Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 2 (13.1.1933)
- Date
- 1933-01-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT, spfieGhungßü bei den derzeitigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen eine Unmöglichkeit darstellt, daß vor allem die Finanzen der Gemeinde und die Mittel der Steuerträger zu schonen sind. Niemand wird daher der. „Ürdön" eine Verantwortung dafür anlasten können, wenn von den anderen Parteien versucht werden sollte, ihre Zusagen einzulösen und die Gemeinde dabei in unerträglicher Weise zu belasten. Das österreichische Judentum steht mit seinen ungarischen Glaubensgenossen seit eh und je in einem sehr innigen Kontakt War es früher die Gemeinsamkeit der Monarchie, die diese Bande besonders eng gestaltete, so ist es jetzt noch immer die Erinnerung an diese ehemalige Einigkeit, die Sympathien für unsere dortigen Glaubensgenossen weckt Für viele österreichische Juden ist sogar die Erinnerung an ihre eigene Herkunft bestimmend für diese herzlichen Gefühle, denn die Wiege so manches österreichischen Juden stand im stolzen Ungarreiche. Die Beziehungen zwischen dem ungarischen und österreichischen Judentum waren also seit jeher die denkbar besten und auch der Zerfall der Monarchie hat an dieser Tatsache nichts geändert. Das österreichische Judentum hat an den Leiden seiner ungarischen Brüder unter dem roten und'weißen Terror innigen Anteil genommen, das österreichische Judentum hat gejubelt, als der Schrecken des Kommunismus zu Ende war, und aufgeatmet als der weiße Terror zu weichen begann und eine Konsolidierung der ungarischen politischen Verhältnisse eintrat. Denn wir wußten, daß die Opfer, die beide Ausnahmezustände forderten, in erster Reihe Juden waren, und beklagten tief das unschuldig vergossene jüdische Märtyrerblut das in diesen Schreckenstagen floß. Diese Zeiten liegen nun weit zurück, das Land und damit auch seine Judenschaft hat sich von diesen politischen Erschütterungen langsam erholt, und es war sicherlich von größtem Interesse, Budapest und sein Judentum in diesem Momente der Rückkehr zu ruhiger Entwicklung kennen zu lernen. Dieser Kenntnis diente u. a. auch meine kürzlich unternommene Reise nach Budapest, über deren Erfahrungen in jüdischer Hinsicht in folgendem berichtet sei. Die ungarische Hauptstadt ist bekannt als eine der schönsten Städte des Kontinents, wenn nicht der Welt überhaupt Diese Pracht und Herrlichkeit die bereits im Frieden an der relativ neuzeittfeuilteton Dem Andenken Zwi PerezChajes. Zum 5. Todestag des frfihverklärten Oberrabbiners Zwi Perez Chajes, ist ein zweibändiges Werk, erster Band beütelt mit „H. P. Chajes. Reden und Vorträge", zweiter „H. P. Chajes Leben und Werk", herausgegeben von Moritz Rosenfeld, erschienen. Wie aus dem Titelblatt hervorgeht, enthält der erste Band eine Auswahl seiner Kanzelreden und Vorträge, die entweder im Wortlaut gesichert sind oder aus dem Italienischen übersetzt wurden, der zweite Band hingegen Auszüge aus seinen in Wien gehaltenen Reden und Vorträgen, zumeist hergestellt nach den Aufzeichnugen des Herausgebers, denen eine genaue Darstellung des Lebens und Wirkens Chajes von demselben vorangeht Der Herausgeber hat seine Aufgabe voll und ganz erfüllt Er hat auf der einen Seite an dem durcheinander wogenden Rohstoffe, der aus den persönlichen Aufzeichnungen des Herausgebers, dem handschriftlichen Nachlaß, den in fremder Sprache gedruckten Reden und den Aufzeichnungen anderer bestand, seine ganze bildende und gestaltende Kraft ausgelassen und auf der anderen Seite ein harmonisches Bild Chajes