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Die Wahrheit · 1933-02-10 · Heft 6 (10.2.1933) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 6 (10.2.1933)
Date
1933-02-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Schreiber der „Dötz", der sich eingehend nach seiner Weise mit dem Linzer Hirtenbrief beschäftigte, mit Bedauern konstatierte, daß es kein katholisches Lehrbuch gibt, aus dem zu entnehmen ist, welche Juden im Triumph ins Parlament zu tragen sind und welchen — wörtlich — „der Hals abzuschneiden ist"? Kann man sich angesichts einer solche« unverhüllten Morddrohung wundern, wenn fänatisierte Buben wirklich zu dem Messer greifen, dessen entsprechende Verwendung ihnen von den Führern in Wort und Schrift so warm empfohlen wird? Dazu schweigen die Staatsbehörden und merken nicht, daß sie mit weiterer Duldung dieser Mordhetze sich schuldig machen an dem Verfall des, einzigen kostbaren Gutes, das dieser arme Staat noch besitzt, der Ruhe und Ordnung unter seinen Bürgern. Aber auch eine andere Stelle schweigt, eine Stelle, von der in den letzten Tagen sehr viel die Rede war. Was wird der streitbare Bischof von Linz zu sagen wissen gegen die Mordatmosphäre, deren entsetzte Zeugen wir nun geworden sind? Wird er es nicht für seine Pflicht halten, gegen diese „unsittliche Schlammflut" aufzutreten, die weder „vorwiegend" noch sonstwie vom Judentum kommt? Wird er als wahrer Seelenhirt ein mannhaftes Wort sprechen gegen die eigentlichen Verderber der christlichen Jugend, jene Verderber, die es so weit gebracht haben, daß christliche Jugendliche so „entartet" sind, daß sie kaltblütig das Gebot ihrer (wie der jüdischen) Religion übertreten: „Du sollst nicht töten!" Herr Bischof, hier harrt Ihrer eine würdigere Aufgabe, als Sie sich sie mit der Verkündung des „geistigen und ethischen Antisemitismus" gestellt haben. Herr Bischof, hier bedarf es Ihres energischen Hirtenwortes, soll das Lämmlein nicht zur Bestie werden! Oseld. Dem 5. März entgegen. Von Dr. Alfred Hirschberger, stellvertretender Syndikus des Centraivereines. Das Kabinett Hitler-Papen-Hugenb e r g, durch den Herrn Reichspräsidenten verfassungsmäßig berufen, hat nach Auflösung des erst am 6. November 1932 gewählten Reichstages innerhalb der verfassungsmäßig vorgeschriebenen Frist Neuwahlen ausgeschrieben. Es ist müßig, in diesem Augenblick Vermutungen darüber anzustellen, welches die Ergebnisse dieser Wahlen sein mögen. Ebensowenig erscheint es uns nützlich, die Rückwirkungen der Wahlergebnisse auf die Maßnahmen der Regierung Hitler theoretisch aufzuzählen, falls sie den erwarteten Wahlsieg und die erhoffte Mehrheit nicht erringt. Es hieße der Eidestreue deutscher Staatsmänner mißtrauen und vor allem die Verfassungsfestigkeit des Herrn Reichspräsidenten anzweifeln, wenn man andere als verfassungsmäßige Entscheidungen erwartete. Bisher wurde in Deutschland jede Verfassungswidrigkeit — man hat das Verfassungsrecht allerdings mitunter recht weit ausgelegt — vermieden. Wir müssen glauben, daß, solange Deutschland ein Rechtsstaat ist, dieser Grundsatz unerschüttert bleibt. Die politischen Fronten des beginnenden Wahlkampfes sind bis auf geringe Unentschiedenheiten klar wie bei keinem früheren, soweit es sich um die machtpolitischen Auseinandersetzungen handelt. Auf der einen Seite steht die Front des Reichskabinetts, bekannt als Harzburger Front, auf