Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 4 (27.1.1933)
- Date
- 1933-01-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Eindringlinge. Von Dr. Hugo Spie gl er. | v Der belgische Dichter Maeteriink gestaltete in mmva. Drama „Der Eindringling" die düstere Szene) einer Familie, die im Halbdunkel, außerhalb des Lichtkreises der durch einen grünen Schirm abgeblendeten Lampe, um den Tisch sitzt Nebenan im Schlafzimmer liegt eine Schwerkranke im Halbschlaf; Ölraußen wird in der Nähe des Hauses einte* Sense geschliffen, und das Wetzen des Steins fufcht den schwarzen Kristall der Nacht. Irgend jemand muß den Garten betreten haben... Einer nach dem andern erhebt sich, geht ans Fenster — nichts ist zu sehen. Die Schwäne schreien erregt; Steina knirschen, als wuchteten riesenschwere Füße über sie hin... und dennoch sieht man nichts. Obwohl kein Lufthauch weht, öffnet sich üSe Türe. Und sogar die Nacht — noch stummer — scheint verstört zu lauschen. Die drinnen versuchen den Türflügel zu schließen. Vergeblich! Ein unsichtbarer Körper scheint sich dagegen zu stemmen, jemand, der noch ungewiß verharrt, um sich zu orientieren. Dann schreitet das mysteriöse Wesen durch den Raum. Niemand sieht es, doch jedser ahnt seine Spuren auf dem Teppich, jeder fühlt, daß irgendwer vor dem grünen Lampenschirm vorbeigeht. Die Portiere zum Krankenzimmer wird von einer unsichtbaren Hand zur Seite gerafft und fällt wieder zurück, ohne daß jemand hineintritt. Ein Stöhnen! — Die Kranke verschied: ... Dieser unheimliche Gast wurde von dem vor einigen Jahren verstorbenen spanisch-jüdischen Dichter Vioente Blasko Ibanez in seinem Roman „Der Eindringling" zu einem Symbol politischer Kräfte umgedeutet, die sich in die menschlichen Gemeinschaften einschmuggeln, das Gesellschafts- und Familienleben vergiftend und! zerstörend: „In deinem Hause geht dasselbe vor. Du glaubst, daß dein Feind nicht eingetreten ist, weil du ihn nicht in Fleisch und Knochen an deinem Tisch oder im Salon sitzen siehst- Dennoch ist er bereits lange bis in idiein Schlafzimmer vorgedrungen. Jeden Tag stellt er sich von neuem ein... Ahnst du nicht die Nähe dieses unsichtbaren Feindes? Fühlst du nicht, wie er dich streift?" Für den spanischen Dichter, der in dem zitierten Romane ein sehr anschauliches Bild der Strömungen und! Gegenströmungen entwirft, die in die von uns — von Ibanez leider nicht mehr — mitäerlebte Umwälzung im Spanien mündeten, ist der so charakterisierte Eindringling der Jesuitenorden. Für die übrige Welt bildet dieser ieinst überall heiß Rosenmüller und Rosenfelder nicht übersehen werden, und wenn es einem jüdischen Familiennamen Rosenstinsl gibt, findet er sofort in Paul Rosenstingel. der 1749 Verwalter des Schlosses Kapuvär (Ungarn) war, sein christliches Gegenstück. Auch den Namen Posenzweig trägt schon im 15. Jahrhundert ein christlicher Kämmerer zu Erfurt und schließlich finden wir, daß Rosenthal, das übrigens auch der Name mehrerer Orte ist, auch schon ein christlicher Gärtner des Fürsten Rasumofsky hieß. Gerade diesen Name Rosental zeigt aber auch, woher dieser — wenn man so sagen darf — Namenschwund l>ei der christlichen Bevölkerung kommt. Die Namen, respektive die Familien, die sie trugen, wurden oft entdeutscht. So finden wir schon im 16. Jahrhundert, daß aus dem Geschlechte der Herren von Rosental. die nicht so — sagen wir — „konservativ" deutsch geblieben waren, jener Burggraf von Rozmital stammte, der eine bedeutende Rolle in der Geschichte Böhmens spielte, und es blieben endlich nur mehr die jüdischen Rosental ihrem Namen treu. Diesen Verschiebungen und Wandlungen entspricht es dann auch, daß Namen dieser Art ursprünglich gar nicht als jüdisch empfunden wurden. Sie fallen jetzt auch oft nur da auf. wo sie das einzige „Jüdische" sind, das an einem Individuum noch blieb, und es wäre andernfalls auch gar nicht denkbar gewesen, daß Moses Dobruschka aus Brünn gelegentlich seiner Taufe (um 1780) ausgerechnet den Namen Schönfeld und Benjamin Hönig aus Wien aus demselben Anlaß den Namen Bienenfeld annahm, da Täuflinge ja gerade in ihren neuen Namen den Bruch mit dem Judentum zu dokumentieren trachteten. Wenn man auf diesem Gebiete ernstlich forschen will, so gilt es vor allem, das älteste Vorkommen