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Die Wahrheit · 1932-12-30 · Heft 53 (30.12.1932) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 53 (30.12.1932)
Date
1932-12-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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niE- WAHRHEIT- Settel Wie die Alten sungen ¥ODIVEflnE fAMaiEN-PENSION Die .Rädle des jüdischen Abgeordneten Mischu Weissmann zur. königlichen Botschaft der laufenden Session bot der rumänischen Kammer Anlaß zu einer eingehenden Erörterung der jüdisch-politischen Situation in Rumänien. Ihren dramatischen Höhepunkt erreichte die Sitzung, als bei einem Versuch dies cuzistischen Deputierten Ciolac, den Deputierten Weissmann tätlich anzugreifen, sämtliche Deputierten der Jüdischen Partei auf die Tribünestürmten, um einen schützenden Ring um Mischu Weissmann zu. bilden. Es machte auf die Kammer einen tiefen Eindruck, zu sehen, wie der weißhaarige Präsident des Jüdischen Parlamentsklubs in einer Reibe mit tdfen„ jüngeren, Abgeordneten in unerschütterter Ruhe den tobenden Cuzisten gegenüberstand, bereit, mit seinem Leibe den Redner der . Jüdischen Partei, zu decken,, während : dieser: die Bibel f esthi©lt,.aus der er zitiert hatte, um die Angriffe Cuzas gegen.die jüdische Religion.- zu.widerlegen, .undi .dSe -ihm dferr Cuzist Ciolac gewaltsam hatte entreißen wollen. Der Präsident der Kammer, Abgeordneter Cicio Pop, unterbrach die Sitzung, um gemeinsam mit den .im Hause anwesenden Mitgliedern der Regierung über, die angesichts des jede Verhandlung unmöglich machenden Verhaltens der Cuzisten zu ergreifenden Maßregeln zu beraten. Nach Wiedereröffnung der Sitzung erklärte Präsident Pop — von lärmenden Zwischenrufen der Cuzisten immer witeidter unterbrochen, — er werdie beim nächsten Versuch der Cuzisten, zur Gewalt zu greifen, die Schuldtragenden durch die Polizei aus dem Saal entfernen lassen. Nunmehr konnte Abgeordneter Weissiriajnn, wenn auch durch häufige Zwischenrufe der cuzistischen Abgeordneten und der Abgeordneten der „Eisernen Garde" unterbrochen, seine Rede, fortsetzen, in dfer er die politische Situation der jüdischen Minderheit im Rahmen des großrumänischen Staates skizzierte. Der. jüdfische humamiirätie Verein „Iubirea oaraeni" (Menschenliebe), welcher in J a s s y. ein jüdisches Spital und zwei Aim bu.lato rien erhält, veranstaltete am 18. Dezember im Saale der Jassyer Sport- und Musikvereinigung einen Ball zugunsten seiner Wöhlfahrtsfönds. Zu vorgerückter Nachtstunde. drangen plötzlich zahlreiche mit Stöcken und Dolchen bewaffnete cuzistische Studenten in den SaöJ ein,und begannen-, auf die 'Teilnehmer idier Veranstaltung einzuschlagen, ohne auf Frauen und Mädchen Rücksicht zu nehmen. Es entstand eine ungeheure Panik. Während die männlichen Ballbesucher sich bemühten, die Angreifer zurückzuhalten, strömten die Frauen und Jugendlichen fluchtartig zu den Ausgängen. In dem Gedränge wurden viele Frauen ohnmächtig. Die Rowdies zertrümmerten die Einrichtung des Ballsaales und verfolgten die Besucher bis auf die Straße, wo sie ihre Uebe-rfällefortsetzten. Es wurden 40 Personen mehr oder minder erheblich verletzt, 15 von ihnen wurden in bedenklichem Zustand in (das Hospital eingeliefert. Erst einige Zeit nachdem die Huligans den Tatort verlassen hatten, erschienen Polizeiorgane und Vertretet der Behörden, am Tatorte* um eine Untersuchung einzuleiten. Die Erregung über den Ueberfall ist in jüdischen und fortschrittlich gesinnten rumänischen Kreisen groß-Das Vorgehen der cuzistischen Studenten erregt um so mehr Abscheu, als es gegen eine Verf^mm^m ■ '' - ' '.