der anderen Seite die immer stärker zur einheitlichen Taktik gedrängte Masse der deutschen Linken. Die deutsche Mitte stellt, abgesehen von dem Sonderfall des Zentrums, keine Gruppe von Bedeutsamkeit und Machtanspruch. Anders freilich liegt es mit der inneren Gruppierung im Regierungsblock, die auch nicht im entferntesten die Geschlossenheit des nach außen hin strebenden Machtwillens aufweist. Für uns deutsche Juden begann am 30. Jänner 1933 mit der Uebertragung der Regierungsführiing an den Chef der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter-Partei die heroischeEpocheunseresEmanzipationskampfes in Deutschland. Fast anderthalb Jahrhunderte hindurch trug uns der starke und breite Strom menschheitlicher und politischer Entwicklung, die zu bürgerlicher, geistiger und wirtschaftlicher Freiheit führte. Restlos waren unsere Ansprüche auf Gleichberechtigung eigentlich niemals erfüllt. Auf irgendwelchen Lebensgebieten standen uns immer noch Vorurteile und Feindseligkeiten entgegen. Aber die Auseinandersetzung mit diesen Gegenkräften war bei vielen — heute muß man leider sagen verhängnisvollerweise — mehr eine Angelegenheit des Temperaments als eines bis ENOIME AUSWAHL BILLIGSTE PREISE s ppp #s 5.*« icppicnc VOBBAN6E raODEisrorrE, decken MVR I.,BÄitnNMABKI12 14 zum Letzten entschlossenen Rechtswillens. Man konnte hinwegsehen, lächelnd kritisieren, oder sich in den völlig erschlossenen Arbeits- und Lebensgebieten des deutschen Volkes betätigen. Unbequemlichkeiten, Gehässigkeit konnten vermieden werden, indem man ihnen auswich, oder sie übersah. Heute dringen diese Erscheinungen in den Kern eines jeden deutschen Juden, heute zwingen ihn die Grellheit, Schärfe, Deutlichkeit der Ereignisse, sie zu selieni und zu ihnen Stellung zu nehmen. Es ist recht unbequem geworden, deutscher Jude zu sein, und es wird notwendig, daß jeder Einzelne sich aus dem bequemen Parkettsessel, von dem aus er vielleicht die Geschehnisse der deutschen Politik wie auf einer Bühne applaudierend oder auspfeifend betrachtet hat, erhebt und sich selbst als Handelnder in das große Drama der deutschen Gegenwart hineinbegibt, um zu verhüten, daß es zur Tragödie des deutschen Judentums wird. Es ist etwas anderes, gewisse Rechte noch nicht zu haben und ihre Erkämpfung mehr oder minder entschieden zu betreiben, als ein vorhandenes Recht zu verlieren. Lebensrechte unverteidigt preisgeben, heißt menschliche Würde, persönliche Ehre gering ansehen. Noch ist die Verfassung unerschüttert, noch ist die Macht durch das Recht gebändigt, noch sind die Menschen, die unsere Entrechtung wollen, bei weitem in der Minderzahl, noch haben wir die Möglichkeit, auf unser Schicksal starken Einfluß zu nehmen. Die Zeit bis zum 5. März 1933 stellt die erste Etappe eines Prüfungsweges dar, auf dem das deutsche Judentum zu beweisen hat, ob es den Sinn des 30. Jänner 1933 richtig begriffen hat. * * * Das Präsidium des Centraivereins hat am 30. Jänner nach der Ernennung des Kabinetts Hitler folgende Erklärung der Oeffentlichkeit übergeben: Wir stehen einem Ministerium, in dem Nationalsozialisten maßgebendste Stellungen eingesehenen auf einer Seite nicht Basis sein kann für das Recht auf einer anderen. Nicht die starren Paragraphen, sondern nur das lebendige Recht darf unter der lebenden Gemeinschaft die Gesetze regeln. Diese Gedanken auf neue Art klar den Menschen