Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 1 (6.1.1933)
- Date
- 1933-01-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Polen zu machen wäre. Im Gegenteil: wenn die Nationalisten ans Ruder kommen, streben sie „Ausgleiche" mit den Juden an. Nach der Meinung der polnischen Regierung sollen die Ueberfälle auf Juden staatsfeindliche Tätigkeit sein, mehr gegen das bestehende Regime als gegen die Juden gerichtet (Nur daß bei der gegen jüdische Köpfe gerichteten staatsfeindlichen Tätigkeit die administrativen Machtorgane — wie in Lemberg — weit weniger eifrig am Werke sind, als bei sonstiger staatsfeindlicher Tätigkeit...) Wir verkennen wohl die schwere Lage nicht, in die die polnische Regierung gedrängt wird, wenn sie die Juden gegen polnische Chuligans verteidigen muß: wir wissen, daß sie da taktvoll vorgehen muß. Wir verlangen nicht, daß man gleich Maschinengewehre und Kanonen aufstelle. Aber man hätte ein wenig eifriger sein, hätte nicht zulassen sollen, daß in Lemberg Hunderte von Menschen verwundet werden, um so weniger, als man ja schon die Erfahrung vom Vorjahre hatte... Die wilden Taten eines Teiles der polnischen Studentenschaft sind nur dazu angetan, einen Teil der jüdischen Jugend in die Arme der Verzweiflung zu jagen... Sie können wohl Polens Freunde in Feinde verwandeln, aber die Judenfrage können sie nicht lösen!... Amerika wird1 darum die Tore der Einwanderung nicht auftun. Und wenn sogar die Nationaldemokratem für Juden ein neues Territorium ausfindig machen, für jeden Juden eine Wirtschaft bereitstellen und ihnen die Reisespesen flüssig machen — die Juden würden ihnen antworten: „Fahret nur selbst hin, Polen ist gut genug für uns." Ihre lange Geschichte in Polen gibt ihnen das Recht dazu. Polen wird die Juden in die Staatskalkulation einbeziehen müssen, und mögen sich die finsteren Elemente mit der Illusion trösten, daß die Welt den jüdischen Nöten gegenüber gleichgültig wäre und man darum Juden schlagen dürfe — die kalte, bittere Notwendigkeit wird sie dazu zwingen, einen Weg zur Lösung der Judenirage zu finden. Es gibt auch keinen anderen Weg, als ein brüderliches Zusammenleben zwischen beiden Völkern! Nichts zu machen! Die jüdische Jugend, auf kultureller Grundlage und in jüdischem Geiste erzogen, gestählt und erprobt im Feuer des Kampfes um Menschenwürde, wird sich nicht mehr in die Rolle von „Hausjuden" drängen lassen, wie ein Teil der polnischen Jugend sie so gern sehen möchte! Lieber im Kampfe untergehen, als die Menschenwürde aufgeben! Im Geiste und in Erwartung eines brüderlichen Zusammenlebens beider Völker, die eine Lebensbedingung ist für unseren geliebten, mit so viel Tränen durchnäßten Boden, im Geiste der Verständigung, ungeachtet der bitteren Worte, die der Schmerz dem Herzen entrang, — sind diese Zeilen gedacht und geschrieben. (Uebersetzt von O. P r e m i n g e r.) Aktive und passive Jadenpolitik. Unter diesem Titel ließ vor kurzem der bekannte zionistische Führer Deutschlands und Vorstandsmitglied der Berliner Gemeinde Max Kollenscher eine Broschüre erscheinen, die dazu bestimmt sein sollte, den deutschen Juden eine neue geistige Haltung zu predigen. Er wird nicht viel Glück damit haben, er wird ein Prediger in der Wüste bleiben. Dafür bürgt der gesunde Sinn •itr deutschen Juden, zumal auch der meisten deutschen Zionisten selbst, die es seit jeher verstanden haben, ihr lebendiges, tiefernstes Verständnis für die Wiederbesiedlung Palästinas mit der Liebe für ihr angestammtes Heimatland zu vereinigen, eine Einstellung, die den Zionisten hierzulande fast als frevelhaft erscheint. Daß die Lehrsätze Kollenschers bei den heämattreuen dentechfühlenden Juden; auf schärfste Ablehnung und entschiedenen Protest stoßen, wird jeden begreiflich, der nur ein wenig in der Broschüre blättert. Einer eingehenden Kritik unterzieht sie der bekannte Führer der reichsdeutschen fortschrittlichen