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Die Wahrheit · 1933-01-20 · Heft 3 (20.1.1933) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 3 (20.1.1933)
Date
1933-01-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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W - ~> ^rvvBf^gmmf' "■ "-"'J ' f*"" ■ "l-X^ ^^nmwmsm m*m mm Seite 4 DIE WAHRHEIT 'Osterreich zur Nachahmung empfohlen! Oeffentiicfae Boykottpropaganda gegen jüdische Geschäftsleute in Deutschland verboten. Ein Erlaß des Reichsministers des Innern an die Landesregierungen. Der Reichsminister des Innern Dr. Bracht hat den Landesregierungen eine Mitteilung zugehet* 'assen über Maßnahmen gegen die immer mehr antretenden Fälle von Boykott gegen bestimmte Geschäfte oder bestimmte Gattungen von Geschäften. Da es sich hierbei um Boykottaus politischen oder weitanschaulichen Gründen handelte, der teilweise Formen angenommen hat, die über eine geschäftliche Schädigung der Betreffenden hinaus eine Störung der Ruhe und1 Ordnung mit sich brachten, hat der Reichsminister die Länder darauf hingewiesen, daß gegen solche Störungen der öffentlichen Ordnung die Polizei auf Grund ihrer allgemeinen Befugnisse zum Einschreiten berechtigt und verpflichtet ist In Hessen ist die Polizei bereits eingeschritten. Die Fraktion der Nationalsozialisten im Hessischen Landtag, hat die folgende „Große Anfrage betreffend Zulässigkeit von besonderen Geschäftsreklamen" an die Regierung gerichtet: „Ist die Regierung bereit durch geeignete Anweisungen an die Polizeiorgane zu verhüten, daß diese — wie es in einzelnen Fälle» geschehen ist — eine in zulässigen Formen geführte Propaganda für die Berücksichtigung deutscher Geschäfte und gegen den Kauf in Warenhäusern, jüdischen Geschäften u. dgl. erschweren oder verhindern?" Der Minister des Innlern gab auf diese Anfrage den Bescheid^ daß die zur Zeit in großem Umfang betriebene Agitation gegen jüdische Geschäftsleute, idlie meist darin besteht, daß die Bevölkerung durch Flugblätter aufgefordert wird, Geschäfte mit jüdischen Inhabern zu meiden und nur bei Christen einzukaufen, bereits zu ernsten' Störungen der öffentlichen Ordnung geführt habe. In Gießen und Mainz wurden am Goldenen Sonntag in mehreren Warenhäusern idler bezieichneten Art Tränengas- und Stinkbomben geworfen, die die Besucher dieser Geschäfte erheblich beunruhigt haben. Deswegen habe der hessische Innenminister Anweisung gegeben, daß im Interesse der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung diese die öffentliche Ordnung gefährdende Agitation mit allem Nachdruck zu unterbinden ist. Die ältesten Synagogen Österreichs. Von L. Moses. Vor einigen Tagen machte die Nachricht von der Entdeckung einer mittelalterlichen Synagoge in Bruck a. d. M u r die Runde durch die Wiener Tageszeitungen. Dieser Fund steht aber bei weitem nicht so vereinzelt da, wie es vielleicht den Anschein haben möchte, und schon in der grünen Steiermark selbst waren Synagogen aus dem Mittelalter bereits früher bekannt Dies ist beispielsweise bei Hartberg in der Oststeiermark und bei Voitsberg der Fall. und. wie es sich eigentlich fast von selbst versteht, besitzt auch Judenburg, das den Juden ja Namen und Wappen verdankt, noch immer seine mittelalterliche Synagoge. Sie befindet sich im heutigen Hotel „Zur Post" und ist eine der beredtesten Zeugen für das einstige Leben und Wirken der Juden in diesem „Hebraeopolis" und damit in dem Lande, an dessen Rodung und Kultivierung sie nach nichtjüdischen Zeugnissen hervorragenden Anteil genommen haben sollen. Weit zahlreicher aber als aus der Steiermark sind die Nachrichten und. was noch wichtiger ist. die urkundlichen Belege und Baureste selbst, die aus Niederösterreich von mittelalterlichen Synagogen vorliegen"). So wissen wir, daß die Reste der Vertreibung vom Jahre 1496 von Maximilian I. der Stadt geschenkt, im darauffolgenden Jahre in eine Kirche mit drei Altären umgewandelt, im 19. Jahrhundert aber protestantische Kirche und schließlich — nach der Erbauung