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Die Wahrheit · 1933-02-03 · Heft 5 (3.2.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 5 (3.2.1933)
Date
1933-02-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT fdkon jetzt vormerken... daß Sie Ihren Bedarf an Mazzoth,\Grieß und Farwel auch heuer wieder einzudecken haben bei m Jlathan (ßtodetzfag i Xcntralc: "Wien, 2. iSesirfz, JEeovotdsgassc 43 9 Telephone: A 46-1-U), A 41-9-52, A 60-2-63 5 Die feMkmiM-Jttazse.ottk und das Fabrikat ..mTarße StfkmiMOft. 5 (Mazzoth, Grieß und Farwel) sind außerdem erhältlich in allen besseren Geschäften. 5 w Besuch beim Budapester Judentum. Von Oskar H i r s c h f e 1 d. III. Die Schilderung, die im folgenden über die Leistungen der Pester Religionsgemeinde auf allen jüdischen Gebieten gegeben wird, kann natürlich keine eingehende sein, denn um alles zu besehen, reichte die kurze Zeit meines Budapester Aufenthalte^ nicht aus, und alles ausführlich zu beschreiben, idlazu mangelt es an entsprechendem Räume. Aber schon aus der liier gebotenen flüchtigen Charakteristik wird man erkennen, daß in Budapest echtes jüdisches Leben pulsiert, in einer Weise pulsiert, die die Judenschaft so mancher europäischen Großstadt mit Neid erfüllen kann. Will man das religiöse Leben einer Gemeinde kennen lernen, aiann wird man zunächst in den Tempel gehen. Die Wahl des Gotteshauses fällt dem Fremden in Budapest schwer, denn die ungarische Hauptstadt besitzt eine große Anzahl wunderschöner Synagogen. Die repräsentativste ist die Synagoge in der Tabakgasse, die in Bau unld Größe ungefähr unserem großen Leopoldstädter Tempel älinelt. Das Innere ist sogar ziemlich gleich dem des genannten Wiener Tempels, jedoch viel geräumiger. Wer beschreibt nun unser Erstaunen, als wir den Freitagabend-Gottesdienst in diesem herrlichen Gotteshause besuchten und1 dort vier- bis fünftausend Andächtige antrafen. Das ist, wie uns versichert wird, die Anzahl, die sich jeden Freitag Abend in diesem Gotteshause einfindet, eine Anzahl also, tiüe bald der Zahl der Besucher sämtlicher Freitag-Abend-Gottesdienste in Wien nahe kommt Wer jedoch diesem Gottesdienst im Budapester Tabaktempel beigewohnt hat, wird den kolossalen Andrang zu demselben verstehen. Für unsere konservativere Einstellung mag so manches, was hier zu sehen und zu hören ist, fremd! sein. Wir werden es nicht verstehen, daß die mächtige Doppelorgel einen so wesentlichen Teil des Gottesdienstes bestreitet, daß sie sogar zu hören ist, wenn die Andächtigen still das „Schemone Esre" verrichten. Aber bleibend ist der Eindruck des herrlichen Spieles dieses Instrumentes, das den Rahmen gibt für den Gesang des durch einen großen prächtigen Chor unterstützten Oberkantors. Der Tabaktempel besitzt zwei Oberkantoren, die abwechselnd am Sabbath die Funktion inne haben, die bekannten Oberkantoren Abrahamson und Linetzky. Anläßlich des von uns besuchten Gottesdienstes fungierte der letztgenannte in ganz ausgezeichneter, eindrucksvoller Weise. Die Predigt hielt damals der berühmte Oberrabbiner Dr. Simon Hevesi, ein packender Redner. Im Tabaktempel fungierten auch der hochangesehene Oberrabbiner Dr. Julius Fischer sowie der Sohn Dr. Simon Hevesis Rabbiner Doktor Franz Hevesi und der Rabbiner Dr. Sigmund Großmann. Interessant ist, daß von den neologen Tempeln nur der Tabaktempel den Almemor an der Stirnwand hat, alle anderen besitzen ihn so wie bei uns nur die orthodoxen Bethäuser in der Mitte. Die Budapester Gemeinde hat in den letzten Jahren aus der noch zu behandelnden englischen Anleihe mehrere neu1© Gotteshäuser errichtet, die alle ganz prachtvoll ausgeführt sind. Besondere Aufmerksamkeit aber verdient d'er neben dem Tabaktempel in maurischem Stile gebaute Helden-Gedenktempel, der