<^>l Ci*. iHBstairatfoB.HaffBBbaas täglich. 5-Uhi-Tee SEMMEBIN6 TELEPHON 11 Hochstraße 43 ' neben Hotel Panhana Mäßige Preise, Zimmer mit PensionS 12.—aufwärts Zentralheizung, fließendes Wann- und Kaltwasser in jedem Zimmer. : Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer -Äj^fe^ T l.....^;;;.;.;,-.^:;; '*£Cx-'ä*& 'K'pr^ii ^fiÄEndD 'k' ••^.«feEÖ'd anstaltung gerichtet war, deren Erträgnis mustergültigen sanitären Institutionen» die jedermann ohne Unterschied des Bekenntnisses oder der Abstammung offenstehen, zugeführt werden sollte. Wo Juden leiden ... Tagung des Board of Jewish Deputies. des Geistes?" in die im Zusammenhang mit einem Aufsatz des Wiener Germanisten Professor Joseph Nadier in der „Europäischen Revue" über die Juden in der Literatur entstandene Diskussion eingegriffen und n. a. folgendes Grundsätzliche ausgeführt: „Es gibt jüdische und es gibt nichtjüdische Schriftsteller, deren Einstellung gegenüber dem deutschen Volke zahlreiche Juden mißbilligen; aber man kann durchaus in einem hohen Sinne national gesinnt sein und dennoch: vieles für verderblich; halten, was in betont nationalem Sinne getan wird. Nicht jeder, der nicht blindlings die Entwicklung des deutschen Volkes in den letzten sechzig.Jahren mit innerster Sorge betrachtet, ist. darum ein schlechter Deutscher. Professor Nadier sagt, wir. sollten, „zwischen zwei Wünschen" wählen Das steht völlig in der Luft. Wählt einer das Deutschtum, so wirft man ihm Mimikry und Verhehlen des Judenrums vor, wie Professor Nadier; verhehlt er es nicht, so kann er sich nicht „zwischen zwei Wünschen" entscheiden. Zwischen dem allen kann man. nur wie durch einen Kugelregen hindurchgehen... Die jüdischen Deutschen haben in dieser Beziehung Aehnlichkeit mit den Grenzdeutschen. Grenzdeutsche.: Dies erklärt daß sie sich in manchem Betracht von den anderen Deutschen abheben und daß sie oft ihr Deutschtum mit besonderer. Leidenschaft erleben und verteidigen, wie andere Grenzdeutsche auch, weil es eben bestritten und umstritten wird." Der Einladung des Centrad-Vereins zu eineirr Vorlesungsabend von Ernst Lissauer im-Hause von Herrn und, Frau R.-A. Dr.-Frontheimam Kaiserdamm folgten_mehr als 150 Personen. Nachdem Dr. Frontheim ffuie. Qäste begrüßt und dem Dichter, ein besonderes Willkomm geboten hatte, würdigte Dr. Alfred Wiener Persönlichkeit und Werk des .JJlchters der Sähen und Besinnlichen im Lande", der Jm Alltag mit feuriger Zunge reden versteht", dessen Werk die Uteraturkritiker eine Synthese von Potsdam und Weimar. Bach und Bruckner nennen. Lissauer selbst las^ dann Szenen; aus seinem Moses-Drama, religiöse uedjchte,: Gedichte aus der deutschen Geschichte und sch}ießltclt.Szenen aus „Luther und -Thomas Münzer". D'Avigdor Goldsnüd legt definitiv das Präsidentenamt nieder. In der am Sonntag» den 17. Dezember, stattgeiundenen Tagung des Board of Deputies oi British Jews machte, der Vorsitzende des Law and Parliamentary Committee, Lionel L. Cohen, die Mitteilung, daß die Bemühungen des Committee. O. E. d'Avigdor Goldsmid zum Verbleiben aut seinem Präsidentenposten zu bewegen, e rfolglos geblieben sind. Cohen und andere Redner würdigten sodann in Ansprachen die siebenjährige Wirksamkeit Goldsmids als Präsidenten des Board. 