Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 53 (30.12.1932)
- Date
- 1932-12-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Verabredung gaben sie wohl nicht der Polizei, aber der breiten Oeffentlichkeit die wirklichen Schuldigen an leitender Stelle bekannt. Es sind wieder einmal die bösen Assimilanten, die, wie an allem Unheil, auch in diesem Falle die Schuld tragen. Nur ihrem Verhalten ist es zuzuschreiben, daß die Antisemiten nicht mehr Achtung, ja nicht mehr Angst vor den Juden haben, nur sie sind schuld daran, daß ein energisches Auftreten gegenüber den Nationalsozialisten nicht erfolgt, mit einem Wort, das Giftgas ist eigentlich in der Hexenküche der Assimilanten gebraut worden. Man versteht die Aufregung der zionistischen Herrschaften nicht recht. In beiden Artikeln wird ausgeführt, daß die Macht der Assimilanten seit dem 4. Dezember gebrochen ist, wozu also der Lärm über Vergangenes, was steht den Herren zu Diensten? Sie scheinen doch nicht so überzeugt davon zu sein, daß die Kraft der Antinationalen am Ende ist, sonst würden sie nicht so viel abstruses Zeug über deren Schlechtigkeit zusammensudeln. Denn nur den Gegner, den man fürchtet, bewirft man mit Schmutz und Kot. und das geschieht in den beiden jüdischnationalen Artikeln in so reichem Maße, daß es schade um jedes Wort der Widerlegung ist. Die Kämpen richten sich selbst, die mit so viel Lüge und Verdrehung arbeiten, die es zustande bringen, jenen, die die von ihren Vätern errungene staatsbürgerliche Gleichberechtigung stets mit aller Energie verteidigt haben, nun den wirklich unglaublichen und unerhörten Vorwurf zu machen, daß sie nicht alles zum Schutze der bedrohten jüdischen Interessen aufgeboten hätten. Wenn es noch eines Beweises für die Unsicherheit im zionistischen Lager bedürfen sollte, so bietet ihn der Abschluß der beiden erwähnten Artikel. Während bis dahin „Die Stimme" und „Die Neue Welt" in ein Horn stoßen, aus dem in schrillen Dissonanzen der Schlachtruf gegen die bösen Assimilanten heraustönt, gehen am Ende die Meinungen auseinander. „Die Stimme" schreit nach treuem Festhalten an der zionistischen Fahne, die am 4. Dezember, wie sie glaubt, hoch geflattert ist, „Die Neue Welt" aber macht wieder einmal Propaganda für die „Jüdische Volkspartei" 'dies Herrn Robert Stricker, die man, weil so lange nichts von ihr zu hören war, schon in der Versenkung verschwunden glaubte, in der so manche Strickersche Parteigründung ruht. Die Herren werden sich einigen müssen, wo die von den bösen Assimilainten verratene und verkaufte Judenschaft nun ihr „nationales" Heil finden soll, wir fürchten sehr, daß diese so bald nach dem 4. Dezember aufgetauchte prinzipielle Meinungsverschiedenheit selbst die eigenen Wähler stutzig machen wird, daß die nationale Einheit die sich in den nächsten Tagen auch im neuen Kultusvorstande bewähren soll, doch nicht von langer Dauer sein wird. Und ebensowenig dauer- CNonnc Auswahl BILLIGSTE PREISE FAHL 5 * ' II* Trnnirnr n»« *tflW^ VOBIIÄNGE YJtl*V MOBELSTOITE, DECHEN MVR I., BAUERNMARKT 12-14 haft scheinen uns die Versprechungen, die die Jüdischnationalen aller Couleurs den Juden in ihrer Bedrängnis geben. Diese Bedrängnis für Parteizwecke auszuschroten, blieb den Jüdischnationalen vorbehalten, und das sei ihnen unvergessen. Oseld. Schimpfliches Schweigen. Die Ursachen der jüngsten Universitätsunruhen. Im Leitartikel des Dezember-Heftes des Organs des Internationalen Studenten - Dienstes befaßt sich Jaimes Parkeis mit! den jüngsten Umversitätsunruhen in verschiedenen Ländern und führt u. a. aus: „Die Eröffnung eines neuen akademischen Jahres war schon oft Anlaß heftiger Unruhen an den Universitäten, so daß dieser Zustand fast schon als normal angesehen wird. In diesem Jahre aber kamen ernste Unruhen in Deutschland, Oesterreich, Ungarn, Polen und Rumänien vor, bei denen es hunderte Verwundete und sogar Tote gab. Dem liegen zwei Ursachen zugrunde: Däe tief ergreif ende ist das auf unserem Kontinent herrschende politische Chaos. Wiener Studenten, denen der Rektor Verlust des Semesters angedroht hatte, erwiderten, ihre Kamerladen im Kriege hätten eine längere Suspendierung erdulden müssen. Die Studenten hielten wohl eine solche Antwort für nobel. Deutsche Nationalsozialisten, polnische