seinen Namen zur Erinnerung an die jüdischen Helden des Weltkrieges erhielt, die in das „Helden-Kapitel" der ungarischen Regierung nicht Aufnahme finden. Dieser Tempel, in dem an Wochentagen der Morgen- und Abendgottesdienst verrichtet wird, ist ein wahres Schmuckstück. Man glaubt sich, wenn man dieses Gebäude mit seinem geräumigen Vorhof betrachtet, nach Granada versetzt, dort könnte diese schöne Synagoge stilgemäß stehen. Gleich neben dem Helden-Gedenktempel befindet sich das wenige Tage vor meiner Budapester Anwesenheit feierlich eröffnete Ungarische jüdische Landesmuseum, dessen Interieur von dem jungen Architekten Franz F a r a g o entworfen wurde. Um dieses Museum muß der Fremde die Budapester Gemeinde beneiden, insbesondere der Wiener, der bei jedem Besuche unseres jüdischen Museums, dessen bescheidene Sache durchaus abträgliche Raumverhältnisse immer wieder bedauern muß. Das Wiener jüdische Museum mag vielleicht historisch wertvollere Stücke enthalten, in der Anlage kann es einen Vergleich mit dem Budapester Museum nicht im geringsten anstreben, ja man kann fast sagen, daß dort einer der drei großen Säle den Raum einnimmt, den bei uns das ganze Museum beansprucht. Es gibt in diesen drei Prachtsälen unendlich viel zu sehen, namentlich so manches, was die Schicksalsverbundenheit des ungarischen Judentums mit dem tausendjährigen Ungarn veranschaulicht. Teilweise sensationelle Objekte und Kollektionen illustrieren die Zeremonien, Sitten und Gebräuche der Juden im Gotteshause, in der Familie unldi im Leben von der Geburt bis zum Tode. Besonders schön ist der dritte Saal, der Prachtwerke synagogaler Kunst enthält. Im oberen Stockwerk befindet sich die Porträtgalerie berühmter jüdischer Persönlichkeiten und die reichhaltige Gemeindebibliothek, in Idter sich aingesichts der hellen Freundlichkeit des geräumigen Saales die Besucher besonders wohl fühlen müssen. (Auch das Budapester Rabbiner- Seminar und das Realgymnasium besitzen große Bibliotheken.) Wenn man von diesen Neuschaffungen der Budapester Gemeinde hört, zu denen noch gewaltige- Ausgestaltungen des Spitals, des Waisenhauses, des Blinden- und Taubstummen-Institutes kommen, so drängt sich einem der Gedanke auf, woher das viele Geld für diese großen Leistungen genommen wurde. In dem ersten Aufsatze dieser Artikelreihe wurrfle ausgeführt, daß auch das Budapester Judentum den Pauperisierungsprozeß des gesamten europäischen Judentums mitgemacht hat, es ist also klar, daß aus der Mitte dieser Gemeinschaft die erforderlichen Summen nicht geholt werden konnten. Auf der anderen Seite war es der Leitung der Budapester Gemeinde klar, daß nur durch besondere Leistungen das Interesse für die Gemeinschaft unter deren Mitgliedern wachgehalten werden könnte. Es beweist nun den Weitblick dieser Leitung unldl namentlich ihres Präsidenten Hof rat Samuel Stern, daß man sich auf einen Weg begab, der den meisten europäischen Gemeinden ungangbar erscheint. Die Budapester Gemeinde hat in England einen namhaften Kredit aufgenommen, dessen Zinsen sie bereits abzutragen begonnen hat. Der Besitz dieser Anleihe sichert der Budapester Gemeinde ruhiges Schaffen, wozu noch kommt, daß die Finanzwirtschaft der Gemeinde selbst eine durchaus musterhafte ist. Das Jahr 1932 konnte ohne Defizit abgeschlossen werden, auch das Jahr 1933, für das 4,200.000 Pengö an Ausgaben präliminiert sind, dürfte sich 'd'efizitfrei ge- Feuilleton Zwei Erzählungen. Von Moses Katz, Wuppertal. Einer fehlt. Goldene Härchen, wie an einem frischen, abgerupften Hülm, zierten tausende Fältchen, die um das zahnlose Mündchen hemm ausliefen. Ein schwarzes, schmuckes Kopftuch, das unter dem beinahe spitzen Kinn mit einer Schleife verbunden war, krönte ihr glattrasiertes