Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 4 (27.1.1933)
- Date
- 1933-01-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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.•J4sfl|#lisi+'- i.-«J'i»l' SP^Ü ■PB Seite 2 DIE WAHRHEIT solchen Gedanken weit von sich (Augenverdreliung: es war nicht immer klug, die Julien auszuweisen, man braucht sie ja doch.) Wozu leben wir in einer modernen demokratischen Republik? Da gibt's doch andere Mittel, da hilft man sich und den Seinen mit kaltem, gesetzlichem Verfahren. Also höret, Ihr in der „modernen Zeit" lebende, von echt christlichem Geist erfüllte, überzeugte Christen, das kann Euch Hitler nicht so bald bieten: «Die modern© Zeit. .: sollte in der Gesetzgebung und Verwaltung einen starken Damm aufrichten gegen all den geistigen Unrat und die unsittliche Schlammflut die vorwiegend vom Judentum aus die Welt zu überschwemmen drohen." Also wenn diese forschen Worte Hiflers Mannen nicht kleinlaut machen, dann ist dem Herrn Schmitz nicht zu helfen — oder der nächste Hirtenbrief muß noch etwas deutlicher werden. Doch Vorsicht, Vorsicht, so ganz verscherzen darf man es sich doch nicht mit diesen Juden, denn was fangen die christiichsoziälen Führer mit den durch die christlichen Ermahnungen des Hirtenbriefes zurückgeiwoiinenen Seelen an, wenn sich etwa gar etliche „jüdische" Parteifreunde beleidigt fühlten? Darum rasch noch einen bescheidenen Nachsatz hinzugefügt: „Es sei rückhaltlos zugegeben, daß es a u c h im Judentum edle Charaktere gibt." So, und jetzt wissen unsere Leser, was Seine bischöfliche Gnaden in Linz unter „geistigem und ethischem Antisemitismus" versteht. Wir wünschen den Herren in Linz, Kledierling und Umgebung recht viel Glück zu ihrer der „modernen Zeit" angepaßten Reklame. Uns Juden kann es nur recht sein, wenn sich die Antisemiten der verschiedenen Tonarten in den Haaren liegen und sich gegenseitig die Köpfe einschlagen. Viel Geist wird dabei nicht verlorengehen. M. L. STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: ZentraJfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 Besuch beim Budapester Judentum. Von Oskar Hir-schfeId. II. Die Budapester jüdischen Gemeindeverhälttüsse sind, wenn auch etwas kompliziert, so doch ungemein interessant Zunächst stellt die HauDtstadi Budapest nicht eine einzige Kultusgemeinde dar, sondern zerfällt territorial in drei Gemeinden, tiämlich in die von Pest und in die jenseits der Donau gelegenen Gemeinden von Buda und Öbuda (Ofen und Alt-Ofen). Aber auch diese Gemeinden sind wieder gegliedert, und zwar zunächst einmal nach der Einstellung ihrer Angehörigen zu der Form des Gottesdienstes. Denn Ungarn kennt nicht den bei uns eingebürgerten Begriff der Einheitsgemeinde, sondern seine Judenschaft zerfällt in Bekenner des neologen und des orthodoxen Ritus, dementsprechend finden wir dort neologe und orthodoxe Kultusgemeinden. Die repräsentative Budapester Gemeinde ist nun die auf neologem Standpunkt stehende Pester Israelitische Religionsgemeinde. Sie zählt derzeit 57200 steuerzahlende Mitglieder, während die Pester orthodoxe Gemeinde nur 2000 bis 3000 solcher Mitglieder besitzt Die Pester Gemeinde ist wieder in fünf Gemeindedistrikte eingeteilt Jeder dieser fünf Gemeindedistrikte besitzt einen sehr großen Ausschuß, der unter Führung