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Die Wahrheit · 1932-12-30 · Heft 53 (30.12.1932) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 53 (30.12.1932)
Date
1932-12-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Groschen isdi e ie tfcUirU Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelifischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien 11.. Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 Nummer 53 XLVIH. Jahrgang Wien, 30. Dezember 1932 Warum sind und bleiben wir Juden? Im Rahmen der von der Berliner Jüdischen Gemeinde veranstalteten religiösen Vorträge sprach der Direktor des „Centralveremes deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", Dr. Ludwig Holländer kürzlich in der Synagoge Berlin-Wilmersdorf, Prinzregentenstraße, über die für jeden jüdischen Menschen unserer Zeit brennende Frage: „Warum sind und warum bleiben wir Juden?" Folgende Gedankengänge wurden vorgetragen: Die materialistische Geisteshaltung bedroht, wenn sie in so starkem Ausmaß herrscht wie vor wenigen Jahrzehnten, den Bestand) des Jüdischen. Judesein ist nie bequem gewesen, am wenigsten aber in.einer rohmateri&Jistischen Zeit wie der Vorkriegsepoche. Damals empfanden viele das Judentum als einzige Schranke, die, dem jüdischen Menschen den Weg in Idfie Welt versperrte. Deshalb meinten viele Eltern, ihren Kindern die Wege ebnen zu müssen, indem sie diese sofort nach ihrer Geburt der herrschenden Religion zuführten. Die Wohltat, die; die Eltern ihren Kindern damit erweisen wollten, ist meist zum Verhängnis geworden, dlenn die Kinder wuchsen nicht zu innerlich glücklichen, ruhigen, sondern zu i n s i c h z e rfallenen, zerrissenen Menschen heran. Aber auch den Menschen, die nicht zum Verlassen des Judentums schritten, war vielfach der Sinn für die Bedeutung innerer Bindungen und für den besonderen Wert des Judeseins abhanden gekommen. Die Zeit der Entwertung der äußeren Güter hlat einen Wandel hervorgerufen. Den Menschen, die, wie Fritz Mauthner einmal sagte, die Frage nach Gott weder für lebenswichtig noch für interessant hieben, wurde aus dem Verhängnis der Jetztzeit eine Gnade. Denn für den inneren Reichtum idfer Menschen ist es eine Gnade, wenn sich ihm im Augenblick des Versagens der äußeren Güter im religiösen Gefühl eine neue Kraftquelle erschließt. Dieses religiöse Gefühl ist verstandesmäßig nicht zu ergründen. Es wirkt auf unser Gemüt wie die Harmonie schöner Töne als eine Empfindung, die aus den Erscheinungen und aus der Welt des Alltags hinausragt. Wenn man nun das Vorhandensein einer neuen religiösen Beriditschaft zugibt,so erhebt sich die weitere Frage, warum sich daraus für uns gerade eine Hinwendung zum Jüdischen ergeben muß. Zu ihrer Beantwortung ist es notwendig, das Wesen der jüdischen Gemeinschaft zu betrachten. Das Judentum ist mehr als ein grandioses R eligionsgebä u die. Es ist eine Erscheinung, zusammengesetzt auf der Grundlage der religiösen Erkenntnis mit Wesenheiten, die auf dem Gebiete der Schicksalsgemeinschaft, der Abstammungsgemeinschaft und der alten nationalen Zusammengehörigkeilt! beruhen. Die große geistige Kraft dieser soziologischen Gruppe wird mitbestimmt durch all das, was man heute im biologischen Sinne mneme nennt. Wörtlich übersetzt heiß* mneme Gedächtnis. In jedem Menschen lebt verdeckt die Gesamtheit der Erinnerungen und des Gewachsenseins seiner Vorfahren. Der jüdische Mensch hat zur Grundlage seines Lebens die lange Geschichte der Jtfdfenheit, die Erlebnisse und Schicksale der großen Generationsreihe, deren Endglied er jeweils ist Diese Entwicklung wurde getragen und bestimmt von der jüdischen Religion und von;dlen Besonderheiten dies Schicksals, das gerade der jüdische Mensch im Laufe der Jahrhunderte erleiden mußte. Mneme ist es, die z. B. die seit Jahrhunderten dem Judentum zwangsweise entfremdeten Marranen jetzt dem Judentum in Scharen wieder zuströmen läßt. Und dieses Gedächtnis ist es auch, das die durch den Materialismus entfremdeten deutschen Juden heute gerade dem Jüdisch-Religiösen wieder zuführt. Nicht der Zufall des jüdisch Geborenseins zieht den Menschen zum Judentum hin, sondern die Tatsache seiner lebenswichtigen Verwurzelung im Jüdischen, in der jüdischen Vergangenheit Aber es wäre falsch, aus dieser Tatsache irgendwelche abwertenden politischen Folgerungen in bezug auf xie Stellung dar Juden im Staate zu ziehen. Mannigfaltigkeit ist das Wesen eines modernen Volkes und je selbstgetreuer die einzelnen Stämme, die einzelnen Gemeinschaften innerhalb des deutschen Volkes sich zu ihrer Eigenheit bekennen, desto wertvolleres Material stellen sie für