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Die Wahrheit · 1933-02-03 · Heft 5 (3.2.1933) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 5 (3.2.1933)
Date
1933-02-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT stockt, wenn man all diesen Schimpf über sich ergossen bekommt und es bedarf erst einiger Sammlung, um all das zu erfassen, was der Bischof zu sagen wagt. Wenn das. was der Bischof in seinein Lüizer Hirtenbrief schreibt. Christentum sein soll dann sehen wir. wie unsere sogenannte Verblendung am Platze ist. Wir halten zu unserem einzigen Gott, der uns trotz, oder gerade wegen dieser Verblendung, trotz Pogromen und Verfolgungen bis heute erhalten hat Wir wollen aufrechte Juden bleiben, unserem Gotte treu, unserem Staate treu. Wir sind ein lebensfähiger, vollwertiger Menschenschlag, unser Judentum ist voll Ethik, denn unser Hauptgesetz lautet: Weohafto lereecho komaucho. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Derselbe Satz, den Sie in Ihrem Hirtenbrief zitieren. Wir als die Meistbedrückten, verstehen eben arme, unterdrückte Menschen, da wir selbst seit Jahrtausenden allen möglichen Verfolgungen ausgesetzt sind. Wir klagen unsere Feinde vor Gott und vor allen Menschen mit wahrer Ethik an: Ihr habt uns entrechtet, an Körper und Geist siech gemacht Ihr wolltet aus uns ein Volk der Krämer machen, denn Ihr habt uns einstens Gewerbe und Landwirtschaft verschlossen und Euer Streben ist es heute wieder, uns von allen Aemtern und Gerichten, von aller Lehr- und Lerntätigkeit fernzuhalten. Euer Bestreben ist es. uns in den Augen der Welt schlecht zu machen. Erst die Aera der Naturwissenschaften und der Aufklärung lockerte etwas unsere Fesseln, wir suchen den Weg ins Freie und werden ihn finden. Als freie Menschen haben wir unserem Vaterlande all das gegeben, was es von uns als Bürger verlangte, wir sind unter denselben Fahnen ins Feld gezogen, die Sie Herr Bischof gesegnet haben und riesengroß sind unsere Blutopfer. Wir bedauern, daß Sie sich in die Reihen jener Menschen gestellt haben, die statt Liebe Haß predigen. Aber wir sind Ihnen auch dankbar, daß Sie weiten Kreisen der jüdischen Bevölkerung die Augen geöffnet haben. Viele von uns sind aufgerüttelt worden und sagen sich wie Hülel: ..Im ani Ii — mi Ii." Wenn ich nicht für mich, wer denn für mich. Aus den Gräbern unserer fürs Vaterland gefallenen Brüder ertönt der Ruf: „Wofür haben wir gekämpft, wofür sind wir gefallen. Wofür?" Vom Schulbuben bis zum Bischof von Linz hinauf glaubt jeder, seine Schuhe an uns abstreifen zu dürfen, sie bewegen sich auf der Linie des geringsten Widerstandes. Wenn wir aber einig sind, werden alle ihre Versuche zuschanden werden. Wir Juden haben gelernt zu warten. Wir werden mit Gattes Hilfe auch die Folgen Ihres Hirtenbriefes überdauern. Reg.-Rat Dr. Lenk, der einer Einladung dies „Bundes jüdischer Frontsoldaten", als Hauptredner des Abends aufzutreten, gefolgt war, verwies in seinen einleitenden Worten darauf, daß die Protestversaimmlung an einem historischen Tage für Deutschland; und zugleich einem denkwürdigen Tage für die Judenschaft abgehalten werde. Denn heute ist Hitler zum Kanzler des Deutschen Reiches berufen worden, ein Mann, der durch die Schlammfluten des niedrigsten Hasses emporgetragen wurde, ein Mann, der wie noch kein anderer vor ihm zersetzend im deutschen Volke gewirkt, der die Judenächtung zum Tragbalken seiner Politik, der die Judenverfolgung zum Hauptinhalte seines Programmes gemacht hat, ein Mann, der uns Juden die Menschenehre abspricht, der uns um unsere staatsbürgerlichen Rechte und! um unsere wirtschaftliche Stellung im Staate« bringen wäll, ein Mann, der sich aber auch in eine Kampfstellung zur katholischen Kirche begab. Es ist deshalb begreiflich, daß der jüngste Hirtenbrief des Linzer Bischofs sich gegen den Nationalsozialismus wendet und dessen Programm bekämpft, das im Gegensatz zur internationalen katholischen Kirche einei neuen national-deutschen Kirche das Wort redet. Wir Juden hätten nicht den geringsten Anlaß, diesen Zwiespalt zwischen Nationalsozialismus und katholischer Kirche in den Kreis einer öffentlichen Auseinandersetzung zu ziehen. Ebenso begreiflich ist es, daß sich der Linz er Hirtenbrief mit Entschiedenheit gegen den Sozialismus mit seinen verschiedenen