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Die Wahrheit · 1933-02-10 · Heft 6 (10.2.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 6 (10.2.1933)
Date
1933-02-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40/ Groschen Judisch e mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien i»^^ mim hMhBBBMMBMBHBBBBBMBBMBBBMBMüä Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 Die Wahrheit 49. Jahrgang Wien, 10. Februar 1933 Nummer 6 OPTIKER ML SCHACHTER, II., GlOfficngasse 25 Genaueste Ausführung von Rezepten * Große Auswahl an modernen Fassungen» Samstag geschlossen BeiBerufun^aj^dieses^Ia^ Eine Prüfungszeit. Die politische Wendung in Deutschland bringt wohl den Juden eine Zeit schwerer Prüfungen — aber sie mögen sich trösten: Auch für ihre plötzlich zur Macht gelangten Gegner bedeutet der Regierungsantritt, der Uebergang von oppositioneller Theorie zur verantwortungsvollen Praxis, ein schwieriges Examen, und die Angst vor der biblischen Prüfungszensur ^„Geprüft, gewogen und zu leicht befunden!" samt den aus der Heiligen Schrift bekannten Folgen für den so klassifizierten Kandidaten ist sehr geeignet, auch den spätesten Nachfahrem des judemeindlichen Diktators Belsazar einiges Lampenfieber zu verursachen. Dieses Lampenfieber hat sich bereits in einem Symptom klar und deutlich angekündigt: In der Auflösung des Reichstages. Die Publikationen des Zentrums und der Bayerischem Volkspartei, in denen der Vorwurf laut wird, daß man noch nicht alle Möglichkeiten erschöpft hatte, die Haltung der deutschen Volksvertretung gegenüber der neuen Regierung zu erproben, wirken sehr naiv angesichts der Gewißheit, daß die Angst vor dieser Probe auf der Ministerbank noch größer gewesen wäre als auf der Seite der Parlamentarier. Denn es ist immerhin leichter, rhetorische Triumphe in Versammlungen zu feiern, in denen die Gegner, wenn sich solche überhaupt hineinwagen, durch meist politisch ungeschulte Zuhörer vertreten sind, als im Reichstag, wo alle Parteien über kampferprobte Führer verfügen, die gelegentlich sogar einem Bismarck zu schaffen geben konnten. Durch die Reichstagsauflösung ist dieses Rededuell nun um einige Zeit hinausgezögert worden — nicht vermindert konnte aber durch sie die Dringlichkeit der in diesem Augenblick wichtigsten Regierungspflichten werden. Das Wesen dieser Pflichten ist schon in den ersten Tagen des neuen Regimes, vorerst freilich mehr symbolhaft, deutlich geworden: In Wien wurde das historische Ereignis, daß im 67. Jahre nach der Schlacht bei Königgrätz einem Oesterreicher die Macht über Deutschland ausgeliefert worden ist, durch einen nationalsozialistischen Fackelzug gefeiert. Dort, wo dieser enden sollte, hatte die vorsorgliche Obrigkeit Wassereimer zum Löschen der Fackeln bereitgestellt. Die Teilnehmer warfen aber — wohl unter atavistischen Erinnerungen an die Scheiterhaufen der heiligen Inquisition — die Fackeln nicht ins Wasser, sondern in " Haufen auf die Straße, so daß die Polizei selbst die Löschgeräte zur Hand nehmen mußte, um den Ausbruch von Bränden zu verhindern. Sie hat damit, ohne es zu wissen und zu wollen, den Regierenden, deren Exekutivorgan sie ja ist, in sinnfälliger Weise gezeigt, was jetzt ihre dringendste Aufgabe ist: die verheerenden Flammen zu löschen, die einte zügellose Propaganda in den Händen der leichtgläubigen Menge zum Entzünden gebracht hat. In Deutschland wird der hohen Obrigkeit diese Aufgabe dadurch einigermaßen erschwert, daß die Macht im Staate eben an diejenigen übergegangen ist, die den Zündstoff im Lager ihrer Anhänger jahrelang unbedenklich angehäuft haben und mit dem Löschen nunmehr ihre eigene Propaganda desavouieren müssen. Trotzdem haben sie bereits gezeigt, daß sie sich dieser bitteren Notwendigkeit fügen. Auch hierfür liegt ein symbolhaft wirkender Beweis vor: Als die Berliner Hitler-Jugend die Ernennung ihres Osafs zum Reichskanzler erfuhr, demonstrierte sie gegen die Börse. Zur selben Zeit aber traf die Hitler-Regierung finanztechnische Maßregeln zur Verhütung einer Börsenpanik... Solche Widersprüche zwischen Theorie und Praxis sind noch keiner radikalen Partei im Augenblick der Machtergreifung erspart geblieben. Aber man muß schon sagen, daß Herr Hitler hierin einen Rekord zu erzielen im Begriffe ist: Obwohl Verkünder des fanatischesten Rassenantisemitismus, hat er sich den durch seine Schuld fast schon verschütteten Weg zur Macht ausgerechnet durch den Rassejuden Schröder freimachen lassen, der noch obendrein Bankier, also kaum ein besonders prädestinierter Pionier des nationalsozialistischen Programmpunktes „Brechung der