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Die Wahrheit · 1933-01-20 · Heft 3 (20.1.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 3 (20.1.1933)
Date
1933-01-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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opfern gewillt. waren, einen großen Teil jener Juden bilden, denen durch dai'allgemeine Wahlrecht ein Etafluß auf die Kultusgemeinde und auf ihre Verwaltung gegeben werden soll. Wir leben in einer schweren Krise und es heißt ein gefährliches Spielbeginnen, wenn man am Judentum desinteressierten Juden einen Einfluß auf die Kultusgemeinde einräumen will, um den Preis, den gläubigen Juden einen schweren Schlag zu versetzen. Man darf auch nicht vergessen — und es muß in dieser Frage offen gesprochen werden —, daß das Budget der Kultusgemeinde nicht nur von der Steuerkraft der Juden, sondern auch von ihrem ZahlimgswMen abhängig ist Man darf nicht Juden, die in traditionellem Geiste erzogen sind, denen das Judentum noch etwas mehr als Nationalismus bedeutet, den Sessel vor die Türe stellen, nur um politischen Ideen zu dienen. Es ist auch unser Wille, daß das Wahlrecht der Gemeinde, den gegenwärtigen Verhältnissen entsprechend, demokratisiert werde. Aber es ist ebenso selbstverständlich, daß nur derjenige Jude ein Recht haben darf, über die Kultusgemeinde zu entscheiden, der für die Kultusgemeinde Opfer zu bringen bereit ist. Es kann jeder in irgendeiner Form seine Opferwilligkeit für das Judentum bezeugen. Die Forderung nach Opferbereitschaft ist menschlicher als die Forderung mach der Politisierung der Kultusgemeinde in nationalem Sinne durch das Schlagwort „allgemeines Wahlrecht". Es wäre wohl Pflicht der Antragsteller gewesen, in einer so wichtigen und alle Kreise berührenden Frage wohl zu erwägen, welche Konsequenzen die Durcliführung des Antrages nach sich ziehen wird. Das nach dem Dringlichkeitsantrag geforderte allgemeine Wahlrecht ist noch viel allgemeiner als das allgemeine Wahlrecht in Staat und Gemeinde. Jeder Jude, der auch nur kurze Der letzte Gemeindeabend der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, die bekanntlich vor einer nichtnatiowalen Mehrheit trotz der Schwere der Zeit überaus umsichtig geleitet wird, stand unter dem Motto: „Das Judentum 5|n deT Grioßstadt". Der Marmorsaal am Zoo war schon lange vor Beginn überfüllt, so daß eine Parallel - Versammlung im großen Kaisersaal abgehalten werden mußte. Auch diese Versammlung war überfüllt so daß infolge Absperrung der Säle viele umkehren mußten. Die Zahl der Besucher betrug mehrere tausend. Peuitteton Literatur über die jüdische Frau. Die immer mehr und mehr fortschreitende Frauenemanzipation mußte sich naturgemäß auch im Judentume allmählich bemerkbar machen. Hier konnte sie um so eher zum Ausdruck kommen, als ja im Judentume in uralter Zeit schon die Geltung der Frau etwas Selbstverständliches war. Dies zeigt uns ja bereits die Geschichte der Stammütter, die bei ihrer Gattenwahl das Selbstbestimmungsrecht hatten. So wird ja beispielsweise Rebekka gefragt, ob sie geneigt wäre, dem Sohne Abrahams als Frau und Gattin zu folgen (Gen. 24, 58). Dessenungeachtet ließen sich die Gegner des Judentums nicht abhalten, auch von einer minderwertigen Stellung der Frau im Judentume zu sprechen und auch von dieser Seite her die Inferiorität des jüdischen Volkes gegenüber der christlich-europäischen