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Die Wahrheit · 1933-01-06 · Heft 1 (6.1.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 1 (6.1.1933)
Date
1933-01-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT ermutigende und übelwollende Hoffnung bei den Feinden und welch ein Mißtrauen und Vorsicht bei der Außenwelt! Aber ist es denn eine Frage der Außenwelt, eine Frage von Nutzen oder Schaden, den solche Auftritte dem Lande bringen? Nicht um die verführte Jugend geht es da. Bei aller Erbitterung gegen die Urheber und Anstifter des unmenschlichen Wütens kann man sie nur kopfschüttelnd bedauern. Für einen ehrlichen Menschen ist es ein Schmerz, die Jugend, die Zukunft des Volkes in solcher Lage zu sehen. Und bei all dem Schmerze wünschen wir ihnen nicht, daß ihre Taten sie auf ihrem Lebenswege begleiten. Im Gegenteil: im Interesse des Landes und ihrer Errettung aus dem Zustande der Verrohung wünschen wir mit voller Aufrichtigkeit, es möge der blutige Anfang ihres Lebensweges verwischt werden. Von ihnen gilt das Wort: „Vergib ihnen, o Gott, denn sie wissen nicht, was sie tun." Denn wie kann es anders aufgefaßt werden, wenn in ihrer Wildheit ungehemmte, verzogene junge Studenten oder gar Rotzbuben-Schüler einen armen Juden in der Straße überfallen und ihn furchtbar prügeln, wenn sie sich auf schutzlose Frauen und jüdische Geschäfte stürzen! Wenn wir welche Rechnungen haben — dann mit Erwachsenen. Mit Verantwortlichen, mit den Anstiftern und Hetzern, die die Jugend gereizt haben. Sowohl den Verteidigern, als auch den Anklägern. Es scheint, daß in bezug auf die Judenhatz die Meinungen in Polen geteilt sind: der eine Teil der Nationalen, die wirklichen Verantwortlichen, stehen auf dem Standpunkte, die Juden hätten die Geltung in der Welt verloren. Niemand nähme sich mehr der Juden an, es gäbe also keinen Grund zur Angst und man könne Juden nacli Herzenslust hauen. Demgegenüber halten die anderen, unsere „Verteidiger", Gott sei es geklagt, dafür, daß „Judenexzesse" dem polnischen Ansehen in der Außenwelt schaden und es liege daher, im polnischen Interesse, Juden nicht zu schlagen. Wir überlassen dies ihrem menschlichen und christlichen Gewissen. Jene, die das Hauen erlauben, weil die Juden keine Protektoren haben und jene, die das Hauen nur vom Standpunkte der polnischen Interessen verbieten — offenbaren damit die Höhe ihrer Moral, ihre Menschlichkeit. Möge ihnen dieses Verdienst in der Not angerechnet werden... Selbstverstämldlich heben wir ermutigt und hoffnungsvoll die Haltung des größten Teiles der polnischen Gesellschaft hervor, der sich durch die Presse und teils auch durch Taten von den Nationalen abgesondert hat: aber die polnische Gesellschaft darf keinen besonderen Dank dafür verlangen. Wäre ich Pole, ich würde mich dieser Selbstverständüchkeit wegen beleidigt fühlen, ebenso wie ich, wäre ich ^Christ, es als größte Entweihung meiner Religion ansehen würde, daß man Kirchenzeremonien zu Hetzversammlungen herabwürdigt. Die Welt hat für das Schlagen der Juden in Polen weder polnisches noch jüdisches, sondern rein menschliches Interesse. Umsonst brüsten sie sich, daß man schon Juden hauen dürfe. Nein, man darf nicht! Nicht bloß darum, weil es nicht im polnischen Interesse liegt,.sondern weil es gegen die menschlichen Interessen verstößt. Die große zivilisierte Welt, jene, die Gott sei Dank noch etwas zu sagen hat — sie ist weder für euch noch für uns, sie ist dort, wo die Gerechtigkeit ist... Und jenen verdorbenen Teil der Menschheit, auf welchen ihr euch stützt — den deutschen Hitlerismus — jenen Teil gönnen wir euch von ganzem Herzen. Ja, stützt euch nur auf ihn, machet Pläne, baut euer Fundament auf dem Abgrund, der für euch gegraben wird!... Mit ihm werdet ihr stehen und fallen! Wir sind ein schwergeprüftes Volk. Die Prüfungen sind nicht spurlos an uns vorübergegangen, sie hinterließen bei uns schlechte, aber auch gute ENORME AUSWAHL BILLIGSTE PREISE T_ _ LllP\\P VOBBÄNOE ■El * * MÖBELSTOFFE, BECHEN ■ MURI.,BALER1MMARKT12 14 Eigenschaften... Vor allem gaben sie uns eine eigenartige Waffe in die Hand. Wir sind ein sehr alarmierfähiges Volk, ein lebhaft fühlender Puls. Schlägt man einen armen Juden in Warschau, spürt der Gouverneur von New York und der englische Minister die Ohrfeige... Unsere Spitzen reichen weithin... Und mag die jüdische Einigkeit nur legeiidarisch sein, sie ist doch ein unterirdisches Gefühl, das ohne unser Wissen und ohne unsere Kontrolle funktioniert, es ist ein Instinkt, der mit dem Blüte ererbt wird. Wer weiß, wie weit Blut reicht! Recht haben die Antisemiten.: bis ins vierte Geschlecht und vielleicht gar weiter... Unbewußt, unterirdisch... Haut man einen Juden in Polen, dann hat man einen elektrischen Taster berührt, dessen Ströme weitverzweigt sind... Nichts zu machen: jedem Geschöpf gab die Natur eigenartige Waffen mit, um sein Dasein zu verteidigen. Wundert euch ja nicht, daß jeder Hieb, den ein Jude in Polen abbekommt, so weit in der Welt nachklingt. Die idiotischen, unmoralischen und unkulturellen Hetzartikel und das unmenschliche Benehmen eines Teiles der polnischen Studentenschaft — sind ein tiefer Acker, von welchem Feindschaft gegen Polen ausgeht. Nicht die ganze Menschheit steht unbedingt freundlich zu Pölen... Eure Freunde aber, die an ein gerechtes Polen glauben, an friedliche Entwicklung, an menschliches Zusammenleben seiner Völker — stehen verschämt, isoliert und machtlos da... Nein, ich will nicht abschrecken. Ich habe auch kein Mittel, die wilden Antisemiten in Polen abzuschrecken. Wir besitzen keinerlei physische Macht. Aber wir besitzen eine andere Macht und die heißt Gerechtigkeit! In mehr als einem Kampfe hat sie sich als wachsamer und treuer Verbündeter bewährt... In diesem Kampfe ist die Gerechtigkeit unser Verbündeter! * * Und doch fließen seit mehr als tausend Jahren die beiden Ströme, Polen und Juden, in dem einen Bett, das polnische Erde heißt. Und mögen die Feinde noch so sehr wollen — es gibt keine Aussicht, daß diese Ströme je auseinandergehen. Nichts zu machen: Juden müssen in Polen bleiben. Sie haben kein anderes Vaterland. Und die Juden wissen das. Seit dem Augenblick, da man sie nur zur Verteidigung ihres Vaterlandes zuließ, taten sie es. Seit den Kosciuszko-Kriegen, über Napoleon, über die Aufstände von 1830 und 1863 hin bis zum letzten Krieg, der Polens Traum realisiert hat. Heute wissen selbst die Natiönaldemokraten, daß die Juden ungeachtet aller gegen sie in Polen begangenen Ungerechtigkeiten gute polnische Bürger sind. Die polnischen Juden wissen, daß das ihr Land ist und sie können nirgends hin. Und ebenso wie die polnischen Juden nicht ohne Polen leben können, könnte sich — das ist mein fester Glaube und meine unerschüttterliche Ueberzeugung — der polnische Staat nicht natürlich entwickeln und nicht friedlich gedeihen, wenn er Juden aus dem Kalkül ausschließen und sie für vogelfrei erklären sollte. Die Juden in Polen sind ein produktives Element, angepaßt am die Struktur des Landes, seinen Bedingungen entsprechend. Es ist höchste Zeit mit der Legende aufzuräumen, daß der