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Die Wahrheit · 1933-02-03 · Heft 5 (3.2.1933) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 5 (3.2.1933)
Date
1933-02-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 stalten nur das Spital dürfte ein Defizit von 100.000 Pengö aufweisen. Die Gemeinde bezieht von ihren 57.200 Mitgliedern 1,200.000 Pengö Steuereingänge. 5800 Mitglieder wurden wegen gänzlicher Verarmung aus der Liste der Steuerzahler gestrichen. Der Steuernachlaß betrug 408.000 Pengö. Die Zahl der steuerzahlenden Mitglieder wuchs im vergangenen Jahre um rund 6500. Die Kultuskopfsteuer beträgt 20 Pengö. Innerhalb zweier Jahre ist das Budget um 600.000 Pengö gekürzt worden, ohne daß die Gemeinde gezwungen gewesen wäre, ihre Institutionen auch nur irgendwie abzubauen. Alle diese Ziffern entnehme ich dem Generalversammlungsberichte, den mir Präsident Hofrat Samuel Stern gelegentlich der längeren Unterredung, die er mir in freundlicher Weise im Präsidium der Gemeinde gewährte, übergab. Bevor wir bei ihm erschienen, zeigte mir mein liebenswürdiger Mentor Dr. S z a b o 1 c s i das Gemeindehaus, stolz das Kulturhaus genannt. Und wahrlich, es spricht Kultur aus diesem prachtvollen Gebäude. Nicht so sehr "die Eleganz des Hauses wirkt bestechend als dessen sinnvolle Anlage. Jeder Teil wird seiner Bestimmung durchaus gerecht, ob man nun im unteren Stockwerk das eindrucksvolle Sitzungszimmer des Rabbinates, im mittleren Stockwerk den geräumigen Saal für die Generalversammlung oder gar im oberen Stockwerk den Karl-Goldmark-Saal bewundert. Der letztgenannte Raum, der mit seinen drei Abteilungen rund 1000 Besucher fassen kann, ist ein besonderes Prachtstück. Er ist für eigene gesellschaftliche und kulturelle Veranstaltungen bestimmt und man kann sich angesichts der Würde, die hier ausströmt, lebhaft vorstellen, wie feierlich diese Veranstaltungen sind. Unter anderem beherbergt der Saal die Jüdische Volkshochschule, in der Männer der Wissenschaft und der Feder Vorträge über alle möglichen Wissensgebiete halten, eine Krönung des bekanntlich sehr ausgedehnten Budapester jüdischen Schulsystems, das als mustergültig bezeichnet werden darf. So sehen wir Leistung über Leistung in der Budapester Gemeinde, und es war für mich eine besondere Ehre, den Mann kennenzulernen, der für sich den Löwenanteil an diesen Schöpfungen beanspruchen darf. Wenn man Hofrat Samuel Stern gegenübertritt, versteht man vieles von dem, was man in Budapest gesehen. Ein kluger Mensch leitet die Buldiapester Gemeinde, das ist der Eindruck, der einem von der Unterredung mit diesem ausgezeichneten Manne zurückbleibt. Er ist stolz auf die Dinge, die während seiner bisherigen Amtszeit geschaffen wurden, und wahrlich, er dhrf es sein. Man kann nur wünschen, daß es Hofrat Samuel Stern, unterstützt von seinen trefflichen Vorstandskollegen und dem Beamtenstab, an dessen Spitze seit gerade 25 Jahren Generalsekretär Alexander Eppler steht, gelingen möge, die Gemeinde in gleicher Pracht zu erhalten, in der sie heute dasteht. Ein Besuch beim Budapester Judentum ist ungemein lehrreich, man kann ihn dien Führern so mancher Gemeinde empfehlen, insbesondere jenen Führern, die glauben, daß Parteipolitik alles ist. In Budapest wird ohne Parteidogma regiert, dafür aber unendlich viel geleistet. ENODME AUSWAHL DILLIGSTE PREISE E pPlÖN #S 1* %. TEPPICHE VORHÄNGE nöBELSTorr-E, rechen NUR I, BAUERNMARKT 12 14 Kein Priester der Nächstenliebe. Der Hirtenbrief dies Linzer Bischofs hat in allen Kreisen der österreichischen Judenschaft tiefste Empörung und Erbitterung ausgelöst. Die österreichische Judenschaft war wohl selten so einmütig wie diesmal in der Ablehnung der Pauschalverdächtigungen, von denen dieser Hirtenbrief strotzt. Diel Sucht des Bischofs, d;en Nationalsozialismus, dessen Rassenwahn er ablehnt, noch zu übertrumpfen durch den von ihm geoffenbarten „geistigen und ethischen Antisemitismus" findet allenthalben die richtige Erklärung. Man begreift es, daß es das Bestreben des katholischen Würdenträgers ist, seine Schäflein, die