussetzen wollte. Rektor Brockelmann zog selbst die Schutzmaßnahmen zurück, die ihm nach den Weihnachstferien der Kommissär für das preußische Kultusministerium Prof. Kaehler empfohlen hatte und erklärte, daß Professor Cohn nunmehr die Verantwortung für etwaige Zwischenfälle tragen werde. Die nationalsozialistischen Studenten drohten, sie würden nunmehr jeden Studenten, der es wagen sollte, bei Cohn zu hören, aus dem Fenster werfen. Professor Cohn hat sich beschwerdeführend an das Ministerium in Berlin gewandt und am Schwarzen Brett der Universität bekanntgegeben, daß er sich entschlossen hat, bis zur Entscheidung des Ministeriums keine Vorl esungen abzuhalten. Diese Entscheidung des Hitier-Ministeriums kann wohl nicht zweifelhaft sein, die Akten über den traurigen Fall Cohn dürften nun endgültig geschlossen werden. Das Gericht wird sprechen. In lebhafter Erinnerung ist noch das wüste Treiben, dessen sich jüdischnationale Jugendliche in den Wählerversamm- 1 uiigen der „Union" befleißigten!. Wiederholt kam es zu an Hakenkreuzler-Manieren gemahnende Störungsversuche, die nicht selten die amtierenden polizeilichen Organe zu energischem Einschreiten veranlaßten. Verwunderlich ist nur, daß die gleichen Elemente, die es mit der Ehrverletzung der anderen gar nicht so genau nehmen, sich in ihrer eigenen Ehre sofort als gekränkt bezeichnen, wenn man ihr skandalöses Vorgeheini entsprechend kennzeichnet. Da laufen sie gleich zum Kadi. So tat es auch Herr Grubner, der sich in seiner Ehre beleidigt fühlt, weil Reg.-Rat Dr. Max L e n k ihn gelegentlich des Versuches jüdischnationaler Jugendlicher, in eine Vertrauensmänner- Versammlung der „Union" im Cafe Colonnaden einzudringen, als einen der „Anführer jüdischnationaler Radaubanden" bezeichnete. Die Tagfahrt vor dem Magistratischen Einigungsamte fiel infoige Ausbleibens des Klägers aus, so daß sich am 3. d. das Bezirksgericht Leopoldstadt mit dieser hochwichtigen jüdischen Streitfrage befassen mußte. Ueber Befragen des Richters erklärte sich Dr. Lenk sofort bereit, eine entsprechende Ehrenerklärung abzugeben. Der Vertreter des Klägers forderte nebst der Ehrenerklärung die Bezahlung der Kosten, was den Richter zu der Bemerkung veranlaßte, daß letzteres wohl das Wichtigere sei, wogegen allerdings der Klagevertreter pikiert remonstrierte. Es kam aber nicht zur Ehrenerklärung, weil der Vertreter des Herrn Grubner trotz energischer Zurechtweisung seitens des Richters sich nicht enthalten konnte, politische Zwischenbemerkungen zu machen!, auf die einzugehen, Dr. Lenk ablehnte. Der Angeklagte gab freimütig zu, die angeblich beleidigende Aeußerung gemacht zu haben, und bot den Wahrheitsbeweis für seine kritische Bemerkung an. Der Richter beschloß, den Wahrheitsbeweis zuzulassen und vertagte die Verhandlung. Falls es nicht doch noch zu einer außergerichtlichen Austragung der Angelegenheit kommt wird man Gelegenheit haben, durchaus nicht Erbauliches über die Kampfmethoden der heranwachsenden jüdischnationalen Jugend vor Gericht zu hören. WiinCalMw.jieWMfl üfaßenfzreus am Wert* Wahrer Nationalismus kennt keine Intoleranz. Die amerikanische Presse berichtet ausführlich über ein Gespräch, das der (gegenwärtig in Europa weilende) Rabbi Abba Hillel Silver aus Cleveland vor kurzem im Palazzo Venezia zu Rom mit M u s s o 1 i n i gehabt hat. Unter anderem kam Mussolini auch auf den Antisemitismus, seine Ursachen und seine Möglichkeiten zu sprechen. I n Italien, sagte Mussolini, gibt es keinen Antisemitismus, hier herrscht religiöse Toleranz, Juden bekleiden im Staate hohe Posten. Die jüdischen Bürger Italiens besitzen volle bürgerliche Gleichberechtigung. Wir erziehen unsere Jugend streng national und religiös und ertüchtigen sie physisch, gleichzeitig aber lehren wir sie auch Toleranz üben. Das Anwachsen des Antisemitismus in mehreren Ländern der Welt, schloß Mussolini, ist auf die anormal gesteigerte wirtschaftliche Not zurückzuführen. Kehren einmal wirtschaftlich normale Zeiten wieder, so wird die antisemitische Welle — auch