Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 6 (10.2.1933)
- Date
- 1933-02-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064350-3064356--19178-3084287- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WAHRHEIT Seite 5 Festigkeit und Ruhe. Pressekonferenz beim Central-Verein. Auf Wunsch jüdischer Pressevertreter hat der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens jüdische Journalisten zu sich geladen, um mit ihnen die Lage nach der Bildung der neuen Reichsregierung unter Adolf Hitlers Reichskanzlerschaft zu besprechen. Die Beratung leitete der Direktor des C. V. Dr. Ludwig Holländer, seitens des C. V. wohnten ihr noch bei der Vizepräsident des C. V. Dr. Ludwig T i e t z und die stellvertretenden Syndici Dr. Alfred Hirschberg und Dr. Hans Reich mann. Zunächst kam zur Sprache, daß, während man in organisatorisch zusammengefaßten deutsch-jüdischen Kreisen der Entwicklung zwar mit wenig Optimismus, aber mit ruhiger Gefaßtheit entgegenblickt, in isoliert lebenden jüdischen Kreisen und in Kreisen der Auslandsjuden eine tiefe Entmutigung und Besorgnis Platz greift. In einem noch weit größerem Maße ist man im Auslande — und zwar nicht allein innerhalb der jüdischen Gemeinschaften — über das Schicksal der in Deutschland lebenden Juden besorgt. In der Aussprache kam zum Ausdruck, daß zu solchen Besorgnissen jetzt kein unmittelbarer Anlaß vorliege. Drei ausgesprochenen Judenfeinden in der Reichsregierung stehen sieben Nichtantisemiten entgegen, und zwar sind diese in der großen Mehrzahl Männer, bei denen es einen Bruch mit ihrer ganzen Vergangenheit bedeuten würde, wenn sie den Nationalsozialisten Konzessionen in der Richtung der Verfolgung oder Benachteiligung der jüdischen Bürger machen würden. Aber auch von den nationalsozialistischen Ministern selbst ist anzunehmen, daß ihnen als für die Führung des Reiches mit Verantwortlichen es nicht gleichgültig sein kann, was das nichtnationalsozialistische Deutschland und insbesondere, was das gesamte Ausland über ihre Regierungsmethode denkt. Von der Seite der hohen Politik und der Gesetzgebung drohen also keine unmittelbaren Gefahren, von der administrativen Seite aber weiß man nicht wessen man sich noch zu versehen hätte; insbesondere wenn man bedenkt, daß ein Mann von so ausgesprochen judenfeindlicher Gesinnung wie Herr Goering jetzt die Kontrolle über die innere Verwaltung Preußens und die Polizei in die Hände bekommen hat. Zwar gibt es fast keine jüdischen Beamten mehr, die man aus ihren Aemtern entfernen könnte, da dies schon die bisherige kommissarische preußische Verwaltung hinreichend besorgt hat, aber es gibt noch ein weites Feld für Schikanen aller Art. Anzunehmen ist, daß bei vielen maßgebenden Nationalsozialisten der Wunsch, der nach Taten hungrigen Anhängerschaft eine willkommene Beute hinzuwerfen, verdrängt wird von dem Willen, dem nicht nationalsozialistischen Deutschland und der Welt das Bild einer geordneten Verwaltung zu bieten. Es bleibt abzuwarten, ob diese oder eine andere Richtung im Nationalsozialismus die Oberhand gewinnen wird. Die nächste jüdische Aufgabe ist es jetzt, die einzelnen Verängstigten und Schwankenden zu festigen und sie mit Zuversicht zu erfüllen. Zu diesem Zwecke gedenkt der C. V., mit den isolierten Gruppen aller Richtungen in Berlin und anderswo in Berührung zu kommen und ihnen nötigenfalls beizustehen. Wiener jüdische Bevölkerungsbewegung im Jahre 1932. Im Einlaufe der Kultusvorstandssitzung vom 6. d. M. befand sich ein hochinteressanter Bericht des Matrikelamtes über die Wiener jüdische Bevölkerungsbewegung im Jahre 1932, den wir im folgenden veröffentlichen. (Die Vergleichsziffern des Jahres 1931 sind in Klammern beigefügt.) Im Jahre 1932 hat die Zahl der Geburten 976 (1064?, die Zahl der Eintritte in das Judentum, bzw. Rücktritte 290 (296) betragen. Aus dem Judentum sind 805 (749) Personen ausgetreten. An Sterbefällen haben sich 2641 (273ä) ereignet, so daß per Saldo ein natürlicher Abgang von 2180 (2124) resultiert. Von den 2641 Todesfällen entfallen 1390 (1344) auf männliche und 1251 (1276) auf weibliche Personen, hierunter waren 30 Totgeburten. Als Todesursachen erscheinen in 574 (545) Fällen Erkrankungen des Herzens; in 396 (483) Fällen Erkrankungen des Blutes und seiner Bahnen; in 405 (385) Fällen krebsartige Erkrankungen; in 330 (349) Fällen Erkrankungen der Atmungsorgane; Tuberkulose ist in 133 (164) Fällen die Todesursache; im Jahre 1932 haben 137 (1140 Personen, davon 71 (60) männliche und 66 (54) weibliche Personen durch Selbstmord geendet. Dem Alter nach sind die meisten Todesfälle, und zwar 661 (583) zwischen dem 70. und 80. Lebensjahre, 375 (432) zwischen dem 65. und 70., 307 (351) zwischen dem 60. und 65. Lebensjahre zu verzeichnen; von 265 (266) im Alter von über 80 Jahren Verstorbenen waren 111 (105) männlichen und 154 (161) weiblichen Geschlechtes, zwischen dem 90. und 100. Jahre verstarben 16 Personen. Unter den 976 (1064) Geburten des Jahres 1932 hat die Zahl der männlichen 510 (544) und die der weiblichen 466 (520) betragen. Von den 976 (1064) Geburten entfielen 922 (1024) auf Ortsansässige und 54 (40) auf Ortsfremde, 914 (1010) auf Entbindungen in Anstalten und 62 (54) auf solche in der Wohnung. Gegenüber den 1065 (1144) im Jahre 1932 im Wirkungsbereiche der Kultusgemeinde Wien vorgenommenen Trauungen verzeichnet die Statistik 314 (320) in diesem Jahre vor dem Rabbinate vollzogene rituelle Ehetrennungen. Von diesen sind 188 (85) im ersten bis zehnten Jahre der Ehe erfolgt; 4 (3) nach mehr als dreißigjähriger Ehe. Ischias, Rheuma, Gkht Utägige Ischias - Schnellkuren (Italienische Methode) Fango-, Schlammpackungen, Moor-, Schwefel-, Sool-, Fichten-, Koblensäurebäde», Diathermie Helfiluft, Höhensonne Paraffin-Entfettungskuren und alle sonstigen modernen physikalischen Heilmethoden täglich von 8-6 Uhr HcUanstaU „Thermla" I., Franz Josefskai 1 — Telephon R 29-1-37 Leiter: Dr. Wolf Somer Von den 805 (749) im Jahre 1932 aus dem Judentum Ausgetretenen waren 400 (362) männlichen und 405 (387) weiblichen Geschlechtes, 441 (467) waren ledigen Standes. Die Höchstzahl der Austritte verzeichnet die Altersgruppe zwischen dem 30. und 40. Lebensjahre mit 213 (191). Unter den 290 (296) im Jahre 1932 i n s Judentum eingetretenen! Personen haben 139 (143D bereits früher dem Judentume angehört; von den Eingetretenen, bzw. Rückgetretenen waren 96 (99) männlichen und 194 (192) weiblichen Geschlechtes. Auf Grund des natürlichen Abganges seit der im Jahre 1932 erfolgten Volkszählung läßt sich die jüdische Bevölkerung Wiens ohne Berücksichtigung der Zu- und Abwanderung mit zirka 186.000 Seelen errechnen.!■■■■■•■■■■■•■»*■*' •■•■•■■■•■■•■»■■■•■■■■■■■■■■■•»■■■■•'••■•■•■■■■■■•■■■■■Hai» Eröffnung des Jüdischen Museums in Berlin. Eine wertvolle jüdische Kunstsammlung. Ende Jänner wurde im Hause Oranienburgerstraße Nr. 31. Berlin, das Jüdische Museum durch eine Feier eröffnet, an der die Vertreter der staatlichen und städtischen Museen und zahlreiche jüdische Künstler teilnahmen. Das Jüdische Museum enthält hauptsächlich eine Bildergalerie, ein Kupierstichkabinett, eine Kunstgewerbeabteilung und eine Bibliothek in einer guten Anordnung, die Dr. Karl Schwarz zu danken ist. Der Hauptteil stammt aus der Sammlung des verstorbenen Dresdener Kunstsammler Albert Wolf, die er der Jüdischen Gemeinde Berlin vermachte. In übersichtlicher Systematik, mit klugem Geschmack, ist ein kulturhistorisch-künstlerisches Dokument geschaffen, das zwar weiteren Ausbau als ersten Punkt auf sein Programm gesetzt hat, aber schon jetzt außerordentlichen Reichtum aufweist. Der Eingangsraum gibt einen feierlichen Auftakt durch drei große Gemälde: zwei U r y s. der großartige Jeremias unter dem Sternenhimmel und der ins Gelobte Land hinabblickende Moses (1928). dazu die im Geist der jüngeren Malerei mit prachtvoller Wirkung entworfene Prophetengestalt von Jakob Steinhardt. Die edle nackte Figur eines jungen David in der Mitte des Raumes von Arnold Z a d i k o w ist ein bezeichnendes Werk des Münchener Bildhauerstils. Im Korridor, der zu den vorderen Räumen führt, hängen impressionistische Studien von Pissaro, Israel und Lieberm a n n. das von Julius Jakob aquarellierte „Palais Ephraim" ist ein Kabinettstück, nicht minder Friedrich F e i g I s „Alter Friedhof in der Großen Hamburger Straße". An Helene Fischbein, die eine der begabtesten Schülerinnen Corinths war und 1919 im jugendlichen Alter gestorben ist. erinnert ein „Lesendes Mädchen" von gewinnender Lebhaftigkeit Auch Minkowski, der taubstumme Maler, ist nicht mehr unter den Lebenden. In der Porträtgalerie gruppieren sich um das UNION ÖSTERREICHISCHER JUDEN Bezirksorganisation Leopoldstadt Dienstag, den 14. d. PI., 5 Uhr abends, im Klubsaal des Cafe Fetzer, II., Praterstr. 8 nitancdervcrsammluiig Referent: Knllosforstelier Dr. LEONDAttD MAUft „Ein Monat neuer Kultusvorstand" „Was hat die Wiener Judensdialt tan der jüdlscltnatlonalen Majorität m erwarten?" sehr schöne Ludwig Börne-Bildnis von Moritz Oppenheim die bekannten Porträts der Mendelssohn, Zunz usw. Unter den Werken der lebenden Künstler hängt das jüngste Selbstbildnis Max Liebermanns (1933). Der Altmeister hat es für das Jüdische Museum gestiftet Ein brillantes Bildnis ist das des Dr. J. Kastan, das Josef Oppenheimer zum 90. Geburtstag des unvergeßlichen Journalisten gemalt hatte, und von gleicher künstlerischer Bedeutung scheinen die Bildnisse „Ludwig Hardt" von Eugen Spiro. „Jakob Wassermann" von Susanne Carvallo-Schülein und „Doktor Baeck" von Ludwig M e i d n e r. Das erschütternde Selbstbildnis des kranken Ury (1928) hat rembrandteske Züge. Nebenbei sind die Pariser Max Band. Chagall und Zygmont Menkes gut vertreten, ebenso die Berliner Maler Rudolf Levy, Budko. der Bildhauer I s e n s t e i n. In ganz andere Gebiete weisen die rückwärtigen Säle. Hier bauen sich, von Dr. Schwarz mustergültig angeordnet, die Kultgeräte auf. In Wandvitrinen mit Innenbeleuchtung die kunstreichen Silbersachen, vor allem die merkwürdigen, zierlichen „Bsomim"-Büchsen. in denen sich durch die Jahrhunderte die Erfindungslust der jüdischen oder für Juden arbeitenden christlichen Goldschmiede nicht genug tun konnte — eine höchst interessante Zusammenstellung ist die als Leihgabe überlassene Sammlung des vor zwei Jahren verstorbenen Architekten Alexander Baerwald. Dazu die massiven Festtagsleuchter, der mannigfache Thora- Schmuck. die eigentümlichen, mit größter Liebe behandelten Zeiger zum Vorlesen der heiligen Schrift, „Jad" genannt, stets in Gestalt einer Hand endend. Unter den kostbaren Vorhängen, die rings verstreut sind, ist auch der. den Friedrich Wilhelm I. 1718 der ältesten Berliner Synagoge in der Heidereuthergasse schenkte. Im Nebenraum Kultgeräte in Holz und Messing. Dazu die alten Miniaturen der Haggadahs und Megillen. Zwischendurch Versuche modernen religiösen Kunsthandwerks. Sodann der Saal der palästinischen Ausgrabungen mit seinem imponierenden Reichtum an Lampen, Gefäßen, syrischen Gläsern. Münzen, die hier nur gestreift werden können. Durch den breiten Korridor, der vielfältige Beispiele der glänzenden Sammlung des Museums ausbreitet, gelangt man schließlich in einen rekonstruierten Synagogenraum, dem die Holzarchitektur des Gotteshauses aus Schönfließ in der Mark eingebaut ist — unverkennbare Innenausstattung im Sinn des preußischen Frühklassizismus um 1790. Ein Kuriosum bleibe aufnotiert: auf einer der palästinischen Torilampen sind ganz primitiv zwei symbolische Ornamente nebeneinander eingeritzt, ein Davidszeichen und ein — Hakenkreuz in trautem Verein. Als man diese Lampe herstellte, hatte jenes Zeichen sicher eine andere Bedeutung als heute. V. T. * * * In kurzer Aufeinanderfolge wurden in letzter Zeit in Budapest und in Berlin seitens der dortigen Gemeinden jüdische Museen errichtet, bzw. umgebaut, deren Prächtigkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Mit Bedauern muß man angesichts dieser Leistungen konstatieren, daß unsere Gemeinde noch immer den unrühmlichen Zustand duldet, in dem sich unser jüdisches Museum befindet dessen Leitung in Händen eines privaten Vereines liegt. Die Rührigkeit dieses Vereines ist gewiß über jeden Zweifel erhaben, allein man sollte doch annehmen, daß auch die Wiener Kultusgemeinde gleich den anderen europäischen Großgemeinden sich ihrer Pflicht besinnt und den sprechenden Beweisen jahrtausendealter jüdischer Kultur in- und außerhalb Oesterreichs einen würdigen Raum gewährt. Wir Wiener, die wir auf den schönen Besitzstand unseres Museums stolz sein dürfen, werden uns nachgerade schämen müssen, es Fremden zu zeigen, die aus ihrer Heimat gewöhnt sind, daß man von Gemeinde wegen jüdischer Kultur den passenden Rahmen gibt. Die Red. Suche für meinen Neffen; 27jähriger Akademiker, Dr. med., aus vornehm, jüd. Haus, hochgebildet, ungemein sympaeh. Persönlichkeit, sport- und musikliebend, in vornehm, jüd. religiösen Haus gesellschaftl. Familienanschluß. Zuschriften unter „Chower Tow 1068" beförd. Rudolf Mosse A.G., Wien I., Seilerstätte 2.