dlas Gefüge des Ganzen dar. So wurde das Judesein erklärt: nicht als ein blinder Zufall, sondern als das Ergebnis zahlreicher als besondere Werte innerlich empfundener Faktoren. Sie erklären auch, warum wir Juden bleiben müssen, um nicht innerlich zerrissen zu werden. Vor allem erklärt dies neben der historischen Verbundenheit die wahre Erkenntnis der jüdischen Religion und des jüdischen Idealismus. Wir finden im Judentum die großen Grundforderungen unseres Lebens verwirklicht, das Persönlichkeitsideal, das Religionstdeal, das Faimilienideal, das sozial-ethische Ideal, das Wissens- und Bildungsid'eal und das Friedensideal. Diese Ideale1, die uns das Leben lebenswert machen, haben Judengegnern starke Nahrung gegeben. In einer Zeit, die wie Altertum und Mittelalter nur auf Kampf eingestellt war, mußten Menschen, die den Frieden als Ideal hinstellten, unzeitgemäß und bekämpfenswert erscheinen. Ebenso hat der Feudalismus, der den Menschen als Leibeigenen und Sklaven braucht« kein Verständnis für eine Gruppe, die in jedem Menschen das Ebenbild Gottes sieht und deshalb die freie Persönlichkeit als Ideal anstrebt. Ich wage zu behaupten, fuhr Dr. Holländer fort, es wäre niemals zu einem solchen überwiegenden Materialismus und nie zu einer solchen Wirtschaftskrise gekommen, wenn die Grundforderungen der jüdischen Sozialethik, dasVerbot der Bodenspekulation, das Verbot des Zinsnehmens und andere soziale Forderunr Ken sich in der Welt schon durchgesetzt hätten. Es ist so oft gesagt worden, wie schlecht muß das jüdische Volk gewesen sein, wenn seine Propheten es mit so heftigen Worten zur Rechenschaft gezogen haben. Das jüdische Volk war nicht schlechter als alle anderen. Es wäre für jedes Volk gut gewesen, wenn es zur rechten Zeit seinen Jeremias gehabt hätte. Es ist falsch, wenn man dem Judentum vorwirft, daß es mit seinen scharfen rituellen Vorschriften Formalismus getrieben hätte. Es hat diese scharfen Formeln aufgestellt, um den Menschen die sozialen Pflichten zwangsweise aufzuerlegen. Die Verwirklichung aller sozialen Forderungen des Judentums in der ganzen Welt ist es, was wir als messianisches Zeitalter ersehnen. In seiner Geschichte voll Leiden und Tränen hat die Judenheit immer ihre Ideale gegen eine Welt verteidigt. Wir waren und) sind eine Gemeinde von Menschen, deren Ideal erst diei Wahrheit, dann das Recht und endlich der Frieden ist Der Kampf der :dteutschen Juden, die Hoffnung aller Juden jn dieser Zeit, daß Wahrheit, Recht undFrieden recht bald die Grundlage gedeihlicher Zusammenarbeit aller Teile des Volkes für eine bessere Zukunft sein werden. Die miß gespanntester Aufmerksamkeit von einem sehr großen und sichtbar tiefbewegten Zuhörerkreise aufgenommenen Ausführungen wurden von musikalischen Vorträgen umrahmt Der Vortrag einer Händel-Arie durch Tilly de Garmo von der Staaatsoper Berlin, Chor und Orgelvorträge erhöhten die Bereitschaft der Hörer, die Gedanken des Vortragenden aufzunehmen und zu verarbeiten. •••••■•••«• Wer ist schuld? Das ruchlose Attentat im Warenhaus Gerngroß hat seine Aufklärung gefunden. Unsere Annahme, auf die wir gar nicht so besonders stolz sind, weil alle Welt die Ansicht teilte, daß nur Hakenkreuzler die Schuldigen sein könnten, hat sich auf Grund der polizeilichen Erhebungen als stichhältig erwiesen. Der große Apparat, der zur Eruierung der Täter eingesetzt wurde, hat, das sei rühmend anerkannt, ausgezeichnet gearbeitet; die Schuldigen sitzen hinter Schloß und Riegel und nun erwartet die Oeffentlichkeit die gleiche Energie, wie sie die Polizei bewiesen hat, auch von den gerichtlichen Behörden. Hoffentlich werden sich diese nicht mit der Behandlung des Aktes dter Bombenwerfer selbst begnügen, sondern auch jene zu treffen wissen, die die Hand dieser Bombenwerfer erhoben haben. Der erste Akt eines abscheulichen Dramas ist damit beendet. Nun haben sich auch in diesem Falle Leute gefunden, die für ein Zwischenspiel sorgen, das heiter wirken müßte, wenn es nicht eine so tiefe Tragik in sich bergen würde. Die Polizei stand in den ersten Tagen nach dem Attentat vor einer schweren Aufgabe, die beinahe unlösbar schien, und war auf die Mithilfe des Publikums zur Aufklärung des Falles stark angewiesen. Es gab, wie immer bei solchen Gelegenheiten, eine Fülle von Hinweisen, von denen mancher sicherlich berücksichtigenswert schien. Auch die Presse hat bei dieser Forschung nach den wahren Schuldigen fleißig mitgeholfen. Da glaubten nun auch die beiden jüdischnationalen Blätter, mit denen das jüdische Wien beglückt wird, nicht untätig sein zu dürfen, und wie auf

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