Juden, Rechtsanwalt Heinrich Stern. Er wendet sich in besonders eindeutiger Form gegen die Phrase der Jüdischnationalen vom sogenannten Primat, der alles bestimmenden Vorherrschaft des Judentums. Stern schreibt: Die geheime Zwiesprache des Menschern! mit dem Ewigen, die Einstellung zu den „letzten Dingen", die soEen wir in der Tat von unserer jüdischen Lebensquelle befruchten und bestimmen lassen. Es gibt keinen willensstarken, selbstbewußten Juden, der anders denkt, sonst wäre er eben nicht Jude. Soll aber der Primat des Judentums bedeuten, daß derjenige, der sich Jude nennt, in allen Dingen des Lebens zunächst sich nach dem zu richten hat, was das Judentum mit all seinen Jahrtausende alten Abwandlungen über diesen und jenen Lebenskreis bestimmt, so muß ich allerdings sagen, daß ich die Forderung des Primats des Judentums nicht anerkenne. Herr Koll enscher übrigens tut es auch nicht, weder auf dem Gebiet der Rechtspflege noch in dem großen Bereich der Kunst noch im Bereich des täglichen Wirtschaftslebens usw. Hundertfach am eigenen Leibe und an dem seiner Umgebung verstößt Kollenscher so gut wie jeder andere täglich gegen direkte Vorschriften, ohne daß er sich den geringsten Vorwurf darüber macht und zu machen braucht. Kurzum, diese ganze These vom Primat des Judentums ist ein Schlagwort, das ernsthafter Prüfung nicht standhält. Entscheidendes Gewicht lege ich darauf, Kollenscher einmal festzunageln auf die innere Brüchigkeit der nicht nur von ihm, sondern auch von seinen Freunden allgemein gelehrten These über Staatsvolk und Staat. Kollenscher geht von der Tatsache aus, daß die deutschen Juden ein Teil eines eigenen Volkes mit eigenen nationalen Eigenschaften, Wünschen und Hoffnungen sind. Hierüber läßt sich einfach nicht streiten; das ist Sache des Glaubens und Wollens! Aber eins muß gesagt werden: Geschichtlich lassen sich solche Dinge nicht begründen; denn die jüdische Geschichte hat meilenweite Perioden völligen Aufgehens der Juden in nicht jüdischer Umwelt (siehe die Juden im Perserreich, die Juden in Spanien usw.) und weite Perioden der Abgeschlossenheit vom Staat. Das Kennzeichen einer Nation ist ja nie die Herkunft, sondern die Zukunft. Der Tessiner Schweizer, rassen- und abstammungs.- gemäß sicherlich Italiener, geht in die Luft, wenn man es wagt, sein Schweizer Nationalgefühl zugunsten seiner italienischen Herkunft anzuzweifeln. Seine Vergangenheit, seine Abstammung mag in der Lombardei oder noch weiter südlich gelegen haben, seine Zukunft, sein nationaler Wille liegt in Bern und nicht in Rom. Mit den Deutschen und Russen Amerikas, mit vielen andern eingewanderten Stämmen und Völkern liegt es natürlich nicht anders. Der Wille, das Los der Nation zu teilen, entscheidet, und nicht die historische Herkunft. Darum ist und bleibt es nach meiner Ansicht das gute Recht, ich möchte sogar sagen, die Pflicht des Staates, alle diejenigen, aber nur diejenigen seiner Bürger zu umfassen, die sich nicht nur in der Gegenwart, weil sie müssen, sondern in der Zukunft, weil sie wollen, mit ihm identifizieren. Von geradezu beschämender utilitaristischer Kleinlichkeit ist nun die Stellungnahme Kollenschers zu der Frage der nationalen Minderheitsrechte und der nationalen Autonomie. Wir kennen die Weise, wir kennen den Text, wir kennen auch die Verfasser. Nach innen predigt man das nationale Eigenleben. Man will, wie es Kollenscher so schön ausdrückt, den „Geist der nationalen Minderheiten" pflegen. Wegen der zahlenmäßigen Geringfügigkeit aber des jüdischen Teiles in Deutschland „verzichtet" man nach außen hin auf die Rechte nationaler Autonomie, auf ein Reiehsgeselz über jüdische Minderheitsrechte usw. Herr Kollenscher soll doch ehrlich sein und sagen: „Wir haben Angst vor den Pflichten und Beschränkungen der nationalen Autonomie und der nationalen Minderheiten, da wir so wenige sind, und dar um verzichten wir