Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 4 (27.1.1933)
- Date
- 1933-01-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT oenbilduug auf religiöser oder nationaler Grundlage jemals bescliiedcn war. Verzicht auf dieses Lebenselixier heißt Selbstmord des Judentums. Ohne Bindung an den Vätergiauben ist das jüdische Blut zum Untergang in der Vermischung mit den anderen, gleichfalls ihrer religiösen Bindungen ledig gewordenen Landsleuten und die jüdische Seele zum Erschlaffen durch das Aussetzen ihrer ererbten Impulse verurteilt. In dieser gefährlichen Situation kann man dem russischen Judentum nur wünschen, es möge ilim ergehen wie dem Doktor Faust, der gerade in dem Momente, da er selbstmörderisch zur Giftphiole greift, durch das Ertönen der Kirchenglocken und üer frommen Gesänge im nahen Gotteshause von der Erinnerung an seinen verlorenen Kindheitsglauben so sehr überwältigt wird, daß er, im tiefsten Innern erschüttert, am Leben festhält: „O tönet fort, Ihr süßen Himmelslieder! Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder . . ." Auch das Judentum wird der Erde nur erhalten bleiben. ^«■«■■■■■•■■■■■■■■■■■■«■■■■■■■■••■■■■■■■■■■■■■«■■■■•■•■■■■■■■■■•■•■■■«■^ | Eigene Erzeugung j | aller Gold-, Silber- und Seiden-Stickereien, Thora- : ■ mäntel, Vorhänge, Gebetbeutel etc., alles in bester s und erstklassiger Ausführung zu billigsten Preisen. |! Rascheste Bedienung, im t '• AI eller Hennlne niawafsdi, Wien V, | im jüdischen Gemüt die „süßen Himmels- L-™.«"S,.S^^'-..______If.'f.^.i.^TZ^P.J wenn lieder", die von gläubigen Lippen unzähliger jüdi scher Generationen ertönten, neuen Widerhall finden und die jüdische Seele aus dem Schlummer wecken, in den todbringende Eindringlinge aus iendliclien Geistessphären sie zu summen suchen. iHMUHUiHUIU. *■■: ■«»»«••■•■■•■^■»■■■Bt Noch immer der Fall Cohn. Professor Dienstag die aufgenommen. Emst Cohn hatte bis letzten Vorlesungen noch immer nicht trotzdem durch seine Erklärung gegenüber dem Breslauer Senat, die von dem Wunsch getragen war, den Friedensstörern jeden Anlaß zu nehmen. id!ie Sache beigelegt schien. Bekanntlich hatte sich aus der Mitte des Großen Senats eine Kommission von Dozenten gebildet, die mit den Vertretern der studentischen Gruppen noch einmal Fühlung nehmen wollte, um den Burgfrieden in der Universität zu sichern. Die Besprechung führtte aber zu keinem Ergebnis, da die Vertreter der rechtsradikalen Studenten eine Erklärung abgaben, in der gegen die letzten Erklärungen des Breslauer Senats und des Professors Ernst Cohn in absprechender, fast höhnischer Form Stellung genommen — insbesondere wind von Cohn gesagt, daß er nicht dem Bilde vom Hochschullehrer, das die nationalen Studenten in sich tragen, entspricht -- und weiterer Kampf angekündigt wird. Die fortschrittliche Presse wandte sich gegen ein solches „Paktieren um die Lehrfreiheit" und wies darauf hin, daß an den Tumulten in den ersten Wochen des Semesters kaum mehr als 200 Studenten von insgesamt über 5000 beteiligt waren und daß von der Gesamtheit der Studierenden bei den letzten Wahlen zu der jetzt privaten Organisation ..Deutische Studentenschaft" noch mehr der iünfte Teil seine Stimme den Nationalsozialisten gegeben hat. Trotzdem behandelt man diese Kreise als die ausschlaggebend wichtigen Vertreter der gesamten Studentenschaft, und die Durchführung der wirklich freien Lehrtätigkeit von Professor Cohn, für die sich der Weitere Senat eingesetzt Iiat wird weitgehend von dem Gang der Verhandlungen mit diesen Kreisen abhängig gemacht. „Vossische Zeitung" schreibt: „In dem warmherzigen Aufruf, den der Weitere Senat an die Studenten am vorigen Sonnabend beschloß, wurde von der großen Gefahr gesprochen, daß ..die Mächte von draußen ins Innere der Hochschule eindringen", und es wurde erklärt: „Siegen diese Mächte, dann ist es zu Enidle mit Lernfreiheit. Lehrfreiheit. korporativer Selbstverwaltung und Freizügigkeit des Akademikers." Man scheint auf dem besten Wege zu sein, die „Mächte von draußen", das sind in diesem Fall die na t io n al soziiailis ti schen Parteibefehle, in Dingen, die vom Standpunkt der Hochschule keinerlei Erörterung mehr bedürfen sollten, von Tag zu Tag wichtiger für das akademische Lebe n zu nehmen, bis es dann vielleicht endgültig zu spät für eine Warnung vor dem Einbruch liileser Mächte ins Innere der Hochschule sein wird." Als Professor Cohn 24. d. M., seine Vorlesungen suchten wirklich Studenten, zu stören. Doch wurden die fessors Cohn im Juristischen Seminar Ruhestörungen nicht betroffen. Man begnügte sich diesmal nicht nüt Singen und Schreien, sondern warf Tränengas- und Stinkbomben und brachte in der Telephonzelie einen Kanonen schlag zur Entzündung. Eine Reihe von Demonstranten wurde festgestellt. Während der Unruhen zogen mehrmals Scharen von NichtStudenten, die antisemitische Schmähungen im Sprechchor ausstießen, um das Universitätsgebäude. Polizei räumt das Universitätsgebäude. Im Verlaufe der Studentenkrawalle griff diesmal der Rektor rücksichtslos ein und rief die Poli zei zu Hilfe, die m$t dem Gummiam Dienstag, den wieder aufnahm, verdie Ruhe des Hauses Vorlesungen des Provon den knüttel gegen die Exzedenten vorging und später auch den Platz vor dem Universitätsgebäude von den demonstrierenden Studenten säuberte. Der Rektor der Universität erwägt eine neuerliche Schließung der Universität für den Fall, daß die nationalsozialistischen Studenten ihm keine Garantien für den ungestörten Verlauf der Vorlesungen geben können oder wollen. Und Polen! Der polnische V o 1 k s b i 1 d u n g s m i n ister kündigt an, daß er der nächsten Sitzung des Sejm einen Gesetzentwurf betreffend A u fr e c h t e r h a t u n g der Ruhe an den Hochschulen zugehen lassen werde. Laut diesem Gesetz obliegt es dem R e k t a r, für die Ordnung auf dem Territorium der Universität oder der Hochschulen zu sorgen und sich zu diesem Zwecke der Sicherheitsorgane zu bedienen, denen jederzeit freigestellt sein muß, auf dem Boden der Hochschulen einzuschreiten. In dem Motiven bericht zum Gesetz wird ausgeführt, daß anders als durch solche drakonische Maßnahmen eine Sticherung des. normalen S t u d i e n g a n g s und des La b e n s und der Gesundheit der Studierenden nicht erzielt werden könne. Der Gesetzentwurf sieht noch andere Beschränkungen der Autonomie der Universitäten und schärfere Bestimmungen für die Handhabung des Disziplinarverfahrens gegen Ruhestörer vor. Jede Rektorswahl wird der Bestätigung durch den Volksbildungsminister unterliegen. Anlaß zu diesem Gesetzentwurf gaben die zahlreichen antisemitischen Ausschreitungen an den polnischen Universitäten und Hochschulen, die einen solchen Umfang angenommen hatten, daß sie das Staatsleben gefährdeten. Schwerste antisemitische Exzesse in Czernowitz. Tagelanges Toben des antisemitischen Mobs in den Straßen. — Energische jüdische Gegenwehr. — Mehrere Verletzte. jüdische Studenten und andere junge Juden energische Gegenwehr. Es gab auf beiden Seiten Verletzte. Schwerverletzt wurden zwei Cuzastudenten Czernowitz war am vergangenen Donnerstag, den 19. Jänner, von morgens bis abends Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen Cuzastudenten, die die jüdische Bevölkerung terrorisieren wollten, und jüdischen Studenten, die sich den antisemitischen Angreifern entgegenstellten. Anlaß zu den Ausschreitungen der Cuzisten gab ein Prozeß gegen neun junge Juden, die sich angeblich kommunistischer Propaganda schuldig machten. Unter den Angeklagten befand sich aucli die junge Studentin Polia Vaschcautzianu, genannt Natascha, die in der Untersuchungshaft grausamsten