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Die Wahrheit · 1933-01-13 · Heft 2 (13.1.1933) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 2 (13.1.1933)
Date
1933-01-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT . Nach seiner Verheiratung im Jahre 1893 wohnte Bialik vier Jahre in Kcrostyschew, wo er Waldhandcl betrieb. 1897 wurde er als Lehrer nach Sosnowice {Polen) berufen. Dort schrieb er seine größere Dichtung „ha-Ma'tmid". die das Lernen im Beth Midrasch schildert und die Empfindungen der jungen und der alten Generation zum Ausdruck bringt. Ein anderes, gleichzeilig entstandenes Gedicht, „Achen Chazir ha-am", gibt die seelischen Konflikte des jüdischen Volkes wieder und leitet eine Reihe Gedichte ein. die von einer anklägerischen Stimmung durchzogen sind. Die Grundstimmung dieser Gedichte ist pessimistisch. Im Sommer 1900 zog Bialik wieder nach Odessa, wo er als Lehrer an dem „reformierten Cheder" wirkte. Hier entstand zunächst^die große Dichtung ..Mete Midbar". die die Tragödie des Galuth darstellt. Es entstanden später eine Reihe Dichtungen, die Lebens- und Naturfreude zum Ausdruck bringen, u. a. „Zafririm". „Sohar". „Schire ha-Choref". 1902 erschien in Warschau (Verlag „Tuschija") die erste Sammlung der Gedichte Bialiks. Unter dem Eindruck des Pogroms in Kischinew entstanden ..AI lia-Schcchita" und „bc-lr ha-Harega". 1904 wurde Bialik Redakteur des schönliterarischen Teils des ,.ha-SchiIoach". Damals entstanden das große Poem „Megillat ha-Esch" und die Vision ..Dabar". Kurz vor dem Kriege erschien eine zweite vollständige Sammlung der Gedichte Bialiks in Odessa. 1915 verfaßte er einen größeren Gedichts-Zykius, der in dem von ihm selbst redigierten Sammelbuch „Knesseth" erschien. Um dieselbe Zeit entstanden auch seine ..Schire ha-Am" (Volkslieder), sowie Kindergedichte, die meist schon in Lesebüchern Aufnahme gefunden •haben. Bialik verließ Rußland endgültig 1921 und siedelte nach einem zweijährigen Aufenthaltin Berlin nach Palästina über. Bialik schrieb auch eine Reihe jiddischer Gedichte, die 1906 unter dem Titel „Vun Zaar un Zorn" erschienen sind. Er veröffentlichte auch eine Reihe Erzählungen wie „Arje Baal Guf", „me-achore ha- Geder", und eine autobiographische Darstellung „Safiach". In den letzten Jahren hat Bialik auch biblische Volkslegenden aufgezeichnet. Bialiks Essays dienen in der Hauptsache der Klärung literargeschichtlicher und theologischer Fragen. Er übersetzte wissenschaftliche Abhandlungen, den „Don Quichote", Schillers „Wilhelm Teil" und Asnis „Dybbuk" ins Hebräische. Einen bedeutenden Teil seiner Wirksamkeit nimmt seine Tätigkeit als Verlagsleiter ein. Er gründete noch in Odessa gemeinsam mit S. Ben Zion, Lewinski und Rawnitzki den „Moriah"-Verlag, der Lehrbücher herausgab, und nach dem Kriege den Verlag „Dwir". Vor kurzem begann Bialik. mit der Publikation einer jüdischen Dichtung aus Spanien, die von ihm selbst als sein Hauptwerk angesehen wird. Bialik leitet gemeinsam mit Rawnitzki die folkloristische Zeitschrift „Reschumot". Zu Bialiks 50. Geburtstag, der bei Anwesenheit des Dichters in der Berliner Philharmonie gefeiert wurde, erschien in Berlin eine Jubiläumsausgabe seiner Werke in vier Prachtbänden. Ein großer Teil seiner Gedichte und Erzählungen ist in fast alle europäischen Sprachen und auch ins Esperanto übersetzt worden. ■.