lern Spuke des Hitlerrums auch in Oesterreich zu folgen drohen, für sich zu retten, aber daß der Herr Bischof keine andere Rettung kennt, als selbst Haß zu predigen, das ist unchristlich und unmenschlich. Sein unmittelbarer Vorgesetzter, der Erzbischof von Wien, Prof. Dr. I n n i t z e r, hat bei seinem Antritte seines ehrwürdigen Amtes ausdrücklich das Gebot der Nächstenliebe, die sich auf alle Menschen erstrecken muß. betont. Der Linzer Bischof befolgt diese Worte in merkwürdiger Weise und findet dennoch von katholischer Seite keine Zurechtweisung, im Gegenteil, die „R e i c h s p o s t" sucht beinahe tagtäglich seine Haltung als durchaus verständlich hinzustellen. Die Judenschaft sieht sich in ihrer berechtigten Empörung vereinsamt, um so erhebender ist das Gefühl, daß sie wenigstens in dieser bitteren Stunde geschlossen dasteht, wie die verschiedenen Kundgebungen gegen diesen unerhörten Hirtenbrief beweisen. Besonderen Eindruck hat zunächst einmal eine in den Sonntagsblättern veröffentlichte Entschließung der „Union österreichischer Juden" gemacht, die folgenden Wortlaut hat: Die „Union" als Vereinigung österreichischer Bundesbürger jüdischen Glaubens legt entschiedenste Verwahrung ein gegen die im jüngsten Hirtenbrief des Bischofs von Linz enthaltenen Pauschalanklagen gegen das Judentum. einem begrasten Hügel legte er sich nieder und versank in Gedanken. Er dachte an die Zeit, als er noch alles tun konnte, als er noch seine Geliebte umarmte ... Er erinnerte sich der Mahnungen seiner inzwischen aus Gram verstorbenen Mutter, die ihm riet, nach dem Auslande zu gehen. „Besser lebend im weiten Land', als tot im Sand." Ein bitteres Lächeln glitt über sein fahles Gesicht, als er sich die Abwehrungen und Beruhigungen vergegenwärtigte, die er seiner Mutter gegenüber anwandte. Er wollte der Welt zeigen, daß auch Juden Kämpfer sind und das Vaterland zu verteidigen wußten . . . Bei diesem Gedanken griff er in die Luft, nach dem Nichts, denn der stechende Schmerz meldete sich von Neuem. Schämen mußte er sich jetzt. Leiden, Schmerzen ertragen, das war der Dank des Vaterlandes. Keiner kümmerte sich um ihn. Als rüstiger, gesunder Mensch zog er in den Krieg, niedergeschlagen, zerbrochen und enttäuscht kam er ins Chaos wieder zurück. Aber das war noch zu ertragen. Die vernarbten Wunden schmerzten zwar sehr, aber er war noch jung. Wie in eine fremde Welt suchte er sich von neuem einzuleben. Aber bald stellten sich im Arm Schmerzen ein. Ein qualvolles Leben, ihm den restlichen Mut unldl die schwache Hoffnung nehmend, begann. Er füllte seine Tage aus in den Wartezimmern der Aerzte, in den Apotheken, mit Packungen und Einreibungen. Er lebte nur noch für seinen Arm, den er um jeden Preis, seiner einzigen Geliebten zuliebe, die ihn schon schreckzitternd anblickte, behalten wollte. Aber nichts half. Als sein restliches bißchen Leben auf dem Spiele stand, war es ihm doch nach all d'en Leiden zu schade. Sein tröstender Gedanke, daß er nun doch anders behandelt würde, als seine Kameraden in den „Fleischküchen" der Feldlazarette, zerrann unter der Haube der Narkose . . . Ein halbes Jahr später führte ihn seine Geliebte nach dem jüdischen Friedhofe, wo sein Arm, nach ritueller Vorschrift, begraben war und zeigte ihm das Grab, das Grab seines Glückes. Von diesem Tage an ließ sie sich weniger sehen. Er wollte es so. Sie war noch jung und er verzieh ihr. Einsam und verlassen lebte er tfahin. Eines Tages aber, als er an dem Friedhof vorbeikam, vernahm er ein leises Schluchzen einer Frau. Einer Ahnung, fernen Vermutung folgend, begab er sich an die Friedhofsmauer und — lauschte. Seine Glieder erstarrten, sein Herz zersprang bald vor Schmerz, als er seine frühere Geliebte am Grabe seines Armes erblickte. Drei Jahre lang war er mit einem Gewehr ausgerüstet und schoß, gegen seinen Willen. Und jetzt, wo er den Willen zum Schießen hatte, besaß er kein Gewehr . . . Hirten fanden ihn am nächsten Morgen erschöpft und verschmachtet an der Friedhofsmauer hegen. Er bat sie, ihn weiter so liegen zu lassen, damit er auf diese