Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 6 (10.2.1933)
- Date
- 1933-02-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT SeMsatioueMec Scazeß m Jiaddsdac^ f ■! Lesen Sie den Bericht auf Seite 7, dann werden Sie wissen, daß Sie Ihren Bedarf an m Mazzoth, Grieß und Farwel auch heuer wieder einzudecken haben bei | Jlatttan (ßtodetztog Zentrofe: Wien, 2. äUesicü, Jteopofdsgosse h3 Telephone: A 46-1-90, A 41-9-52, A 60-2-63 Die $tfwwräifU-JKtMs<x.*>tfi und das Fabrikat ..Jtlmfrfi Sttknädtlft, (&." (Mazzoth, Grieß und Farwel) sind außerdem erhältlich in allen besseren Geschäften. des Linzer Bischofs Erkenntnis, daß es auch edle Charaktere unter den Juden gibt. Für die von seiner Eminenz gleichzeitig entdeckte Welle von Schmutz und Unrat, die angeblich vom Judentum ausgeht, werden nur die untergeordneten Beamtenkategorien der Creditanstalt und anderen „Judenbanken" verantwortlich gemacht. Die jüdischen Stenotypistinnen und Buchhalter sind es, denen Herrn Kunschaks gemütvoller Scherz ein „rasches Fortkommen" gewünscht und auch tatsächlich beschieden hat Sie sind alle zugunsten stramm katholischer Beamter fortgekommen!, seitdem die österreichische Regierung Einfluß auf die Personalpolitik der früheren Rothschildbank gewann ... Die Gestaltung der Verhältnisse in Deutschland nach Hitlers Machtergreifung zeigt deutlich ganz ähnliche Entwicklungstendenzen. Eine Zeit schwerer Prüfungen ist über das Reich hereingebrochen. Aber wir schöpfen aus der Geschichte die Hoffnung, daß diese Prüfungen von den verfolgten Juden in bezug auf Charakterstärke besser bestanden werden, als von ihren angeblich eine höhere Moral verfechtenden Verfolgern. Dr. Hugo Spiegier. Bestie Hakenkreuz* Die Hakenkreuzler sind seit dem Siege ihres Osafs ganz foöwütig geworden. Kein Tag vergeht, da nicht Polizeibericht oder Gerichtssaalchronik eine neue Schandtat dieser Buben zu verzeichnen wissen. Da überfallen in Klagenfurt Nationalsozialisten jüdische Kaufleute, schlagen auf sie mit Hundspeitschen ein und rufen dabei: „Das wird das Schicksal der Juden im Dritten Reich sein!" Ein bekannter jüdischer Firmeninhaber, Herr Adolf Preis, wird erheblich verletzt, die Poüzei aber erscheint zu spät am Tatort, so daß es den Rowdies gelingt, spurlos zu entkommen. Wer weiß, ob der rätselhafte Schuß, der kürzlich auf der Marienbrücke ausgerechnet eine Jüdin getroffen hat, nicht aus einem Hakenkreuzrevolver losgegangen ist? Fast tagtäglich bekommt man Klagen über Greueltaten zu hören, denen Juden ausgesetzt sind, die das Unglück haben, in der Nähe eines Nazi- Parteiheimes oder gar in einem Hause zu wohnen, in dein die Kerle residieren. So wurde jüngst ein Nationalsozialist wegen Bedrohung jüdischer Inhaber von Geschäften gegenüber dem Braunen Haus in der Hirschengasse zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt Aus Zeugenaussagen ergab sich ein Büld schweren Martyriums der jüdischen Geschäftsleute dieser Gegend, die unter ständigem Terror stehen und ihres Lebens nicht sicher sind. Oft werden sie, ihre Frauen, Söhne und Töchter überfallen und geschlagen, oft sehen sie sich gezwungen, .ihre Geschäfte wegen Terror vorübergehend zu schließen, oft auch raten ihnen Nationalsozialisten „gütlich", so rasch wie möglich nach Palästina auszuwandern, damit sie nicht von dem „Judenschicksal" in dem anbrechenden „Dritten Reich" erteilt werden. Man macht sich keiner Uebertreibung schuldig, wenn man geradezu behauptet, daß nun auch, in. Wien durch das Wüten der Hakenkreuzler jene Mordatmosphäre entstanden ist die wir bisher nur aus den traurigen Berichten aus dem Deutschen Reich gekannt haben. Die staatlichen Organe stehen diesen ständig zunehmenden Verfallserscheinungen mit auffallender Ruhe gegenüber. Sicherlich, die Polizei tut ihre STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentraffriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 Pflicht, wo sie nur kann, sie