Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 5 (3.2.1933)
- Date
- 1933-02-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064350-3064355--19169-3084277- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Oradea 1× ep/1002404
OCR text
ME WAHRHEIT Seite g Die am 30. Jänner 1933 im Festsaale des Hotel Continental in Wien tagende Versammlung des «Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs" gibt ihrer tiefsten Cntrüstune Ausdruck über die ungeheuerlichen Anklagen und Beschimpfungen, welche in dem letzten Hirtenbrief des Bischofs von Linz gegen die Gesamtheit des Judentums erhoben wurden. Die Versammlung drückt ihr Bedauern darüber aas. daß der Bischof von Linz es für gut befunden hat, die Entrechtung der Juden durch Ausnahmsgesetze zu verlangen. Die jüdische Bevölkerung verwahrt sich entschieden dagegen, daß durch derartige Enunziationen. aus denen trotz aller Bemäntelungen krasser Antisemitismus .spricht, noch neuer Zündstoff in die durch Not. Elend und Parteibader ohnehin erregte Bevölkerung getragen wird. Der „Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs" bedauert es. daß die Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung immer wieder verletzt wird und daß die Regierung kein Wort der Abwehr gegenüber den schweren Beleidigungen hat. denen das Judentum durch den Hirtenbrief des Linzer Bischofs ausgesetzt war. Der „Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs", dessen Mitglieder im Kriege ihre Püicht dem alten Vaterlande gegenüber voll und ganz erfüllt haben und dessen Mitglieder ihre Pflichten auch gegenüber dem neuen Oesterreich als loyale Staatsbürger getreu erfüllen, gibt seiner tiefsten Empörung darüber Ausdruck, daß von so hoher kirchlicher Stelle statt Liebe Haß und Verachtung gepredigt wird, und fordert die gesamte Bevölkerung auf. Verhetzungen — von wo immer sie auch kommen mögen — kein Gehör zu schenken und alle Kräfte zu vereinigen, um für eine bessere Zukunft Oesterreichs zu arbeiten. Das allgemeine Kultuswahlrecht. Der Beschluß der jiidischnationalcii Mehrheit des Kultusvorstandes auf Einführung des unbeschränkten allgemeinen Wahlrechtes hat in der breitesten jüdischen Oeftentlichksit, wie nicht anders zu erwarten war, lebhaften Widerspruch gefunden. Das beweisen u. a. auch die zahlreichen Zuschriften, die unserer Redaktion zu dieser Frage zugekommen sind und in denen der Entrüstung über den übereilten Beschluß Ausdruck gegeben wird. Aus der großen Fülle dieser Einsendungen veröffentlichen wir im folgenden drei an uns gelangte Zuschriften, die vielleicht! den neuen Machthabern in der Kultusgemeinde zu denken geben werden: Der Vorstand der Agudas Jisroel hat mit Bedauern und Entrüstung davon Kenntnis genommen, daß der neugewählte Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in seiner ersten Sitzung den Beschluß gefaßt bat. den Frauen das passive Wahlrecht für den Kultusvorstand zu verleihen. Es ist tiei zu beklagen und muß schmerzlich berühren, daß eine Körperschaft, die durch das Gesetz verpflichtet ist. die religiösen Aufgaben der Wiener Judenschaft zu vertreten, sich nach dem einhelligen Gutachten maßgebender Autoritäten in so schroffen Gegensatz zum Religionsgesetz stellt. Die Agudas Jisroel. als Zusammenfassung der giaubenstreuen Judenschaft, legt gegen diese schwere Verletzung des religiösen Empfindens den schärfsten Protest ein und erwartet