entworfen, wodurch er es der Ewigkeit einverleibt hat Letzteres verdient besondere Beachtung. Meisterhaft führt er Lineal und Winkelmaß, Meißel und Pinsel in seiner Hand, um die zarten Linien und die kunstvollen Ornamente im Bilde Chajes herauszuarbeiten. Chajes Kindheit Studiengang, Werdegang. Leben und Wirken wird von ihm mit feinem Takt und besonderer Einfühlung entworfen. In seiner meisterhaften Darstellung vernehmen wir den Pulsschlag des Herzens Chajes, den inneren Rhythmus seiner Persönlichkeit. Nach einem genauen Plan reiht sich Punkt an Punkt, Linie an Linie, Strich an Strich, bis alles wohlweislich geordnet, ein Bild von Chajes Persönlichkeit ergibt, das sich in seiner ganzen Erstrahlung entfaltet Kurz, unter seinem Diamantengriffel gelang ihm die kunstvolle Bewältigung des ihm zur Verfügung gestandenen Rohmaterials restlos. Und doch wäre es von Wichtigkeit die Wurzel zu suchen, aus der Chajes Persönlichkeit herausgewachsen. Es -genügt nicht wenn man in ihm bloß den großen Volkstribun sieht der ungeschminkt die Wahrheit verkündet «hne um sein eigenes Wohl bekümmert zu sein, weil es ihm hinausgetrieben in die wildbewegte Masse, um mit übermenschlicher Ausdauer die sittliche Tat «u vollenden. Auch ist nicht Der einzig mögliche Standpunkt für die „Union" bleibt der, daß sie dort mitarbeitet wo es gilt, das Ansehen der Gemeinde zu heben, ihr Wohl ztr fördern, und daß sie alle ihre Kräfte einsetzt zu verhindern, daß diese altehrwürdige Gemeinde Schaden leide. Die Union wird wie bisher nach besten Kräften ihre Pflicht erfüllen, sie wird stets am Platze sein. liehen Stadt bewundert wurde, hat nach dem Kriege nicht Abbruch erlitten, im Gegenteil, es sind in den schönen Straßen Budapests so manche Bauten und vor allem Denkmäler entstanden, die das eindrucksvolle Bild der ungarischen Residenz noch verschönem. Und wie die Stadt, so lassen auch die Menschen trotz aller Not und Krise, die natürlich auch in Ungarn gewaltig groß sind, kein Jammergesicht blicken. Wohl sieht man auch in den Straßen Budapests viel Elend, sieht es insbesondere dann, wenn man einen Blick in die ärmeren Stadtviertel tut. Aber in der City pulsiert großstädtisches Leben nach wie vor. Ein Vergleich mit Wien ist hier nicht anzustellen, denn der Kontrast zwischen wirtschaftlicher Not und Vergnügungssucht ist wohl da wie dort vorhanden, aber in solch intensiver und großzügiger Weise gibt sich selbst der gemütliche Wiener nicht dem Leben hin. Zu leben haben eben die Ungarn (und auch die ungarischen Juden) immer verstanden, und das haben sie trotz Kummer und Drangsal t auch heute nicht verlernt. Dabei sind die ökonomischen Verhältnisse im Lande alles eher denn rosig zu nennen. Die Wirtschaftskrise hat auch dort ihren Einzug gehalten und viele Opfer, nicht zuletzt unter den ungarischen Juden, die sozial so wie in Oesterreich hauptsächlich dem Mittelstand angehören, gefordert. Die ins Auge springende Billigkeit der Lebensmittel stellt einen ungesunden Zustand dar, denn der Bauernstand, auf den Ungarn als Agrarstaat vornehmlich angewiesen ist, leidet schwer unter dem Verlust der Verdienstmöglichkeiten und wir haben in Budapest so manche Tragödie aus dem Leben dieser Armen erfahren. Die Wohnungen und Lokale sind, wenn auch in letzter Zeit etwas ermäßigt, noch immer unerschwinglich teuer und beinahe an jedem Hause findet man Ankündigungen betreffend Vermietung leerer Lokalitäten. das Bezeichnendste an ihm. daß er die Dinge durch das Prisma der fundamentalen Prinzipien betrachtete und so die Entwicklung der Zukunft, wie man es tatsächlich an einigen Stellen