Kultur nachzuweisen. Die Trennungs- und Scheidungsmöglichkeit der jüdischen Ehe mußte in erster Reihe als Beleg dafür herhalten, ebenso das Verhalten des Juden zu so vielen das Interesse den Frau berührenden Fragen und Problemen. Diese einseitige Beurteilung und Entstellung des Judentums nach dieser Richung beruht — wie so oft — auf Unkenntnis der wirklichen Tatsachen wie nicht minder auch auf Mangel an Kenntnis diesbezüglicher Meinungen. Satzungen und Lehren im jüdischen Schrifttum. Ist ja die Unkenntnis auf diesem Gebiete nicht allein nur in nichtjüdischen Kreisen, sondern! leider auch in so manchen Teilen unseres Volkes selbst anzutreffen. Mehrfache Gründe mochten wohl dazu beigetragen haben, vorwiegend aber die falschen, im Laufe der Zeit immer mehr eingebürgerten unrichtigen Vorstellungen über dieses Thema wie auch die Schwierigkeiten, die sich dem Kennenlernen der einzelnen im Zeit, weiß Gott zu welchen Zwecken, sich! in Wien aufhält, wird nach diesem Antrag wahlberechtigt sein. Eine Kritik der Folgen erübrigt sich. Es wäre sehr zweckmäßig gewesen, etwas gemäßigtere Reden zu halten, als sie von einigen Rednern in der letzten Plenarversammlung gehalten wurden. Es wäre gut wenn sich die Herren Nationalisten nicht in einer solchen Art mit den nichtnationalen Juden auseinandersetzen würden, als das von einigen Rednern geschalt. Es sollte doch endlich in einer Plenarversammlung der Kultusgemeinde unterlassen werden, einer politischen Partei Austritte aus dem Judentum anzukreiden, die leider Angehörige aller politischen Richtungen betreffen. Diese Schlagworte können höchstens noch ein Lächeln oder Beifallsklatschen einiger Zuhörer erzielen. Diese Methode ist geeignet den Willem einer Partei zur Mitarbeit gewaltsam zu untergraben. Der Herr Präsident der Kultusgemeinde hat in seiner Antrittsrede erklärt, Vorsorge zu treffen, daß alle Richtungen im Judentum zur Mitarbeit in der Kultusgemeinde herangezogen werden. Die im Kultusvorstande in der letzten Plenarversammlung gehaltenen Reden sind zum Teile geeignet Juden, die den ehrlichen Willen zur Mitarbeit haben, aber nicht der Meinung der Majorität sind, die Mitarbeit zu vergällen. Wir sind uns angesichts der nationaljüdischen Zufallsmajorität erst recht unserer Verpflichtung gegenüber der überwältigenden Mehrheit der Wiener Judenschaft bewußt und werden alles daransetzen, daß deren Interessen nicht durch Majorisierung in der Kultusstube vergewaltigt werden. Es wird an der gegenwärtigen Majorität liegen, ob wir uns .darauf beschränken können, die Verantwortung für gewisse Beschlüsse formal abzulehnen, oder zu weitergehenden Konsequenzen gedrängt werden. Dr. Ernst Feldsberg. I i i!■«■■«■.«.■■»«.■.»■■■»■»»»■«.■............«■»».■.—■»..«——»»■— Zuerst sprach der Gemeindevorsitzende Direktor h. c. Wilhelm" Kleemann über „Gemeinde und Umwelt". Er forderte unbeschadet allen Judenhasses und aller Not die Pflege der Beziehungen zur nichtjüdischen Bevölkerung. Dadurch werden am besten Legendenbildungen über Juden' und Judentum zerstört und eine Ausschaltung der Juden aus dem allgemeinen Leben der Bürger vermieden. Voraussetzung einer regen Verbindung mit den nichtjüdischen Bürgern ist aber das stolze Bekenntnis zum Judentum und nachbiblischen Schrifttum vielfach zerstreuten und verbreiteten Aussprüche und Lehrsätze entgegenstellen. * - * * Dem abzuhelfen ist wohl ein Werk geeignet, das mit Recht