Nationaldemokraten und Anhänger der Eisernen Garde Rumäniens scheinen zu glauben, daß an der Gewaltanwendung etwas großes ist. Diese Meinung ist um soi sonderbarer, als es immer eine Minldlerheit ist, die angegriffen wird. Die zweite Ursache ist die steigende Arbeitslosig- STEIN INDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. LHO-4-53 keit der Graduierten der Universitäten, — ein an Emst zunehmendes Problem, das gegenwärtig die Aufmerksamkeit des Internationalen Studenten- Dienstes absorbiert. Oft liegt idler Forderung nach einem Numerus clausus gegen Juden Angst vor Arbeitslosigkeit zugrunde. Die Angst ist gewiß verständlich, aber die Gewaltanwendung darum nicht weniger schuldhaft. Der schlechte Einfluß älterer Führer in manchen Ländern ist moralisch verwerflich. Unter den antisemitischen Agitatoren befinden sich sowohl Journalisten wie Universitätsprofessoren. Die Unruhen hätten in diesem Jahr nicht den großen Umfang angenommen, wenn nicht zumindest eine stil 1 schweigende Sympathie für die Exzedenten auf Seiten einflußreicher Mitglieder des Universitätskollegiums und Gleichgültigkeit auf Seiten anderer Universitätslehrer bestanden hätten. Schwülstige nationalistische Theorien, Prostituierung der Wissenschaft zugunsten pseudobiologischer Lehren zwecks Unterstützung eines politischen Extremismus, die Teilnahme von Professoren an der Arbeit von Parteien der Gewalt, die in einigen Fällen von den Behörden bewiesene Feigheit — haben die Studenten zu ihrem bösen Tun ermutigt. Ein doppeltes Problem ist hier zu lösen, ein kulturelles und ein wirtschaftliches. Was denken sich jene Professoren, die es zulassen, daß versucht wird, dieses Problem durch lärmertdfe Demonstrationen und Blutvergießen zu lösen? Ist es nicht an der Zeit, daß Professoren und Studenten sich zu der Erklärung aufraffen, daß alle diese Gewalttaten, die nicht nur idfen Namen Student entehren, sondern auch nie zu einem Resultat führen können, verurteilenswert sind? Ist es nicht an der Zeit, das Problem dier Arbeitsbeschaffung für Graduierte und der friedlicheren Beziehungen zwischen Majorität und Minorität mit mehr Ernst anzupacken? Trotz allem Gerede von (dler „Revolte der Jugend" folgt diese immer noch den älteren Führern. Was aber die Universitäten selbst zur Lösung des Problems der Beschäftigung der Graduierten und der Entgiftung der Atmosphäre getan haben, ist — schon nicht zu reden von dem exzessiven Verhalten einiger Professoren — schimpfliches Schweigen. Feuilleton „Nach der Wahrheit leben." Vortrag Heinrich Manns in einer Berliner Synagoge. In dar Reihe der „religiösen Vorträge" der Jüdischen Gemeinde Berlin sprach vor ewiger Zeit in der Synagoge Prinzregentenstraße der Dichter Heinrich Mann über das Thema „Nach der Wahrheit leben". Lange vor Beginn war die für einige tausend Besucher eingerichtete Synagoge überfüllt und mußte polizeilich gesperrt werden. Alle Sitzplätze sowie sämtliche Gänge waren von einer dicht gedrängten Menschenmenge besetzt. Viele mußten umkehren. Bemerkenswert war die große Zahl nichtjüdischer Teilnehmer. Vertreten waren fast die gesamte Berliner und auswärtige Tagespresse sowie zahlreiche ausländische Blätter. Nach einleitendem Orgelspiel gab der Gemeindevorsteher Moritz Rosenthal, in dessen Hand die Vorbereitung und Leitung der religiösen Vortragsfolge liegt ein Programm der religiösen Vorträge: Aufgabe der Religion und vor allem des das Leben bejahenden Judentums in der sturmbewegten Gegenwart ist es, religiöse Bindung) und Vertiefung mit den Fragen und Aufgaben der Gegenwart in lebendige Verbindung zu bringen. Doppelt wertvoll ist es. die Gedanken eines großen Dichters und wahrhaft freien Geistes über die tieferen Ströme menschlichen Lebens kennen zu lernen. Nicht alle seine Gedanken werden wir bejahen können', alle aber mit der Achtung aufnehmen und verarbeiten, die der geistigen Leistung des großen Dichters gebührt Heinrich Mann betrat nun die Kanzel und führte in halbstündiger Rede etwa folgendes aus: Aus Geist entstand die Welt. Kunst. Wissenschaft, Religion sollen uns erkenntnisreicher machen, reiner und gütiger. Jüdische Propheten haben gekämpft sind gestorben für die Religion, die da heißt: „Nach der Wahrheit leben." Wahrheit, Erkenntnis machen