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Die Wahrheit · 1933-01-06 · Heft 1 (6.1.1933) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 1 (6.1.1933)
Date
1933-01-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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i *■ Seite 4 DIE WAHRHEIT Bombenwurf in Palästina. Ein Kolonist und sein Sohn getötet. Am 22. Dezember abends wurde von unbekannter Hand in das Haus des jüdischen Kolonisten Jacoby in der Kolonie Nahalal eine Bombe geworfen, durch die große Zerstörungen angerichtet wurden. Jacoby erlitt am Kopf und' an den Händen schwere Verletzungen, auch sein neunjähriger Sohn wurde schwer v er letztBeide wurden in bedenklichem Zustand in das Hospital nach Haifa überführt. Die Jerusalemer Polizeiverwaltung entsandte einen Sonderbeauftragten nach Nahalal zur Führung der Untersuchung. Doktor Chaim Arlosoroff, Leiter der Exekutive der Jewish Agency in Palästina, besuchte den High Commissioner Sir Arthur Wauchope, den er auf die unbedingte Notwendigkeit verstärkter Schutzmaßnahmen hinwies. Der High Commissioner erklärte, er sei persönlich an der Aufklärung der Angelegenheit stark interessiert. Das Bombenattentat hat tragischere Folgen gehabt, als anfangs vermutet wurde: Joseph Jacoby und sein neunjähriger Sohn sind beide im Hospital zu Haifa an den Folgen ihrer Verletzugen verstorben. Zuerst, am 26. Dezember, starb der Knabe Jacoby. Am gleichen Tage wurde dem Vater Jacoby der verletzte Arm amputiert und die Aerzte nahmen an, daß er sich bereits außer Lebensgefahr befinde. Aber schon am 27. Dezember morgens erlag auch Joseph Jacoby seinen Verletzungen. Der gesamte Jiischuw ist durch diese Vorfälle in Erregung und Trauer versetzt worden. Das Begräbnis des Knaben Jacoby, das am 26. Dezember, während sein Vater noch lebte, in Nahalal stattfand, gestaltete sich zu einer eindrucksvollen jüdischen Kundgebung gegen Mord- Terror und für Frieden. Den ganzen Tag über ruhte die Arbeit in Nahalal, die gesamte Bevölkerung der Kolonie schritt hinter dem kleinen Sarge her. Dr. Chaim Arlosoroff, Leiter der Palästina-Exekutive der Jewish Agency, hielt eine Ansprache an die* Bevölkerung, in der er die strikte Forderung an die Adresse der Palästina-Regierung aussprach, solchen Terror-Aktionen durch entsprechende Maßnahmen ein für allemal ein Ende zu machen. Am 27. Dezember verbreitete sich in ganz Palästina die Nachricht, daß auch Joseph Jacoby im Haifaer Hospital verstorben war und daß am gleichen Tage die Bestattung in Nahalal stattfinde. Vertreter der Jewish Agency, des Waad Leumi und1 vieler anderer zentraler jüdischer Körperschaften begaben sich zur Trauerfeier für Jacoby nach Nahalal. Die gesamte Bevölkerung von Nahalal und der benachbarten Kolonien nahm an der Bestattung teil. Am offenen Grabe sprachen der Leiter der Jewish Agency-Exekutive, Dr. Chaim Arlosoroff, der Führer der Aligemeinen Jüdischen Arbeiterföderation Palästinas (Histadruth) Ben Gurion, der Vorsitzende des Waad Leumi BenZwi, Joseph Sprinzak und andere Arbeiterführer. Alle Redner betonten, daß die Juden im Hinblick auf den mangelnden Schutz seitens der Landesbehöridlen die Forderung nach Installierung eines jüdischen Selbstschutzes erheben müssen, sowie danach, daß die Einwanderung von Juden nach Palästina erhöht werdie, damit das jüdische Element im Lande in sich gestärkt dastehen könne. Die Trauerfeier für Jacoby, der vor elf Jahren aus Amerika — er hatte in Kalifornien studiert — nach Palästina kam, um die jüdische Hüimstätte aufbauen zu helfen, gestaltete sich zu einem stärksten Ausdruck jüdischen Protestes gegen den ungenügenden Schutz jüdischen Lebens im Lande. Nahum S o k o 1 o w, Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency, hielt am 26. Dezember anläßlich einer Chanukkah- Kundgebung in Tel Awiw eine Ansprache, in der er auf die antijüdüschen Terror-Aktionen in Jad- Jur. Kfar Chassidim und in Nahalal hinwies und die Forderung an die Regierung stellte, hier in einer Weise durchzugreifen, daß solche Aktionen sich nicht wiederholen. Der High Commissioner Sir Arthur Wauchope hat an den Leiter der Palästina-Exekutive der Jewish Agency Dr. Chaim Arlosoroff ein Beileidtelegramm aus Anlaß des Todes von Joseph Jacoby und Solln gesandt. Schöne Worte, aber die Taten bleiben nach wie vor aus. Die gesamte hebräische Presse Palästinas fordert in Leitartikeln die Reorganisation der Polizei im Haifa-Distrikt, die sich in vielfacher Beziehung als unzureichend für die Sicherung der Ordnung in Nord-Palästina erwiesen hat. Die Presse weist darauf hin, daß die Polizei noch nicht einmal im Besitze einer Spur der Mörder von Nahalal ist, ebenso wie es ihr nicht gelungen ist, die Attentate in Jad-Jur und in Kfar Chassidim irgendwie aufzuklären, und die Täter der Bestrafung zuzuführen. Das einzige, was die Polizei ermitteln konnte, ist, daß die in Nahalal auf das Haus Jacobys geschleuderte Bombe in Palästina hergestellt worden war, was auf das Bestehen einer arabischen politischen Terror-Organisation schließen läßt. Feierliche Eröffnung des Ungarischen Jüdischen Landesmuseums. Das Ungarische Jüdische Landesmuseum im Kultur-Palais der Pester Israelitischen Religionsgemeinde neben der Hauptsynagoge ist seinem Zweck übergeben worden. Im Rahmen der Eröffnungsfeier hielt der Ungarische Jüdische Landesmuseums-Verein im Prunksaale des Stammhauses der israelitischen Religionsgemeinde seine erste ordentliche Jahresplenarversammlung ab. der u. a. der Prorektor der Technischen Hochschule, Prof. Dr. Hültl, der Direktor des Hauptstädtischen Museums Dr. Horvath, die Oberhausmitglieder Dr. Low und Dr. Glücksthal, der jüdische General Z ö 1 d, Großrabbiner Dr. H e v e s i und die übrigen Gemeinderabbiner, der Präsident der Pester Isr. Religionsgemeinde und der Isr. Landeskanzlei Hofrat Dr. Stern mit mehreren Mitgliedern des Gemeindevorstandes, zahlreiche Künstler und Gelehrte beiwohnten. Ueber dem Präsidententisch hing, mit Trauerflor umwunden, das berühmte Selbstporträt des Schöpfers des Museums, des großen ungarischen Malers Isaak Perlmutter. Der Präsident des Museums- Vereins. Wertheimer, gedachte der Persönlichkeiten, die sich um das Zustandekommen des Museums bemüht haben, woraufhin der Kunstkritiker des „Pester Lloyd". Edmund G e r ö. die künstlerische Persönlichkeit Perlmutters zeichnete und sein Lebenswerk schilderte. Perlmutters Gemälde, sagte Gero, wurden mit der Großen Goldenen Staatsmedaille, mit Preisen und Anerkennungen prämiiert, in Weltausstellungen und internationalen Kunstausstellungen, in den Kunstzentren der Kulturwelt Sein Selbstporträt ist in die berühmte Malerbildnissammlung der Offizien eingereiht worden. er war Ehrenmitglied in- und ausländischer Künstlervereinigungen. Ausländische Museen und Sammlungen bewarben sich um seine Bilder. Der Sturm und Drang der Neuen Moderne konnte seiner Wertung in der Kunst nichts antun. Der Vereinssekretär Dr. Munkacsi wies darauf hin, daß beim Bau des Kultur-Palastes der Pester Isr. Religionsgemeinde auch die Schaffung einer würdigen Heimstätte für das Museum gesichert worden war. Mit ausländischen jüdischen Museen soll zwecks Austausches, Erwerbung von Kopien, Photographien usw. Fühlung genommen werden. Großrabbiner Dr. Simon Hevesi hielt die Weiherede. Präsident Hof rat Samuel Stern sagte, die Pester Kultusgemeinde sei sich dessen bewußt gewesen, daß sie dem Jüdischen Museum den schönsten Platz zur Verfügung stellen müsse, sei doch dieses Museum die Gedenkstätte der ungarisch-jüdischen Vergangenheit, Wissenschaft und Kunst. Dieses Museum werde immer daran gemahnen, daß in diesem tausendjährigen Vaterlande von allem Anfang an Juden wohnten, die stets einflußreichen Anteil an der kulturellen Entwicklung des Landes hatten. * Unser Chefredakteur hatte im Laufe eines kürzlich stattgehabten Besuches in Budapest, über den in unserem Blatte noch ausführlich berichtet werden soll, Gelegenheit, unter sachkundiger Führung auch die Pracht des neuen jüdischen Landesmuseums zu bewundern, das tatsächlich eine kontinentale Sehenswürdigkeit allerersten Ranges ist. Die Weitkrise und das Judentum. Auf der soeben in London stattgefundenen jährlichen Generalversammlung der Jewish Colonisation Association (JCA) hielt der JCA-Präsident Sir Leonard L. Cohen ein großangelegtes Referat, in dem er einen