Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 4 (27.1.1933)
- Date
- 1933-01-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Schuld daran ist der Jud. „AtIanBqae"-Kataßtrophe, weH eh Jode Malta» minister ist Die in Paris erscheinende jiddische Tageszeitung „Tog" befaßt sich im LeitartäceJ mit der Kampagne antisemitischer Zeitungen vom Schlage „Action Francaise" gegen den französischen Marineminister Leon Meyer, dem diese Zeitungen die Schuld an der Brandkatastrophe des Riesen-Luxusdampfers „A 11 a n t i q u e" zuschreiben und dabei auf sein Ju dein tum anspielen. Diese Blätter, so schreibt „Tog", haben zwar schon führenden Politikern der Linken, wie etwa dem Führer der französischen Sozialisten Leon Blum, ihre jüdische. Abstammung vorgeworfen, nie aber wagten sie sich an hohe! Regierungsbeamte heran, um ihnen wegen ihrer jüdischen Abstammung die Eignung zur Bekleidung ihrer Aemter abzusprechen. Im Falle Leon Meyer ist es das erste Mal, daß antisemitische Zeitungen einem Minister eine schwere Schuld aufbürden wollen, nur weil er Jude ist; dies obwohl die „Atlantique"-Katastrophe nur wenige Tage nach der Berufung Meyers auf den Posten des Marineministers erfolgt ist und der neue Minister noch gar keine Zeit gehabt hat, solche Reformen im Seeverkehr «einzuführen, die Katastrophen verhüten können. Die antisemitischen Zeitungen schreiben, es sei eine Qefahr für tdias Land, daß ein Jude eine so hohe PosStion einnimmt; sie fordern ferner, daß zwei Mitgleder der Kommission zur Untersuchung der Ursachen der „Atlantique"-Katastrophe aus der Kommission zurückgezogen werden, weil sie Juden sind'. Leon Meyer, fährt der „Tog" fort, hat zwar wenig mit Juden zu tun, aber den Antfisemiten genügt es, daß er als Jude geboren ist, um ihn in Legenden zu verstricken. Sie erzählen, es hätten sich verdächtige Personen auf der „Aüantique" während der Katastrophe aufgehalten, wofür der jüdische Marineminister und seine Glaubensgenossen verantwortlich wären. „Tog" hält es für unwahrscheinlich, daß diese Art Propaganda der antisemitischen Presse in der französischer. Oeffentlichkeit irgendwelche Beachtung findet. Ein neuer Präsident des Jewish Board of Deputies. Der Board of Deputies of British J e w s (Deputiertenrat der englischen Juden) wählte Herrn Nevüle J. Laski mit 128 Stimmen zu seinem Präsidenten an Stelle des aus Gesundheitsrücksichten zurückgetretenen Herrn O. E. d'Avigdor Goldsmid: 78 Stimmen entfielen auf den Kandidaten der Minorität, das Unterhausmitglied Major Nathan. Das Ergebnis der Wahl wurde von den in außergewöhnlich großer Zahl erschienenen Deputierten mit Beifall begrüßt. Als Erster gratulierte Major Nathan Herrn Laski zu seinem neuen Amt und versicherte ihn seiner loyalen Mitarbeit Der neugewählte Präsident hielt an die Deputierten die folgende Ansprache: Ich hin mir bewußt, daß die Position, in die Sie mich heute berufen haben, durch große Traditionen und große Beispiele jüdischer Wirksamkeit ausgezeichnet ist; ich bin mir bewußt, daß es mir nicht leicht fallen wird, diese Position mit der gleichen Würde und den gleichen Fähigkeiten auszufüllen, durch die mein Vorgänger, 0. E. d'Avigdor Goldsmid. sich auszeichnet. Es ist mir eine freudige Genugtuung, daß er mir das Versprechen gegeben hat, mir jederzeit mit seinem Rat zur Seite zu stehen. Es erfüllt mich mit Stolz, unter den: heute hier Anwesenden meinen Vater, Nathan Laski, zu erblicken, der einst in diesem Board das Amt eines Schatzmeisters bekleidet hat. Noch eine Tatsache rührt an mein historisches Gefühl: Sie haben in mir einen Altvordern der Spanischen und Portugiesischen Gemeinde gewählt, jener Gemeinde, die im Jahre 1760 durch die Schaffung ihres Committee of Dcputados den Baustein für diese große Körperschaft läer gelegt hat Der neue Präsident des Jewish Board of Deputies. Neville J. Laski, King's Counsel, ein Jurist von Rang, ist ein Sohn des greisen Oberhauptes des Jüdischen Gemeinde in Manchester. Nathan Laski. und ein Schwiegersohn von' Cnacham Dr. Moses Gaster. Sein Bruder ist der bekannte Gelehrte Professor Harold J. Laski. intelligentes Israelitisches Fräulein, äußerst rein, sparsam, perfekte, vorzügliche Köchin, sucht in