von allen Körperschaften, die den religiösen jüdischen Gedanken hochhalten, daß sie sich diesem Protest anschließen. * * * Wahlrecht - Austrittsbewegung. Die neue nationaljüdische Majorität der Kultusgemeinde hat den Antrag auf Einführung des allgemeinen, auch auf Frauen auszudehnenden aktiven und passiven Wahlrechtes angenommen. Die oppositionellen unionistischen Kultusräte, die gegen diesen Antrag aus sehr trittigen Gründen Stellung nahmen, wurden seitens der Mehrheitsredner als Leute hingestellt, die bar jedes demokratischen Empfindens sind. Zunächst ist es noch sehr die Frage;, ob in religiösen Fragen die landesübliche Auffassung über Demokratie angebracht ist da infolge der grundlegenden Verschiedenheiten in der Struktur der religiösen Empfindungen eine einheitliche Auffassung nicht denkbar ist. Die jüdische Frau hat seit jeher im Dienste der jüdischen, wie interkonfessionellen Wohltätigkeit hervorragend ihren Platz in der Gesellschaft ausgefüllt und nie wurde es als Mangel empfunden, wenn sie dem politischen Getriebe der Parteien fernblieb. Es würde in diesem Zusammenhange zu weit führen, wollte man die von unseren Vorfahren den Frauen zugewiesenen Funktionen auf dem Gebiete der Erziehung des jüdischen Kindes besonders hervorheben, soviel sei jedoch festgestellt daß es der jüdischen Allgemeinheit nützlicher wäre, wenn den Frauen jene Gebiete belassen werden, für die sie am ehesten prädisponiert sind. Will die neue Majorität in der Kultusgemeinde einen wirklich aktuellen, der Gesamtheit des Wiener Judentums dienenden Antrag stellen, so möge sie dahin wirken, daß gegenüber den Austritten aus dem Judentum eine interparteiliche Aktion zum Zwecke der Eindämmung dieser Gefahr eingeleitet werde, wobei wir der Ueberzeugung sind, daß sich die wirklich ganz hervorragenden, international anerkannten Gelehrten in Wien im Wege allgemeiner Vorträge in den Dienst dieses heiligen Abwehrkampfes stellen werden. Ph. Glück. * Verehrliche Redaktion!*) Als unpolitisches Mitglied der Wiener Kultusgemeinde möchte ich mir erlauben, mich zu dem Abstimmungs-Ergebnis über den Antrag zur Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes mit wenigen Worten zu äußern. Im staatsbürgerlichen Leben hat dieses Recht seinen Sinn darin, daß, da schon jeder 20jährige im Kriegsfall, wenns not tut mit seinem Leben für den Schutz der Heimat eintreten muß. Solcher Pflicht muß das Recht gegenüberstehen, in öffentlichen Dingen durch die „Wahl" mitreden, mitentscheiden zu dürfen. Erst die jüngste Vergangenheit brachte aber die Erkenntnis von den darin liegenden großen Gefahren, es sei nur auf Hitlers große Wahlerfolge als Resultat der Ideologie der Jungwählerschaft verwiesen. Weite Kreise des deutschen Volkes möchten daher jetzt eine Korrektur des Wahlrechtes schaffen. Das Ob und Wie bleibt dahingestellt Damit wurde aber etwas wieder zum Problem, was es schon seit Jahrzehnten nicht mehr war. Sich darüber achtlos hinwegsetzen, wäre wenig weitblickend! Für die Aufnahme dieser Zeilen bestens dankend, hochachtungsvoll _ K.