eines Distriktspräsidenten steht und die Angelegenheiten seines Territoriums, insbesondere die sozialen erledigt Insgesamt ist die Zahl aller Mitglieder der fünf Distriktsausschüsse 400, also eine ganz horrende. Die fünf Pester Gemeindedistrikte werden administrativ und meritorisch durch den Vorstand der Pester Gemeinde geleitet Dieser Vorstand besteht aus 18 Gemeindevorstehern, die Gemeinde hat einen aus 100 Mitgliedern bestehenden Ausschuß und eine aus 350 Mitgliedern bestehende Generalversammlung. Sämtliche Religionsgemeinden Ungarns sind in der Israelitischen Landeskanzlei repräsentiert, an deren Spitze vor kurzem nach einem recht erbitterten Wahlkampfe der derzeitige Präsident der Pester israelitischen Religionsgemeinde Hofrat Samuel Stern getreten ist. Dieser Mann führt nun bereits seit einer Reihe von Jahren die Pester Gemeinde, und wie er dies tut das gereicht ihr und ihm zur Ehre und zum Stolze. Man muß die Leistungen der Budapester Gemeinde in den letzten Jahren gesehen haben, um — beinahe mit Gefühlen des Neides — anzuerkennen, daß trotz der Schwere der Zeit auch eine jüdische Gemeinde Großartiges vollbringen kann. Bevor wir in einem letzten Artikel in eine Schilderung dieser Schöpfungen eingehen, müssen wir uns die Struktur dieser Gemeinde etwas näher ansehen, da in derselben vielleicht die Gründe dieses Aufstieges gelegen sind. Die Pester Israelitische Religionsgemeinde kennt, wie gesagt drei Instanzen, und zwar Generalversammlung, Ausschuß und engeren Vorstand. Die Generalversammlung, die aus 350 Mitgliedern besteht, wird im Wege einer allgemeinen Wahl bestimmt. Hiebet entscheidet nicht wie bei uns ein Verhältniswahlrecht, sondern jene Liste, die die meisten Stimmen auf sich vereinigt, gät als gewählt >Es könnte also vorkommen, daß eine Partei, die nur um ein paar Stimmen weniger als ihre siegreichen Gegner hätte, restlos durchfallen würde. Der Faß ist aber noch nie eingetreten, insbesondere hat bei den letzten Wahlen die Liste des Herrn Hofrat Samuel Stern einen kolossalen Erbolg errungen. Die Generalversammlung tritt zwei bis drei Mal im Jahre zusammen*, um den Bericht des Vorstandes entgegenzunehmen und Weisungen für die Weiterführung der Geschäfte zu geben. Das ist sehr wesentäich, denn durch diese oftmaligen Beratungen wird einem großen Kreis von jüdisch interessierten Menschen die Verantwortung für die Geschehnisse in ihrer Gemeinde übertragen. Wenn man bedenkt, daß 350 Mitglieder der Generalversammlung an den Geschicken der Gemeinde Anteil nehmen, wenn man sich ferner vor Augen hält daß 400 Ausschußmitglieder der Gemeindedistrikte in ihrem Kreise tätig sind, so wird man es verstehet, daß durch diese Interessierung von rund 800 Menschen ein Stock geschaffen wurde, der selbst und durch seine vielfachen Beziehungen zu einer Verlebendigung des Gemeindewesens beiträgt. Parteileute mögen das Wahlsystem der Pester Gemeinde für rückständig finden, in der Tatsache, daß 800 Menschen für ihre Gemeinde am Werke sind, liegt ein solch demokratischer Zug, daß demgegenüber alle angeblichen Rückständigkeiten bei der Wahl dieser Menschen verschwinden. Vor allem aber spricht der Erfolg, und dieser Erfolg hat sich in Budapest, vornehmlich wegen der ausgezeichneten Führung, die diese Gemeinde genießt, restlos eingestellt. (Schluß ioigt.) Soeben erschienen: CHAJES-WERK (REDEN, VORTRAGE, BIOGRAPHIE) Eine Novität, die aal dem Büchertisch keines gebildeten Juden fehlen darf Zwei Monumentalbände Preis . . . S 25.