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Die Wahrheit · 1933-01-06 · Heft 1 (6.1.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 1 (6.1.1933)
Date
1933-01-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 40 Groschen Jüdische Die Wahrheit Ui&M Ii f iJ i «• Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden'* und den Amtlichen Verlautbarungen der israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II.. Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100-918 IL. Jahrgang Wien, 6. Jänner 1933 Nummer 1 Ich kann nicht länger schweigen! Mit eisernen Fesseln bändigte ich den Drang, zu den letzten Ereignissen in Polen das Wort zu ergreifen. Der Grund ist einfach. Ich sagte mir: was wäre die Wirkung? Was kann ich mit meinen Worten erreichen? Höchstens das uns umgebende Meer des Hasses um einen Tropfen vermehren. Was kann ich sonst tun, als einen Tropfen Oel ins Feuer des Unglücks gießen? Der Haß liegt nicht außerhalb unseres Wesens, er liegt in uns. Nicht Engel machen den Krieg, wir sind es, die ihn machen. Infolgedessen muß der Mensch in schweren Zeiten vor sich selbst gewissenhaft Rechenschaft ablegen: wird wohl meine Tat, werden wohl meine Worte dazu verhelfen, das Feuer, in dem wir alle versinken und untergehen, auflodern zu lassen oder zu verlöschen? Aber ich gestehe: wieviel ich auch rechnen mochte — ich hielt's nicht aus! Ich hatte genug, m der Zeitung zu lesen, daß ein armer Schuster in der Straße sorgenvoll und in Gedanken versunken: woher ein Stückchen Brot für die hungernden Angehörigen nehmen — von unwissenden, aufgereizten jungen Schülern wehrlos überfallen wird und daß man anstatt Brot den hungernden Kindern seinen blutenden Körper heimbringt. Es genügten die täglichen, glühenden Nadeln, die meinen lebenden Leib stachen, damit mein ganzes Blut in Wallung kommt. Wer vermag kalt abzuwägen, wenn man sieht, daß das eigene Fleisch und Blut vogelfrei ist? Wärst du an Stelle des armen Schusters, du wärst seinem Schicksal verfallen. Und wenn du liest, daß täglich die Blüte unseres Lebens, unsere Jugend, Hoffnung und Zukunft tagein tagaus moralischem und körperlichem Spießrutenlaufen unterworfen wird, sowohl unsere jungen Männer als unsere Jungfrauen — wer vermag unter solchen Umständen, seine Worte zu wägen, seine Schritte zu messen? — Und um auch der Gegenseite Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß angenommen werden, daß dort wahrscheinlich dasselbe vorgeht. Ich kann mir ganz gut vorstellen, daß ein Dorf gewaltiger iii irgendeiner weltfernen Gemeinde, der vielleicht niemals böse Absichten gegen Juden hegte, am Tage, an dem er in seiner Zeitung las, daß Juden in Lemberg einen polnischen Studenten „ermordet" haben, daß er auf den armen Fleischhauer, Pferdehändler oder Glaser, der ins Dorf gekommen war, um Handel zu treiben, gegen den er nichts hat und an den er gewöhnt ist, seine Hunde hetzte... Wie viele gibt es denn, die imstande sind, während die Leidenschaften sprechen, ihren gesunden Verstand zu behalten und sich zu fragen: was konnten denn die Juden tun? Können denn etwa die Juden mit jedem polnischen Studenten, der die Absicht hat, Juden zu überfallen, Leute mitschicken, die ihn warnen sollen, solche schädliche Wege zu meiden, die ihn belehren sollen, welchen Juden) man überfallen dürfe, weil er keinen Widerstand leiste, und welchen man nicht überfallen dürfe, weil er ein Gassenjunge sei und mit einem Messerhieb parieren werde? Wer ist so klug und gerecht, Christ und Jude genug, um Rechenschaft vor sich abzulegen und seine Leidenschaften überwachen zu können — wenn Blut spricht? Zu den letzten Ereignissen in Polen. Von Schalom Asch. Mit bebendem Herzen gehe ich daran, diese Zeilen zu schreiben. Ich weiß: ich werde nicht dazu beitragen, die Lage zu verbessern und die Gemüter zu beruhigen, sondern die Lage nur noch verschlimmern. Ich tauche meine Seele in den schmutzigen Tiegel von Sünde und Schande, den böse Menschen in Polen zu ihrem eigenen und zu unserem Verhängnis angezündet haben. Mein Schmerz verlangt nach Erlösung! Ich kann mir nicht helfen. Wie komisch das aussehen mag: die gegenwärtige Welle „jüdischer Exzesse" in Polen isr nicht rein polnisches Produkt, sondern aus Deutschland importiert. Die Lorbeeren eines Adolf Hitler lassen die Führer der polnischen Chuligane nicht schlafen. Das Charakteristische dabei ist, daß man mit den Schlägen nicht nur die Juden des betreifenden Landes, sondern die Juden als Ganzes zu . treffen vermeint... Seit dem Auftauchen der Miüerei ist es nämlich in Deutschland Mode, nicht bloß die Juden, aber auch den jüdischen Gott, das Judentum, die jüdische Moral und Ethik auf das Sezierbrett zu nehmen. Die deutschen Gelehrten haben sich plötzlich umgesehen, daß im Judentum etwas nicht stimmt. Schwerfällige, voluminöse Bücher werden darüber geschrieben. Verlagsanstalten und Redaktionen veranstalten Diskussionen über das Judentum