als meisterhaft und musterhaft bezeichnet werden muß. Es ist dies die neueste Arbeit des bestbekannten Forschers und Gelehrten Bernhard Wae listein: „Literatur über die jüdische Frau" mit einem Anhang: „Literatur über die Ehe", Band VII der Veröffentlichungen der Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde. Selbstverlag der Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde. Wien. Gleich Wie die anderen Veröffentlichungen Wachsteins zeichnet auch diese Schrift wissenschaftliche Gründlichkeit und klares System aus. Wie in seineu irüher herausgegebenen Arbeiten: „Kataloge" (L 1911 und II. 1914), „Zur Bibliographie der Gedächtnis- und Trauervorträge in der hebr. Literatur", Wien 1922, 1927, 1930, so will auch hier im neuesten Buche der Veröffentlichungen der Bibliothek deren Leiter dem Interessenten die Möglichkeit verschaffen, gar leicht die für ihn diesbezüglich in Betracht kommenden Bücher und Werke benützen zu können. Der tiefe Denker Wachstein vorsteht es, logisch und psychologisch das ganze Thema in mehrere Kapitel einzuteilen, die übersichtlich genug uns über die verschiedenen Fragen und Probleme orientieren sollen. Es werden die Schriften über die Frau nach folgendem Einteilungsschema angegeben: Die Frau in biblischer und vorbiblischer Zeit (Kap. IL): nach dem biblisch-talmudischen Schrifttum (III.); nach dem talmud.- rabbin. Schrifttum (IV.); über zeremonielle Vorschriften (V.); über die Frau im Mittelalter (VI.); in der neueren Zeit (VII.); über hervorragende Frauen (VIII.); über die Frau im Spiegel der Zeiten (IX.) und schließlich über biblische und nachbiblische Frauen als Heldinnen in der Dichtung. Daran anschließend auch ein alphabetisches Verzeichnis der Personen in dieser Abteilung. Bei sämtlichen Werken ist überall gleichzeitig auch die betreffende Signatur mitgeteilt, was das Auffinden des Buches bedeutend edeichtert. Bei dieser Gelegenheit möchte ich nicht unerdie Treue zur angestammten Glaubensgemeinschaft.: Der Vorsitzende des Wohlfahrtsamtes der Gemeinde, Direktor Heinrich Stahl, wählte das Motto: „Wohltun ist Gerechtigkeit". Jadles Individuum hat Anspruch auf menschenwürdige Existenz. Wenn der Einzelne im Kampf ums Dasein sich nicht mehr behauptet, so muß die Gesamtheit eingreifen, um die Gerechtigkeit wieder herzusteien. Im geoffenbarten jüdischen Gesetz sind Recht tun und Liebe üben verschmolzen. Bei jüdischer Wohlfahrtspflege ist es nicht so, daß eine Oberschicht einer notleidenden Klasse gibt, sondern derBrudergibtseinem Bruder, um sich selbst zu geben. Gelten doch nach jüdischer Ueberlieferung die Kinder der Armen als Träger der Thora. In diesem Sinne hat gerade das deutsche Judentum stets Wohlfahrt gepflegt, und dieses Wohltun ist ein Ruhmesblatt in der Geschichte des deutschen Judentums. Wo in der Welt sich Not zeigte, wurde sie gelindert, unparteiisch und ohne Rücksicht auf Herkunft. Die Berliner Gemeinde sieht ihre Hauptaufgabe in der Fürsorge für den absinkenden kleinen Mittelstand. Dabei aber muß zunächst, auch mit Beistand der Gemeinde, der Hilfsanspruch gegen Staat und Stadt ausgeschöpft werden. Im letzten Winter wurde die Brotversorgung von der jüdischen Gemeinde verdoppelt die Kohlenversorgung verdreifacht, Wohnungsfürsorge, Einrichtung warmer Stuben, Küchen, die Kinderverschickung und Kleidenvergebung wurden ausgebaut, die kleineren Geldunterstützungeit nicht abgebaut. Wertvolle Hilfe