Köpfchen, dessen Gesichtchen sich jedem Kinde lachend zuneigte und Erwachsene unberücksichtigt laufen ließ, da sie in ihrer gebückten Stellung nicht heraufzuschauen vermochte. Ohne Stock und Brille, mit einer säubern Schürze und aus Stroh geflochtenem Einkaufsbeutel am Arm, zog die neunzigjährige Pessje über den Markt ins Freie. Es war kaum 3 Uhr, aber Pessje war bereits mit ihrer Hausarbeit fertig. Sie ging nicht spazieren. Nein. Vom Spazierengehen Jiielt sie überhaupt nichts. Für das schöne Wetter hatte sie viel wichtigere Gänge zu erledigen. In sich versunken und unaufhörlich Gebete flüsternd, schritt sie dem Friedhofe zu. Sie hatte sich lange nicht mehr mit ihren Ahnen, Kindern, Enkeln und Urenkeln unterhalten. Bei dieser Gelegenheit wollte sie aber auch ein paar Worte mit Rabbi Mottele tauschen —. Ihr war der „gute Ort" ebenso heimisch wie ihre Wohnung; denn auf dem Friedhofe hatte Pessje eine größere Anzahl ihrer Kinder, als im Städtchen---. Nur einen Enkel hatte sie nicht mehr —, nicht im Städtchen — und auch nicht auf dem „guten Ort" —. Pessjes Köpfchen senkte sich tiefer bei diesem Gedanken . . . Vier Kindern, elf Enkel- und drei Urenkelkindern hatte sie mit eigenen Händen die Scherben auf die für immer geschlossenen Augen gelegt. Sie sah sie auf der Bahre forttragen; nur ein paar hundert Schritte vom Städtchen, wo sie sie wiederfinden konnte. Aber Awrumele? —, ihr teueres und frommes Enkelkind —, haben wildgewordene Menschen umgebracht, grausam umgebracht. In einem Massengrab ist er bestattet — ihr Awrumele . . . Daß sie soviel Kinder verloren hatte, war Gottes Sache. Se lobte und pries seinen Namen genau so beim Tode eines Enkelkindes wie bei seiner Geburt. Aber Awrumele? Pessje, das fromme gute Mütterchen, das keinem Wurme was zu leide tat. Pessje, die noch nie an den Schöpfer eine Frage stellte, ballte die zum Skelette abgemagerten Hände zu Fäusten . . . Erschöpft trat sie in die Gruft, wo der heilige Rabbi der Gemeinde ruhte und unterhielt sich mit ihm wegen ihres Awrumele--. Dann schritt sie von Grab zu Grab, von ihren Eltern bis zum jüngst verstorbenen Enkel. Sie machte mit ihnen ab, daß sie erstens Awrumele sehr schonen sollen, da er ein seidiges Kind war, und sich zusammentuen mögen, um gemeinsam vor dem Allmächtigen zu treten--, da das Leben hier unten bald unerträglich wäre----. Vom Verbleib ihres Awrumele aber, und überhaupt, ob er erstickt, erschossen oder vergiftet ist, zu erfahren, brauchte sie nicht mehr lange zu warten; denn in enigen Wochen schlief Pessje wie ein Hühnchen ein . . . Ein ostjüdischer Invalide. Matthes Berber verließ die1 dichtbevölkerte Gasse, da es ein heißer, schwüler Tag war und er es in der verpesteten, dumpfen Luft seiner Kammer nicht aushalten konnte. Die Hitze machte ihm das Leben unerträglich, der fehlende Arm schmerzte ihn. Eine Stelle, die er nicht mehr berühren konnte, bereitete ihm Pein. Seit sechs Monaten fehlten ihm drei Viertel seines rechten Armes. So stark schmerzte ihn der fehlenldb Arm, daß er oft unwillkürlich mit der linken Hand nach dem Nichts griff. Was davon noch übrig geblieben war, bewegte sich in der Empfindung dies Schmerzes wie der Stummel eines koupierten Hundeschwanzes. Matthes Berber nagte die Qual am Herzen. Die Gewißheit seines Verkrüppeltseins peinigte ihn mehr als Idle stechenden bohrenden1 Schmerzen. Unbeschreiblich groß empfand er den Verlust seines Armes. Es schien ihm, daß er ein Bein, ein Auge oder irgend ein anderes Glied seines Körpers viel leichter hätte entbehren können als gerade den rechten Arm . . . Fluchtartig schritt er über den staubigen Platz dem Freien zu. Im Schatten idler Bäume fühlte er sich leichter, in der Einsamkeit freier. Auf

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