emirfaltet ihren ganzen großen Apparat, wenn ein politisches Verbrechen geschehen, und schreckt hierbei auch vor Drohungen der aufgescheuchten Hakenkreuzführer nicht zurück. So zufriedenstellend also auch das Vorgehen unserer Sicherheitsbehörden in diesen Fällen ist, restlos gewinnt man dadurch nichtdas Gefühl der Sicherheit. Denn man hat die Empfindung, daß dieses Einschreiten immer zu spät erfolgt, nicht nur tatsächlich, wie dies in Klagenfurt der Fall war, sondern auch, was die Voraussetzungen für die Verbrechen der Nazis anbelangt. Diese Voraussetzungen bestehen vor allem in der zügellosen Hetze, die die verschiedenen antisemitischen Preßorgane in der letzten Zeit entfalten. War schon vor Hitlers Triumph die Sprache dieser Preßmeute eine unerhörte, so kann man seit diesem Tage eine wahre Haßorgie in dem antisemitischen Blätterwalde beobachten. Immer wieder muß man sich fragen, ob denn der Herr Pressestaatsanwalt, der sonst so gute Augen hat, diese Sudelblätter nicht genau liest. Mit unzähligen Beweisen könnten wir dafür dienten, daß die Lektüre, die er diesen Blättern angedeihen läßt, eine mehr als flüchtige ist Hat er, um nur einen von vielen Fällen zu erwähnen, unlängst übersehen, daß ein Artikel- BilanzaDscMflsse und Stenerbekennfnisse Neuanlagen, ßevlslonen, Dudinaditrage sowie steuereriedlgangen jeder Art übernimmt niSlMili» DIR. GUSTAV KOLMIN Büro für Buchhaltung, Bilanz und Steuerberatung Wien II., TobontfroDe 92 Telephon R 45-3-30 Feuilleton Der Judenhaß ein künstlerisches Postulat? Von Hans Oppenheimer, Berlin. Wir veröffentlichen mit gütiger Erlaubnis des Verfassers einige Abschnitte aus seiner Schrift „Jüdische Dramengestalten auf der deutschen Bühne", die demnächst im Druck erscheinen wird. Sie untersucht an nahezu hundert Beispielen, welchem Wandel die Gestalt des Juden auf der dramatischen Bühne Deutschlands in fünf Jahrhunderten unterworfen war. Die Beziehungen des deutschen Judentums zum Theater sind mannigfaltig und sie sind nach den verschiedenen Richtungen mehr oder weniger gründlich untersucht worden: Jüdische Autoren, jüdische Schauspieler, jüdische Regisseure, jüdische Kritiker, jüdische Theaterleiter sind nur einige Teilprobleme dieses umfassenden Stoffes. Hier soll der Versuch — und nicht mehr — gemacht werden, jüdische Gestalten auf der deutschen Bühne von den Anfängen des dramatischen Theaters bis in die jüngste Generation zu verfolgen und Zweck dieses Ganges durch deutsche Theatergeschichte soll es sein, festzustellen, wie sehr das jüdische Element mit dem deutschen auch in der Dichtung seit Jahrhunderten verknüpft ist, wie sich dieses Band immer enger geschlungen hat. Aus diesem Grunde scheiden Dramen, die biblische Motive zum Vorwurf haben, aus dem Kreis der Betrachtungen aus, so sehr es reizen mag. zu untersuchen, welch vielfältige Deutung derselbe biblische Stoff zu verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Temperamenten erfahren hat Auch so bleibt die Materie noch umfangreich genug. * Das 19. Jahrhundert. Sechzig Jahre nach Lessing, 1791, wurde in Wien Franz Grillparzer geboren, dessen Abhängigkeit von der Romantik am besten durch seine Definition des dramatischen Theaters charakterisiert wird: „Man soll den Umstand nie vergessen, daß ein Trauerspiel, so traurig es auch sein mag, doch immer auch ein Spiel bleibt" Und dieses Spielerische wird noch durch das Wienertum Grillparzers besonders verstärkt Aus dieser Einstellung mag es sich erklären, daß für uns heutige Menschen wohl noch das zarte Liebesspiel von „Hero und Leander", sein „Der Traum ein Leben" und „Weh dem. der lügt" unterhaltsam erscheinen, daß uns aber all die Stücke, in denen er die hohe Schule der Tragödie zu gestalten versucht kaum mehr erträglich sind. Wir denken dabei an ,„Sappho'\ „König Ottokar", „Ein Bruderzwist im Hause Habsburg". Zu dieser Kategorie zählt auch das Drama, mit dem wir uns in diesem Aufsatz zu beschäftigen