Kaufmann ein minderwertiges Geschöpf wäre und dem Handwerker oder agrarischen Arbeiter nachstände. Polen kann nicht als Agrarland leben. Es muß, wie jeder moderne Staat, Industrie und Handel treiben. In zaristischen Zeiten haben die Juden unter unmenschlichen Bedingungen! das Land bereichert. Von Polen selbst hängt es ab, ob aus seinen 3 Millionen Juden ein produktives oder ein zerstörendes Element wird... Ueberall, wohin die polnischen Juden kommen, in Amerika, Palästina, Frankreich, zeigen die Juden ihre Fähigkeit, nur nicht in Polen... Bis heute hat noch kein einziger polnischer Staatsmann (abgesehen von spitzbübischen, (idiotischen Hetzen Unverantwortlicher) einen ernsten ausführlichen Plaut erstellt, was mit den Juden in Feuilleton Trotz allem Jude . . . Zu Eduard Bernsteins Tod. Von Dr. Eva Reichmann-Junemann (Berlin). Wer Eduard Bernstein einmal während der letzten Jahre in seiner stillen Wohnung in der Bozener Straße gegenüber sitzen durfte, wer ihn von Marx und Engels, von der heroischen Früfczeit des Sozialismus sprechen höite, als ob die Erlebnisse, vom denen er berichtete, sich gestern zugetragen hätten, der hatte das Gefühl: hier ist die Zeit stehengeblieben, dieser Mann ist über zeitliches Maß hinausgewachsen zu einem Denkmal menschlicher Unvergänglichkeit. Nun ist er doch dem zeitlichen Gesetz erlegen und von uns (gegangen. Er stand kurz vor Vollendung seines dreiundachtzigsten Lebensjahres. Eduard Bernsteins umfassende Tind gerechte Würdigung zu schreiben, darf denen überlassen bleiben, deren Aufgabengebiet sich mit der Hauptarbeit seines Lebens deckt, seinen sozialistischen Kampfgenossen. Uns liegt es ob, die Linien nachzuziehen, die Eduard Bernsteins, des Juden, Entwicklung bezeichnen. Sie sind in dem mächtigen und eindrucksvollen Gesamtbild seines Lebens nur spärlich vorhanden, und doch stellen sie einen Wandel von starker, symptomatischer Wichtigkeit und unmittelbarster Gegenwartsbedeutung dar. Der Verstorbene stammt aus den Kreisen des Berliner jüdischen Kleinbürgertums, dessen Bindungen das Judentum hinter dem stanken, politisch-demokratischen Interesse der Zeit zurückgetreten waren. Sein Vater war Lokomotivführer, sein Onkel, Aron Bernsiein, Redakteur der bürgerlich-radikalen „Berliner Volkszeitung". Dieselbe Linksschwenkung, die Eduard Bernstein gegenüber den politischen Ansichten seiner Familie vollzog, indem er sich der sozialistischen Bewegung anschloß, nahm er auch auf jüdischem Gebiete vor: er löste die restlichen Bindungen an die jüdische Gemeinschaft, indem er im Jahre 1877 der Aufforderung seiner Partei zum Kirchenaustritt Folge leistete. So wurde Eduard Bernstein in einer Zeit, in der die Sozialdemokratische Partei ihre radikale Frühepoche durchmachte, in allzu wörtlicher Durchführung ihrer Parolen zum „roten Assimilantcn". Genau so selbstverständlich, genau so theoretisch, genau so kurzsichtig, wie heute der Kommunismus seine Opfer fordert, forderte sie damals die Sozialdemokratie. Und genau so schnell wird heute wie damals die S c h e i n konsequenz dieses S cheinradikalismus offenbar werden. Im Falle Eduard Bernsteins offenbarte sie sich unter dem in mehr als einer Beziehung aufschlußreichen Druck der Kriegsjahre. Es war nicht der einzige Bruch mit dem Radikalismus, den Bernstein vollziehen mußte. Um die Wende des Jahrhunderts hatte er in seinem Hauptwerk „Die Voraussetzungen des Soziaiismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie" die Auseinandersetzung mit der materialistischen Geschachtsauffassung aufgenommen, die die Grundlegung