Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 3 (20.1.1933)
- Date
- 1933-01-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064350-3064353--19151-3084257- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WAHRHEIT ~ Seite 5 des sehr eigenartigen Turmes, in dem sich früher Abbildungen aus der Bibel befunden haben sollen. Ein Synagogenturm ist zwar lüchts Ungewöhnliches, da die Synagoge ja nach den religiösen Vorschriften die Umgebung überragen soll. Wenn man aber meint, der Turm hätte die „heilige Lade" enthalten, so wäre dem doch entgegenzuhalten, da(S sich der Turm im Nordwesten der Reste des übrigen Synagogengebäudes, der Werkstätte, deren Längswände von Nordwesten nach Südosten führen, befindet und einst auch einen Brunnen enthalten hatte, der zum Händewaschen vor dem Betreten der Synagoge gedient haben mußte. Der Turm enthielt also nicht die „heilige Lade", sondern eine Vo r h a 11 e und in diese Anlage fügt es sich auch viel besser, daß von der Straße her zu ihm noch ein anderer, jetzt vermauerter Eingang führte, durch den man an der im selben Hause befindlichen „Tuck" vorüber zur Synagoge gelangen konnte. So aufgefaßt entspricht erst die Synagoge von Hainburg dem Bilde, das man von den Synagogen in den alten und streng traditionstreu angelegten Gotteshäusern der Judengemeinden in der nächsten Nähe Hamburgs her, in den ehemals westungarischen Gebieten des Burgenlandes, Ungarns und der Slowakei gewohnt ist Der Besitz Niederösterreichs von Resten mittelalterlicher Synagogen ist also, wie man sieht, durchaus nicht klein. Er wird nur noch übertroffen von der Zahl der Synagogen und Synagogenreste aus dem 17. Jahrhundert, den dieses Land aufweist und von dem ein anderesmal die Rede sein soll. Er legt aber, wie jeder andere Besitz, auch Pflichten auf. da es nicht genügt, daß so ein Gebäude wie die „Rößmühle" in Korneuburg, die die älteste vollständig erhaltene Synagoge im heutigen Oesterreich ist, und der Synagogenturm von Hainburg unter Denkmalschutz gestellt wurden. Namentlich dieser Synagogenturm von Hainburg ist es, der Opfer erwartet, da er baufällig ist und eine Gefahr für die Umgebung bildet. Wenn nicht der Eigentümer recht behalten soll, der dem Denkmalamt gegenüber die Notwendigkeit der Abtragung des Turmes vertritt muß eben die österreichische Judenschaft beweisen, daß ihr die Erhaltung eines der ältesten Baudenkmäler aus ihrer großen Vergangenheit ein kleines Opfer wert ist Wirtschaftskrise und Sabbath-Heiligung. Tagung des Zentralkomitees des Weltverbandes der Am 8. Januar trat des Zentralkomitee des Weltverbandes für Sabbathschutz „Schomre Schabbos" unter dem Vorsitz des Verbandspräsidenten Seminardozenten Dr. Grünberg zum ersten Male nach dem Sabbath-Weltkongreß (August 1930) .in Berlin zu einer engeren Sitzung zusammen, an der neben den Berliner Mitgliedern' Vertreter aus dem Reiche und dem Auslande teilnahmen. Dr, Grünberg umriß in seiner Eröffnungsansprache den Ausbau der Verbandsarbeit seit dem Weltkongreß und stellte zusammenfassend fest, daß zwar zahlreiche Aufgaben unter der jüngsten Wirtschaftskrise gelitten, der Verband aber sich als Fundament des Sabbathschutzes gegenüber der Gesamtjude nheit und der Weltöffentlichkeit mit Erfolg durchgesetzt habe. Generalseketär Doktor Joseph Stern erstattete den Geschäftsbericht: Der Verband hat seine Stützpunkte in allen Ländern jüdischer Siedlung, seine Beziehungen reichen, bis Oslo, Montreal, Capetown und Shanghai. Der Verbindung der Ländergruppen und der