-R. Theodor Ehrenstein. *) Dieser an die Redaktion der „Stimme" gerichtete Brief wurde uns vom Verfasser zur Verfügung gestellt: wir sind neugierig, ob ihn das jüdischnationale Blatt veröffentlichen wird. D. Red. Die Siudentenexzesse in Czernowitz. Von unserem Antisemitische Ausschreitungen waren in Rumänien oft nichts anderes als wohlverschleierte Ablenkungsmanöver, durch welche die Situation dter jeweiligen Regierung für einige Zeit erleichtert werden sollte. Wenn nun vor wenigen Tagen auch in der Metropole, in Bucurestä, sich Zusammenstöße zwischen der antisemitischen Eisernen Garde und der Polizei ereigneten, wobei einige Verletzungen und Verhaftungen vorkamen, so hat dies mit der Situation dier Regierung nichts zu tun und die jüngsten Stisdlentenexzesse in Czernowitz können auch nur als eine Kundgebung zur Bekämpfung des Kommunismus bezeichnet werden. Daß der Kommunismus nicht durch die Studenten und am allerwenigsten durch Ausschreitungen gegen die -Juden bekämpft werden kann, das können die jungen Leute offenbar nicht begreifen. Sie wenden sich gegen die Kommunisten und ziehen los gegen die Juden. Damit schießen sie freilich weit über das Ziel. Denn die Juden sind stets und überall, ihrer Lehre unldl ihrer Tradition gemäß, patriotisch, friedliebend und kulturfördernd und leisten im Verhältnisse mehr für das rumänische Vaterland als jene, welche nur Unruhe und Verwirrung stiften und es zu ihrem eigenen Vorteile ausbeuten. Seit einigen Wochen ist beim hiesigen Strafgerichte «in Prozeß gegen einige Kommunisten anhängig, welcher daldurch an Bedeutung gewinnt, daß die Beschuldigten den Kommunismus in die Korrespondenten. Schulen verpflanzen wollten. Deshalb waren sie bei der Polizei Mißhandlungen ausgesetzt, welcher Umstand in der Presse des ganzen Landes viel Staub aufwirbelte, worauf (rJirei Polizeifunktionäre von ihrem Dienste suspendiert wurden. Strafprozesse gegen Kommunisten sind hier nun keine Seltenheit. Keine einzige Verhandlung wurde aber bisnun gegen Kommunisten durchgeführt, ohne daß sich merkwürdigerweise die antisemitische Studentenschaft in übermäßiger Anzahl herangedrängt hätte. Am 13. Jänner dieses Jahres sollte eine Verhandlung stattfinden, welche aber auf den 19. vertagt wurde. Auf dem Wege vom Gerichtssaale zum Gefängnisse wurden die Häftlinge von den Studenten überfallen und trotz der zahlreichen Polizeieskorte blutig mißhandelt, was die lokalen Blätter zu einer abfälligen Kritik herausforderte. Zur Verhandlung am 19. Jänner kamen wieldier die antisemitischen Shidenten in Massen herbei, konnten aber angesichts der polizeilicherseits getroffenen Maßnahmen gegen die Häftlinge nichts unternehmen, zumal es der Polizei gelungen war, durch ein geschicktes Manöver die Häftlinge unbehelligt in das Gefängnis zu bringen. Als die Studenten sich irregeführt sahen, wollten sie nun ihr Mütchen kühlen und versammelten sich vor ihrem Heim in der Nähe Idler Universität und verfolgten durch Mißhandlungen jeden jüdischen Passanten, bis sich deren mehrere angesammelt, die sich zur Wehr setzten. Welchen Heldenmut diese Studenten aufbrachten, wenn sie scharenweise sich auf ahnungslose Passanten warfen und sie verprügelten, bedarf keiner besonldieren Erwähnung. Die Tatsache als solche ist genug beschämend. Am Nachmittag formierten sich die Studenten in einem geschlossenen Zug und zogen singend und johlend durch die Stadt, umgeben von der Polizei, welche Kiie Gegner zurückdrängte, um keine Zusammenstöße aufkommen zu lassen. Bezeichnend für das unbegründet» und mutwillige Treiben der irregeleiteten Studentenschaft ist der Umstand, daß, während sie am Donnerstag gegen die Kommunisten demonstrierte und! gegen die Juden loszog, sie am Freitag vor dem