Färbungen wendet, auch in diesen Widerstreit auch nur mit einem Worte einzugreifen, läge nicht der geringste Grund für uns als Juden vor. Poch wogegen wir mit Entrüstung und Empörung unsere Stimme erheben, wogegen wir in der allerschärfsten Torrn Verwahrung einlegen, was wir schweigend nicht mehr ertragen und dulden wollen, das ist der Versuch des Hirtenbriefes, auf dem Rücken der Juden den Kampf der katholischen Kirche gegen die nationalistische Idee eines Hitler und gegen die internationaile Idee des Sozialismus auszutragen. Freilich, der Hirtenbrief behebt zu differenzieren zwischen Juden und Juden, zwischen religiösen Juden und gottentfremdeten Juden. Die einen zieht der Bischof zärtlich an sein Herz, während er gegen die anderen seinen Bannfluch schleudert. Wir Juden kennen diese Melodie bereits aus vergangenen Tagen. Auch Lueger hat in seinem Kampfe gegen den deutschnationalen Chauvinisten Schönerer und dessen Rassenantisemitismus sich dieser Melodie bedient. Dieselbe Tonart hörten wir auch wieder im vergangenen Jahr, als der Führer des klerkaien Flügels der christlichsozialen Partei, Herr Nationalrat Schmitz, im Zusammenhang, mit der Studentenordnung seine große Rede über, die Gründe des Antisemitismus hielt Die gleichen Gedankengänge sind im Hirtenbrief wie in dieser Rede zu finden. Theoretisch bekannte sich Herr Schmitz als Gegner von Ausnahmsgesetzen gegen die Juden, doch was die Praxis anlangt, da verwies er auf die Analogie des Inlandsarbeiterschutzgesetzes, indem er deutlich durchblicken ließ, daß ein ähnliches Schutzgesetz geeignet wäre, auch den christlichen Bürgern und deren Söhnen Vorzugsrechte vor den jüdischen zu verschaffen. Der christliche Parteiführer Schmitz bekannte, Zeiten der wirtschaftlichen Not seien auch immer Zeiten des gesteigerten Antisemitismus. Und noch schärfer brachte die wahren Motive des Antisemitismus der neue Generalsekretär der christlichsozialen Partei, Herr Krassa, zum Ausdruck, indem er offen erklärte, die christlichsoziale Partei könne im Kampfe gegen die anstürmenden Nationalsozialisten nicht auf das Schlagwort des Antisemitismus verzichten. Diese Reminiszenzen vorzubringen, ist notwendig, um die wahre Tendenz des Hirtenbriefes zu durchschauen, um zwischen den Zeilen desselben lesen zu können. Die heutige „Reichspost" wundert sich darüber, daß die „Union österreichischer Juden" in so scharfer und energischer Weise in ihrer Entschließung gegen den Hirtenbrief Stellung nimmt, sie wundert sich darüber, daß der „Bund jüdischer Frontsoldaten" es für notwendig Mit, heute hier eine Protestversammlung abzuhalten. Ja, verstehen denn die Juden dieser beiden Vereinigungen nicht .daß sich der Hirtenbrief gar nicht gegen sie wende, daß doch ganz andere Juden gemeint seien? Ja, hält uns denn die „Reichspost" für noch dümmer, als dies schon der Hirtenbrief tat? Glaub* man wirklich, daß wir den Herren auf den Leim gehen werden bei ihrer Methode, den Sack zu schlagen und den Esel zu meinen? Ich für meine Person bin nicht so „eselhaft", so einfältig, jetzt hier vor dieser Versammlung darzulegen, was Juden, deutsche und österreichische Juden auf allen Gebieten der Kultur geleistet haben, zu zeigen, was Juden in Kunst und Wissenschaft, als Forscher und Landerschließer, als Erfinder und Organisatoren im wirtschaftlichen Leben, was jüdische Philosophen, Rechtsgelehrte, Staatswässenschaftler und Literaten den anderen Kulturen und nicht am wenigsten der deutschen Kultur im Laufe der Jahrhunderte gegeben haben — vielleicht sogar den anderen zuviel und uns selbst zu wenig — in dieser Versammlung kann ich darauf verzichten, darzutun, daß die geistigen Schrittmacher der von der Kirche verfemten liberalen und materialistischen Gedankengänge durchaus nicht Juden, sondern Christen gewesen sind. Wir wollen darauf verzichten, tauben Ohren zu predigen, Ohren, die nicht hören wollen, es hat keinen Zweck, dem Verfasser des Hirtenbriefes und1 den Herren um die „Reichspost" wieder einmal die schon tausendfach bewiesene Unrichtigkeit ihrer Pauschalanklagen in Erinnerung zu bringen. Wir kennen das christlichsozäafe Parteiprogramm und wissen, daß dort der Kampf gegen die „zersetzenden Einflüsse des Judentums auf allen Gebieten", wozu nun auch der Linzer Hirtenbrief unter Verschwenldlung so vielen wissenschaftlichen