jedes Namens, seine verschiedenen Schreibweisen (auch in hebräischer Transkription) zu ermitteln und dann zu suchen, wo der Name — auch in seinen anderssprachftehen Aequivalenten — noch zu finden ist. Erst dann kennen wirkliche Deutungen geboten und viele irrige Meinungen zerstreut werden, die selten irgendwo so üppig wuchern wie im Bereiche der jüdischen Familiennamen. Dann wird man aber auch finden, daß viele dieser Namen echte deutsche Eichen sind, die liebevoll gehegt und gepflegt werden im Garten der orientalischen Freundestreue. umstrittene Orden längst nicht mehr den gefürchteten Popanz, als der er noch in «Kern alten Roman von Eugen Sue „Der ewige Jude" erscheint, doch fehlt es jetzt nirgends an Störenfrieden ähnlich gefährlicher Art. Vor einigen Jahren veröffentlichte ein Berliner jüdisches Wochenblatt nach einer Reichstagswahl das Erlebnis eines jüdischen Wählers, der ein ihm befreundetes ebristüches Ehepaar zur Wahl abgeholt hatte. Auf dem Heimweg sagte der Juüe befriedigt: „Wieder drei demokratische Stimmen!" Dai entgegnete die Frau: „Sie irren — ich habe nationalsozialistisch gewählt" Nicht bloß der jüdische Freund, sondern auch der christliche Gatte waren von diesem Bekenntnis aufs höchste betroffen. Da stammelte die, politisch offenbar ganz unaufgeklärte, von der deprimierenden Wirkung ihrer Worte sehr verblüffte Frau entschuldigend): „Gestern abend zogen die braunen Jungen so stramm bei meinem Fenster vorbei und musizierten dabei so schön, daß ich mir vornahm, für ihren Wahlvorschlag zu stimmen." Hier endete der Zeitungsbericht. Das Blatt hatte offenbar keine Kenntnis von der weiteren Entwicklung der bezeichnenden Angelegenheit: Ob es dem Garten wenigstens nachträglich möglich geworden ist, seine Frau zu vernünftigerer Emschätzungsart der politischen Parteien zu erzliehen, oder ob es — wie in dem genannten Ibanez-Roman — der Frau gelang, die suggestive Propaganda, der sie selbst erlegen war, auch auf ihren Mann zu übertragen. Diesen schuldig gebliebenen Schluß bescherte uns aber vor kurzem eine andere Affäre, die in der ganzen Welt berechtigtes Aufsehen machte: Der Fememord an einem jungen sächsichen S.-A.- Manne. Nicht zwischen Gatten und Gattin, sondern zwischen Mutter und Sohn wurde da dasselbe Thema zur Diskussion gestellt — zu einer allerdings sehr einseitigen Diskussion: Denn der Sohn war, indem er von „Kameraden" in barbarischer Weise ermordet und dann in einem Sack genäht, in einen Fluß geworfen wurtde, auftragsgemäß mundtot gemacht worden und konnte sich daher — es war dies ja auch „der Zweck der Uebung" gewesen — an politischen Diskussionen nicht mehr beteiligen. Um so eindringlicher erscholl dafür das Urteil der bedauernswerten Mutter, die in ergreifenden Worten ihrer Reue Ausdruck gab, weil sie) ihrem Jungen den Umgang mit den Hakenkreuzlern widerspruchlos gestattet hatte. Ein härteres Verdammungsurteil ist wohl noch niemals über irgend eine politische Partei gefällt worden. Was wiegen gegen diese Selbstanklage einer Mutter, ffie indirekt die schrecklichste Anklage der Hakenkreuz-Mentalität darstellt, selbst die wildesten Anschuldigungen, die sich im politischen Kampfe die Parteien gegenseitig an die Köpfe Werfen, was sogar die mit dem Stimmzettel vollzogene Vertrauenskündigungen eigener Anhänger? So weit die Geschichte der Demokratie zurückreicht, hat sich noch keine Partei dauernd in der Gunst der Wähler zu erhalten vermocht. Wie wenig bedeuten aber selbst die vernichtendsten Wahlniederlagen, die ja oft genug nur Folgen äußerer Konjunkturen sind, gegen die aus dem tiefsten Innern eines gebrochenen Mutterherzens gestöhnte Kennzeichnung des Hitlerlagers, dessen Mordtnstinkte sich zwischen eine deutsche Frau und ihr einziges, geliebtes Kind gedrängt hatten! Wann wird die Menschheit gegen diese Eindringlinge immun werden? Sobald sie aufhören wird, dlas Märchen zu glauben, daß die Juden Eindringlinge sind. Dieses Märchen ist nicht von Hitler ersonnen, sondern altes antisemitisches Erbgut. Seine „wissenschaftlichen" Gralshüter glauben den „Adel" ihrer Gesinnung dadurch am besten zu erhärten, daß sie als deren erlauchten Ahnherrn den alten Pharao, der im Schilfmeer ersoffen ist, rühmen. Sie übersehen aber, daß Israel nicht als Eindringling nach Mizrajim gekommen ist, sondern als eingeladener Gast. Dasselbe gilt für gar viele Länder und Städte, wo wir nachher Verfolgungen ausgesetzt waren. Wir zogen uns idie Feindschaft der anderen nirgends dadurch zu, daß wir uns rücksichtslos in ihre Häuser und Familien eindrängten, sondern durch das polar entgegengesetzte Bestreben, unsere Oe;r?e>n.cebaft durch AbschJießung von den CNOBPIC AUWAU niurosR PREISE B pP# #8 5.