in Deutschland — zurückfluten. Ein anderer Kirchenhirt. Im Anschluß an eine Feier der antisemitischen „Eisernen Garde" auf dem Bukarester Grabe des „Unbekannten Soldaten" hielt Patriarch Dr. Miron Cristea, das Oberhaupt der orthodoxen Kirche Rumäniens, in der Metropolitan- Kirchen vor tausenden Studenten und „Eisengardisten" eine Ansprache, die mit den Worten schloß: „Indem ich euch meinen Segen erteile, bitte ich Gott, er möge euch beistehen und euch die seelische Kraft verleihen, auch in Zukunft den christlichen und rumänischen Charakter dieses Landes zu wahren, ohne die Angehörigen anderen Volkstums und anderen Glaubens zu verletzen, die Gott verpflanzt hat auf dieselbe heilige Erde des gemeinsamen Vaterlandes, mit dem wir sie physisch und seelisch verknüpfen wollen, auf daß auch sie ein glückliches Dasein finden im Heim unserer rumänischen Massen." Hitlers Jüdischer Bekanntenkreis wächst. Die Versöhnung Hitlers mit Papen, den er noch vor nicht allzulanger Zeit als Judensöldling öffentlich beschimpfte, fand in der Wohnung eines rheinischen, nicht reinarischen Bankiers statt. Knapp vor seinem Regierungsantritt besuchte, nach einer Meldung des Berliner nationalsozialistischen „Angriffs", Adolf Hitler den Vorsitzenden der itaUenischen Handelskammer in Berlin, Renze tti; er überreichte der Dame des Hauses einen großen Strauß roter Rosen und begrüßte sie, wie der tüchtige Reporter des „Angriffs" recherchierte, mit einem Handkuß. Zu dieser Meldung wäre nichts weiter zu bemerken, als daß Frau Suse Renzetti eine waschechte Jüdin ist Sie ist die Tochter des Justizrates Artur Koch mann aus Gleiwitz, Oberschlesien, des langjährigen V o rsitzenden der Gleiwitzer Kultusgemeinde. Ihre Mutter ist die Tochter des 0 ber r abbi'oiers Dr. Kohn aus Kattowitz. Ihren Gattten hat Frau Renzetti in der oberschlesischen Besatzungszeit während der Abstimmung kennengelernt Der damalige Major Renzetti gehörte dem italienischen Kontingent der interaMiierten Besatzung in Oberschlesien an und hatte als OberkontroMor seinen Standort in Gleiwitz. Frau Renzetti, die ihre jüdische Abstammung nicht verleugnet, spielt in der Berliner Gesellschaft eine große Rolle. Da Hitler im Renzettischeni Hause des öfteren verkehrt, dürfte ihm die Abstammung der Dame des Hauses kaum unbekannt sein. Gegen Deutsche und Juden. Einer Belgrader Zeitung gewährten die nach Jugoslawien geflüchteten Brünner Faszistenführer Kobzinek und Gaida ein Interview. Die Faszistenführer erklärten u. a., sie hatten einen „Marsch nach Prag" organisieren wollen, um das parlamentarische Regime zu beseitigen und den gefährlichen Einfluß der Juden und Deutschen zu brechen. Es gibt kein militärisches Geheimnis der tschechoslowakischen Armee, das nicht durch Spionage in Deutschland bekannt sei. Dieser jüdisch-deutschen Wühlarbeit werde der tschechische Faszismus schließlich Herr werden. Die völlige Identifizierung von Deutschen und Juden ist gerade im gegenwärtigen Augenblick recht bezeichnend. Jhts alte* Weit Henri Sliosberg 70 Jahre alt Die große Pariser russisch-jüdische Kolonie feierte am 31. Jänner den 70. Geburtstag Henri Sliosbergs. der im jüdischen Leben Rußlands eine £roße Rolle gespielt hat. Henri Sliosberg wurde 1S63 als Sohn eines Hebräisch-Lehrers in Poltawa geboren, studierte in Petersburg, an französischen und deutschen Universitäten Rechtswissenschaft und ließ sich in Petersburg als Advokat nieder. Jahrzehntelang kämpfte er gegen die Willkür der Verwaltungsorgane, die durch böswillige Interpretation der Gesetze die jüdische Bevölkerung unterdrückten. Bei der Untersuchung in der Ritualmordaffäre in W i 1 n a 1900 spielte er eine führende Rolle und setzte die Freisprechung des Angeklagten Blondes durch. Nach den Pogromen in Kischinew 1902 und Hornel 1903 organisierte er die Anklageerhebung gegen die. Pogrom schuldigen, auch an der Verteidigung im Kiewer Ritualmordprozeß B e i 1 i s nahm er hervorragenden Anteil. 