Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 5 (3.2.1933)
- Date
- 1933-02-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Breis dieser Nummer 40 Groschen Erscheint jeden Freitag mmmmmammammm arft den VerOffentfidrangeik der »Union österreichischer Juden" toftd dt& Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II.. Heinrstraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkasserkonto Wien: A100919 49. Jahrgang Wien, 3. Februar 1933 Nummer 5 Hüter an der Macht Die Nachricht hat überall Konsternierung ausgelöst. Das politische Intriguenspiel, das in den letzten Wochen in Berlin vor sich ging, war zwar so undurchsichtig, daß es selbst die überraschendsten Lösungen befürchten ließ, aber diese Lösung hatte man denn doch nicht erwartet. Man hatte nicht daran geglaubt, daß es gelingen würde, Papen und Hitler, die sich noch vor wenigen Monaten als erbitterte Gegner gegenüber standen, in eine Front zu bringen. Papen war es ja, der es zweimal verhinderte, daß Hitler die heißersehnte Macht erlangte, und nun hat derselbe Papen Frieden mit dem Osaf geschlossen, so sehr Frieden, daß er sich dem Reichskanzler Hitler als Vizekanzler unterstellt. Was ist da vorgegangen, was mag Papen bewogen haben, seinen Widerstand aufzugeben und Hitler die Tür zur Macht zu öffnen, die er ihm so oft verrammelt hatte? Die Regierung Hitler-Papen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, wird selbst für den kundigsten Politiker ungemein schwer sein. Das augenscheinlich Gemeinsame dieser neuen Front ist wohl die reaktionäre Einstellung aller Regierungsmitglieder, allein über das Ziel dieser Reaktion bestehen Meinungsverschiedenheiten grundlegender Natur. Während die Junker, Deutschnationalen und Stahlhelmleute an die Wiederkehr der Hohenzollerri denken, träumen Hitler und die Seinen vom „Dritten Reich". Hitler hat bisher immer erklärt, daß der Weg in dieses „Dritte Reich" mit Gewalt gegangen werden muß und sich deshalb auch gegen den Parlamentarismus gewandt. Auch Papen ist ein Feind dieser demokratischen Einrichtung und seine frühere Regierung berüchtigt durch die Anwendung der Notverordnungen, die zu einer Ausschaltung der Volksvertretung führten. In der ersten Pressekonferenz aber erklärte der neue Reichsinnenminister Dr. Frick: „Es wird parlameniarisch regiert werden!" Wie reimt sich das zusammen? Die neue Regierung stellt überhaupt ein Fragezeichen nach dem anderen, vor allem das große Fragezeichen: Wird sich die Sache halten? Optimisten erklären schon heute mit felsenfester Gewißheit, daß die neue Kumpanei nur wenige Wochen zusammenbleiben wird, und stützen ihre Ansicht auf die Tatsache der Verschiedenheit der Gesellschaft. Sie kalkulieren, daß es Hitler auf die Dauer nicht behagen wird, ja wegen seiner radikalen und radikalisierten Anhänger nicht behagen wird dürfen, mit gebundenen Händen in der Regierung zu sitzen und nur das Aushängeschild für dieselbe abzugeben. Wir möchten vor einem solchen Optimismus, so berechtigt er an sich sein mag, warnen. Wir fürchten nur zu sehr, daß die Sache fein ausgeklügelt ist, so fein, daß nicht so bald die Hoffnung jener sich verwirklichen wird, daß Hitlers Regierungsantritt zugleich der Antritt zum Wege nach abwärts sein wird. Hitler hat zwar, erfüllt vom ieißen Sehnen nach der Macht, sich oft genug blamiert, aber gerade diese Blamagen werden ihn vorsichtig gemacht haben. Sein Weg vom Tapezierer in Braunau bis zum Kanzler des Deutschen Reiches war ein so mühsamer, daß er selbst sicher alles tun wird, um sich an der endlich errungenen .Macht zu halten. Dieses Bestreben wird gewiß seine Schwierig- ÄftHed haben. Schwierigkeiten zunächst einmal innerhalb der Regierung selbst, in der in der.nächsten Zeit ein neckisches Kräftespiel zu beobachten sein wird. Papen und Hugenberg werden selbstverständlich trachten, ihren Vorteil zu wahren, und da muß Hitler sehr auf der Hut vor seinen neuen Freunden sein. Er wieder muß seinen Mannen beweisen, daß er die ihnen versprochene Macht in Händen hat, und das werden sich wieder die Herren Junker und Konsorten nicht gefallen lassen können. Der Ausgleich solcher Disharmonien wird oft genug schwer sein, aber man kann nicht alle Hoffnung darein setzen, daß dieser Ausgleich nicht gelingen wird, sondern muß, wie gesagt, annehmen, daß die Regierungskunst eines Papen, der ihre Beherrschung sicherlich schon dokumentiert hat, die Gegensätze überbrücken wird können. Gefährlicher ist die Situation angesichts des nur zu berechtigten Widerstandes, den die neue Regierung im gegnerischen Lager gefunden hat und finden wird. In den Kreisen der Arbeiterschaft hat die Ernennung Hitlers hellste Empörung ausgelöst und man muß leider befürchten, daß diese Empörung sich in Taten Luft machen wird, die den inneren Frieden im Deutschen Reiche bedrohen. Die