Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 2 (13.1.1933)
- Date
- 1933-01-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser tinmmir 40 Grosenen Jüdisch Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union östenreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wiem A 100.918 49. Jahrgang Wien, 13. Jänner 1933| Nummer 2 Konstituierung des Kultusvorstandes Unter dem Vorsitze des Alterspräsidenten 1errn Dr. Jakob 0 r n s t e i n hat Montag, den '). Jänner 1933, die konstituierende Sitzung des am 4. Dezember 1932 neugewählten Kultusvorstandes stattgefunden. Nach Eröffnung derselben teilte der Vorsitzende mit, daß die Herren Generaloberstabsarzt Prof. Dr. Alois Pick („Nichtnationale Liste der jüdisch-demokratischen Arbeitsgemeinschaft", „Union österreichischer Juden", „Vereinigung werktätiger Juden") und Josef Grünhut (Sozialistische Liste: „Poale Zion-Hitachduth"-„Verband sozialistischer Juden") die auf sie gefallene Wahl nicht angenommen haben. Gemäß den Bestimmungen der Wahlordnung wurden als Nachmänner der bezüglichen Parteilisten die Herren Dr. Leonhard Maier und Salem Mayer in den Kultusvorstand einberufen. Sodann wurde auf Grund vorgenommener Parteienverhandlungen einhellig die Wahl des Präsidiums und des Vertreterkollegiums vorgenommen. Zum Präsidenten wurde Herr Dr. Desider Friedmann (Zionistische Liste) für eine vierjährige Mandatsdauer neu gewählt. Für eine je einjährige Mandatsdauer wurden zu Vizepräsidenten wiedergewählt: Herr Dr. Jakob Ornstein („Nichtnationale Liste der jüdisch-demokratischen Arbeitsgemeinschaft", „Union österreichischer Juden", „Vereinigung werktätiger Juden") und Herr Dr. Josef Löwenherz (Zionistische Liste). Sodann erfolgte die Wahl von acht Mitgliedern des Vertreterkollegiums, welche gleichfalls einhellig vor sich ging. Gewählt erscheinen die Herren: Baurat Ing. Wilhelm Kempler, Dr. Josef Tic ho, Min.-Rat Friedrich Schläfrig und Leo Rath der „Nichtnationalen Liste der jüdischdemokratischen Arbeitsgemeinschaft", „Union österreichischer Juden", „Vereinigung werktätiger Juden", ferner die Herren Dr. Isidor K1 a b e r, Maximilian Schiffmann und Oberbaurat Ing. Robert Stricker der ..Zionistischen Liste", Dr. Rudolf Glanz der „Sozialistischen Liste" („Poale Zion-Hitachduth" - „Verband sozialistischer Juden"). Damit war die Konstituierung des Kultusvorstandes vollzogen und es übernahm der neugewählte Präsident Herr Dr. Desider Friedmann den Vorsitz mit einer Eröffnungsrede, deren Benn wie folgt lautete: „Sie haben mich durch die Berufung zum Präsidenten unserer Gemeinde zum Nachfolger eines Mannes bestimmt, der durch zwölf Jahre vorbildlich und beispielgebend seines Amtes gewaltet hat. Ich bin mir dessen bewußt, wie schwer es für mich sein wird, diesen ausgezeichneten Präsidenten zu ersetzen, der durch seine Herzensgüte, sein gewinnendes Wesen, seinen unermüdlichen Pflichteifer, seine hervorragenden Charaktereigenschaften, vor allem aber durch seinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn sich unser aller. Wertschätzung und Verehrung erworben hat. vom 9. Jänner 1933. Wenn ich heute in der Stunde der Uebernahme meines Amtes Herrn Präsidenten Professor Pick rühmend als leuchtendes Vorbild nenne, so soll damit nicht nur seiner ausgezeichneten Tätigkeit im Dienste unserer Gemeinde die ihr gebührende Würdigung zuteil werden, sondern auch mein ernster Vorsatz zum Ausdruck gebracht werden, ihm nach Kräften nachzustreben und vor allem die Objektivität seiner Amtsführung als Tradition treu zu bewahren. Gleichzeitig richte ich an Sie, meine Herren, die Bitte, mich durch Ihre Mitarbeit zu unterstützen und mir das zur Erfüllung der von mir übernommenen Amtspflichten notwendige Vertrauen entgegenzubringen." Gemäß den Bestimmungen des § 100 des Kultusgemeinde-Statutes erfolgte nunmehr mit Stimmeneinhelligkeit die Wahl der Herren Reg.