wurde bei Wiederaufbau zerstörter Existenzen geleistet. Um die Leistungen aufrecht erhalten zu können, mußte die Gemeinde die Steuern um ein Geringes erhöhe n. Direktor Stahl wendet sich mit aller Schärfe gegen die Steuerflucht in der Form des Austritts aus der Gemeinde. Gerade wer noch aufrecht steht, muß seinen Dank gegen die Vorsehung durch doppelte Hilfe für die Notleidenden abstatten. Stahl appelliert an die Gemeindemitglieder, die einmütige Auffassung aller Parteien „Im Sozialen sind wir einig" durch die Tat zu bekräftigen. Der Verwaltungsdirektor der Gemeinde, Dr. Walter Breslauer, behandelte den „Weg zur Gemeinde". Er schilderte das Bestreben der Gemeinde, Herz und Hirn des in der Großstadt vereinsamten Juden zu finden: So sind 25 Wohlfahrtsbezirke geschaffen worden, die religiösen und kulturellen Veranstaltungen in den Vororten wurden ausgebaut, kleinere Kindergärten und Heime wurden allenthalben gegründet, dem Arbeitsnachweis ist besondere Aufmerksamkeit zugewendet worden. Die neugeschaffene Einrichtulnig des Beerdigungskommisstariats soll den Trauernden die erste Sorge tragen helfen. Das wähnt lassen, daß wir beim Studium in der Bibliothek, in der Benützung deren Schriften, dem ordnenden Sinn des Bibliothekdirektors Wachstein gar vieles verdanken. Im Anhang: „Literatur über die Ehe" sind die sämtlichen in verschiedenen Zeitschriften vorhandenen Abhandlungen wie auch die Einzelarbeiten über dieses Thema angegeben. Nicht weniger als 95 Nummern wird im diesem Kapitel angeführt. Schriften über bibl. Eherecht, über mosais.-talmud. Eherecht (Zach. Frankel. Ludwig Blau), über die Levirats-Ehc (Geiger A. Guttmann M.), über ChaJiza, Materialien zum islamischen und jüdischen Eherecht, über die verbotene Ehe eines Kohen. über Mischehen, über die rituelle Scheidung (Ist. Hildesheimer. L. Blau), die Sprache des Scheidebriefes (Sal. Funk), über die Zivilehe und die jüdisch-religiöse Trauung (Treuenfels A), um aus der bunten Fülle nur das Wichtigste hervorzuheben, sind hier namhaft gemacht Das umfangreiche Wissen, die profunde Gelehrsamkeit und der weit ausschauende Blick Wachsteins hat sich auch hier ausgezeichnet bewährt. Auch da blieb er sich selber treu und scheute keine Mühe, um das gesamte vorhandene entsDrechende Material zusammenzustellen. So können wir auch in dieser jüngsten Publikation Wachsteins die bekannten vortrefflichen Merkmale, die seinen sämtlichen Geistesprodukten in so hohem Maße eigen sind, bewundern. Diese Arbeit Wachsteins erscheint gerade in der Gegenwart um so wertvoller, als ja das Problem der Ehe in ihren verschiedenen Formen und Arten denkende Köpfe auch in jüdischen Kreisen beschäftigt. Durch dieses Buch ist also gar viel erreicht: Zu einem sehr aktuellen Thema, das nun allenthalben erörtert und diskutiert wid, ist von so kundiger Seite das Material. herbeigeschafft worden. Hierdurch ist auch ein großer Schritt zur Aufklärung der Stellung der Frau im Judentume getan. Besonders aber erscheint dieses Buch als Beitrag zur Vermeidung falscher Vorstellungen, die sich im Laufe der Zeiten gerade auf diesem Gebiete verbreitet haben. Dafür sei dem verehrten Direktor der' '< Kultusgemeindebibliothek bestens Dank gesagt.. 7 Dr. M. G. Mehrer. Wie eine Großgemeinde zu leiten ist Das Judentum in der Großstadt Großartiger Verlauf des letzten Berliner Gemeindeabends.

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