0. E. d'Avigdor Goldsmid ergriff dann selbst das Wort, um nochmals die rein persönlichen Gründe seines Rücktritts darzulegen. Er versicherte den Board seines weiterbestehenden tiefsten Interesses an den Arbeiten des Board. Die Lage in Polen. Es gelangte sodann durch Leonard G. Montetiore der Bericht des Joint Foreign Committe über die jüngsten antisemitischen Ausschreitungen in Polen zur Verlesung. Der Bericht enthält eine Korrespondenz mit dem polnischen Gesandton in London, S k i r m u n t. In einem Schreiben des Comittee an den Gesandten wird dor wachsenden-Besorgnis um das Schicksal der Juden in Polen angesichts der sich häufenden antiiüdtschen Ausschjieitungen in mehreren großen polnischen Städten Ausdruck gegeben. Mögen, heißt es in dem Schreiben, bei dem ersten Ausbruch in Lemberg gewisse dunkle jüdische Elemente beteiligt gewesen sein oder nicht, der Effekt war dennoch der, daß friedliebende jüdische Bürger, die nicht entfernt mit diesem Ursprung in Berührung gewesen waren. Opfer der Ausschreitungen geworden sind. Wohl wird anerkannt, daß. ohne eine. energische Aktion der polnischen Polizeibehörden der Verlust an Leben und Eigentum der Juden weit größer gewesen - wäre, dennoch bleibt der trübe Eindruck von den Vorgängen bestehen. Die jüdische Gemeinschaft Englands weiß der polnischen Regierung für ihre jüngste Intervention zugunsten ihrer im Auslande bedrängten jüdischen Staatsbürger Dank und erkennt die Absicht der Regierung, allen ihren Bürgern, unbeschadet der Rasse und des Glaubens, Schutz angedeihen zu lassen, an. Demgemäß bittet das Committee, daß durchgreifende Maßnahmen zur Verhütung weiterer Ausschreitungen und zur Bestrafung der Urheber der Unruhen und der Teilnehmer an denselben ergriffen werden. Der polnische Gesandte würdigte in seinem Antwortschreiben die Haltung des Joint Foreign Comittee in dieser Frage und versicherte, daß die polnischen Behörden die notwendigen Schritte zur Sicherung der Ordnung ergriifen haben. Er glaube, daß diese Vorsichtsmaßnahmen sich als überflüssig erweisen werden, da die Unruhestimmung bereits abgeflaut ist. Montefiore gab seiner Meinung dahin Ausdruck, daß die Haltung des polnischen Gesandten die gleiche sei wie die seiner Regierung, daß die höher gestellten Beamten in Polen die Ausschreitungen beklagen, daß aber untergeordnete Organe ihre Vorgesetzten nicht unterstützten. So sehr die barbarischen Ausschreitungen in Polen geeignet sind, Entrüstung zu wecken, so habe sich das Committee in seinem Brief an den polnischen Gesandten Zurückhaltung auferlegen müssen, da die polnische. Regierung in mindestens drei Ländern zugunsten ihrer verfolgten jüdischen Staatsangehörigen interveniert hat, wobei besonders auf die Aktion der polnischen Regierung zugunsten polnisch-jüdischer Staatsangehöriger in Deutschland hinzuweisen ist In der Aussprache kritisierte M. IL Davis, Präsident der Federatioi» of Synagogues. sehr scharf die milde Sprache des Joint Foreign Comittee in dem Brief an den polnischen Gesandten und wies auf das tadelnswerte Verhalten des Lemberger W o j w o d e n hin, der doch gewiß nicht ein untergeordneter Beamter genannt werden darf. Der Wojwode hat erst 24 Stunden nach Beginn der Ausschreitungen eingegriffen und die Warnungen der jüdischen Führer unbeachtet gelassen. Ein Jude, der mit einer blutenden Koptverletzung sich zu einer Polizeistation schleppte und um Schutz bat, wurde dort ausgelacht. Der Chefredakteur der „Jewish Times", Morris Myer. führte aus, die