«•aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaat Professor Dr. Moritz Sobernheim gestorben. Ein Leben, dem Judentum und der Wissenschaft geweiht, erloschen. Proiessor Dr. Moritz Sobernheim, der bekannte Orientalist, Erster Legationsrat im deutschen Auswärtigen Amt. ist am Donnerstag, den 5. Jänner, mittags, in der West-Kliräk. wohin er sich nach einer Erkrankung Ende Dezember begeben hat, verstorben und wurde am 8. d. M. unter überaus großer Beteiligung zu Grabe getragen; der Trauerfeier wohnten Vertreter der Reichs-, Landes- und Staatsbehörden, der Gelehrtenwelt, sowie die Führer der jüdischen Organisationen in fast unübersehbarer Zahl bei. Mit Prof. Dr. Moritz Sobernheim ist ein Mann dahingegangen, dessen Leben dem Judentum und der Wissenschaft geweiht war. Er wurde am 13. August 1872 in Berlin geboren und war über Deutschland hinaus als Orientalist bekannt. Er war Schriftführer der Vorderasiatisch-Aegyptäschen Gesellschaft. Vor allem wandte er sich der semitischen Epigraphik zu. bereiste u. a. als Mitglied der Baalbek-Expedition der preußischen Regierung und im Auftrage des Institut Francais d'Archeologic Orientale mehrfach Syrien und Palästina und veröffentlichte im Anschluß daran seine als grundlegend bekannten Arbeiten über die Tripolitaner. Baalbeker, palmyrenischen und samaritanischen Inschriften, sowie die Inschriften in Damaskus (Syrien). Außerdem veröffentlichte er die Chronik der „ihn Iyas" in Gemeinschaft mit Prof. Kahle. Seit dem Jahre 1918 wirkte Prof. Sobernheim im Auswärtigen Amt als Legaticnsrat und Referent für jüdisch-politische Angelegenheiten. Prof. Dr. Moritz Sobernheim war eine zentrale Persönlichkeit im jüdischen Leben Deutschlands und setzte damit die Tradition seiner Familie fort. Er war ein Enkel jenes im Berliner Leben bekannten Stadtrats Magnus, der eine lange Reihe von Jahren Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Berlin war und zu dem Kaiser Friedrich III. die bekannten denkwürdigen Worte der Verdammung des Antisemitismus gesprochen hat. Er war ein Stiefsohn von Generalkonsul Doktor Eugen Landau. Mitbegründer und langjähriger Vizepräsident des Hilfsvereins der Deutschen Juden, und ein Bruder des bekannten Großindustriellen Dr. Walter Sobernheim und des bekannten Finanzmannes Dr. Kurt Sobernheim. Prof. Sobernheim war seit 1924 Präsident des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, der 1872 konstituiert wurde. Die vorangegangenen Präsidenten waren Moritz Kohnci, Jacob Nachod, Samuel Kristeller, Alartin Philippson und Salömon Kalischer. Der D. I. G. B. unter Prof. Sobernheims Leitung zeigte sich in erster Reihe bestrebt, den Reichsverband der deutschen Juden als die Zusammenfassung aller Landesverbände jüdischer Gemeinden Deutschlands zu schaffen. Als Präsident der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums hat sich Prof. Sobernheim große Verdienste um die Wissenschaft des Judentums und um die jüdich-wissenschaftliche Publikation erworben. Prof. Sobernheim war Vorstandsmitglied des Kolonisationsvereins „ESRA" und Präsidäumsmitglied des Deutschen Komitees Pro Palästina. Er war auch Mitbegründer und Vorsitzender der Religiösen Mittelpartei für Frieden und Einheit in der Gemeinde, die durch ihre Vertreter in der Berliner Jüdischen Gemeinde und in anderen üroßgemeinden, sowie im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden einen zwischen den extremen Parteien veimittelnden Standpunkt einnimmt und die unter Führung ihres Präsidenten viel zum Ausgleich der Gegensätze und zur Ermöglichung friedlicher aufbauender Aibeit beigetragen hat. Es gibt fast keine jüdische Partei oder Gruppe in Deutschland, die nicht durch Professor Sobernheim entscheidend gefördert worden ist. Brief aus Rumänien. dieser greise Mann durch seine antisemitischen Zwischenrufe die Verhandlungen im rumänischen Parlamente stört und sich nebst der Blamage in der ganzen Welt noch obendrein den Hohn des ganzen Hauses zuzieht. Wie sollten denn auch die Reden des Herrn Cuza ernst genomen werden, wenn er von Entrechtung der Juden spricht? Die rumänischen Juden sind nachgewiesenermaßen seit mehr als tausend Jahren auf rumänischem Hoden ansässig, ja manche Historiker, wie Josephus Flavius, behaupten sogar, daß Juden schon im sechsten Jahrhundert im rumänischen Dazien am roten Tore ihren Wohnsitz hatten. Während dieser ganzen Zeit haben die