frauenlosem Haushalt passenden Wirkungskreis; eventuell zu mutterlosen Kindern. Jftjäfarfces Zeugnis vorhanden. A. S.. IL, Rotemrterngasse 14/17. VeröffentßcQungen der „Jugenb-Vnion" _ Die Jugend-Union hat am Sonntag, den 22. d. M., ihre so beliebten geselligen Abende mit einer glänzend gelungenen Veranstaltung im Cafe Landtmann wieder aufgenommen. Zu dem großen Erfolge dieses Abends trug vor allem der Umstand bei-daß die Mitglieder der jüngst gegründeten Theater-Sektion des Vereines wieder in zwei Einaktern bewiesen, daß hier gediegene Arbeit geleistet wird, so daß anzunehmen ist, daß auch diese Sektion der Jugend-Union in kürzester Zeit gleichen Zuspruch finden wird wie alle übrigen Sektionen, die auf kulturellem und geselligem Gebiete eifrig arbeiten. Unter der umsichtigen Regie des Herrn Otto Presser gaben alle Mitwirkenden, die in den beiden Stücken („In Ewigkeit Amen" von Wildgans und „Monsieur Hercules" von Belly) auftraten, Proben ehrlichsten Wollens und vielfach guten Könnens und es ist wirklich undankbar, hier durch besondere Erwähnung des einen oder anderen Ausnahmen zu stipulieren. Immerhin sei festgestellt, daß Herr Siegfried 'Mauner in beiden Stücken, in denen er ganz kontrastierende Rollen verkörperte, gewaltigste Wirkung erzielte, daß Fräulein Trude Zinn er großes schauspielerisches Talent verriet, daß die Damen Gerti F r e i s t a d t und Lilly Max sehr brav mittaten und daß die Herren Neumann, Presser und Weinberger mit viel Erfolg ihre mitunter schweren Rollen! meisterten. Die Gesamtwirkung war eine ausgezeichnete und das zahlreiche Publikum kargte nicht mit lautem Beifall, der sich immer wieder erneuerte. Auch Fräulein Lisi Weinberger, die während der beiden Einakter herzig tanzte, fand viel wohlverdienten Applaus. Die Veranstaltung, die für die gut geleitete Theater-Sektion einen vollen Erfolg darstellt, war glänzend besucht, u. a. bemerkte man zahlreiche Mitglieder des Ktütusvorstandes und Zentralvorstandes der „Union", wie auch Damen und Herren der Kainzbühne und des Geselligkeitsklubs „Elan". Der Obmann Oskar Hirschfeld begrüßte in herzlicher Weise die Gäste und bat um Förderung der neuen vielversprechenden Sektion des Vereines durch aktive Mitarbeit und Interesse für ihre Bestrebungen. Jim alter Weit Der preußische Landtag lehnt judenfeindliche Anträge ab. Während der in der Nacht zu Donnerstag, den 19. Jänner, vom Plenum des Preußischen Landtags vorgenommenen Abstimmungen wurde eine Reihe antisemitischer Anträge der Nationalsozialistischen Fraktion durch Ablehnung erledigt. Die nationalsozialistischen Anträge auf Entfernung aller Juden von den Staatstheatern und Staatskapellen, vom Rundfunk und von den Rundfunk- Beiräten, sowie vom Bühnennachweis wurden mit den Stimmen der Sozialdemokraten, der Kommunisten und des Zentrums abgelehnt; hingegen wurde der nationalsozialistische Antrag, das Staatsministerium zu beauftragen, dem Landtag alsbald eine genaue Aufstellung aller bei Staatsdieatern und StaatskapeJlen beschäftigten Ausländer und aller derjenigen vorzulegen, die die deutsche Staatsangehörigkeit erst nach 1918 erworben haben, mit den Stimmen des Zentrums angenommen. (!) Gleichfalls abgelehnt wunden nationalsozialistische Anträge über eine Neubestellung der Ueberwachungsaussehüsse und Kulturbeiräte bei den deutschen Sendern, auf Abberufung des Rundfunkkommässärs Dr. Bredow und über eine Beschäftigung nur deutsch - stämmiger Künstler und Geistesarbeiter beim Rundfunk. Berlin. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, ist Professor Eugen Mittwoch, der hervorragende Orientalist, zum ehrenamtlichen Berater in jüdisch-politischen Angelegenheiten beim Auswärtigen Amt ernannt worden; Professor Mittwoch wird demnach eine Arbeit fortsetzen, die bisher dem verstorbenen Professor Dr. Moritz Sobernheim oblag. Prof. Eugen Mittwoch, 1876 geboren, wurde an der Berliner Universität 1905 Privatdozent,. 