*« TEPMCBE VMOANQE FlOBElSIOm, DECHEN MVR l.,DAITONMAI!liTI2-l* anderen aufrecht zu erhalten. Nur so konnte in Pharao idfie Besorgnis reifen, daß wir im Kriegsfalle eine eigene Macht im Lande und ein gefährliches Zünglein an der Waage bilden könnten. Und auch in der geistig finsteren Zeit an der Wendö vom Mittelalter zur Neuzeit war es nur die längst von uns selbst durchgeführte Absonderung, die unseren Hassern iden Gedanken eingab, diesem ursprünglich freiwilligen Zustand* den entwürdig geiiden Chairakter einer Zwangsmaßregel mizor drücken. Als die Ghettomauern fielen und die, Juden sich den anderen Bürgern zu assimilieren suchten, schoben noch immer die mosaischen Religionsgesetze gegen die Mischehe den wirksamsten Riegel vor gegenseitige Eindringlinge in die Familie und Stammesgemeinschaft. Wenn Hitler am zweckdienlichsten die Rassenvermischung hindern will, braucht er keine a n t i jüdischen Ge^ setze zu schaffen, sondern nur den jüdischen erhöhte Geltung zu verleihen... Anderseits ist nicht zu verkennen, daß die Erhaltung der jüdischen Stammesreinheit durch Perioden antisemitischer Verfolgungen immer in höherem Grade gewährleistet wurde, als durch tolerante Epochen. Als die Kaiserin Maria Theresia ihren Ministerpräsidenten Kaunitz fragte, wie man die Juden für die Taufe gewinnen könne, antwortete der gewiegte Staatsmann: „Indem man sie adelt." In Sowjetrußland ist der Adel abgeschafft; aber dieselbe Suggestion, die einst vom Adelsprädikat ausging, übt dort heute 'dlas Wort „Genosse" aus. Dieses bedeutet ja auch unter den jetzigen Regime dasselbe, wie früher jenes: die Anerkennung der Zugehörigkeit zur regierenden Volksschicht. Ist es ein Wunder, wenn die russischen Juden in Massen idieser Suggestion erliegen? Die Wirkung stimmt freilich mit der von Maria Theresia erstrebten nicht ganz überein: Die Habsburgasche Herrscherin war eine eifrige Vorkämpferin des Katholizismus, die heutigen Machthaber in Rußland sind ebenso eifrige Bekämpfer jeder Religion. Schon lange vor dem Siege des Bolschewismus hat Dostojewski, wohl der genialste Kenner der russischen Volksseele, diesen Eifer (in seinem Roman „Der Idiot") folgendermaßen psychologisch motiviert: „Unsere russische Leidenschaftlichkeit setzt in solchen Fällen nicht nur uns, sondern ganz Europa in Staunen: Wenn jemamd von uns zum Katholizismus übertritt, muß er gleich ein Jesuit werden, und zwar einer von den fanatischsten. Wenn er Atheist wird, verlangt er durchaus gleich die Ausrottung des Gottesglaubens dfurch Gewalt. Das geschieht nicht nur aus Eitelkeit, sondern auch aus seelischem Schmerz, aus geistigem Durst, aus Sehnsucht nach einer erhabenen Tätigkeit... Ein Russe kann so leicht Atheist werden, leichter als alle anderen Völker auf der ganzen Welt. Und wir werden nicht nur einfach Atheisten, sondern glauben fest an den Atheismus wie an eine neue Religion, ohne zu bemerken, daß er eine negative Größe ist. So groß ist unsere Sehnsucht." Für den Massenabfall der russischen Juden vom Väterglauben reicht aber diese Erklärung nicht aus. Denn die jüdische Sehnsucht hat sich jahrhundertelang überall an die messianische Verheißung unserer Religion geklammert Der Glaube an diese Verheißungen hat die jüdische Seele in Zeiten blutigster Verfolgungen gestärkt und widerstandsfähig gemacht. Für das russische Judentum ist demnach nicht die Sehnsucht verhängnisvoll geworden, sondern die — Erfüllung. Es liegt eine gewaltige tragische Ironie in dem Schicksal, daß die Erfüllung der jüdischen Sehnsucht nach dem Untergang des Zarismus zugleich die Erfüllung der zaristischen Sehnsucht nach dem Untergang des Judentums zu bringen droht Denn die Entgöttlichung ides Judentums bedeutet nichts Geringeres als den Verlust jenes Lebenselixiers, das unsere Gemeinschaft ein Alter erreichen ließ, wie es noch keiner anderen menschlichen Grup-