Unterrichtung der Oeffentlichkeit dient die Sabbath-Korrespondenz. der alsbald ein allgemeines Verbandsorgan zur Seite treten soll. In einer Schriftenreihe wurden u. a. rechtliche und wirtschaftliche Fragen der Sabbathheiligung untersucht und das Ergebnis umfassender Enqueten über de rechtliche Regelung und äußeren Bedingungen der Sabbathheiligung in den verschiedenen Ländern veröffentlicht Der Referent würdigte die Mitwirkung des Wettverbandes an den Aktionen zur Sammlung von Protesten gegen die Einführung - eines Blankotaigfis und die Intervention des Verbandspräsidenten beim Ausschuß des Völkerbundes und wies darauf hin, daß vom Völkerbund die Reform nur vertagt die Gefahr also noch nicht abgewendet sei. In der Frage der Zwangssonntagsruhe für Sabbathhaltende wurden Aktionen eingeleitet. Die hierfür ausgearbeitete Denkschrift stellt die holländische Gesetzgebung und Verwaltung als Muster dar und bedient sich der vom holländischen Arbeitsminister Verschnür und führenden holländischen Politikern verschiedener Parteien im Parlament vorgebrachten Argumente zur Begründung des Wunsches nach Erleichterung des Sonntags-Feierzwanges für sabbathtreue Juden in allen Kulturstaaten. Die Förderung des Gedankens der Fünftage-Arbeftswoche war im gesetzestreuen Judentum früher umstritten. Die Wirtschaftskrise hat aber den Verband veranlaßt, die Bewegung zur Verkürzung der Arbeitszeit den Interessen des Sabbath nutzbar zu machen. Ueber den Sabbath-Schuldispens wurde eine allgemeine Enquete veranstaltet und in mehreren Ländern (Jugoslawien, Rumänien. Irand. Norwegen, Memelland) Teilerfolge erzielt. Abschließend zeichnet der Berichterstatter eine Reihe von Aufgaben für die nächste Zukunft Schomre Schabbos. gung in Erez Israel, die u. a. darin gelegen sei. daß es neben dem Sabbath keinen zweiten arbeitsfreien Tag gäbe, an dem die Jugend — wie am Sonntag in der Diaspora — die Möglichkeit hätte, zu wandern und Spiel und Vergnügungen nachzugehen, so daß der Sabbath selbst dort zum „jüdischen Sonntag" wird, an dem Jugend und Arbeitende dem Wandern. Spielen und Vergnügungen nachgehen. Die Regierung und ein Teil der Industrie, ietzt sogar eine jüdische Zementfabrik, benachteiligen — wenn auch vielleicht nicht bewußt — Sabbathtreue. In den Kampf für den Sabbath spielen die heftigen innerpolitischen und sozialen Gegensätze hinein. Trotz allem sind mindestens 90 Prozent der Bevölkerung, einschließlich der Arbeiterschaft, im Prinzip s a b b a i h t r e u. Dr. Grünberg betont die Objektivität und überparteiliche Arbeit des Weltverbandes und lehnt jede Stellungnahme im sozialen und politischen Kampf der Parteien und Gruppen im Arbeitskampfe ab. Er verspricht sich viel von einer gemeinsamen Intervention mit Agudas Jisroel und Zionistischer Organisation beim Kolonialamt in London, da die P a 1 ä s t i n aregierung es an Verständnis fehlen lasse, z. B. die Bestätigung der kommunalen Sabbathschutzordnung der Stadtverwaltung von Tel Awiw und Haifa über Gebühr verzögere. Bei loyaler Zusammenarbeit aller Faktoren unter Ausschaltung poltischer Gegensätze in dieser unpolitischen Frage glaubt Dr. Grünberg an einen vollen Erfolg des Kampfes für den Sabbath und für die Gleichberechtigung seiner Träger im Heiligen Lande. Abschließend stellt der Vorsitzende unter einmütiger Zustimmung des Zentralkomitees fest, daß der Weltverband auch in dieser Frage seine Neutralität im jüdisch-politischen Kampfe wahre, aber bei aller gebotenen Zurückhaltung den Kampf gegen die öffentliche