- Rat Dr. Paul Abel, Dr. Josef Bondi, Dr. Siegfried Kantor, Dr. Wilhe'm Knöpfmacher, Dr. Isidor Margulies und Dr. Moriz Ludwig Weiß zu ständigen Obmännern für die Schiedsgerichte der Kultusgemeinde. Die Wahl der Mitglieder für die einzelnen vom Kultusvorstande zu bildenden Kommissionen wird in der nächsten Plenarsitzung vorgenommen werden. * Die Konstituierung des neuen Wiener Kultusvorstandes bringt für den Kenner der Verhältnisse keine Ueberraschung. Wohl ist die „Union" aus den Wahlen vom 4. Dezember als stärkste Partei hervorgegangen, aber noch vor der Konstituierung des Vorstandes hat es sich gezeigt, daß die im Wahlkampfe seitens der „Union" aufgestellte Prognose über das künftige Verhalten der verschiedenen gegnerischen Gruppen durchaus richtig war. Was da unter den verschiedensten Namen gegen die „Union" kandidierte, war im Wesen eines jüdischnationalen Sinnes und so stellte sich denn auch die zionistische Partei entgegen den klaren Bestimmungen des Proporzes auf den Standpunkt, daß sie Anspruch auf den Präsidentenposten habe. Die „Union" hat nun auf ihr unbedingtes Recht auf diesen Posten nicht bestanden, einerseits weil sie wußte, daß die vereinigte jüdischnationale Mehrheit einem unionistischen Präsidenten nur Schwierigkeiten bereiten würde, anderseits weil sie selbst als oppositionelle Gruppe wollte, daß die Jüdischnationalen durch Stellung des Präsidenten auch nach außenhin die alleinige Verantwortung für die Führung der Gemeindegeschäfte übernehme. Die jüdische Oeffentlichkeit wird Professor Picks Scheiden von seinem seit dem Jahr 1920 innegehabten Amte mit größter Betrübnis aufnehmen. Prof. Pick hat es in dieser Zeit durch seine außergewöhnliche Herzensgüte und hervorragende Objektivität verstanden, sich die Sympathien aller ohne Unterschied der Parteirichtung zu gewinnen, und wir wissen sehr genau, daß seine Demission nicht nur in den Kreisen seiner Parteifreunde, sondern auch in denen der Gegner mit großem Bedauern aufgenommen wird. Es bleibt abzuwarten, ob sein Nachfolger, der als Präsident ein unbeschriebenes Blatt ist, sich auch als objektiver Repräsentant unserer altehrwürdigeii Gemeinde bewähren wird. Fün die „Union", die, wie gesagt, als stärkste Partei aus dem schweren Wahlkampf hervorging, entstand bei der Konstituierung, bei der sie sich der Majorität der vereinigten jüdischnationalen Gruppen gegenübersah, die bedeutungsvolle Frage, ob sie unter ausdrücklicher Festhaltung an ihrer oppositionellen Stellung versuchen sollte, an der Verwaltung der Gemeindeagenden Anteil zu nehmen, oder ob sie sich von vornherein abseits stellen sollte. Die „Union" hat sich für ersteres entschieden, denn als Vertretung des größten Teiles der Wählerschaft, aber auch jener Schichten, die, wenn auch nicht bei der Wahl erschienen, so doch, gesinnungsgemäß sicherlich der „Union" zugehörig, konnte und wollte sie eine Abstinenzpolitik nicht betreiben, sollte die Gemeinde selbst nicht darunter Schaden leiden. Die „Union" hat sich — immer unter Betonung ihrer oppositionellen Einstellung — darauf beschränkt, Anspruch auf die ihr proporzmäßig zustehenden Posten zu erheben, und wußte ihre durchaus berechtigten Forderungen durchzusetzen. Als Vizepräsident fungiert neben seinem bisherigen Amtskollegen Dr. Josef Löwenherz der hochgeschätzte Präsident der „Union", Herr Dr. Jakob O r n s t e i n. Man wird in allen Kreisen mit Genugtuung die Nachricht aufgenommen haben, daß Dr. O r n s t e i n, der dieses Amt bereits acht Jahre inne hat, sich entschloß, neuerdings das Vizepräsidiiim zu übernehmen. Man kennt den Arbeitseifer, den Dr. Ornstein als Vizepräsident entfaltet, und ist erfreut darüber, daß diese unschätzbare Kraft der Gemeinde weiter erhalten bleibt. Man anerkennt aber vor allem seine hervorragenden jüdischen Charaktereigenschaften, sein Pflichtbewußtsein, sein fanatisches Bekenntnis zum konservativen Judentum und seine wahre und echte Herzensgüte. Im Vertreterkollegium figurieren neben den bisherigen bekannten Mitgliedern desselben Baurat W. Kempler und Dr. J. T i c h o als neue Mitglieder für die Gruppe Ministerialrat Ing. Friedrich Schläfrig und Sekretär Leo Rath. Von den 8 Vertretermandaten besetzt sohin die „Union" mit den „Werktätigen" 4 Mandate. Die Jüdisch-Demokratische Arbeitsgemeinschaft ist also in den verschiedenen Instanzen des neuen Kultusvorstandes gut vertreten, auch bei der demnächst stattfindenden Konstituierung der einzelnen Kommissionen wird sie, dessen sind wir sicher, sich entsprechende Geltung zu verschaffen wissen. Diese Anteilnahme an der Verwaltung darf jedoch nicht zu dem Trugschlüsse führen, daß die „Union" nun verantwortlich sei für alles, was in dem neuen Vorstand, in dem sie als Opposition eine sozusagen überwachende Stellung einnimmt, geschieht. Die Verantwortung für die Führung der Gemeindegeschäfte müssen die Jüdischnationalen nun allein übernehmen. Verantwortung insbesondere dafür, auf welche Weise die unzähligen Versprechungen eingelöst werden können, die sie ihren Anhängern gegeben haben. Die „Union" hat wiederholt erklärt, daß die Einlösung dieser Ver-