jetzige polnische Regierung stehe den Juden freundlich gegenüber, die Feinde der Juden seien zugleich Feinde der Regierung. Die Vorgänge in Polen seien nur Szenen in dem großen Drama der Juden Osteuropas. Tragödien ereignen sich auch in Deutschland, Oesterreich und Rumänien. Der Wirtschaftsboykott ist nicht minder schrecklich als die Ausschreitungen. Die Lage in Deutschland. Leonard G. Montefiore verlas dann den Bericht des Joint Foreign Committee über die Lage in Deutschland. Die politische Spannung in Deutschland ist nach der Bildung der neuen „Präsidialregierung" durch General von Schleicher gewichen. Ohne Unterbrechung aber wütet die antijüdische Boykottagitation durch die Nazis, und die wirtschaftliche Lage der deutschen Juden gibt weiterhin Anlaß zu schwerer Besorgnis. Die Behörden in Breslau nehmen gegenüber der Forderung der Nazi-Studenten aui Entlassung des Professors Ernst Cohn einen festen Standpunkt ein (den sie aber inzwischen aufgegeben haben. D. Red.). Daß die mitteleuropäischen Universitäten sich aus Zentren des Liberalismus zu Brutstätten der Reaktion verwandelten, hat seine politischen und wirtschaftlichen Gründet. Der deutsche Anwalt-Verein z. B., der für einen Numerus clausus iür Anwälte überhaupt eintritt, veröffentlichte Zahlen, die zeigen, daß, während noch im Jahre 1901 in Deutschland ein Anwalt auf 8000 Einwohner kam, heute schon ein Anwalt auf 3000 Einwohner kommt. Solcher Art sind die Schwierigkeiten, denen die akademische Jugend in ihrem Kampf um eine nackte Existenz begegnet. Solche Schwierigkeiten bestehen auch in dem medizinischen Beruf. Wenn Herr v. Papen das Wahlalter von 20 auf 25 Jahre erhöhen wollte, so scheint einer der Gründe hierfür der Wunsch gewesen zu sein, Politik möglichst von den Universitäten fernzuhalten. Der Pogrom von Aden ungesühnt In dem Bericht über Aden wird festgestellt daß der Chief Commissioner von Aden eine Untersuchung über die Feststellung des den jüdischen Pogromopfern zugefügten Schadens abgelehnt hat weil er den Standpunkt vertritt es könne von Schadenersatz keine Rede sein, wenn Schuldige nicht festgestellt werden konnten. Das Committee plant weitere Aktionen in dieser Sache. Artmiminö f Infolge der durch die Feiertage bedingten drucktechnischen Schwierigkeiten erscheint die dieswöchige Nummer unseres Blattes in vermindertem Umfange, welchem Umstände auch die Zurückstellung der Berichte über die verschiedenen Cbanukafeiern. zuzuschreiben ist In der nächsten Nummer werden wir mit deren Beschreibung beginnen und bitten, Berichte, deren Veröffentlichung noch gewünscht wird; uns bis längstens Montag» den 2. Jänner 1933, zukommen zir lassen. Die Redaktion „Die Wahrheit". DANKfAaVNO. Allen jenen, die anläßlich meines 70. Geburtstages mir in so herzlicher Weise ihre Sympathie und ihr Wohlwollen bekundet haben, sei auf diesem Wege mein innigster Dank votiert. Insbesondere danke ich dem verehrten Präsidenten der Kultusgemeinde, Prof. Dr. A. Pick, dem verehrten Vizepräsidenten derselben. Dr. J. Ornstein und den Vertretern von Korporationen und Vereinen für ihr Erscheinen bei der. Tempelfeier sowie auch all jenen, die mir schriftlich zu meinem Jubeltage gratuliert haben. Dem Vorstande des Schönlatern-BethausVereines sei schließlich Dank gesagt für die freundliche Ehrung, die er mir durch die schöne Feier zuteil werden ließ. Simon Kons, Obmann des Schönlatern-Bethausvereinea

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