unserer Zeit gesagt zu haben, ist das Verdienst von Walter Mehring. Ganz auf die Gegenwart eingestellt war des im Jahre 1862 geborenen Wieners Arthur Schnitzler Komödie „Professor Bernhardi" (1912). Das Interessante ist. daß dieses Stück mit Fritz Kortner in der Hauptrolle bei seiner Wiederaufführung im Jahre 1929 in Berlin e:nen Serienerfolg zu verzeichnen hatte, der bewies, daß das in ihm behandelte Thema heute noch so aktuell ist wie vor 19 Jahren. Wir, die wir durch die Jahre von 19J8 bis 1932 gehen mußten, empfinden es allerdings als einen scharfen Mißklang, daß dieser Professor Bernhardi resignierend als Komödie endet. Schnitzler ist den umgekehrten Weg wie Shakespeare gegangen. Er. der verbindliche Wiener, hatte nicht den Mut. die Tragödie des Rechts konsequent zu Ende zu führen. Anders als Shakespeare läßt er sie daher in einem recht verwaschenen happv end auslaufen. Allerdings muß erwähnt weiden, daß es Schnitzler war, der das Problem des deutschen Juden in der christlichen Umwelt in seinem weit ausholenden Roman der „Der Weg ins Freie" bis in die letzten psychologischen Verästelungen verfolgt hat Unter dem Eindruck von Gerhart Hauptmanns Naturalismus stand der 1867 im schlesischen Auschwitz geborene Ferdinand Bronner, dessen vieraktiges österreichisches Drama „Familie Wawroch" 1899 unter dem Pseudonym Franz Adamus erschien. Geht es bei Hauptmann um die Not der schlesischen Weber, so bei Adamus um die schlesischen Bergleute. Gleich Hauptmann liegt auch Bronners Stärke in der Gestaltung der Sprache. Das ganze Milieu dieses Grenzlandes ist in dem Polnisch. Tschechisch, Deutsch. Jiddisch, das die Gestalten der „Wawrochs" sprechen, empfangen. In dieser „Familie Wawroch" spielen das Gasthaus „Zum schwarzen Diamanten" und sein Wirt, der alte Schmelz, eine große Rolle. Schmelz ist Jude, orthodoxer Jude, seine Frau, seine Kinder sind es natürlich auch. Sichtlich hat Adamus in diesen Gestalten seinen Eltern, seiner Jugend ein Denkmal gesetzt Und dort taucht auch schon Wilhelm, der Sohn. auf. der Held der „Komödie in vier Akten" „Schmelz, der Nibelunge". die im Jahre 1905 in Wien als Buch erschien und deren Aufführungsrechte allein durch Dr. Ferdinand Bronner zu erwerben waren. Hier wird also das Pseudonym schon zum Teil gelüftet Ob Arnolt Bronnen, der Sohn, diese Komödie jemals gelesen hat? Es wäre zu wünschen. Sie enthält viele bittere Wahrheit über das Proselytentum. Worum geht es? Wilhelm, der Sohn des alten Schmelz, hat sich in des christlichen Agitators Wawroch Tochter Marie verliebt. Um sie zu gewinnen, tritt er zum Christentum über, aber auch, weil er sich ganz Deutscher, als Polenhasser fühlt, weil er ganz in deutschem Wesen aufgehen will. In die antisemitische Verbindung der „Nibelungen" wird er. dem man den Juden äußerlich nicht ansieht, aufgenommen. Er wird zum Helden einer nationalistischen Aktion. Aber er wird entlarvt, von den Freunden verstoßen, weil er der Rasse nach Jude ist, viel mehr aber noch deswegen, weil er nicht den Mut zur Wahrheit besaß, weil er den Vater — ihm Aug' in Aug' gegenüberstehend — öffentlich verleugnet hat Sollte Arnolt Bronnen, der Sohn, diese Szene nie gelesen haben? Der Geisteshaltung der österreichischen Juden jener Zeit entsprechend, willigt der Vater Schmelz schließlich in die Verbindung seines Sohnes mit der Christin. — Großvater Esriel Bronner, der orthodoxe Jude, segnet