Folterungen ausgesetzt war. Dem Verlauf und dem Ausgang des Prozesses sah man in ganz Rumänien schon darum mit gespanntestem Interesse entgegen, weil man hoffte, daß die unbeschreiblichen Folterungen des Kommunismus verdächtiger Jugendlicher, deren Aufdeckung seinerzeit stärkstes Aufseilen erregte und im ganzen Lande ungeheure Empörung auslöste, zur Sprache kommen werden. Schon kurz nach Beginn des Prozesses versuchten nationalistische Studenten, Anhänger des Antisemitenführers Cuza, in Massen gewaltsam in den Gerichtssaal einzudringen, um das Gericht zu terrorisieren und gegen die angeklagten jungen Juden einzunehmen. Polizei, unterstützt von Gendamerie. drängte die Studenten zurück. Als dann bekannt wurde, daß der Prozeß auf den 26. Jänner vertagt wurde, formierten sich die antisemitischen Studenten zu einem Monstrezug, der durch das Zentrum der Stadt in die Richtung der Universität und des jüdischen Nationialhauses zog. Auf dem Wege wurden jüdische Passanten überfallen und niedergeschlagen. Der von den Cuzastudenten ausgeübte antisemitische Terror wurde unerträglich. Jüdische Studenten stellten sich zum Schutze der angegriffenen Juden den Angreifern entgegen, um sie an weiteren Terrorakten zu verhindern. Es kam zu einem schweren Zusammenstoß zwischen cuzistischen und jüdischen Studenten, wobei sich die beiden streitenden Parteien mit Ziegelsteinen und Holzstöcken bewarfen. Es gab auf beiden Seiten eine Anzahl Verletzte. Das jüdische Mitglied des Stadtrates, Dr. Rosenzweig, der zwischen den Parteien zu vermitteln versuchte, wurde ebenfalls erheblich verletzt. Nach einer kurzen Ruhepause erneuerten sich die Zusammenstöße, als die antisemitischen Studenten vor den Redaktionen des „Vorwärts" (sozialistisch) und des „Czernowitzer Morgenblatt" (fortschrittlich]) demonstrierten und wiederum jüdische Passanten niederschlugen. Auch hier leisteten und der jüdische Beamte Hasenfratz. Erst spät am Abend trat Ruhe ein. Die Exzesse der nationalistischen Studenten dauern seit diesem Tage mit unverminderter Heftigkeit an. Die Studenten überfielen am 23. d. M. Zeitungsausträger jüdischer Blätter, um sie zu verprügeln. Die jüdische Bevölkerung eilte jedoch den Angegriffenen zu Hilfe, drängte die Studenten in den Hof des Kulturpalais und verprügelte mehrere von ihnen. Die Polizei verhaftete mehrere jüdische Passanten, diese wurden jedoch von der Menge befreit. Die Juden formierten sicli dann zu einem Zug und marschierten unter Hochrufen auf R u m ä n i e n und Abzugsrufen für Cuza durch die Straßen der Stadt. Dr. Arthur Kuranda Präsident der Israelitischen Allianz. J Von Rabbiner Dr. A. Kaminka. Die Israelitische Allianz zu Wien beklagt den Heimgang ihres Präsidenten Dr. Arthur Kuranda, der am 23. Jänner im 80. Lebensjahre aus dem Leben geschieden ist, nachdem er 49 Jahre lang Mitglied des Vorstandes war und 15 Jahre hindurch an dessen Spitze stand. Er war der vierte Präsident des Vereines seit dessen 60jährigem Bestände, worin sich die konservative Struktur dieser jüdischen Hilfsorganisation ausdrückt Josef Ritter v. Wertheimer leitete den Verein seit seiner Gründung 1873 bis 1887, auf ihn folgten David Ritter v. Gutmann 1887 bis 1912, dann Dr. Alfred Stern, der zugleich Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde war, 1912 bis 1918, und nach dessen Hinscheiden wurde Dr. Arthur Kuranda zum Präsidenten gewählt. Er war auch Mitglied des Zentralkomitees der Alliance Israelite Universelle in Paris. Arthur Kuranda hatte bereits in jungen Jahren sich die Ideale seines Vaters, des bekannten liberalen Politikers und Publizisten Ignaz Kuranda, zu eigen gemacht, der mit seiner Begeisterung für Freiheit und Recht (er war bekanntlich auch Mitglied des Frankfurter Parlaments von 1848) zugleich einen stolzen Sinn als Jude und tiefes Ver-