Nationaltheater tobte, weil daselbst eine Schauspielerin, eine getaufte Jüdin, auftreten sollte. Die Vorstellung wurde zwar abgesagt, aber auch die Rädelsführer der Studenten in Haft genommen. Als aber Samstag ein kranker jüdischer Zeitungsverkäufer von einem Studenten am Ringplatz überfallen und mißhandelt wurde, sahen sich die Juden provoziert und nachdem auch andere Studenten dem Rohling zu Hilfe eilten, organisierten die jüdischen Studenten ad hoc eine Wehr und verfolgten ihre Gegner bis in das rumänische Haus, wo es zu Prügeleien kam. Nachdem nun auch die Polizei eingeschritten und die Gegner voneinander trennte, formierten die Juden einen Demonstrationszug, um vor dem Regierungspakris gegen die willkürlichen Gewaltakte der Antisemiten zu protestieren. Unterwegs kam ihnen jeldbch der Chef des Sicherheitswesens entgegen und den Führern versichernd, daß er unter keinen Umständen Ausschreitungen gegen die Juden zulassen werde, ersuchte er, von weiteren Demonstrationen Abstand zu nehmen. Infolge dieser Zusage wurde der Demonstrationszug aufgelöst urrl die Teilnehmer zerstreuten sich in aller Ruhe. Seitdem patrouillieren in der Stadt Wachleute in Begleitung von je zwei Gendarmen, welche in größerer Anzahl aus der Provinz nach Czernowitz herangezogen wurden. In Fortsetzung dies Strafverfahrens fand auch am 26. Jänner gegen die Kommunisten eine Verhandlung statt, die aber in voller Ruhe verlief. Wohl veranstaltete eine unbedeutende Anzahl Studenten einen Demonstraitionszug durch die Stadt, ohne jemand zu belästigen. Im großen und ganzen ist das Resultat der jüngsten Studentenexzesse, daß einige Juden mit blutigen Köpfen davonkamen, während gar kein Sachschaden zu verzeichnen ist. Bernhard Rippel, Czernowitz. * Fortdauernde Exzesse. Am 29. v. M. kam es in Jassy zu einem Zusammenstoß zwischen antisemitischen Studenten und der Polizei. Die Studenten versuchten, in der Nähe <2er Kathedrale ein Haus zu zerstören, in dem Juden wohnen, da sich unter diesem Hause angeblich Heldengräber aus der Zeit des Herzogs Stephan befinden. Zu antisemitischen Exzessen kam es auch in Kischinew, wo elf Personen verhaftet wurden. In B r a i 1 a wurden bei antisemitischen Demonstrationen einige Studenten verwundet. In Bukarest kam es zu einer antisemitischen Kundgebung, die jedoch ohne Zwischenfall verlief. In Oradea Mare versuchten die Studenten ebenfalls eine antisemitische Kundgebung, doch gelang es der Polizei, die Kundgebung zu vereiteln. Veröffentlicßunpen der „Vnhn" Konstituierung des Klubs der unionistischen Mandatare. Sonntag, den 29. v. M., fand im Klubsaal des Cafe E x c e 1 s i o r unter Vorsitz des Obmannes des Klubs der unionistischen Kultusvorsteher, Herrn Dr. Josef Ticho, die Konstituierung des Klubs der unionistischen Mandatare statt. Nach Annahme des Klubstatuts wurde die Klubleitung gewählt. Zum Obmann wurde Herr Dr. Josef Ticho bestimmt, in den Ausschuß für die unionistischen Kultusvorsteher die Herren Baurat Wjlhelm Kemp 1 er und Dr. Paul Raumann, bezw. als deren Ersatz die Herren Dr. Emst Feldsberg und Geza K1 i n g e r, für die unionistischen Bezirkskommissionsmitglieder die Herren Magister Hermann B e r g e r und Eduard W i d r i c h, bezw. Siegmund Freund und S. K o h n entsendet. Den Mitteilungen des Herrn Univ.rDozenten Dr. Hugo Stern über die am Samstag, den 18. d. M., im Festsaal des Restaurants Tonello stattfindende