darauf, aus unserer Weltanschauung die praktische Konsequenz zu ziehe n." Hat man eine Weltanschauung und predigt sie, so muß man auch die unangenehmen Schlußfolgerungen in den Kauf nehmen. Wer den Primat des Judentums predigt, wer nach seiner jüdischen Ueberzeugung im Staate eine nationale Minderheit ist, wer den Geist der nationalen Minderheit pflegen will, der muß auch die Rechte und Pflichten dieser Minderheit auf sich nehmen, selbst wenn sie ihm unbequem sind. Im übrigen wird die Quittung auf derartige Wünsche nach dem „Geist nationaler Minderheiten" leider nicht von uns pr}ä sentiert werden, sondern von Organen, die es weit weniger gut mit uns meinen. Es ist sehr viel von jüdischer Politik und jüdischer Geschichte die Rede, aber vom Geist des Judentums, von seiner welthistorischen Aufgabe, sagt das Buch nicht eine Zeile und nicht eine Silbe. Es bleibt aber schon so, wie ich es immer vertreten habe: Man kann nicht einen einzelnen Fetzen aus dem Schicksalsbuch der Judenheit herausreißen, ohne dieses Buch bis zu Ende zu lesen oder wenigstens zu Ende zu denken. Willst du letzten Endes ein jüdisches Volk „wie andere Völker", gut, so arbeite auf die Loslösung vom „Wirtsvolk" hin und löse dich selbst. Willst du aber verbunden bleiben mit der Heimat in der Diaspora, nicht, weil du ein nahrhaftes Amt und Brot im „eigenen Lande" heute noch nicht findest und daher ein „paying guest" in der „Verbannung" sein mußt, sondern weil du glaubst, daß gerade dein jüdisches Schicksal dich hierher gestellt hat, dann kannst du, ob mit, ob ohne Gefühl des Primats des Judentums, gar nicht anders handeln, als heimisch zu werden in deiner Heimat. Wir leben, wir leiden, wir sterben als Juden, also muß es doch einen Sinn haben, dieses Leben als Jude! Der einfache, leicht begreifliche Sinn bei Kollenscher ist der, einmal im heutigen oder erweiterten Palästina auf eigener Scholle im eigenen Staate Bürger zu werden. Wer glaubt, damit sein Endziel gefunden zu haben, ist zu beneiden. Unser Ehrgeiz und unser Glaube gehen weiter. Wir glauben doch, daß nicht der Zufall, sondern unser uns gesetztes Schicksal uns als eine geistigsittliche Gemeinschaft eigenster Prägung mitten in die Völker gesetzt hat, um im Preise der anderen als eine sichtbare, lebende Einheit von Gottes wegen zu leben, zu wirken und — zu leiden. Wir können auch in unserem heutigen Dasein als Juden nur ein Sichvorbereitensehen für das eine, einige Reich, in dem es wirklich gleichgültig sein wird, welchen Staates Bürger man ist, für das vielmehr es einzig wichtig sein kann, ob man Mensch in menschlicher Gemeinschaft sich nennen darf. Kollenscher bekennt sich, wie stets, laut zur jüdischen Gemeinschaft. Auch wir können uns kein Judentum ohne jüdische Gemeinschaft, aber auch keine jüdische Gemeinschaft ohne Judentum denken. Diese jüdische Gemeinschaft wird freilich erst ihr letztes Ziel erfüllen können, wenn sie bewußt eine Gemeinschaft nicht von heute für heute, sondern eine Gemeinschaft von gestern über heute für morgen sein wird. Dazu gehört freilich ein Etwas, was aus den Worten Kollenschers nicht hervorgeht, Hoffnung und Zukunftsglaube! Vom tiefsten Schmerze gebeugt, geben die Unterfertigten Nachricht von innigstgeliebten Vaters, bzw. Großvaters, Schwiegervaters, Bruders, Schwagers, Oheims, des Herrn dem Ableben ihres Oheims und Groß- IEOPOED BÖSEL arbeitsreichen, dem Wohle Tor, statt. der nach langem, ergebungsvoll ertragenem Leiden im 67. Jahre seines seiner Familie gewidmeten Lebens am 1. Januar 1933 verschieden ist. Die Beisetzung in der Familiengruft fand am 3. d. M. auf dem Zentralfriedhof» 1 _ Allred Bösel Sigmund Bösel Else Nenmann Rollert Bösel Olga Holnar. Die Enkel und Enkelinnen, Schwiegersöhne nnd Schwiegertöchter, Geschwister, Schwager nnd Schwagerinnen, Neffen nnd Nlehten. Die Hinterbliebenen bitten im Sinne des Verblichenen, von Kondolenzbesuchen absehen zu wollen.