und laden beide Parteien zur Beteiligung ein. Eine ähnliche Zeit haben wir schon erlebt. Ein oder zwei Jahre vor Rußlands Katastrophe haben zwölf russische Bauern in Kiew über den jüdischen Gott Gericht gehalten... Soll das neue Gericht über den jüdischen Gott nicht ein kriegskündender Komet vor einer neuen Katastrophe sein? Verfasser dieser Zeilen wurde wiederholt aufgefordert, an solchen schriftlichen Diskussionen teilzunehmen. Er lehnte ab mit der Begründung, daß die Diskussion keine freie und gerechte sein werde. Der Gegner wird alles sagen dürfen, was er über uns denkt, wir aber werden nicht alles sagen dürfen, was wir über ihn denken... In dieser Beziehung hat sich seit dem Mittelalter nichts geändert. Auch im Mittelalter zwangen die Bischöfe die Rabbinen, sich zu Disputationen mit Apostaten und Geistlichen zu stellen. Einer der letzten Dispute, zwischen Juden und Frankisten, fand auch im traurigen Lemberg statt... Wir können uns in die Lage eines Rabbiners versetzen, der unter bischöflichem „Schutz" und Inquisitionsgefahr seine Antworten geben mußte... Wie fein gesponnen die Haltung eines solchen armen Rabbiners beim Disput sein mußte... Unter Uebung moderner Toleranz könnte man einmal eine Disputation nicht über die Juden, sondern! über die Christen veranstalten ... Nein, nicht über das Christentum! Wir sagen es ohne jeden Zwang, im Bewußtsein voller Verantwortung, aus eigener Ueberzeugung: das Christentum, wie es sich im Leben, in den Taten und Predigten seiner obersten Vorsteher, der Apostel, Märtyrer und Heiligen äußert, ist ethisch und moralisch ohne Zweifel eine der höchsten Errungenschaften, die der menschliche Genius nicht durch irdische Anstrengungen, sondern inspiriert von höherem Geiste, erreichte... Wir machen dem Christentum keine Vorwürfe. Nicht das Christentum als solches hat unseren geschichtlichen Weg blutig gefärbt, es taten dies jene, die sich mit götzendienerischem Herzen hinter das Christentum stellten... Jene, die für sich das Recht in Anspruch nahmen, es auf den Lippen zu führen, während ihre Hände die Scheiterhaufen der Inquisition anzündeten ... Nichts hat sich bis jetzt in dieser Beziehung geändert. Wer hat die Bosheit in die Welt gesetzt, in welcher wir heute verbrennen — wir, Juden, oder ihr, Christen?! Wer hat die Fackel des Krieges angezündet? Wer Brüder gegen Brüder gehetzt? Wer kann keinen Weg zum Frieden finden? Wer mordete, ohne je das Blut verwischen zu können? Was ist denn, Gott sei's geklagt, das Judentum, wohl nicht in seinem moralischen, aber in seinem physischen Bestand? Ist doch das Judentum die Frau mit gebundenen Händen, dargestellt auf der Münze, die die Römer zu Ehren des Titussieges prägten. Die Synagoge, wie sie .iuf den Skulpturen mittelalterlicher Kirchen dargestellt ist, führt in ihrer Hand einen zerbrochenen Stab — welche Kraft besitzen wir? Wie ein gebundenes Kalb ging das Judentum zur Kriegsschlachtung in jedes Land hin, wohin es die Christen trieben. Ist doch der Judenhaß ein Vorspiel zum nächsten Krieg! Kommt doch der Judenhaß in Deutschland davon, daß die Juden nicht an die Möglichkeit der Rettung Deutschlands durch einen Revanchekrieg glauben und dafürhalten, daß mit der Welt Frieden geschlossen und der Staat auf Friede« mit den Nachbarn, auf Bruderliebe, auf Recht und Gerechtigkeit gegründet werden solle und nicht auf dem Schwert... Die Lektion, die sie im Kriege genossen, gab ihnen mehr Mut, ihre Gedanken zu offenbaren. Daher der ganze Haß gegen den Juden, der Frieden will, während ihr nach Krieg schreit! Was für Gerichte macht ihr über Juden? Möchtet ihr nicht einmal Gericht über euch selbst halten, vielleicht untersuchen, wie es um euer Christentum steht? Habt ihr nicht den Friedenskönig, den Prinzen der Liebe, als den eure Kirche den Stifter eurer Religion bezeichnet, in einen Kriegsapostel, in den Haßstifter verwandelt, — in Adolf Hitler?! Nicht bloß in Deutschland stehen seine Altäre, auch in Polen! Nichts mehr fehlte in Polen, als die Einführung einer Saison von Judenpogromen f Einst hatte man in zaristischen Zeiten im Herbst vor den einrückenden Rekruten Angst, heute — vor den Studenten. Die neuaufgenommenen Hörer legen eine Prüfung im Judenhauen ab und erwerben damit ein Entreebillett in die Gesellschaft____ Welche Aussicht hat ein Land, hat ein Volk, wenn in seine Jugend, in seine Zukunft das zersetzende Gift des Hasses geträufelt wird, nicht etwa gegen einen äußeren Feind, was genügen würde, um seine Zukunft besorgt zu sein, sondern von einem Teil der Bevölkerung gegen einen anderen Teil, der das LanJ als sein Vaterland betrachtet, keine offene Tür besitzt und das gemeinsame Schicksal des Landes teilen muß?! Was für Bürger können in einer Atmosphäre von Ueberfall und Abwehr erzogen werden? Welche Sorge für die Zukunft ruft dieser Zustand bei den Freunden hervor, welche heiter-

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