seiner Reden nachweisen kann, vorausgesehen hat. Nicht einmal seine unendliche Liebe für sein Volkstum, daran er mit ganzer Seele hing, ist der charakteristische Zug seines Wesens, sondern die Tatsache, daß er seine ganze harmonische Persönlichkeit in die Außenwelt mit solcher Elementargewalt hineinprojizieren konnte, wurzelt darin, daß er der wahre Repräsentant des Judentums in seinen höchsten Gestaltungen war. Im Brennspiegel des Judentums spiegelt sich seine Persönlichkeit, des Judentums in einer seiner höchsten Entwicklungsstufen. Emil Engel hat in seiner damaligen Eigenschaft als Präsident der B. B.-Loge „Eintracht" in seiner Trauerrede am 29. Dezember 1927 auf das Faustische in Chajes hingewiesen. Ja, Chajes Natur war faustisch, weil das Judentum von faustischer Natur sei. Zwei Grundkräfte wirken in ihm, eine konservierende und eine revolutionäre. Und aus dem steten Kampfe dieser Kräfte sprüht ein Feuerstrom hervor, der die Geistesflamme verschlingt verzehrt und zu einer neuen Sonne verschmilzt Deshalb ist das Judentum das Sammelbecken aller Weltkulturen, der große Magnet für die wertvollsten Planetensplitter der Kulturkreise der Welt In diesem ureigensten Sinne war Chajes der Repräsentant des Judentums, von faustischer Natur, darin genannte zwei Grundkräfte wirkten, in dessen Leben alle Strahlen, die von den Geistessternen der kulturtragenden Nationen herrühren, hineinströmten und der mit seinem jüdischen Feuerstrom — es war das Göttliche, das er in sich verspürte — all das in sich verschmolz. Darin lag die magnetische Kraft seines Wesens. Er hat alles, was von den verschiedensten Kulturkreisen in sein Denken und Fühlen hineinfloß — und alles floß in sein Inneres durch jüdische Röhren, hinein — mit Hilfe des jüdischen Genius wundervoll verarbeitet Wer Chajes gekannt hat der zweifelt gar nicht daran, daß er das talmudische Judentum ebenso erlebt hat wie das biblische. Und doch geht aus seinen Reden unzweideutig hervor, daß es ihn zum biblischen Judentum mit unwiderstehlicher Gewalt ninzog. Das ist nur deshalb, weil der Talmudismus den Prozeß des Ausseheidens und Aufnehmens der fremden Kultursplitter noch nicht zu Ende geführt hingegen hat die Bibel nicht nur die Lichtstrahlen des alten Orients gesammelt sondern die kleinen Sterne der babylonisch-ägyptischen Kulturkreise verschlungen, verarbeitet und im eigenen Steinindustrie .CARL BENEDICT I Zentrale: III:. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentraffriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 Mit dem Verständnis für gutes Leben haben die Ungarn auch eine Gabe ihrer Natur nicht verloren, ihre geradezu bestechende Freundlichkeit und Herzlichkeit. In keiner Stadt der Welt wird mit solcher Liebenswürdigkeit Auskunft erteilt, und zwar beinahe von jedem in deutscher Sprache, die dort — ein Beweis für den universalen Bildungsdrang des Volkes — ebenso wie manche andere Weltsprache den Kindern in Schule und Haus beigebracht wird. Und hat man gar das Glück, in Budapest Bekannte zu besitzen, so kann man ruhig die Reise dorthin wagen, man kann sicher sein, daß dieser ungarische Freund es sich zur Ehre anrechnen wird, dem Fremden die Pracht und Herrlichkeit seiner Stadt, auf die die Budapester nicht wenig stolz sind, bis ins kleinste Detail zu zeigen. Ein solcher freundlicher Mentor entstand mir hinsichtlich des hochinteressanten jüdischen Budapests in der bekannten Person des Herausgebers und Chefredakteurs des bedeutendsten ungarischjüdischen Blattes „Egyenlöseg", Herrn Dr. Lajos Szabolcsi. Ihm bin ich für seine Führung durch das jüdische