deutsche Arbeiterschaft ist in den letzten Jahren dem Radikalismus näher gekommen, oder vielmehr: der Radikalismus der Nazis hat sein Gegengewicht im Radikalismus der Kommunisten gefunden. Für die Arbeiter bedeutet die Machtergreifung Hitlers einen Peitschenhieb, der sie bis ins Innerste trifft. Dieser Hieb wird, so fürchten wir, nicht ruhig hingenommen werden, schon ist in deutschen Städten Blut geflossen und wieder einmal steht die Gefahr eines Bürgerkrieges vor den entsetzten Augen jener, die es mit dem so arg darniederliegenden Deutschen Reiche ehrlich meinen. Die gemeinsame Gefahr hat aber auch im deutschen Proletariat den Willen zu gemeinsamer Abwehr gefördert und so bildet sich hier ein fester Block, an dem so manche Machtgelüste scheitern werden. Reichsinnenminister Dr. Frick hat in der bereits erwähnten ersten Pressekonferenz erklärt, daß an ein Verbot der kommunistischen Partei nicht gedacht würde. Diese Taktik beweist eine gewisse Einsicht der neuen Regierung, die mit einem solchen Verbote nur die Gemüter noch mehr erregt und neuen Zündstoff gelegt hätte. Das Verhalten in dieser kitzligen Frage beweist aber vielleicht auch die Richtigkeit unserer Ansicht, daß es immer wieder das Bestreben der Regierung Hitler- Papen sein wird, einen Ausgleich zu treffen, nur um sich an der Macht zu erhalten. Regiert sie so, dann werden die Optimisten leider nicht recht behalten. Damit entsteht auch die bange Frage nach dem Schicksal der deutschen Judenheit unter dem neuen Regime. An dessen Spitze steht ein Mann, der eine Partei begründet und hochgebracht hat, deren einziges Um und Auf der Judenhaß ist. In dem Programm dieser Partei steht ausdrücklich die Forderung nach gesetzlicher Verankerung antisemitischer Maßnahmen auf allen Gebieten, in denen Juden tätig sind. Der neue Reichsinnenminister, dem die Sicherheit aller Bürger des Staates anvertraut ist, hat zur Zeit seiner Herrschaft in Thüringen bewiesen, wie das Programm dieser Partei in kultureller Hinsicht in die Tat umzusetzen ist Er war es, der den Rassenforschef Günther die Pro- SHASR UN» JUWELEN von ÖSTERREICHER I., WipplingerstraBe Nr. 29 Wegen Verlegung der Verkaufsräume nach I., Graben 7 zu Räumungspreisen Günstige Gelegenheitskäufe für Hochzeitsqesohenke / / ressur verschaffte, obwohl dessen „Wissenschaft" von allen ernsten Gelehrten entschieden abgelehnt wird, er war es, der trotz allgemeinen Protestes jene Schulgebete einführte, die in Wahrheit Haßgebete gegen das Judentum darstellen. Hitler und Frick sind nun an der Herrschaft Wird diese Herrschaft eine Knechtung des deutschen Judentums bedeuten? Bangen Herzens stellen wir uns die Frage und wissen nicht, wie die Antwort lauten wird. So viel scheint gewiß, daß die Judenpolitik der neuen Regierung nicht anders geartet sein wird als ihre allgemeine Politik. Werden Hitler-Papen nach ihrem Sinne vernünftig regieren, d. h. überall jenen Ausweg zu finden suchen, der ihnen die Beibehaltung der Macht ermöglicht, dann wird es auch in antijüdischer Hinsicht wohl kaum Experimente geben, unter denen die deutsche Judenschaft zu leiden hätte. Wird aber der Ausgleich unter den disparaten Elementen dieser Regierung nicht möglich sein und werden die Herrschaften zu der Erkenntnis des drohenden Zusammenbruches ihrer Position gelangen, dann fürchten wir, werden sie auch vor antisemitischen Maßnahmen nicht zurückschrecken, nur um die Gunst der schon jetzt darnach verlangenden Massen zu finden. Die nächste Zeit wird lehren, woran das deutsche Judentum, auf das nun die Blicke der Weltjudenheit mit Sorge gerichtet sind, ist. Es ist eine Tragik um dieses deutsche Judentum, das seinem Vaterlande so unendlich viel gegeben und jetzt schnöden Undank erntet, obwohl es nichts anderes verlangt als Gerechtigkeit. Die Regierung Hitler-Papen hat bei ihrem Amtsantritte wohl wegen der internen Streitigkeiten keinen Mann präsentiert, der das Justizministerium übernehmen sollte. Muß man in dieser Tatsache nicht ein böses Omen erblicken? Die neue Regierung stellte niemanden vor, der das Recht in ihren Reihen zu vertreten hätte. Wird auch das deutsche Judentum bei dieser Regierung nicht das wohlverdiente Recht finden? Oder wird Frick Wort halten, der vor der deutschen und internationalen Presse versprach, daß keine Experimente gemacht werden sollen? Wir werden sehen .... Wir werden aber auch sehen, wie der Sieg Hitlers den Kampfesmut unserer österreichischen Nazis stärken wird. Der „Kampfruf" war das erste Blatt, das in einer Extraausgabe diesen Sieg verherrlichte, der mit einem großen Fackelzug gefeiert wurde. Auch hier kann man, wenn man will, Symbole sehen, der Kampfruf unserer Hakenkreuzler wird lauter, ihre Brandfackel ist entzündet, da ihr Heros endlich jenen Gipfel erstiegen, den er ihnen immer vorgegaukelt hat O. H.