der neuen protestantischen Kirche — zum Gasthause ward. Eine andere kleine Spur dieser Art liegt auch in Klosterneuburg vor. wo noch an einer Wand der gotische Pfeiler der mittelalterlichen Synagoge gezeigt wird. Neben dieser Wand befindet sich derzeit die Stiftskanzlei und wir haben hier tatsächlich einen Ueberrest jener „Judenschule" in der „Wasserzeile", jetzt „Hundskehle" vor uns. die urkundlich zum erstenmale im Jahre 1373 erwähnt wird. Noch der vorigen Generation war in M ö d 1 i n g die im Haue Elisabethstraße 7 (der ehemaligen Judengasse) bis zum Umbau dieses Hauses erhalten gebliebene Synagoge bekannt während heute davon nur mehr ein aus dem jähre. 1875 stammendes Bild vorhanden ist Greifbare Spuren dagegen stellten in B r u c k a. d. L. der Schüttboden des Hauses Kapuzinergasse 48 .und ein gewölbtes Gemach des Hauses Nr. 86 dar, die den in Bruck im 14. Jahrhundert in großer Zahl ansässig gewesenen Juden als gottesdienstliche Vervon damals ist aber im Laufe der Zeit — der Pferdestall des Gasthofes „Zum goldenen Löwen" geworden, dessen Abbildung sich im Wiener „Jüdischen Museum" befindet. Vollständig unversehrt in ihrer an die Prager „Altneuschul" und auch an die Synagoge von Erfurt erinnernden Gestalt ist aber in Niederösterreich nur die Synagoge von Korneuburg geblieben. Dieses Städtchen liegt ja noch fast so da, wie es im Jahre 1645 die Schweden verlassen haben, und die Reste seiner Stadtmauer haben wahrscheinlich schon die Judenverfolgungen der Jahre 1302 und 1338, die hier ihre Opfer forderten, mitangesehen. Bis zu einer dieser Verfolgungen befand sich die Synagoge von Korneuburg älteren Nachrichten zufolge wahrscheinlich an der Stelle der jetzigen Augustinerkirche. Nach jeder dieser Verfolgungen scheint sich aber die Judengemeinde von Korneuburg rasch wieder erholt zu haben, da die Juden in diesem für den Getreide- und Salzhandel des Mittelalters so wichtigen Orte unentbehrlich waren. Mit der „Wiener Geserah" des Jahres- 1421 freilich schlug auch dieser Gemeinde die Todesstunde. Aus diesen Zeiten stammt nun .die Synagoge von Korneuburg, die im Jahre 1460 Kaiser Friedrich III. der Stadt Kormeuburg schenkte. Das Gebäude wechselte von nun an häufig seine Verwendung. Es wurde vom Rate der Stadt an verschiedene Handwerker vermietet und stand im 17. Jahrhundert oft auch leer. So kam es auch, daß einmal im Mai 1670 das eiserne Gitter, mit dem es noch immer umgeben gewesen, über Nacht plötzlich verschwunden war und auch ein Bettier, der sich in dem verlassenen Gebäude eingenistet hatte, nicht zu sagen wußte, was mit dem Gitter geschehen sei. Später ging die „Judenschule" in Privatbesitz über Synagoge in Korneaburg (Rößmühle) ältesten Synagoge von Wien nach ihrem im Gefolge der „Wiener Geserah" (1421) erfolgten Abbruch Bausteine zur Wiener Universität liefern mußten. Aehnlich erging es aber nach 1421 auch den Synagogen anderer bekannter Judengemeinden in Niederösterreich und so wissen wir, daß in Krems im Jahre 1430 ein Haus, „das vor die Judenschul gewesen", um 120 Pfund verkauft und in Tulln im Jahre 1422 die „Judenschule" dem Schottenstift in Wien geschenkt wurde. Außer diesen Nachrichten von mittelalterlichen Synagogen in Niederösterreich, von denen aber kein Stein mehr erhalten ist besitzen wir aber in den nunmehr zu besprechenden Fällen eine Reihe immer greifbarer werdender Spuren solcher Gebäude und schließlich vollständig erhaltener Objekte. So sind in W r.