Budapest zu größtem Danke verpflichtet. Er verschaffte mir, soweit dies in den wenigen Tagen meines Budapester Aufenthalts möglich war, genauesten Einblick in die großartigen Leistungen und insbesondere in die vielen neueren Errungenschaften der Budapester jüdi^ sehen Gemeinde. Bevor in einem weiteren Artikel über die Gemeinde selbst näheres berichtet wird, sei ein Wort über die allgemein-politische Lage der ungarischen Juden vorangeschickt. Ungarns Hauptstadt zählt zirka 220.000 Juden (d. s. 26 Prozent der Gesamtbevölkerung), in der Provinz leben ebensoviele Juden. Die ungarische Judenschaft beklagt den Verlust von rund 600.000 Angehörigen, die ihr durch den Friedensvertrag von Triänon entfallen und den verschiedenen Nachbarreichen zugewiesen worden sind. Während die ungarische Judenschaft nach wie vor streng ungarisch-national gesinnt ist — einen jüdische Nationalismus gibt es dort, oh glückliches Land, beinahe überhaupt nicht —, ist es das Bestreben der Regierungen dieser Nachbar- Schmelzofen zu einer neuen geistigen Sonne umgegossen. Daraus schöpfte er die Wunderhoffnung, daß die Juden einmal noch der Welt „das erlösende Wort" zu sagen haben werden. Das ist der Pendelschlag all seiner Gedanken, trotzdem er gar nicht neu zu sein scheint Aber neu ist das Pathos, mit dem er ihn ausgesprochen, neu ist die Formulierung, die er aus den guten Tiefen seiner Seele hervorholte. Dieser Gedanke war das Spiegelbild seiner selbst, und mit ihm wachsen seine Kräfte ins Ungeheuere. Dadurch überragen seine' Wiener Reden, die Reden in Triest. Dadurch bekommt auch sein Wirken in der Wiener Amtszeit neuen Schwung. Was er im Kleinen vermocht hat. muß doch das Judentum im Großen zustande bringen können. Und er hat die mannigfaltigsten Strahlen der verschiedensten Kulturkreise aufgefangen, sie in sich jüdisch umgegossen, um sie in der reinsten Form als leuchtende Sonne, verkörpert in seiner Persönlichkeit der Welt zu präsentieren. Von dieser Seite seine Reden gewertet kann man ruhig sagen, daß sie nicht nur Ausstrahlungen des wahren biblischen Geistes sind, sondern daß sie selbst biblischen Geist präsentieren in Sprache und Form des 20. Jahrhunderts. In der Einfachheit seiner. Rede und in der Einzigartigkeit seines Stils kommen die Gesetze seines Genies zum Ausdruck. Daraus ist zu ersehen, daß ihm die Verschmelzungsarbeit restlos gelang. In gesebichtsschwangeren Stunden treten stets faustische Naturen auf den Plan. Und so oft die jüdischen Geistesströme überfluteten, um die Gefilde der Menschheit zu befruchten, weil das Judentum von seinen geistigen Schätzen anderen abzugeben hatte, hat die revolutionäre jüdische Grundkraft den Rahmen des Judentums sprengen müssen, um dem aus dem Juderp turne hervorsprudelnden und gleichzeitig -von ihm losgelösten Geiste den Befruchtungsakt zu überlassen. Solche Zeiten bringen Paulusse und Spinozas hervor, weil der Friede zwischen den zwei durcheinandexwogenden Grundkräften des Judentums, der revolutionären und konservierenden, nicht hergestellt war. Chajes ist das Signal dafür, daß der Friede in der jüdischen Seele der Verwirklichung nahe ist Eine Zeit die nicht einen Chajes unter ihre Räder brachte, ist trotz ihres chaotischen Charakters eine gesegnete. In einem Geschlecht das einen Chajes hervorgebracht muß ein starker, warmer, religiöser Drang nach Erlösung und Entspannung leben. Wohl >dem Judentum, das in Chajes eine neue Triebkraft iür sein Leben gewonnen. Sie .wird und muß einst auch der Menschheit zum Segen gereichen. Dr. Zwi Taubes. Besuch beim Budapester Judentum. Von Oskar Hirschfeld.