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Die Wahrheit · 1933-01-13 · Heft 2 (13.1.1933) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 2 (13.1.1933)
Date
1933-01-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Teiche und ihrer indisch-politischen Handlanger,;diese der betreffenden Staaten neu hinzugekommenen jüdischen Mitbürger, deren Zahl inzwischen bereits auf fast 1 Million angewachsen ist, jüdisch zu nationalisieren und dadurch ihrem ehemaligen Vaterlande zu entfremden. Aus dieser wohl berechnenden Taktik ergeben sich Konfliktstoffe, hier liegt der Hauptgrund der gegnerischen Einstellung fast des ganzen ungarischen Judentums gegenüber dem jüdischen Nationalismus, der in wohlverstandenem eigenen Interesse diese Politik mitmacht und fördert. Das ungarische Judentum selbst hat die schweren politischen Erschütterungen, denen es •namentlich in der Zeit des weißen Terrors ausgesetzt war, standhaft überdauert. Sein treues Bekenntnis zum Heimatlande trotz aller Drangsal und Not hat sich, obwohl es niemals aus opportunistischen Erwägungen erfloß, sondern stets "nur Ausdruck einfacher Selbstverständlichkeit auf 'Grund der tausendjährigen Schicksalsver-;bundenheit mit dem Vaterlande gewesen ist, als das einzig richtige erwiesen. Heute gibt es in Ungarn keinen Radauantisemitismus mehr, wohl herrscht in manchen Gesellschaftsschichten nach wie vor eine gewisse Aversion gegen die Juden vor, aber mit dieser Tatsache, die absolut nicht die politische und wirtschaftliche Entwicklung der ungarischen Juden hemmt, haben diese sich abgefunden. Sie sind in allen politischen Parteien vertreten, sogar in der Regierungspartei sitzt — immerhin eine auffallende Erscheinung — ein jüdischer Abgeordneter Budapests, Dr. Des i. Besonders markante Persönlichkeiten sind die jüdischen Vertreter der oppositionelllen demokratischen Parteien, der weit über die Grenzen des Landes rühmlich bekannte Abgeordnete Paul Sandor, der Sohn des berühmten früheren Justizministers Dr. V ä z s o n y und die Abgeordneten Dr. B r 6 d y, Dr. Fabian und Dr. Qäl. Im Herrenhaus sitzen — abgesehen von den geistlichen Vertretern der Neologen und Orthodoxen, den Rabbinern Fr an kl, Budapest, und L ö w, Szegedin, — mehrere Juden als Vertreter einflußreicher Stände, so der Nestor der ungarischen Journalistik, der Herausgeber des „Pestei- Lloyd" Veszi und neuestens als Abgeordneter der Hauptstadt der Vizepräsident der Pester Religionsgemeinde Dr. Samuel Glücksthal, ferner die Generaldirektoren Vida, Buday- Goldberger und Frommer. Man sieht, das ungarische Judentum ist in den offiziellen Körperschäften seines Landes würdig vertreten, und das trägt zu seiner Geltung unendlich viel bei, denn alle diese Männer genießen überall größtes Ansehen und höchste Wertschätzung. Ueber die Budapester Gemeindeverhältnisse insbesondere über die vom Präsidenten Hof rat Samuel Stern tatkräftig geleitete Pester Religionsgemeinde soll in einem zweiten Artikel eingehend berichtet werden. •■■«■•■■■«■■■■■■■■•■■■■•••■•«■««■••■■■•«•««■■■««•aa Verabschiedung des Präsidenten Generaloberstabsarzt Univ.