Sabbathentweihung im Heiligen Lande fortführen werde. Mit Worten der Hoffnung für die Behauptung der .ludenheit im Kampfe um ihre Selbsterhaltung und um die Erhaltung ihres höchsten religiösen Guts, des Sabbath, schließt Präsident Grünberg nach einstimmiger Annahme mehrerer wichtiger Beschlüsse die Tagung. * Die erfolgreichen Verhandlungen, die die Deutsche Landeszentrale des Weltverbandes Schomre Schabbos mit der Deutschen Reichsbahnüesellschaft in Berlin geführt hat, haben die jugoslawischen jüdischen Instanzen zu einem ähnlichen Versuch ermuntert. Die Bemühungen hatten vollen Erfolg. Gemäß den neuen Bestimmungen über die amtliche Arbeitszeit für Warenaufgabe und Uebernahme im Bereiche der jugoslawischen Reichsbahnen werden die Sabbathe und jüdischen Feiertage den jüdischen Firmen bei der Berechnung der Standgelder nicht in Ansatz gebracht. Judentum und Weltfriedensbewegung. Maurois, Eugen Relgis, Felix Saiten, Freiherr Shaw, dem berühmten Andre Siegfried, Henri mann und Stefan Zweig Der stellvertretende Verbandspräsident Vizeminister a. D. Dr. Rachmilewitz ergänzt den Geschäftsbericht durch Darstellung der allgemenien Richtlinien der Verbandsarbeit Alfred Marcus (Berlin) erstattet den Finanzbericht, der allein für das Berliner Zentralbüro einen Jahresetat von 10.000 RM ausweist, würdigt die Opferbereitschaft der jüdischen Verbände und Gemeinden aller Richtungen in Deutschland und bedauert, daß nur 15 Prozent der Einnahmen vom Auslande kommen. Der Präsident hält einen Nachruf für den zur gleichen Stunde beigesetzten Legationsrat Prof. Dr. M. Sobernheim, dem er tiefes Verständnis und wirksame Förderung der Gedanken und der Arbeit des thoratreuen Judentums und der Sabbäthschutzbewegung nachrühmt In der Aussprache, an der sich u. a. Holländer, Frankfurt a. M.. Senu-Doz. Doktor M. Auerbach. Berlin, Dr. med. Werner Silberstein, Berlin. R.-A. Dr. Sulzberger,. Berlin, Dr. Grünberg und Gemeindevorsteher Alexander Levy, Hamburg, beieiligen, wird die Arbeit der Leitung einmütig anerkannt Behandelt werden u. a. die Sorge für den Nachwuchs, der Austausch von Erfahrungen zwischen den Stellenvermittlungen der verschiedenen Länder, die behördliche Verhinderung der Sonntags-Büroarbeit sabbathfeiernder Unternehmungen. Bei den jüdischen Arbeitnehmern soll Verständnis für die schwierige Lage sabbathfeiernder Unternehmungen geweckt und bei den Unternehmern jede Ausnutzung ihrer Monopolstellung gegenüber gesetzestreuen Arbeitnehmern verhindert werden. Organisatorisch wird die Erweiterung des Präsidiums über Berlin und Deutschland hinaus verlangt. Der Verbandspräsident Dr. Grünberg, der im Frühjahr 1932 mehrere Wochen Palästina bereist hat, schildert die Problematik der Sabbatheili- Üie Bukarester jüdische Wochenschrift „Renasterea noastra" hat sich an eine Reihe führender Männer des europäischen Geisteslebens mit dem Ersuchen gewandt, sich über die Rolle des Judentums in der Weltfriedensbewegung zu äußern. Die Rundfrage wurde u. a. von Max Brod, Graf Coudenhove-Kalergi, dem Führer der Pan-Europa- Bewegung, von Prof. Simon Dubnow, Edmond Fleg, dem in Paris lebenden rumänischen Schriftsteller Fürst Greciano, Heinrich Mann, Andre Karl Anton Prinz Rohan, von Schönaich, Bemard Soziologen der Sorbonne Torr es, Jakob Wasserbeantwortet. Graf Coudenhove-Kalergi schreibt u. a.: Den Juden wird pazifistische und internationalistische Einstellung vorgeworfen. Die Einstellung ist ein natürliches Ergebnis ihrer Entwicklung und ihrer Lage. Es ist selbstverständlich, daß Völker, die