Zinsknechtschaft" ist. Vor ungefähr zehn Jahren wurde ein Münchener Kellner wegen Gotteslästerung ins Gefängnis geworfen, weil er einen katholischen Gottesdienst, als der Geistliche in seimier Predigt Christus als einzigen Retter aus aller Not pries, durch den Zwischeneruf gestört hatte: „Wie kann uns Christus helfen, da er doch Jude ist!" Da es sich nicht um einen theologisch gebildeten Spintisierer, sondern um einen schlichten Mann aus dem Volke handelte, war dieser Zwischenruf sicherlich weniger das Resultat eigener Gedankenarbeit, als vielmehr die Wirkung der Hitler-Propaganda gegen den „defaitistischen Juden, der sich wehrlos ans Kreuz schlagen ließ, statt, wie die germanischen Götter, mannhaft mit der Waffe in der Hand den Verfolgern entgegenzutreten". Jetzt, in seinem Regierungsprogramm, verkündet Hitler, daß er „das Christentum als Basis der deutschen Moral in festen Schutz nehmen" will... Gleichzeitig brandmarkt er den Bolschewismus als Ursache allen Uebels, entlehnt aber diesem Feinde die Terminologie der befristeten Jahrespläne für den geplanten Wirtschaftsaufbau. Er spricht von einem Vierjahrplan und schlägt damit nicht nur den sowjetrussischen Optimismus, der sich an Fünfjahrpläne klammert, sondern auch den Pessimismus des „Völkischen Beobachters", der in dem Triumphartikel, mit dem er die Ernennung seines Herausgebers Hitler zum Reichskanzler begrüßte, die Zeit von dreizehn Jahren als Bewährungsfrist für die nationalsozialistische Regierungskunst in Anspruch nahm mit der Begründung, daß die Beseitigung der „asiatischen Kultur" in Deutschland ebenso lange dauern würde wie ihre Aufrichtung. Daß Hitler in dieser Hinsicht um so viel optimistischer denkt als seine Redakteure, beruht wohl auf seiner Erkenntnis, daß die Wüste der asiatischen Kultur in Deutschland schon bisher durch viele Hakenkreuz-Oasen" vielvon I., WlpplingerstraQe Nr. 29 Wegen Verlegung der Verkaufsräume nach I., Graben 7 zu Räumungspreisen Günstige Gelegenheitskäufe für Hochzeitsge3Chenke / / versprechend unterbrochen war: Ueber hundert Friedhofschändungen, unzählige Angriffe auf jüdische Gotteshäuser und jüdisch aussehende Straßenpassanten bedeuteten erfolgreiche Minenangriffe völkischen Geistes auf die asiatischen Schützengräben, die diese längst sturmreif machten. Ja, es kann den nationalsozialistischen Stürmern passieren, daß sie die meisten Stellungen vom Feinde bereits geräumt finden. Das ist das Verdienst des Herrn von Pape«, dessen Regierungstätigkeit zur Hauptsache in der E n tj u d u n g aller Staatsämter bestand. Die Gehässigkeit, die ihm damals Herr Hitler entgegengebracht hat, wurde von Psychologen auf dieselben Motive zurückgeführt, wie die Betrübnis Alexanders des Großen bei jedem Siege, den sein Vater errang. Er fürchtete, Philipp würde ihm keinen Feind zur Besiegung übrig lassen ... Zum Glück blieben jetzt aber wenigstens die rassenjüdischen Bankiers übrig, und so konnte im Hause eines solchen die Versöhnung zwischen Hitler und Pape« durchgeführt und ihre Koalierung zu einer gemeinsamen Regierung angebahnt werden. Uns Wiener Juden bedeutet diese Entwicklung nichts Neues. Vor unseren wissenden Augen wiederholt sich da nur, was wir beim Aufstieg der christlichsozialen Partei erlebt haben. Luegers Machtergreifung brachte die kleinen jüdischen Existenzen der Hausierer, jüdischen Magistratsbeamten, Lehrer usw. ins Wanken — den jüdischen Vertretern des Großkapitals aber neue Geschäftsverbindungen, die sich für beide Teile sehr vorteilhaft erwiesen. Es ist ein grotesker Versuch mit unzulänglichen Mitteln, die christlichsoziale Charakterstärke gegenüber jüdischen Versuchungen zu beweisen, wenn die Partei ausgerechnet den Herrn Dr. H e m a 1 a, der trotz seiner unproletarischen Herkunft als Führer der katholischen Arbeiter figuriert, im Bundesrat damit protzen läßt, er habe einen jüdischen Bankvertreter, der ihm die Gründung einer Gewerkschaftsbank vorschlug, hinauskomplimentiert. Wir wollen die Wahrheit dieser Erzählung nicht bestreiten — aber was beweist sie? Ais der jüdische Länderbankdirektor Hahn dem neuernannten, in schwersten Finanznöten schwebenden Bürgermeister Dr. Lueger durch einen großzügigen Kredit die Möglichkeit zur Durchführung des christlichsozialen Kommunalprogrammes bot, wurde er nicht hinauskomplimentiert. Ebensowenig die verschiedenen jüdischen Bankiers, die mit Luegers Nachfolgern in der Parteileitung Geschäfte machten und zum Teil noch immer machen. Auf diese Förderer der christlichsozialen Finanzpolitik und des — Parteifonds bezieht sich wohl I

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