1893 begründete er zusammen mit Baron de Günzburg und mit Unterstützung des Hilfsvereins der Deutschen Juden, französischer, englischer und amerikanischer jüdischer Institutionen em zentrales Hilfskomitee für die Pogromopfer. Er war Präsident der Jüdischen Gemeinde Petersburg, einer der Führer von ORT und anderen jüdischen Aufbauinstitutionen. Zu Beginn des Krieges gab er die Initiative zur Bildung des zentralen Hilfskomitees für die jüdischen Kriegsopfer „Jekopo", das 76 Millionen Rubel zur Versorgung der jüdischen Kriegsflüchtlinge ausgegeben hat. Seit 1920 lebt Sliosberg in Paris und ist Ehrenpräsident des von ihm gegründeten Hilfskomitees für die russischen Juden und verschiedener Kulturorganisationen. In den letzten Tagen erschienen in Paris, von Wladimir Jabotinsky eingeleitet, die zwei ersten Bände der Memoiren von Sliosberg. Ein dritter Band ist in Vorbereitung. Das Attentat auf Esriel Carlebach. Wie der J.T. A. mitgeteilt wird, haben sich Verlag und Redaktion des „Israelitischen Familenblattes" entschlossen, einen Preis von 2000 Mark für Ermittlung der Urheber des Anschlages auf ihren Mitredakteur Esriel Carlebach in Hamburg auszusetzen. Beinahe ein Monat ist seit dem Anschlag vergangen, der Ueberfallene konnte inzwischen soweit wiederhergestellt werden, daß er demnächst seine Tätigkeit teilweise wieder aufnehmen wird. Diese wesentliche Besserung in Carlebachs Befinden hilft auch die polizeiliche Suche nach dem Attentäter erleichtern. Der Ueberfallene konnte zu ausführlichen Vernehmungen herangezogen werden, es ließ sich ermitteln, daß kommunistischerseits Attacken gegen ihn auch schon vor Erscheinen seiner Rußland-Artikel, aus Anlaß von öffentlichem! Vorträgen, geplant wurden, und die Untersuchung verschiedener Drohbriefe, sowie eines großzügig organisierten Verleumdungsfeldzuges ergab wichtige Anhaltspunkte dafür, wo der Täter zu suchen ist. Das Gedenkbuch der deutschen jüdischen Gefallenen. Die zweite Auflage des vom Deutschen Reichsbund jüdischer Frontsoldaten herrausgegebenen Gedenkbuches der jüdischen Gefallenen des Deutschen Heeres 1914—1918 ist nunmehr erschienen. Die erste Auflage war bereits unmittelbar nach ihrem Erscheinen vergriffen und auch von der neuen Auflage sind einige tausend Exemplare vorbestellt. Immer noch laufen bei der Bundesleitung und den Ortsgruppen des R. j. F. Schreiben von Einzelpersönlichkeiten, Instituten und Organisationen ein, in denen die Bedeutung des Gedenkbuches anerkannt wird. Der Direktor des Städtischen Gymnasiums und Realgymnasiums in Köln hat der Kölner Ortsgruppe des R. j. F. zur Kenntnis gebracht, daß die Namen dreier jüdischer Schüler seiner Anstalt, die an der Front gefallen sind, in dem Buch nicht aufgeführt worden sind. Eine solche Mithilfe aus nichtjüdischen Kreisen erscheint den Herausgebern als die beste Anerkennung der durch die Schaffung des Gedenkbuches geleisteten Arbeit. Gemeinde ~ tfkronik Ein neuer Vorsitzender des Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bundes. In der am 31. v. M. stattgefundenen Vorstandssitzung des Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bundes ist Direktor Heinrich Stahl, Mitglied des Vorstandes und Leiter des Wohlfahrtswesens der jüdischen Gemeinde Berlin, als Nachfolger des Herrn Professor Moritz Sobernhieim zum Ersten Vorsitzenden des Bundes gewählt worden. In der Wahl Direktor Heinrich Stahls zum Vorsitzenden des D. I. G. B. sieht man u. a. auch eine Gewähr dafür, daß dieser seine Tätigkeit auf dem Gebiete der jüdischen Wohlfahrtsarbeit fortsetzen wird. Direktor Heinrich Stahl ist der siebente Präsident des Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bundes, der am 14. April 1872 sich konstituiert hat Die erste Anregung zum Zusammenschluß der durch die Gesetzgebung zersplitterten jüdischen Gemeinden Deutschlands zu gemeinsamer Förderung des Verwaltungs-, Erziehungs- und Wohltätigkeitswesens ging von Emil Lehmann aus; der Gründungsbeschluß wurde am 29. Juni 1869 gefaßt Der erste Präsident war Moritz Kohn er in Leipzig» seine hervorragendsten Mitarbeiter waren Moritz Lazarus, Emil Lehmann, Livius Fürst u. a. m. Der