bequeme Weise mit seinem Leben abschließen könnte. Doch die in seinen Augen so grausamen Hirten erhörten seine Bitte nicht und meldeten den Vorfall der Gemeinde. Matthes Berber lebt. Sem Vaterland aber hat andere Sorgen . . . Wenn auch der Hirtenbrief den neuentflammten Rassenantisemitismus und die Verfolgung der jüdischen Religion verurteilt, so glaubt er doch im Streite gegen die Grundsätze und Propaganda der Nationalsozialisten nicht auf oberflächliche, dar antisemitischen Terminologie entlehnte Generalisierungen verzichten zu können, die in oifenem Widerspruche zu den Tatsache» der Geschichte und den Gegenwartserscheinungen stehen. Alle im Sinne der katholischen Kirche unerfreulichen Erscheinungen im modernen Kulturleben vorwiegend dem Judentum zuzuschreiben, ist unbillig und ungerecht. Während der Hirtenbrief den Anschein erwecken will, als ob der „schädliche Einfluß des Judentums" auf „viele gottentiretndete Juden" zurückzuführen sei, enthüllen die Hinweise auf Ghettc und Judenvertreibungen in früheren Zeiten — in denen es wohl nicht „viele gottentfremdete Juden" gab — und die Forderung nach Ausnahmsbestimmungen gegen das Judentum in Gesetzgebung und Verwaltung die wahren Absichten und die Tendenz eines Hirtenbriefes, der, soweit er die Beziehungen zwischen Christentum und Judentum anlangt, nur geeignet ist, „all den geistigen Unrat und die unsittliche Schlammflut" zu vermehren, die nicht, wie der Hirtenbrief sagt, vorwiegend vom Judentum, sondern vorwiegend vom Antisemitismus aus die Welt zu überschwemmen drohen. Die Achtung vor dem hohen kirchlichen Amte hätte unserer zur Wahrung der staatsbürgerlichen Rechte der österreichischen Judenschaft berufenen Vereinigung jede Kritik des Hirtenbriefes untersagt, wenn nicht der Träger dieses Amtes es für gut befunden hätte, in den politischen Kampf sich mengend, Angriffe gegen die Ehre und die Rechtstellung des Judentums zu eröffnen. * * * Ungemein imposant war eine Protestkundgebung, die der „Bund jüdischer Frontsoldaten" am Montag, den 30. v. M., im Festsaal des Hotel Continental veranstaltete. Lange vor Beginn war der große Saal bis auf das letzte Plätzchen gesteckt voll. Männer und Frauen, Alter und Jugend sah man vereinigt im Abwehrwillen gegen den Schimpf, den ein hoher katholischer Priester dem Judentum angetan. Die Kultusgemeinde hatte Vertreter entsendet, ebenso erschien von der „Union österreichischer Juden" eine starke Abordnung. Generalmajor Emil Sommer, der Führer des Bundes, eröffnete die würdevoll verlaufene Versammlung mit folgender Ansprache: In unserer schweren Zeit, da die würgende Wirtschaftskrise, der Kampf aller Regen alle, auf den Höhepunkt gestiegen ist. mußten wir das traurige Schauspiel erleben, daß von einer Stelle, die berufen ist, das Wort der Nächstenliebe, der Milde und des Erbarmens zu predigen, ein Hetzruf in die ohnehin aufgeregten und zu Haß und Verfolgung geneigten Volksmassen geworfen wurde. Der «Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs", dessen Aufgabe es ist. für die Ehre des Judentums einzutreten, weist diese Pauschalverdächtigungen der Juden zurück und wird es nicht dulden, daß heute, wie schon oft in der Vergangenheit, auf dem Rücken des Judentums der Kampf nichtjüdischer Parteien ausgetragen werde. Der „Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs" hat es daher als seine Pflicht erachtet, durch die heutige Versammlung gegen die Verdächtigungen des Hirtenbriefes vor der Oeffentlichkeit feierlich Verwahrung einzulegen, denn diese Verdächtigungen sind geeignet, die ohnedies bestehende Verhetzung gegen die Juden noch mehr zu schüren. Vorstandsmitglied Robert Politzer führte in seiner gehaltvollen Eröffnungsrede, die mit großem Beifall aufgenommen wurde, u. a. aus: Uns interessiert heute nur der Judenstandpunkt des Bischofs und ruhig können wir sagen, daß die Nationalsozialisten einen besseren Agitator und Mitstreiter gar nicht hätten finden können. Alle Schlagworte der so sattsam bekannten Plakate kommen da vor. Oer Atem

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