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Die Wahrheit · 1932-12-23 · Heft 52 (23.12.1932) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 52 (23.12.1932)
Date
1932-12-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT 8Mte_§ Das Jüdische Lehq Schwer lastet die Not unserer Zeit auf der jüdischen Jugend. Die kaufmännischen und akademischen Berufe, denen sie sich früher größtenteils zuwandten, stehen, ihr infolge der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung kaum noch offen. Beinahe aussichtlos ist die Lag« solcher Menschen, denen die Heilighaltung des Sabbaths noch Herzenssache ist. Mit unerbittlicher Notwendigkeit wird für alle diejenigen, die von ihren ehemaligen Berufen ausgestoßen, bzw. jetzt der Schule entwachsen sind, das Problem akut, nach neuen Berufen Ausschau zu halten. Seit vielen Jahren gehört das Schlagwort ..Berufsumschichtung'" zu dem eisernen Bestand einer jeden Diskussion über Berutsfragen. Alle Bestrebungen, die jüdische Jugend zu produklivieren, erfordern heute die erhöhte Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit. In diesem Zusammenhang ist es besonders angebracht, hier einmal einen Ueberblick über die Arbeit zu geben, die das jüdische Lehrgut Gehringshof. bekannt unter dein Namen „Lehrgut Rodges", seit mehreren Jahren in aller Stille leistet. Der Wuusch der deutschen jüdischen Jugend, zur Urproduktion und aufs Land zurückzukehren, reicht schon ziemlich weit zurück, jedoch waren die Möglichkeiten zu einer Betätigung in diesem Sinne sehr gering, insbesondere für diejenigen, denen es ihre religiöse Einstellung unmöglich macht, bei nichtjüdischen Bauern sich zu verköstigen. