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Die Wahrheit · 1933-02-10 · Heft 6 (10.2.1933) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 6 (10.2.1933)
Date
1933-02-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Union österreichischer Juden Achtung! Mitglieder des Parteirates! Die erste diesjährige Tagung des Parteirates findet am 18. d. M. statt Ort: Cafe-Restaurant ToneMo, II., Lilienbrunngasse 2 Beginn: präzise 8 Uhr abends Referate: Üniv.-Dozent Dr. Hugo Stern: Bedeutung des Parteirates Klub-Obmann Dr. Josef Ticho: Programm Eduard Widrich: Organisation Die Mitglieder des Parteirates erhalten noch spezielle Einladunsen. nehmen, selbstverständlich mit größtem Mißtrauen gegenüber, wenn uns auch bei der gegebenen Lage nichts anderes übrig bleibt, als seine Taten abzuwarten. Wir sehen als den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht den Herrn Reichspräsidenten an, zu dessen Gerechtigkeitssinn und Verfassungstreue wir Vertrauen haben. Aber auch abgesehen davon sind wir überzeugt, daß niemand es wagen wird, unsere verfassungsmäßigen Rechte anzutasten: Jeder nachteilige Versuch wird uns in entschiedener Abwehr auf dem Posten finden. Im übrigen gilt heute ganz besonders die Parole: Ruhig abwarten! ■^«■aaeaaaaaaaeaaaauaaBaw Aus dem Wiener Kultusvorstande. Montag, den 6. d. M., fand eine Plenarsitzung des Kultusvorstandes statt, deren erster Teil öffentlich war. Im Einlaufe befand sich ein Bericht des Jugendreferates über die anläßlich des Chanukafestes seitens der Schulverwaltung der Kultusgemeinde durcligeführten Veranstaltungen für die Schuljugend. Aus demselben ist zu entnehmen, daß von den Religionslehrern in den meisten öffentlichein Schulen im Rahmen der Religionsstunde und in den Gemeindebibelschulen Chanukafeiern abgehalten wurden. Außer diesen Schulfeiern haben in 17 Synagogen am Schabbos- Chanuka Festgottesdienste für die Schuljugend stattgefunden, zu welchen 6100 Schüler erschienen waren. Den Kindern wurde außer einer Chanukagabe ein belehrendes, mit einer Widmung des Kultusvorstandes versehenes Gedenkblatt übergeben. Eine Woche vor dem Chanukafeste hat in den Kommissionszimmern der Kultusgemeinde eine Ausstellung jüdischer Kinderbücher und Chanukaspiele stattgefunden, um der jüdischen Elternschaft einen Ueberblick über Bücher und Spiele dieser Art zu bieten. Die zahlreich besuchte Ausstellung hat lebhaften Anklang gefunden. Aus Kreisen jüdischerKleingewerbetreibender werden schriftlich und mündlich dem Präsidium Mitteilungen über die Auswirkungen des Boykotts gemacht, der von judenfeändlicher Seite immer wieder gegen jüdische Kleingewerbetreibende und Professionisten geschürt wird. Wiederholt ereignet es sich, daß Kunden den Laden eines jüdischen Handwerkers oder Klediigiewerlbeifreibenden betreten und nach Beantwortung der Frage, ob er Jude sei, den Laden wieder verlassen. Die jüdischen Profes; sionisten und Kleingewerbetreibenden haben an das Präsidium die dringende Bitte gerichtet, die Gemeindemitglieder auf deren große Notlage und Förderungsbedürftigkeit aufmerksam zu machen. Die von der Fürsorgezentrale im Oktober 1932 eingeleitete Sammelaktion hatte bisher ein derart geringes Ergebnis aufzuweisen, daß in den letzten Tagen neuerlich mit einem dringenden Aufrufe an alle Gemeindemitglieder herangetreten werden mußte. Hoffentlich wird diesem Appell im weitestgehenden Umfange Berücksichtigung zuteil werden, damit das von der Fürsorgezentrale eingeleitete jüdische Winterhilfswerk nicht eine Unterbrechung erfahren muß. Leider gestalten sich auch die Eingänge an Kultussteuer in diesem Jahre überaus schleppend und bleiben gegenüber dem Vorjahre schon bisher bedeutend zurück. Am 1. Februar wurden die Mitglieder des Präsidiums vom Bundesminister für Unterricht, Dr. Rintelen, empfangen. Bei diesem Anlaß wurde auch die Frage der Flüssigmachung des Bundesbeitrages erörtert und insbesonders seitens der Vertreter der Gemeinde auf die prinzipielle Zustimmung des seinerzeitigen Bundeskanzlers Dr. End er, sowie auf die vielfachen Versprechungen der Bundeskanzler S t r e e r uw i t z und Schober und des Finanzministers J u c h verwiesen. Bundesminister Dr. Rintelen erklärte, daß er den Anspruch der jüdischen Religionsgesellschaft auf Gewährung des Bundesbeitrages sowohl mach dem Gesetze, als auch im Hinblicke auf die von ihm anerkannte Tätigkeit auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge für vollkommen berechtigt erachte, daß er jederzeit bereit sei, einen diesbezüglichen Antrag seitens des Kultusministeriums zu stellen, jedoch empfehle, mit dem Finanzminister Dr. Weidenhoff er über den Gegenstand eine Rücksprache zu pflegen, da die Gewährung des Beitrages hauptsächlich von der Zustimmung des Finanzministers abhängig sei. Er selbst werde alles tun, um das berechtigte Ansuchen zu fördern. Im Zuge der Unterredung kam der Bundesminister auch auf das Spital der Kultusgemeinde zu sprechen! und erklärte sich gerne bereit, über Einladung das Spital zu besichtigen. In den nächsten Tagen wird das Präsidium beim Finanzminister vorsprechen. (Es ist verschiedentlich aufgefallen, daß die dem Kultusvorstande übermittelte Protestresolution der Agudas Jisroel gegen die beabsichtigte Emführung des Frauenwahlrechtes nicht im Einlaufe zur Verlesung gelangte.) Protest gegen^d^n LIri^ Von mehreren. Seiten sind dem Präsidium Zuschriften zugekommen, in welchen auf den Hirtenbrief des Linzer Bischofs Dr. Johannes Maria G f ö 11 n e r hingewiesen und eine Stellungnahme des Kultusvorstandes begehrt wird. Das Vertreterkollegium sah sich deshalb veranlaßt, die Angelegenheit in seiner letzten Sitzung zu behandeln und dem Plenum folgende Protestresolution vorzulegen, die von diesem einstimmig annommen wurde: Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, als die gesetzliche Repräsentanz der Wiener Judenschaft, erhebt im Namen ihrer Mitglieder entschiedenen Protest gegen die im Hirtenbriefe des Linzer Bischofs, Herrn Dr. Johannes Maria G f ö 11 n e r, enthaltenen vollkommen ungerechtfertigten Beschuldigungen und schwer beleidigenden Herabsetzungen des Judentums. Er weist insbesondere die Behauptungen dieses Hirtenbriefes zurück, daß schnöder Materialismus, Mammonismus und andere die Gesellschaftsordnung zersetzenden Bestrebungen und Ideen als Ausfluß des jüdischen Geistes gekennzeichnet und daß aller in der Welt bestehender geistiger Unrat und die sittliche Schlammflut auf vorwiegend jüdischen Einfluß zurückgeführt werde. Als Träger einer Weltanschauung, die auf den höchsten sittlichen und ethischen Grundlagen der Bibel aufgebaut ist, als Mitglieder einer Gemeinschaft, die das große Erbe der in ihrem Schrifttum verankerten Grundsätze der Menschenliebe, der sozialen Gerechtigkeit und der Völkerversöhnung durch Jahrtausende trotz aller Anfeindungen und Martyrien treu gehütet und bewahrt haben, weisen wir es als durch die Weltgeschichte längst festgestellte Unwahrheit zurUck, wenn gegen das Judentum der fälschliche Vorwurf erhoben wird, daß sein Geist die Menschheit von der Erkenntnis der sittlichen Grundlagen . des Lebens entferne. Deshalb müssen wir es als tief bedauerlich bezeichnen, wenn von einer so hohen verantwortlichen Stelle unter Anrufung einer angeblichen