für die von ihm begründete neue Richtung des Revisionismus bildete. Auch sie war eine Absage an die radikale Verelendungs¬ und Revolutionstheorie des ursprünglichen Lehrgebäudes, dem er die Lehre vom allmählichen, reformatorischen Hineinwachsen in eine neue sozialpolitisch bestimmte Entwicklungsphase der Wirtschaft entgegenstellte. Ebenso wie er hier unter den starken Eindrücken der Tatsachenwelt, die er besonders in England empfing, den Auseinanderfall zwischen Wirklichkeit und Theorie in einer historischen Leistung bewies, setzte sich in ihm auch die Erkenntnis durch, daß er mit der Tatsache des Kirchenaustrittes die auch in ihm nicht zur Ruhe gebrachte Judenfrage ihrer Lösung nicht angenähert hatte. Im Jahre 1917 nahm er sich zum erstenmal des jüdischen Problems in einer längeren Abhandlung „Von den Aufgaben der Juden im Weltkriege" an. Von einem sehr bewußt jüdischen Standpunkte aus stellt er es darin als die Mission der Juden dar. ihre natürliche Stellung zwischen den Völkern zu einer geistigen Vermittlerrolle im Dienste des Völkerfriedens nutzbar zu machen. Gleich weit entfernt vom Zionismus wie von einem gesinnungslosen Assimilantentum, verficht er die Gleichberechtigung und gleichzeitige Betätigung des „Landes-, des Stammes- und des weltbürgerlichen Patriotismus". Diese Schrift, an der außerordentlich vieles auch heute noch und sogar gerade heute wieder ernster Beachtung wert wäre, bildete nur eine Etappe auf Eduard Bernsteins. Weg zurück zum Judentum. Sein tätiges Interesse ist seither nicht mehr erlahmt, sondern in dauernder Förderung jüdischer Ziele, insbesondere der sozialistischen Palästina-Arbeit zum Ausdruck gekommen. Dabei hat er seine im Grundsätzlichen ablehnende Haltung gegenüber dem Zionismus, in dessen westeuropäischer Abart er .einen Rückschritt in überwundene Epochen der Völkergeschichte sah, nicht aufgegeben. Die jüdisch-sozialistische Arbeit war es. die ihn anzog. Daß er sich der Wirkung solcher Anziehung in echter Erkenntnis menschlicher Eigengesetzlichkeit nicht entzog, sondern weitgehende Schlüsse daraus zog. legt für die überlegene, reife Persönlichkeit de£ Verstorbenen schönstes Zeugnis ab. Er ließ sich von den in ihm erspürten Kraftströmen tragen und war nicht zu eigensinnig und nicht zu stolz, im Alter zu erklären, daß er den Austritt aus dem Judentum nicht vollzogen hätte, wenn er die Entwicklung voraus geahnt hätte. Eduard Bernsteins deutsch-jüdisches Schicksal ist geeignet, uns in Aufruhr oder in innere Beruhigung zu versetzen, je nachdem wir seine deutsche oder seine jüdische Seite betrachten. In Aufruhr versetzt uns die Erkenntnis, wie weit wir von einer Zeit entfernt sind, in der ein Jude eine neue Richtung in mutiger, entschiedener Abkehr von der alten begiründen durfte, ohne von vornherein die Richtung und die größere Gesamtheit, der er diente, damit zu diffamieren. Die Selbstverständlichkeit, mit der der jüdische Sozialdemokrat Bernstein arbeitete, führte und sich bekannte, scheint einer paradiesischen Epoche im Vergleich mit der heutigen anzugehören. Sein jüdisches Schicksal aber gibt Rühe und Gewißheit: auch der echteste und strengste Sozialismus vermag jüdische Lebenswerte nicht auf die Dauer zu übertönen und zu ersetzen. Je reifer . der Mensch aus der Schule der Wirklichkeit hervorgeht, um so stärker vertieft sich in ihm die Erkenntnis, daß zur Erfüllung einer vollkommeneren Zukunft auf keinen Kräftstrom verzichtet werden darf, und daß der jüdische der unentbehrlichsten einer ist.

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