-Prof. Dr. Alois Pick von der Angestelltenschaft der Israel. Kultusgemeinde- Sonntag, den 8. Jänner d. J.. um 11 Uhr vormittags, fanden sich im Präsidialbüro der Kultusgemeinde die Leiter sämtlicher Anstalten und Aemter der Gemeinde, sowie die Personalvertreter aller Angestelltengruppen zur Verabschiedung des aus dem Kultusvorstande ausgeschiedenen Präsidenten ein. Amtsdirektor Regierungsrat Fuchsgelb richtete an Herrn Proi. Pick folgende Ansprache": „Hochverehrter Herr Präsident! Als nach dem Kriege und dem Zusammenbruche die eiste Neuwahl der Kultusrepräsentanz stattfand und bekannt wurde, daß Sie, hochverehrter Herr Präsident, an die Spitze des Kultusvorstandes zu treten sich bereitgefunden haben, hat dies die gesamte Judenschaft, insbesondere aber uns. deren Lebensaufgabe es ist, dieser Gemeinde zu dienen, mit stolzer und freudiger Genugtuung erfüllt, wir waren stelz darauf, daß eine Persönlichkeit, die in treuem Festhalten am Judentume den Aufstieg bis zu einer der allerhöchsten Stellen im Staate vollziehen konnte, ein angesehenes Mitglied der Wiener medizinischen Fakultät, dessen Wirken und Schaffen überall hochgewertet wurde, eine Persönlichkeit, die besonders auch in den höchsten nichtjüdischen Kreisen die allergrößte Wertschätzung genießt, bestimmt sei. den Schild der Wiener Kultusgemeinde zu tragen und hochzuhalten. Und als Sie, hochverehrter Herr Präsident, Ihr schweres und verantwortungsreiches Amt in einer düsteren und mannigfachen Schwankungen unterworfenen Zeit antraten, da hatten wir Gelegenheit, den Mann mit dem „Goldenen Herzen", den Menschen, erfüllt von unbeugsamer und unerschütterlicher Güte und Friedensliebe, den Mann, der niemanden leiden und hungern wissen wollte, täglich am Werke zu sehen. Und von Tag zu Tag! hatte sich die Liebe und Verehrung, die wir vom Anbeginne für Sie, hochverehrter Herr Präsident, empfunden haben, verstärkt und vertieft. Und Sie wieder, hochverehrter Herr Präsident, haben stets an Freud und Leid eines jeden von uns innigen, herzlichen Anteil genommen und jeder von uns wußte bei Ihnen ein williges Ohr und größte Hilfsbereitschaft zu finden. Mit tiefstem Bedauern hat uns Ihr Entschluß erfüllt, nunmehr aus der Leitung unserer Gemeinde auszuscheiden, und wir sind gekommen, um diesem unserem Gefühle Ausdruck zu geben, aber auch, um Ihnen tiefen, innigen Dank zu sagen für alles, was Sie in ihrer Güte jedem einzelnen von uns geboten. Wir wollen nicht von Ihnen Abschied nehmen, denn die 12 Jahre Ihrer Präsidentenschaft haben Ihnen, hochverehrter Herr Präsident, eine Verbundenheit mit uns allen geschaffen, die nicht an einem Kalendertag zu Ende geht. Wir wollen Ihnen unsere unwandelbare Liebe und Verehrung bewahren und bitten Sie, hochverehrter Herr Präsident, auch unser stets freundlichst zu gedenken und auch uns Ihre gütige Gesinnung, Ihre ehrenden Sympathien und Ihr freundliches Interesse zu erhalten. Mögen Sie. hochverehrter Herr Präsident, noch viele Jahre, in vollem Wohlbefinden, unberührt von jedem Leide genießen, zur Freude der großen Gemeinde, die in schwersten Zeiten unter Ihrer Führung scand und mit Stolz auf Sie blickt und zur besonderen Freude von uns allen, denen es gegönnt war, unter Ihrer Präsidentschaft zu wirken!" Namens der Personalvertretungen sprach Inspektor Oehler dem scheidenden Präsidenten in herzlichen Worten den Dank aus für all das. was er den Angestellten Gutes erwiesen, und versicherte ihn der unwandelbaren Verehrung aller Angestelltenkategorien. Mit bewegten Worten erwiderte der Präsident Proi. Pick. Er gab eine Schilderung seines eigenen Werdeganges und wies darauf hin. daß er stets und in allen