- Neustadt im Gasthause Aibler (Allerheiligenplatz) doch wenigstens die fast bis zur Unkenntlichkeit entstellten Spuren der Synagoge erhalten, die nach der >it *) Teilweiser Abdruck aus „Unsere Heimat", Monatsblatt des Vereines für Landeskunde und Heimatschutz von Niederösterreich und Wien. Neue Folge, Jahrgang V. 1932. Nr. 10. sammlungshäuser dienten. Einem Orte dagegen, dessen wirtschaftliche Bedeutung heute nicht mehr auf den ersten Blick klar erscheint, gehört die Synagoge von Hadersdorf am Kamp an. die merkwürdigerweise noch im Gasthause Hohlnstein in der Kremsergasse erhalten ist. Da dieser Ort jedoch unter dem Namen Hedreichsdorf in einem Martyrologäum aus dem Jahre 1337 genannt wird .und auch ein Jude Hetschel de Hederstorff um 1350 im Urbar der Pfarre der nahen Stadt Krems a. d. Donau erscheint, ist wohl anzunehmen, daß sich auch da einmal den Kampfluß entlang ein Handelsweg zog. der die Ansiedlung von Juden veranlaßte. Auf der Straße, die von Wien über den Semmeringpaß nach Italien führt, liegt Neunkirchen (Neuenkirchen). Auch dieser Ort war. damals noch zur steirischen Mark P i 11 e n gehörig, wenn er auch nicht die Bedeutung besaß wie das nahe Wr.-Neustadt. Sitz einer Judengiemeinde. Als 1496 die Juden auch aus Neunkirchen, wo sie eine Judengasse bewohnt hatten, vertrieben worden waren, bedauerte bereits im Jahre 1504 Abt Rumpier v. Formbach diese Ausweisung, „da früher, als die Juden in Neunkirchen ansässig waren, seine Einkünfte höher waren". Aus der „Judenschule" Synagoge in Hainburg und seit mehr als zwei Jahrhunderten befindet'sich das Gebäude nunmehr in den Händen einer altansässigen Bürgersfamilfe. Im Laufe dieser Zeiten war aber aus der „Judenschule" die „Roßmühle" geworden, das Gebäude erfuhr einige kleine, bauliche Veränderungen, so die Vergrößerung eines Fensters an der Ostwand und die Herstellung einer Oeffnung zur leichteren Einbringung des Heus vom Dachboden her nach der Straße und heute dient diese „Roßmühle" einem Apotheker als Magazin. Trotz aller dieser Wandlungen hat aber die Synagoge von. Korneubur® ihren' ursprünglichen Charakter im großen ganzen gewahrt. Sogar der Schlüssel zu ihrem an der Westseite befindlichen Eingang ist ein Meisterwerk alter Schmiedekunst und ebenso treu sind auch der in die Tiefe führende Eingang und die heute schon sehr schadhafte Treppe zur Frauengalerie erhalten. Dazu kommen noch die hoch oben angebracht ten kleinen Fensterchen, die so recht dem Bilde der mittelalterlichen Synagoge entsprechen, und man kann sich, wenn man in dem 9.4 Meter breiten und 11.6 Meter langen Räume steht, trotzdem ihm die „heilige Lade" und alles andere, was zu einer Synagoge gehört, fehlt, ganz gut in die „Judenschule" von Korneuburg zurückversetzt fühlen. Und nun wäre von den mittelalterlichen Synagogen Niederösterreichs noch, jener von Hainburg a. d. Donau zu gedenken. Auch dieses Städtchen, einst ein Bollwerk 'gegen Ungarn, war im 14. Jahrhundert Sitz einer ansehnlichen Judengemeinde gewesen, die nach den noch jetzt erhaltenen „Judentucken", das heißt rituellen Bädern zu schließen, die heutige Wienerstraße und die ihr parallele Hauergasse bewohnt hatte. Auch ein „Judenturm" befand sich hier in der Stadtmauer an einer Stelle, die an dem nach der frauziszeischen Katastralmappe als „Juden Freudhof" bezeichneten Grundstücke neben dem heutigen städtischen Friedhofe liegt, und aus diesem Friedhofe stammen auch die in Hainburg noch erhaltenen zwei hebräischen Grabsteinfragmente. Von 1360—1368 wohnten in Hainburg die aus dem nahen Preßburg vertriebenen Juden und so erging am 23. Juli 1368 eine Aufforderung an die vertriebenen Preßburger Juden in Hainburg, ihre Forderungen dem Judenrichter bis zu einer gewissen Frist anzumelden. Der bekannteste unter den vielen Hainburger Juden, deren Namen uns aus jener Zeit überliefert sind, dürfte Chaim, genannt Henschel aus Hainburg sein, der in Krems a. d. Donau lebte, da er der Großvater Israel Isserleins, des berühmten Verfassers des „Terumath ha-Deschen" (lebte in Wr.-Neustadt) war. Als im Jahre 1421 auch aus Hainburg die Juden im Gefolge der „Wiener Geserah" vertrieben wurden, ließen sie in der Stadt aber nicht nur den Friedhof und Judenbäder zurück, sondern auch einen noch heute im Hofe des Hauses Wienerstraße 9 bestehenden gotischen Turm, der im Volksmunde noch immer als Synagoge bezeichnet wird und mit der hinter ihm befindlichen Werkstätte zusammen die Synagoge gebildet haben muß. Die einzige Schwierigkeit in diesen Feststellungen bietet nur noch die Frage nach der Verwendung

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