glücklicher, schaffen Frieden zwischen Wirklichkeit und Vorstellungswelt. Ungütige Weltauffassungen widerstreiten der Vernunft. Die Welt, aus dem Geist geballt und wieder in dem Geist sich erlösend, muß mit den Gesetzen des Geistes übereinstimmen. Diese Zeit ist nicht deshalb unglücklich, weil der Kampf ums Brot schwer ist — nie war dieser Kampf leicht —, sondern weil ein geistiges Unvermögen den Geist verneint seine Gesetze nicht zu erkennen, geschweige denn zu verwirklichen vermag. Heute wird die Vernunft verleugnet das „Irrationale" wird auf den Schild gehoben. Man betet ein Kalb an, und es ist nicht einmal ein goldenes, sondern es ist aus Blech. Man bekränzt die Stupidität. Nach einem leeren Aesthetizismus. einer bloßen „Schönseligkeit" erfolgte der tollwütige Versuch, das Denken überhaupt zu entwerten. Die angeborene Neigung des Menschen, sich gehen zu lassen, bequem zu dösen, wurde ausgenützt indem man ihn mit „Irrationalem", d. h. nicht nachzuprüfendem Zeug, verwirrte. Dieser um 1900 aufgekommene Geist hat keinen Anspruch auf Nachsicht Alle Tatsachen des Lebens sind gegen das Irrationale. Unvernunft führt zu Katastrophen. Und der letzte Abschnitt eines versinkenden Zeitalters ist der lauteste. 1932 ist der Irrationalismus klein und häßlich geworden. Er mündet in Unordnung. Elend und Haß und läuft sich im Chaos tot. Man darf sich darauf vorbereiten, daß um 1940 die Vernunft wieder einziehen wird. Natürlich nicht von selbst. Die Niederlage der Vernunftlosen kann sich, ohne die Entschlossenheit neu anzufangen, noch nicht in eine Erholung verwandeln. Das Zeitalter der Vernunft muß erkämpft werden. Heinrich Mann schilderte in eindringlich düsteren Farben die Apokalypse des Irrationalismus. Nationales Fühlen — an sich eine Selbstverständlichkeit — ist zum hysterischen Nationalhaß geworden. Der Nationalismus begann als eine Sache des Volkes. Heute ist er die Ideologie des Wahnwitzes. Künsdich verdunkelte Köpfe hetzt man gegeneinander, hetzt Mensch gegen Mench. Land gegen Land. Man treibt Blutmystik. Wer den Geist nicht verträgt, beruft sich auf das Blut. Die Nation wird als Blutgemeinschaft hingestellt Wirklich fneie und starke Nationen lehnen dies ab. Der Genius des Menschengeschlechtes ist die alleinige große Wahrheit Wir haben kein Recht, jemand zu verachten oder zu hassen. Nach der Wahrheit leben, heißt ablassen vom zerstörenden Haß und zurückfinden zu der rettenden Liebe. Sehr viele nichtjüdische Zuhörer blieben nach Schluß der Veranstaltung in der Synagoge, um sich Einzelheiten des Baus und des jüdischen Kultus erklären zu lassen. Ernst Lissauer 50 Jahre. In diesen Tagen wurde der Dichter Ernst Lissauer 50 Jahre alt Lissauer wurde 1882 in Berlin geboren. In seiner Gesinnung wie in seinen Schriften hat er sich von dem vorweltlichten Milieu seiner Jugend entfernt und, in Landschaft und Geschichte einkehrend, den Weg der Hingabe an religiöse und historische Ideen gesucht Der Weg ist bezeichnet durch seine Gedichtsbücher, deren stärkstes wohl nicht im rein Lyrischen, sondern im episch Balladesken liegt: „Der ^Acker", „Der Strom". „Die ewigen Pfingsten", „1813". „Bach", „Gloria Anton Bruckners", ..Der inwendige Weg". „Flammen und Winde". Auch als kritischer Darsteller leistet Ernst Lissauer Hervorragendes: „Festlicher Werktag", „Von der Sendung des Dichters". In späteren Jahren hat sich Lissauer dem Drama zugewandt. Er schrieb „Yorck". „Eckermann", „Gewalt", „Das Weib des Jephta". „Luther und Thomas Münzer". Vorläufig als Manuskript gedruckt ist sein großes Moses-Drama: „Der Weg des Gewaltigen". Ueber seine jüdische Persönlichkeit urteilt J. Bb. im Jüdischen Lexikon: „Ernst Lissauer ist Beispiel eines deutschen Juden, der durch leidenschaftliche Hingabe an deutsche Landschaft und deutsche Geschichte völlig in dem bodenständigen Volkstum seiner Umgebung aufzugehen strebt; er hat auch vielfach gegen die national-jüdische Auffassung Stellung genommen." Ernst Lissauer steht dem Central-Vereii*. deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens geistig sehr nahe und beteiligt sich namentlich auf literarischem Gebiet hervorragend an der Abwehr antisemitischer Angriffe. Vor kurzem hat er mit einem in der „C. V.¬ Zeitung" (Nr. 45) abgedruckten Aufsatz „Grenzdeutsche"