Stellungen, die er bekleidete, das Glück hatte, tüchtige, verläßliche und treue Mitarbeiter zu haben. So sei es auch während seiner 12jährigen Präsidentschaft in der Kultusgemeinde der Fall gewesen. In anerkennenden Worten dankte er dem Amtsdirektor und allen Leitern der Anstalten und Aemiter und versicherte, daß er allen ein gutes Angedenken bewahren und so weit es erforderlich und ihm möglich sein werde, auch in Zukunft jedem gerne helfend zur Seite stehen v/olle. Er richtete am die Erschienenen den warmen Appell, auch dem künftigen Präsidium mit aller Hingebung und Pflichttreue zur Seite zu stehen und alle Kräfte aufzuwenden für das Wohlergehen der Gemeinde. Der Präsident nahm sodann in Begleitung des Amtsdirektors einen Rundgang durch sämtliche Aemter vor, um sich noch von jedem einzelnen der Angestellten besonders zu verabschieden. Attentat auf Redakteur Esriel Carlebach in Hamburg. Auf Esriel Carlebach, Mitredakteur des; Hamburger „Israelitischen Familienblattes", ist — wie auch die Tagesblätter mitteilten — in der Nacht zum 4. Jänner ein Revolverattentat verübt worden, das von schweren Folgen für den begabten jungen Schriftsteller begleitet war. Carlebach, der um Mitternacht "noch Briefe zur Post bringen wollte, wurde auf dem-Wege von einem jungen Mann verfolgt. In 'der Straße „Harvestehuder Weg" feuerte der -Verfolger mehrere Schusse auf Carlebach ab. Carlebach erhielt einen Streifschuß am Kopf und brach zusammen. Durch den Sturz zog er sich schwere innere-Verletzungen zu. Erst einige Zeit später wurde der Bewußtlose von Polizeibeam-;;ten aufgefunden und nach Feststellung seiner Personalien in seine Wohnung gebracht. Sein ■-Zustand hat-'sich - inzwischen etwas gebessert. ' Ber:iKrahke 'gewinnt zeitweise das Bewußtsein wieder, die Aerzte nehmen an, daß Lebensgefahr nicht mehr besteht. Die Befürchtung, daß eine Verletzung der Wirbelsäule durch den Sturz eingetreten ist, scheint nicht mehr begründet zu sein, wohl aber ist eine Zerrung der Wirbelsäure festzustellen. Man vermutet, daß der Täter ein Kommunist ist, da Carlebach, wie auch anderen Mitgliedern der Redaktion des „Israelitischen Familienblattes", in der letzten Zeit von kommunistischer, ja sogar von jüdisch-kommunistischer Seite Drohbriefe zugegangen sind. Auch auf der Straße wurde Carlebach schon seit Wochen verfolgt. Fast ständig, standen zwei Personen vor seiner Wohnung oder in der Nähe der Redaktion, um ihm-aufzulauern.. Man. führt diese Verfolgung darauf, zurück, - daß. Carlebach, .der im Sommer 1932 -eine'Reise nach Rußland-gemacht hat, über seine Eindrücke . und Erlebnisse auf dieser Reise in CNOBFIE AUSWAfll BILLIGST! PREISE Ä#5 5>#* B» TW V V flMPKHE VODBAN6E : HftBEESTOffE, BECHEN; MVR I.3ADEBNMJIRKT 12-14) Vorträgen und in Artikeln im „Israelitischen Familienblatt'4, sowie in einer großen Reihe jüdischer Zeitungen außerhalb Deutschlands berichtet hat. Carlebach, der mit seinem vor einigen Monaten erschienenen Reisebuch „Exotische Juden" einen beachtenswerten Erfolg gehabt hat, war eben dabei, sein Rußland-Buch vorzubereiten, dem mit einem gewissen Interesse entgegengesehen wurde. Carlebach, dessen Darstellung des heutigen russischen Judenschicksals zwar überall, wo seine Artikel gelesen wurden, erschütternd gewirkt hat, hat keineswegs das Sowietsystem als solches angegriffen. Er unterließ es auch nicht, festzustellen, daß die