— ", Dr. n Roseniflö xx.JBrlöir(€nencrr8n«le46 &euil£eton Jüdische Familiennamendeutsches Sprachgat Von Leopold Moses. Es gibt wohl kaum etwas, was so leicht den Spott der gedankenlosen Masse herausfordert wie unverstandene Familiennamen. Der Gebildete freilich wird sich stets vor Augen halten, daß jeder Name etwas historisch Bedeutsames darstellt und eher zu interessanten Untersuchungen als zu oberflächlichem Witzeln Anlaß finden. Wie die Menschen aber im Durchschnitt nun einmal sind, läßt sich solches Verständnis für Namen, deren Erkenntnis nach Epictet „prineipium instruetionis" ist nicht von jedermann erwarten; am leichtesten wird aber die Spottlust noch durch die jüdischen Familiennamen angeregt die. wenn sie überhaupt schon untersucht oder klassifiziert werden, doch meist eine wenig geschmackvolle und ganz und gar nicht wissenschaftliche Behandlung erfahren. Bei einer solchen Untersuchung is* vor aHem festzuhalten, daß die heutigen Familiennamen der österreichischen Juden nicht erst, wie allgemein angenommen wird, durch das Patent Josephs IL vom 23. Juli 1787 geschaffen oder Ihren Trägern willkürlich' beigelegt wurden. Diese Familiennamen waren in ihrer überwiegenden Mehrheit schon Jahrhunderte vorher gebräuchlich und eingebürgert und Kaiser Joseph hatte es sich nur darum gehandelt die bis dahin variablen Namen zu fixieren, da es bis dahin allgemein üblich gewesen war, daß eine Familie, die beispielsweise aus Preßburg <wch Wien übersiedelt war. den Familiennamen ..Preßburger" führte, während dieselbe Familie, wenn sie dann einmal wieder ihren Wohnsitz aus Wien nach einem anderen Orte verlegte, dort „Wiener" hieß. Die jüdischen Famiüermamen sind, soweit sie nicht-als1 uralte OescUecbtsnamen -schon aus dem Altertum fcerrfihren VS/L teflweise aus dem Hebräischen oder Aramäischen «Mach dann tos Deutsche «bertragen wurden oder — in wenigen Ausnahmsfällen, die aber nicht als Regel angesehen werden dürfen, — wirklich der Laune eines Konskriptionsbeamten ihre Entstehung verdanken, echtestes deutsches Kulturgut Sie bleiben auch da, wo sie Eigenschaften oder Berufe ihrer ersten Träger andeuten, nicht auf die Juden beschränkt, sondern stehen allgemein im deutschen Sprachgebiet bei Juden und Christen gleicherweise im Gebrauch. So finden wir beispielsweise den jüdischen Familiennamen Fellner, der den Kürschner oder Fellhändler bezeichnet, im 17. Jahrhundert bei einem christlichen Münzmeister namens Matthias Fellner in S't. Pölten und einen zweiten jüdischen Familiennamen Gut der eine Eigenschaft bezeichnen soll, schon 1583 bei dem Bürger und Ratsherrn von Mödling Franz Gueth wieder. Dieser gemeinsam bei Juden und Christen in der deutschen Vorzeit vorkommenden Namen starben jedoch bei den Christen oft aus oder gingen in einem von der deutschen Kolonisation bedingten Assimilationsprozeß zugrunde, während sie bei den Juden als dem konservativeren Teil besser bewahrt wurden. Aehnlich konservativ wie die Juden sind in dieser Beziehung nur noch etwa die Bewohner der entlegenen Bergtäler Tirols, bei denen sich merkwürdigerweise die sonst als spezifisch jüdisch geltenden Familiennamen Stern