jüdischen Einwohner, ungeachtet dessen, daß sie als Fremde angesehen worden sind, dem rumänischen Vaterlande stets Treue und Anhänglichkeit bewahrt, Gut und Blut für dasselbe zum Opfer gebracht und die zahlreichen gemeinnützigen, kulturellen und karitativen Institutionen und jüdischen Stiftungen bilden ein beredtes Zeugnis, wie und in welchem Maße die Juden dem rumänischen Vaterlande nützlichsind. Mit antisemitischen Hetzreden lassen sich diese Tatsachen nicht aus der Welt schaffen. Bernhard R i p p e 1, Czernowitz. Iis gibt Menschen, die bei scheinbar normalem Verstände von einer fixen Idee verfolgt werden, wobei sie sicli nicht nur selbst der Lächerlichkeit aussetzen, sondern auch der Allgemeinheit Schaden zufügen. Solche Erscheinungen zeigten sich jüngst im rumänischen Parlamente. Während der bedeutungsvollen Verhandlungen über die Unantastbarkeit der Landesgrenzen und anderer wichtigen Beratungen, welche die Ueberwindung der schweren Krise zum Gegenstande hatten, versuchte der greise Antisemitenführer Cuza, durch seine antisemitischen Bemerkungen und verhetzenden Reden immer wieder eine Judendebatte im Parlamente heraufzubeschwören, ein Wortgeplänkel, das mit seiner schweren moralischen Niederlage sein Ende fand. Der greise Professor ist Nationalökonom an der Universität in Jassy, und es ist ihm durch seinen Einfluß und seine antisemitischen Phrasen gelungen, enen Teil der rumänischen Studentenschaft in das antisemitische Fahrwasser zu leiten, welcher nunmehr seine Avantgarde bildet. Ihnen predigt Herr Cuza, daß die Juden als handeltreibendes Element einen bedeutenden wirtschaftlichen Faktor im Lande bilden, das sie mit ihrem Intellekte vollkommen beherrschen. Der Antisemitismus soll nunmehr dazu dienen, das Land von dieser Herrschaft zu befreien. Man muß sich über die Naivität des greisen Professors wirklich wundern, der entweder über die Verhältnisse in Rumänien nicht genügend informiert ist oder aber die Wahrheit wissentlich entstellt. Aus patriotischen Gründen soll hier die Erörterung unterbleiben, von wem das reiche Land Rumänien beherrscht und geschädigt wird: ob von den Juden, die als Handelstreibende die Verwertung der Landesprodukte vermitteln, unser Land mit der großen Welt in Verbindung bringen, sein Ansehen im Auslande heben und vermöge ihres Intellekts sich im Inlande bei jeder Gelegenheit nützlich erweisen, oder jenen, die hinter dem sicheren Schutzwall des Nationalismus verschanzt, ihrer egoistischen Zwecke wegen das ganze Land nicht nur um Milliardenbeträge schädigen, sondern auch das Ansehen Rumäniens im Auslande untergraben. Eines steht aber unleugbar fest, daß die Heerrufer des Antisemitismus mit ihren blutrünstigen Schlag Worten vom eigentlichen Ideale des Patriotismus sehr weit entfernt sind. Wenn diese falschen Propheten es mit dem Vaterlande aufrichtig meinen, sollten ihnen die großen Demokratien der Welt, wie England, Amerika, Frankreich u. a. zu Vorbildern dienen, wo es keinen Unterschied gibt zwischen den Bürgern und deshalb alle zusammen nur das Wohl ihres Vaterlandes im Auge haben. Mit verhetzenden Schlagworten, mit Haß und Gewalttätigkeit kann man keine Einigkeit unter der Bürgerschaft schmieden, am wenigsten aber die Minoritäten zum Patriotismus erziehen. Nur Toleranz, aufrichtiges Entgegenkommen und wahre Gleichberechtigung sind die festen Grundpfeiler, auf welchen die brüderliche Eintracht zwischen den Minoritäten und der Staatsnation aufgebaut werden kann! Dies sollte auch Herr Cuza wissen! Deshalb mutet es oft gar lächerlich an, wenn Die Lage der jüdischen Bevölkerung Bayerns. Von Dr. Werner C a h n m a n n, München, Syndikus des Landesverbandes Bayern des Centraivereins. Bayern gilt als Ausgangsland des reichsdeutschen Nationalsozialismus. Die Bayerische Volkspartei und die Deutschnationale Partei, die nach dem Kapp-Putsch 1920 die Regierung des Landes