1915 a. o. Professor, 1919 o. Professor und 1928 Direktor idtes Seminars für orientalische Sprachen. Er ist ein hervorragender Kenner der semitischen Sprachen, besonders des klassischen und des modernen Anabisch, sowie des Aethiopischen und seiner modernen Dialekte. Seine zahlreichen Arbeiten behandeln die Biographie Mohammefcte, Fragen der arabischen Literaturgeschichte, der mittelalterlichen arabisch-jüdischen Medizin, der islamischen Kunst, der modernen Islam-Poltik u. v. a. Auch die hebräische Epigraphie verdankt ihm Beiträge, so über die hebräischen Inschriften von Palmyra. Sehr viel Beachtung fanden seine im Jahre 1913 von der Akademie der Wissenschaften veröffentlichten Arbeiten, in denen er den Nachweis eines starken jüdischen Einflusses auf Entstehung und Ausgestaltung des islamischen Gebets und Kultus erbrachte. Prof. Eugen Mittwoch gehört dem Geschäftsführenden Ausschuß des Hilfsvereins idier Deutschen Juden, dem Vorstand der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums und dem Deutschen Komitee Pro Palästina an. New York. Richter Henry Horner ist iii Spr.ingf ield in sein Amt als Gouverneur des Staates Illinois feierlich eingeführt worden. Er ist der erste jüdische Gouverneur von Illinois. Seine Wahl erfolgte, ungeachtet der scharfen Kampagne seiner Gegner, die sogar antisemitische Motive nicht verschmähten, mit großer Mehrheit Er ist 54 Jahre alt und -genießt als der „soziale Philosoph" große Popularität. Schwerer antisemitischer Ueberiall in Fulda. Im Anschluß an eine von mehreren jüdischen Vereinigungen einberufene Veranstaltung in Fulda überfielen nationalsozialistische Trupps heimkehrende jüdische Passanten. Wie idle „Fuldaer Zeitung" berichtet, sollen die Nationalsozialisten sogar im Besitz von Gummiknüppeln gewesen sein. Unter den Geschlagenen befinden sich u. a. ein 70jähriger Rabbiner und der Vorsitzende der Fuldaer Ortsgruppe des CentraJ-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Die Ortsgruppe Fulda des Centrai-Vereins hat sofort in engster Fühlungnahme mit der zuständigen Polizeibehörde die Ermittlung der Täter eingeleitet. Warschau. Das Komitee zur Vorbereitung des internationalen Historikerkongresses, der in Warschau stattfinden wird, hat auf Antrag der historischen Sektion des Jiddischen Wissenschaftlichen Instituts sieben Referate über jüdische Geschichte in das Kongreßprogramm aufgenommen. Es wird dies das erste Mal sein, daß jüdische Historiker als solche auf einem internationalen Historikerkongreß auftreten. Prof. Simon Dubnow wird über „Die jüdischen Gemeinschaften im Laufe der Geschichte", Dn. J. Brutzkus über „Die Chasaren im Kiewer Rußland". A. Tscherikower über „Die Anfänge der sozialistischen Bewegung unter den Juden in Rußland, Polen und den U. S. A. bis 1900", Dr. J. Szyper über „Die Hauptprobleme der jüdischen Wirtschaftsgeschichte'1. Dr. E. Ringelblum über ,J3ie wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der polnischen Juden in der zweitem Hälfte des 18. Jahrhunderts". Dr. R. Mahler über „Die Kulturtheorien in der jüdischen Geschichte' und Frau Architekt Dr. Rachel Wischnitzer-Bernstein über „Mittelalterliche hebräische illuminierte Handschriften" referieren. Konstantinopel. Der bekannte jüdische Gelehrte Abraham Galante. Professor an der Konstantinopeler Universität, veröffenüicht soeben eine Monographie über zwei bisher unbekannt gebliebene jüdische Sekten, die er entdeckt hat. Bei der einen handelt es sich um einen armenischen Stamm, der sich „Pakraduni" nennt und dessen Angehörige hauptsächlich in Konstantinopel wohnen. Laut ihren Ueberlieferung sind sie Abkömmlinge der babylonischen Juden. Sie sind christlichen Glaubens, aber wahren noch heute jüdische Traditionen!. Sie enthalten sich des Genusses von Schweinefleisch, halten den Sabbat und die Trauerwoche (Schiwah) für verstorbene Angehörige und heiraten nur unter sich. Ihr körperlicher Typus ist nicht armenisch, sondern jüdisch. Bei der zweiten Sekte handelt es sich um Juden-Kurden, die in der Stadt Siird im türkischen Turkestan wohnen. Sie essen an Pessachtagen kein gesäuertes Brot, sondern Mazzöth, feiern alte jüdische Feste, die unter den heutigen Juden fast schon vergessen sind, wie den 15. Ab, der im Talmud (Buch Taanith. Blatt 29. Chag haschiduchim) erwähnt ist. Auch dieser Stamm repräsentiert einen rein jüdischen Typus. "TO 8« WS TOD kaufen Sie am besten, von S 1.20 per Liter aufwärts, bei \ D. Sieintaof IL, Haiagasse '5 — Telephon A 48-3-49