und Spiegel erhalten haben. Diese Namen, die man gewöhnlich aus Hauszeichen des Frankfurter Ghettos erklärt sind ebenfalls gemeindeutsches Volksgut das sich aber nur in der Abgeschiedenheit stiller Täler unversehrt erhalten konnte wie in der des Ghettos. Schulbeispiele für diese deutsches Kulturgut konservierende Kraft des aus Deutschland stammenden jüdichen Volkselements sind auch die jüdischen Familiennamen Engelsrath <= Engelhart). Neurath (= Neuhart oder Niuhart) und Axelrad (zusammengesetzt aus Axel=Alexander und rad hart). Diese Silbe rad erscheint auch in Namen wie Vollrad oder Volkrat und ähnlichen und so stellt auch der jüdische Familienname A11 erhaad nichts anderes dar als «ine Zusammensetzung nach Art von Ala-brand. Almund und Alkmund. Ja, diese Verwandtschaft jüdischer und christlich-deutscher Familiennamen geht sogar "so weit, daß: den bekannten Namen Öerai gr-ofl einer der Rädelsführer im Fetttnilchschen Aufitand gegen die Frankfurter Juden (1612) trug. Da kann es sich wahrlich nicht etwa um die Annahme des Namens seitens eines Juden aus Sympathie oder Dankbarkeit, sondern nur um gemeinsame Wurzeln handeln und ähnliche Gemeinsamkeit der Quellen liegt auch in dem Namen Gold st ein vor. der schon im Jahre 1290'bei Christen in Frankfurt a. M. belegt ist und den auch 1365 schon ein Christ namens Jakob Goldstein in Grinzing bei Wien trägt. Auch später (1551) finden wir einen Hofkammerkanzlisten Anthony Goldstein, und wenn dann allerdings ein Index des Staatsarchivs int Jahre 1688 einen Jakob Mayer, „Jud zu Goldstein" kennt und ein Frankfurter Haus den Namen „Zum Goldstein" führt so ist dies noch immer kein Argument gegen diese Gemeinsamkeit der Namensqueilen. Es gibt ja auch ferner eine christlicb-.,arische". aus der Rheingegend stammende Familie Mandelblüh in Wien, die als Pendant den Judenfamilien dieses Namens zur Seite gestellt werden kann, und auch außerhalb Tirols finden sich noch bei Adelsgeschlechtern, wie den Löwenstein. Wertheim. Rosenberg usw., also ebenfalls in konservativem Milieu Namen, die wir sonst nur bei Juden zu suchen gewohnt sind. Ein überaus lehrreiches Beispiel ist ferner auch der Name Steinhof. Schon im 17. Jahrhundert lebte in Wien ein Moyses Steinkopf oder Steinakhopff, der Ahnherr der heutigen Steinhof, und noch früher im Jahre 1338. gab es in Frankfurt a. M. eine christliche Familie Steinkopf und christliche Träger dieses Namens Steinkopf gibt es auch heute noch in Wien. Hier hat wahrscheinlich im Wege mehrfacher Transkription ins Hebräische und aus dem Hebräischen wieder ins Deutsche der Name bei den Juden eine kleine Lautverschiebung erfahren, während er bei seinen christlichen Trägen unverändert blieb: und nur in der Umkehrung Kopsteia oder Kopfstein haben sich auch jüdische Familiennamen erhalten, die in ihren Elementen dem Original ganz treu blieben. Auch die meist gründlich verkannten und als Ausgeburten orientalischer Phantasie aufgefaßten Namen, die Zusammensetzungen mit „Rosen" zeigen, sind nicht spezifisch jüdisch. So lebte um 1750 eim chiHV bayrischer Resident Rosenfeld am kaiserlichen Hoie und' ein Wachtmeister-Leutnant v. Rosenfeld war 1719—20 Teilnehmer einer kaiserlichen Botschaft riaek Koastaaüiiepel. 4>abei idurfen .aiich-die'flocb-heute vorkommenden christliche« Familien namens Roseamayer,