Rüstzeuges die ganze Christenheit auffordert, bereits festgelegt erscheint. Wenn „zersetzen" heißt, nicht auf der geistigen Scholle kleben bleiben, die Mittel der menschlichen Vernunft und Kritik gegenüber allen Zeiterscheinungen in Anwendung bringen, wenn „zersetzen" heißt, mitarbeiten an der Höherentwicklung der Menschheit, mitarbeiten .an der Verbreiterung der Zivilisation, weo* „zersetzen" heißt, nicht stille stehen, sondern vorwärtsschreiten, wena „zersetzen" bedeutet, die Menschet von den Schlacken der Tiernatur befreien, dann wollen wir Juden gerne und stolz zugeben, zersetzende Elemente zu sein. Das Judentum hat dazu beigetragen, die Menschheit aus der Barbarei zu befreien, es hat durch did Verbrettung seiner ureigene» ethischen unid! moralischen Gesetze der Menschheit den größten Dienst geleistet, hat mitgewirkt an der Vermenschlichung der „Bestie im Mensche n". Wahrlich, wir benötigen nicht die Belehrung des Hirtenbriefes, wir wissen nur zu gut, daß unsere Religionsgenossenschaft ebenso wie jede andere Schädlinge in ihren Reihen hat. Schädlinge vor allem an unserem Judentume selbst. Wir lehnen die Unterscheidung, die der Hirtenbrief macht, mit aller Entschiedenheit ab, eine Unterscheidung, die nur deshalb gemacht wird, um in „christlicher Nächstenliebe", zu verhüllen, daß der Kampf der gesamten jüdischen Gemeinschaft, dem Judentume selbst, gilt. Wir Juden als Gesamtheit haben keinen Grund, diesen Antisemitismus zu fürchten. Wo Schatten, da ist auch Licht. Der Antisemitismus hat noch immer unsere Gegner schlechter, uns selbst aber immer nur besser gemacht. Er ist „e i n T e i 1 von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft". Wenn wir schon das Böse, den Antisemitismus ertragen müssen, so nützen wir doch auch das Gute, das aus ihm für uns selbst hervorquellen kann, w i r sind stark, wenn wir uns nur entschlossen zusammenschließen, wenn wir zur ewigen Wurzel unserer Kraft zurückkehren, wenn wir den Zusammenhang mit dem wirklich gelebten Judentum zu festigen verstehen. Die Anschauungen über die Wege, die zu diesem Ziele führen, mögen verschieden sein, es soll und muß jeder Weg gegangen werden, wenn er nur zum Ziele führt, zur Erhaltung unseres Judentums. Wenn auch eine Welt sich gegen uns wendet, wir können vieles verlieren, doch nur uns selbst dürfen wir nicht verlieren. Nur der ist verloren, der sich selbst aufgibt. Das wollen und werden wir nicht. Und wenn der Hirtenbrief die „moderne Zeit" aufruft, „einen starken Damm aufzurichten gegen all den geistigen Unrat und die unsittliche Schlammflut, die vorwiegend vom Judentum .aus die Welt zu überschwemmen drohen", dann rufen wir die Gesamtheit der Juden auf, einen mächtigen Damm aufzurichten, einen Damm, um allen unsittlichen Unrat von uns Juden abzuwehren. Alle Juden müssen auf diesen Damm, an diesen Damm heran, in der einen Hand die Kelle, in der anderen das Schwert, um den Schutzwall aufzurichten, um zu arbeiten und zu kämpfen. Dann werden wir uns selbst alle geeint wiederfinden, dann werden wir die i n n e r e Sicherheit erlangen, die Gewißheit, daß wir nicht unterzukriegen sind. Weg mit dem Appell an die Gewalt! Weg mit dem wilden Aufbäumen der Leidenschaften! Was wir brauchen ist klare Vernunft, entschlossener Mut und Solidarität. Arbeiten wir an uns selbst, stärken und festigen wirunsere Gemeinschaft, unser jüdisches Haus, dann braucht uns auf die Dauer nicht bange zu sein. In dieser Zeit der allgemeinen Wirrnis, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, aus dieser Zeit der Judennot möge erstehen eine geschlossene Front gegen unsere WidersacherundFeinde:Wennwireinig sind, werden wir triumphieren. Die Rede Dr. L e n k s machte gewaltigen Eindruck. Man hatte die Empfindung, daß der Redner ' allen aus der empörten Seele gesprochen. Lauter Beifall unterbrach wiederholt seine zündenden Ausführungen, der Schlußappell besonders löste geradezu Begeisterung aus, die sich in stürmischer Weise manifestierte. Um so erhebender war das Schweigen, mit dem der Aufforderung des Vorsitzenden gemäß die vom Schriftführer Dr. Lamber g vorgetragene Resolution aufgenommen wurde. Mit der dadurch bekundeten Annahme der hier im Wortlaut folgenden Entschließung schloß die eindrucksvolle Versammlung:

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