Gewissenspflicht ein Teil der Bevölkerung zur Betätigung feindlicher Gesinnung gegen den anderen angeeifert wird und hierdurch Gegensätze geschaffen werden, die den bürgerlichen Frieden der Bevölkerung unserer Republik zu gefährden geeignet sind. Insbesondere legen wir aber dagegen Verwahrung ein, daß im Zusammenhang mit den gegen unsere Gemeinschaft erhobenen ungerechten Beschuldigungen Aenderungen der Gesetzgebung und Verwaltung empfohlen werden, die gegen die gleiche Rechtsstellung der jüdischen Bewohner dieses Staates gerichtet sind. * * Schaffung eines Gemeindebundes. Vizepräsident Dr. J. Löwenherz berichtete sodann über die Vorarbeiten zur Schaffung eines Gemeindebundes. Bereits im vorigen Jahre war der Beschluß gefaßt worden, an die Gründung eines Gemeindebundes zu schreiten, wenn alle österreichischen Gemeinden ihre Zustimmung zu dieser Gründung geben sollten. Im Oesterreich — mit Ausnahme des Burgenlandes — befinden sich derzeit 23 Gemeinden, von denen eine, die von Hohenems i n Ld qui'diejrung steht. Burgenland besitzt 10 Gemeinden. Die erstgenannten Gemeinden! erklärten sofort ihre prinzipielle Bereitwilligkeit, von den burgenländischen Gemeinden gaben sieben teilweise ausdrücklich nicht ihre Zustimmung, teilweise war eine solche trotz Urgenz nicht zu erhalten. Da aber die Schaffung des Gemeindebundes heute bereits eine dringende Notwendigkeit geworden ist, schon um eine Körperschaft festzusetzen, die die Legitimation zur Vertretung der Interessen der gesamten CLlJSnTSBA» KTDB- WMB BADEANSTALT WIEN IX., CLUSIUSGASSE NR. 12 an der Friedensbrucke gelegen A, Original Russisches Dampfbad mit '—aas-1 Buschenbehandlung gegen Rheuma etc. ~ Gegen Vorweisung dieses Inserates S1.30 österreichischen Gemeinden in wichtigen Fragen, wie z. B. bezüglich des Bundesbeitrages besitzt, beantragt das Vertreterkollegium, die vorbereitenden Schritte zur Gründung des Gemeindebundes ohne Rücksicht darauf zu unternehmen, ob alle österreichischen Gemeinden ihre Zustimmung zur Schaffung des Bundes geben. Es soll ein Statut ausgearbeitet werden, das auch jenen Gemeinden den späteren Eintritt ermöglicht, die zur Zeit der Konstituierung des Gemeindebundes demselben nicht angehören. Der Antrag des Vertreterkollegiums wurde einstimmig angenommen. Das allgemeine Kultus Wahlrecht. Jerusalem und Wien. Die J. T. A. meldet aus Jerusalem: Hier verlautet, daß die neue Verordnung über die Munizipalitäten in Palästina den Frauen weder das aktive noch das passive Wahlrecht zuerkennt, sondern statt dessen dem High Commissioner die Entscheidung darüber läßt, ob Frauen wählen oder gewählt werden dürfen. Eingeweihte Kreise nehmen an, daß der High Commissioner es wird vermeiden wollen, daß ein Unterschied zwischen den Rechten jüdischer und arabischer Frauen gemacht wird, und, da arabische Frauen nach moslernitischer Tradition an öffentlichen Angelegenheiten nicht teilhaben dürfen, auch jüdischen Frauen das Wahlrecht vorenthalten wird. Und in Wien beschließt eine jüdischnationale Mehrheit, den Frauen das passive Wahlrecht in die Gemeinde zu geben, obwohl sie weiß, daß sie damit gegen die Religionsbestimmungen verstößt. In der Fußnote zu der vorwöchigen Aeußerung des Herrn Komm.-Rat Theodor Ehrenstein über das allgemeine Kultuswahlrecht ist uns ein kleiner Irrtum unterlaufen. Er hat nämlich diese Aeußerung sowohl uns, als auch der „Stimme" gleichzeitig und gleichinhaltlich übermittelt, wie dies von einem „Unpolitischen" nicht anders zu erwarten ist. Allerdings ist es bezeichnend, daß sie von der „Stimm e" nicht.veröffentlicht wurde.;

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