Sowjetregierung den Juden nicht nur volle Gleichberechtigung vor dem Gesetze, sondern auch Gleichheit in der Front der wirtschaftlichen Produktion gewährt hat. Um was es ihm bei seiner Darstellung ging, war, daß trotz alledem Judentum und J ü d i s c hkeitin der russischen Sphäre im Hinblick auf die autoritativ betriebene antireligiöse Propaganda im Untergehen begriffen sind. Das Attentat findet allgemeine und tiefste Verurteilung. Esriel Carlebach, der erst im 25. Lebensjahre steht und eine Hoffnung der jüdischen Publizistik ist, wendet sich die allgemeine Teilnahme seiner Kollegen und der jüdischen Oeffentlichkeit zu, die wünschen, daß sein jetziges tragisches Erlebnis ohne dauernde Folgen für seine Gesundheit an ihm vorübergeht. Einer altangesehenen gesetzestreuen deutschen Rabbinerfamilie entstammend — sein Vater ist Oberrabbiner in Leipzig, sein Onkel Josef Carlebach ist Oberrabbiner von Altona, sein zweiter Onkel Hartwig Carlebach Oberrabbiner in Baden bei Wien — zog er noch in seinen Knabenjahren aus eigenem Willen in eine östliche Jeschiwa, um mit dem breiten Strom des jüdischen Lebens in Berührung zu kommen. Nach Deutschland zurückgekehrt, begann er sehr früh mit schriftstellerischer Produktion. Sein Buch „Exotische Juden" its das Produkt einer ausgedehnten Reise durch fast den gesamten jüdischen Orient. Carlebachs journalistische Tätigkeit blieb nicht immer ohne Widerspruch, aber auch die, die an seiner Methode das eine oder das andere auszusetzen haben, bezweifeln nicht seinen Willen, Dienst am Judentum zu tun. Chaim Nachman Bialik — 60 Jahre alt. Chaim Nachman Bialik, der bedeutendste hebräische Dichter der Gegenwart, wurde am S. Jänner 60 Jahre alt. Die Bedeutung Bialiks innerhalb des zeitgenössischen Judentums geht weit über die einer anerkannten großen dichterischen Persönlichkeit hinaus. Als Künder des jüdischen Leides und der Sehnsucht nach Erlösung ist er für einen Teil des Judenrums der nationale Poet der jüdischen Gegenwart. Darüber hinaus hat er auch durch seine Wirksamkeit auf vielen Gebieten des öffentlichen jüdischen Lebens, früher in Rußland und jetzt in Palästina, weitreichenden autoritativen Einfluß und nach mannigfachen Richtungen hin eine entscheidende schöpferische Wirkung ausgeübt. Bialik hat auf die gesamte hebräische Schriftstellergeneration der letzten Jahrzehnte als Meister des klassischen hebräischen Stils erzieherisch gewirkt. Chaim Nachman Bialik wurde in dem Dorie Rady (Wolhynien) geboren. Seine ersrte Kindheit verbrachte er auf dem Lande, später zogen seine Eltern nach Shitomir, wo Bialiks Vater starb, als Bialik 7 Jahre, alt war. Im Hause seines Großvaters erwarb er sich die ersten Kenntnisse in der hebräischen Literatur. In dem nahegelegenen Listin und später in dem Beth Midrasch der litauischen Juden in Shitomir bildete er sich weiter. Mit 16 Jahren bezog er die Jeschiba in Woloshin. Hier wurde er durch Lektüre von den Ideen Achad Haams beeinflußt Von den hebräischen Dichtem war es vor allem Jehuda Löh Gordon, dessen- Dichtungen auf Bialik eingewirkt haben. Im Sommer 1891 kam Bialik nach Odessa, wo, in Rawnitzkis „Pardes". sein erstes Gedicht, „El ha-Zippor" gedruckt wurde. Die folgenden Gedichte Bialiks zeigten bai<L daß mit ihm eine neue Periode;der.hebräischen Poesie beginnen sollte. 2- * % .4 i S t i

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