übernahmen, und mit ihnen das ganze bayerische Bürgertum waren beherrscht von dem Gedanken einer Abwehr des wie in der Vergangenheit so auch in der Zukunft drohenden Bolschewismus. Sie glaubten es deshalb nicht verantworten zu können, die diesem sich entgegenstellende nationalsozialistische Bewegung zu unterdrücken. Heute haben die maßgebenden Führer des bürgerlichen und bäuerlichen Bayern längst eingesehen, daß die damalige Beurteilung der nationalsozialistischen Bewegung irrtümlich gewesen ist. Nach einem kurzen Niedergang unmittelbar nach 1923 begann ein neuer Aufstieg des Nationalsozialismus, der sich aber nunmehr auf das ganze Reich erstreckte. Auch in Bayern selbst hat eine Verlagerung der Kräfte stattgefunden. Nicht mehr das im wesentlichen südlich der Donau gelegene Altbayern, sondern die fränkischen und pfälzischen Kreise sind die Hochburg des Nationalsozialismus in Süddeutschiand geworden. Der Grund dafür ist hauptsächlich in der verschiedenartigen Bevölkerungsstruktur des südlichen und des nördlichen Bayern zu suchen. Süd- und Ostbayern, das heißt also die drei altbayerischen Kreise Oberbayern, Niederbayern und Oberpfalz und der Kreis Schwaben sind überwiegend agrarisch und überwiegend katholisch. In Franken herrscht das katholische Element nur im größten Teil Unterfrankens und in den Gebieten der ehemaligen selbständigen Bistümer Bamberg und Eichstätt vor. In Oberfranken und im Nürnberger Bezirk ist die industrielle Tätigkeit der Bevölkerung stärker als die landwirtschaftliche und überdies sind die Kreise Ober- und Mittelfranken im wesentlichen von evangelischer Bevölkerung bewohnt. Während die katholische Kirche durch den Mund der Bischöfe in unzweideutiger Weise zu erkennen gegeben hat, daß die völkische Weltanschauung, die sich aufdieVergötzung der Rasse gründet, mit den Lehren der katholischen Kirche n i c h t vereinbar ist. haben weite evangelische Kreise gerade deshalb geglaubt, die nationalkirchliche Tendenz, die im Nationalsozialismus zum Ausdruck kam, im Sinne des alten bayerischen Antiklerikalismus verwenden zu können. Dazu kommt der besondere Umstand, daß die Stadt Nürnberg der Wohnsitz Juilus Streichers ist, der die berüchtigte Zeitschrift „Der Stürmer" , herausgibt. Wer diese Zeitschrift schon einmal in Händen gehalten hat. weiß, daß es kaum ein zweites Blatt in Deutschland gibt, das mit diesem verglichen werden, kann. Besitzt der „Völkische Beobachter" immerhin bei oberflächlicher Betrachtung den Charakter einer politischen Tageszeitung, so lebt der „Stürmer" einzig und allein von der Judenhetze. Es mag richtig sein, was da und dort gesagt wird: daß durchaus nicht alle Nationalsozialisten judenfeindlich sind, aber der fränkische Nationalsozialismus, der vom „Stürmer" beherrscht wird, ist judenfeindlich in höchstem Grad. Kein Jude in Franken ist sicher, daß er nicht eines Tages mit voller Namensnennung im „Stürmer" steht! Dabei kommt es gar nicht darauf an, ob irgend eine Angelegenheit, die in jüngster Zeit geschehen ist. zum Anlaß dieser Namensnennung gemacht wird, oder ob man auf Ereignisse zurückgreift, die Jahrzehnte zurückliegen, die aber so dargestellt werden, als ob sie eben erst das Licht der Welt erblickt hätten. All dies wird mit Zeichnungen und Karikaturen versehen, die widerlicher Art s'nd und mit Hilfe der ständigen raffinierten Auffrischung des Ritualmordmärchens oder der Behauptung, daß es c'om Juden geboten ist, sich an nichtjüdischen Frauen zu vergreifen, an die niedersten Instinkte vor allem der heranwachsenden Jugend appellieren. Dabei muß berücksichtigt werden, daß die bevölkerungspolitische Struktur der Juden in Bayern recht verschiedenartig ist In Altbayern, das heißt also in dem Gebiet des vornapoleonischen Kurfürstentums Bayern, haben jüdische Siedlungen nicht bestanden. Es finden

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