seit zwei Jahrtausenden vom Kriegsdienst ausgeschlossen sind, weniger kriegerisch gesinnt sind als Völker, denen seit Urzeit ununterbrochen kriegerische Ideale gepredigt wurden. Dennoch wäre es ein Unrecht, den Juden aus diesem Grunde Feigheit vorzuwerfen. Das Judentum darf diesen Vorwurf verachten. Es hat durch Jahrhunderte auf Scheiterhaufen und in Folterkammern bewiesen, daß es keinem Volk der Erde an Tapferkeit nachsteht. Die Welt ist auf einem Punkt angelangt, an dem sie mit den Nationalismen allein nicht mehr auskommt. Sie braucht Mittler und Boten des Friedens. Hier setzt die große Mission des Judentums ein. Wurzelnd in allen nationalen Kulturen, kann es vorangehen in der Schaffung eines neuen Weltgewissens, so wie es schon einmal durch das Christentum der Menschheit ein neues Gewissen geschenkt hat. Jakob Wassermann erklärt: Daß die Juden, seit sie sich in der Diaspora befinden, die eigentlichen Verkünder und Apostel des Friedens mmitten der Nationen sind, ist ein Ergebnis ihrer ganzen politischen und sozialen Situation. Wenn man weit und tief genug blickt, kann man sich nicht verhehlen, daß dieser Geist in einem bisher noch nicht erforschten Ausmaß zur relativen Kulturform des AbendJandes beigetragen hat Karl Anton Prinz Rohan hat einen Aufsatz: „Die Bedeutung des Judenrums und seiner geistigen Leistungen auf die Entwicklung der euro- : päischen Kultur" beigesteuert, in dem es heißt: Darüber, daß das Judentum die europäische Kultur in bedeutender Weise beeinflußt hat, kann wohl kein Zweifel bestehen Abgesehen von der einen stärksten Wurzel unseres geistigen Daseins: der religiösen, hat das Judentum immer wieder und in den verschiedensten Ausdrucksformen sein Wesen zur Geltung gebracht Alte Liebe rostet nicht. In einer der letzten Sitzungen der Cortes Constituyentes (Konstituiertenversammlung der spanischen Republik), kam es zu einer Aussprache über die Verwendung der Mittel idter Obra Pia in Jerusalem, einer 1342 von den Königen von Sizilien Robert von Anjou und Sancha de Mallorca gegründeten religiösen Stiftung, deren Erträgnis bisher hauptsächlich für katholische! Missionszwecke verwendet wurde. Die Abgeordneten O r t e g a y G a s s e t, einer der führendten Politiker des neuen Spaniens, und Tenreiro benutzten die Gelegenheit, auf die hohen Verdienste des sephardischen Judentums um die Erhaltung spanischer Kulturwerte hinzuweisen. „Die Juden des Orients", erklärte Senor Tenreiro, „bewahren in ihrer Umgangssprache ein bewundernswürdiges Raistilianisch des 15. Jahrhunderts und leisten damit unserer heutigen Kultur ungeheure Dienste." „Das neue S p a n i e n". sagte Abgeordneter Tanreiro unter lebhaftem Beifall des Hauses, „müsse wie das alte Spanien ein Land dreier Kulturen, der europäischen, der jüdischen und der arabischen sein". Senor Ortega y Gasset erklärte, die Komplexe der Sittlichkeitslehren der katholischen, jüdischen und muselmanischen Religion, seien die drei Seiten der nationalen Kultur. Der Redner verlangte, id'aß die Gelder d!er Obra Pia in Zukunft auch zur Unterstützung der sephardischen Schulen in Saloniki und Konstantinopel verwendet werden, wo die .Alten spanischen Romanzen des 15. und 16. Jahrhunderts von Mund zu Mund überliefert" werden. * Das in Barcelona erscheinende katatonische Organ „La Pub lic.it at", veröffentlicht einen Aufsatz aus der Feder des bekannten Volkswirtschaftlers Senior Vicence Bernades, der die Ueberschrift trägt „Der Einfluß der sephardischen Kolonien", und in dem der Vorschlag ge-