Umriß der jüdischen Lage in der Gegenwart gab. Er führte u. a. aus: Das Wirtschaftsleben in der ganzen Welt ist zerrüttet, ganze Länder verfielen in Armut, die Arbeitslosigkeit nimmt eine ungeahnte Ausdehnung an. In unseren eigenen Kolonien gibt es Arbeitslose, die nichts anderes wollen, als den Boden bebauen; auch in den Städten herrscht Arbeitslosigkeit nicht allein unter den wenigen Neueingewanderten, sondern auch unter den Handwerkern und Industriearbeitern. Ueberall suchen die Regierungen nach Mitteln, um die Not der Massen zu lindern und auch die Lage der Landwirtschaft Treibenden zu erleichtem. Während in manchen Ländern — besonders in, der Neuen Welt — unsere Glaubensbrüder in solche Maßnahmen einbezogen werden, ist dies in einigen europäischen Ländern nicht der Fall. Nicht genug daran, es wird ihnen auch die Schuld an den bestellenden Zuständen zugeschrieben. Wir erleben das Erwachen solcher antijüdischen Stimmungen auch in Ländern höchster Kultur, in denen die Juden nicht wenig zum nationalen Fortschritt Unser Obmann-Stellvertreter und Ehrenmitglied, Herr Leopold Bösel ist nach längerem, schweren Leiden am 1. Jänner d. J. verschieden. Durch seine Klugheit, seine Güte und seine außerordentliche Opferwilligkeit hat er sehr viel zu dem gedeihlichem Bestände unseres Tempelvereines beigetragen; wir und alle Mitglieder unseres Vereines werden die Erinnerung an diesen edlen Menschen stets hochhalten. [ Das Leichenbegängnis hat am 3. d. M. stattgefunden. Für den Vorstand des Brigittenauer Tempel Vereines: Geza Klinger Jopef Kohn Schriftführer Obmann beigetragen haben. Dennoch dürfen wir uns nicht entmutigen lassen. Es gilt, auf der eingeschlagenen Linie weiterzuarbeiten. Sir Leonard L. Cohen gab einen Ueberblick auf die Arbeit der JCA-Kolonien in Nordamerika, Argentinien, Brasilien und Kanada, die der Krisennot einen festen Widerstand entgegengesetzt haben, was hoffen läßt, daß sie bei Wiederkehr normaler Verhältnisse ihre frühere Prosperität wiedererlangen werden; diese Widerstandskraft ist ein Resultat der Sorgfalt, mit der wir die Kolonien im ihren Jugendtagen umgaben, sowie der ehrlichen Arbeit der sie bevölkernden jüdischen Bauern. Die Grundlagen sind gesund, die Bewohner der Kolonien hängen an ihrem Boden, ihre Lebensexistenz ist nicht bedroht. In den argentinischen ICA-Kolonien sind die 2385 jüdischen Bauernfamiiien alle auf ihrem Boden verblieben, es gab keine Abtrünnigen. Eine beschränkte Zahl neuer Kolonistenfamilien konnte in den neuen Ackerbauzentren untergebracht werden. Natürlicherweise hat die Wirtschaftskrise die Kolonisten gezwungen, ihre Lebenshaltung zu revidieren; -sie haben sich den neuen Erfordernissen bereitwillig angepaßt. Produktionskosten und Familien-Budget wurden stark reduziert, wozu die Kooperativen tatkräftig mitgeholfen haben. Durch Förderung der Milchindustrie und Geflügelzucht wurden zahlreiche Bauern in die Lage versetzt, solche Unternehmungen auf einer größeren und solideren Basis zu errichten. Die Regierung Argentiniens hat durch gewisse freundliche Maßnahmen unserer Arbeit als einem wertvollen Beitrag zum Aufblühen des Landes Anerkennung gezollt. Die Ende 1930 vor sich gegangene Ansiedlung der Einwanderer aus Transsylvanien auf kleinen Pachtgrundstücken war ein Erfolg. Unser unentwegtes Vertrauen in das argentinische Kolonisationswerk drückt sich am besten darin aus, daß wir für zukünftige Bedürfnisse Tausende Hektar neuen Bodens erworben haben. Trotz der Ungewißheit der Zeit hegen wir die Ueberzeugung, daß in der Landwirtschaft Mittel gefunden werden, die Bedürfnisse und Aspirationen großer Menschenmassen zu befriedigen. In Brasilien sind die ICA-Kolonisten ebenfalls bei der Arbeit geblieben, nachdem die politischen Unruhen von 1931 an ihnen vorübergegangen sind. In diesem großen Lande, in dem die Zukunft der Landwirtschaft gesichert ist, wenden wir nach wie vor beste Kolonisationsmethoden an. Noch haben unsere brasilianischen Kolonien nicht die gleiche Stabilität der Kolonien in Argentinien erlangt, aber wir studieren alle Möglichkeiten, um unsere brasilianischen Unternehmun-

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