des Sohnes Adamus Mischehe, aus der der nationalsozialisische Enkel Bronnen entspringt Als amüsante Arabeske sei bemerkt daß Ernst von Wolzogen, heute auch ins Lager des Nationalsozialismus abschwenkt zur Buchausgabe der „Familie Wawroch" ein Vorwort schrieb, in dem sich u. a. folgende Sätze finden: „. . . als ich mit der Lektüre zu Ende gekommen war, da stand in mir die Ueberzeugung fest daß hier ein neues starkes Talent eine unzweifelhafte Kraftprobe abgelegt habe . . . Möchte sich recht bald eine Bühne finden, welche ein größeres Publikum mit dieser erschütternden Tragödie bekanntmacht Glück auf den Weg dem neuen Manne! . . ." Allerdings wußte Wolzogen nicht, wer sich hinter dem Pseudonym Adamus verbarg. * Ueberblicken wir die Fülle der Gestalten, die an uns vorbeigezogen sind, lassen wir den Blick zurückwandern zu Marlow und Shakespeare, verweilen wir bei Lessing oder Hebbel, denken wir an Hermann Ungar oder Walter Mehring, ziehen wir die Bilanz aus dieser gewaltigen Summe geistiger Gestaltung, so wird sie positiv sein im Hinblick auf das deutsche Geistesleben und sie wird positiv sein im Hinblick auf unser deutsches Judenrum. Ging man erst zögernd an dieses Problem heran und ward der Jude wider Willen vom Tier zum Mensch, zum Vorbild, so sehen wir. daß er heute festgefügt ist in deutsches Denken und in deutsche Natur. Er interessiert nicht mehr als Abnormität sondern als gegebener Bestandteil im europäischen, im deutschen Kulturkreis. Und alle die jüdischen Gestalten, von denen man sagen kann, daß sie ewig sein werden, sind Gestalten voll Charakter und Gerechtigkeit Niemals wäre Shylock im Gedächtnis der Menschen geblieben, wäre er das Ungeheuer, wie ihn der längst vergessene Marlow gezeichnet hat Und eines ist noch wichtig. Die großen Geister, die sich dramatisch mit dem Judentum nicht auseinandergesetzt haben, taten es nicht aus Feindschaft gegen die Juden, sondern deswegen, weil ihnen Beziehungen zum Judentum fehlten und weil ihnen das Verstehen für sein Wesen abging. Das hat zum Beispiel Goethe selbst bekannt Er war zu groß, um nicht zu erkennen, daß seine Antipathie gegen das Judentum nicht darüber hinwegtäuschen könne, welche Werte das Judentum der Menschheit vermittelt hat So kommt es, daß er sich in seinem Leben und in seinen Schriften zwar wiederholt gegen das Judentum, aber niemals gegen die Juden, wohl gegen den Geist nie aber gegen die Menschen gewandt hat. Das bekannteste Beispiel hierfür ist sein „Jahrmarkt von Plundersweiler". Mit den oft zitierten Worten: „Ich weiß das nur zu gut, mein Freund, ich bin nicht blind; doch das tun andere mehr, die unbeschnitten sind." So sehen wir denn zum Schluß, daß zwar der Judenhaß durch die Jahrtausende gewährt hat, daß es aber keine geistige Persönlichkeit von Format gibt, die sich bereit gefunden hätte, diesen Judenhaß als ein künstlerisches Postulat auf der Bühne aufzustellen. Und diese Tatsache allein rechtfertigt wohl die Beschäftigung mit dem hier abgewandelten Thema. Denn durch wen sollte die Judenfrage abgeklärt und geistig erörtert werden, wenn nicht durch die Männer, die jedes Volk zu jeder Zeit als geistige Repräsentanten seines Landes verehrt hat. Was schrieb Goethe über Lessings „Nathan"?: Möge das darin ausgesprochene Duldungs- und Schonungsgefühl der Nation belüg und wert bleiben 1"

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