haben: „Die Jüdin von Toledo". Es ist unsicher, wann Grillparzer diese Tragödie geschrieben hat Man fand sie neben „Libussa". dem „Bruderzwist im Hause Habsburg" in seinem Nachlaß, als er 1872 gestorben war. Es gibt Literaturhistoriker, wie zum Beispiel Richard M. Meyer, die die „Jüdin" als das „großartigste" seiner Werke bezeichnen. So weit möchte ich nicht gehen. Aber es ist sicher, daß es unter den Tragödien Grillparzers die wirklichkeitsnächste und psychologisch interessanteste ist Den Stoff entnahm Grillparzer dem geliebten Spanien, genauer gesagt dem Lope de Vega. Das aktuelle Vorbild für die Heldin war die spanische Tänzerin Lolo Montez, die den frommen König Ludwig von Bayern seinerzeit vollkommen beherrschte. Der Inhalt der Tragödie läßt sich in einem Satze wiedergeben. Die schöne und kokette Jüdin Rahel zieht Alfons, den König von Spanien, der in Toledo residiert und sich soeben mit einer englischen Prinzessin vermählt hat, vollkommen in ihren Bann, so daß die Großen des Reiches sich mit der gekränkten Königin zur Rache vereinigen, die Jüdin im Lustschloß des Königs überfallen und ermorden. Neben der sinnlichen Rahel. der Verkörperung des Lebensrausches, im Gegensatz zur kühlen Engländerin, steht als zweite jüdische Figur Raheis Vater Isaak, habgierig, der Typ des schachernden Juden. Aber Grillparzer. der selbst viel zu sehr unter Ausnahmegesetzen, da man ihn politisch verfolgte, zu leiden hatte, der wieder und immer wieder kleinmütig an seinem Künstlertum verzweifelte und dessen Kunst nicht ausreifen konnte, weil er in der Wirklichkeit und in seiner Phantasie unter dem litt, was wir heute Minderwertigkeitskomplexe nennen, war zu gerecht um nicht auch dem Judentum Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. So sagt der König: „Ich selber lieb es nicht dies Volk, doch weiß ich, Was sie verunziert, es ist unser Werk: Wir lähmen sie und grollen, wenn sie hinken. Zudem ist etwas Großes In diesem Stamm von unstet flüchtigen Hirten. Wir andern sind von heut: sie aber reichen hk, Bis an der Schöpfung Wiege. Wir kreuz'gen täglich zehnmal unsern Herrn Durch unsere Sünden, unsere Missetaten Und jene haben's einmal nur getan!" Hier ist also die Erkenntnis ausgesprochen, daß das Judentum ein Produkt seiner Geschichte ist Der Jude gilt nicht nur als Mensch, sondern es wird versucht, die Ursache der gegen ihn vorhandenen Antipathie zu erklären. Die Judenfeindschaft wird also nicht nur als kulturwidrig abgelehnt sondern es wird gleichzeitig versucht die psychologische Begründung zu geben, das heißt, die Ursache der Krankheit zu erkennen, um sie heilen zu können. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß Grillparzer an einem Drama „Esther" arbeitete, das aber ein Fragment geblieben ist da er es zu einer Zeit tiefer Depression beiseite legte und auch später nicht vollendete. Es treten in diesem Drama der König. Ahasver, Esther, Haman und Mordechai auf. Es sollte wohl gezeigt werden, wie Esther an der Seite des Königs ein qualvolles Leben führen muß und wie sie, von allen verlassen, zugrunde geht. * 400 Jahre nach Shakespeare gestaltet abermals ein Dichter, Walter Mehring, das Problem des östlichen Menschen im westlichen Europa. Nicht jedem Juden kann die Wandlung zum Europäer gelingen, die sich an Moses Mendelsohn zum erstenmal vollzogen hat Wer in eine Zeit gestellt wird, die voll ist von Unheil und Not voll Lüge und Kampf ums Dasein, der wird schwerlich den Weg aus den Kreisen einer Kultur in die der anderen finden. Wer aber diesen Versuch unternimmt zu Zeiten der Ruhe/der geistigen Regsamkeit, der Toleranz, der wird diesen Weg gehen können, wenn er nicht nur vom Verstand, sondern auch vom Gemüt vorgezeichnet wird. Kaftan. der Kaufmann des 20. Jahrhunderts, fordert nicht „ein Pfund Fleisch nächst dem Herzen seines Schuldners", er fordert seinen Wechsel; beide stehen auf ihrem Schein, und beide müssen zugrunde gehen, da Unreöht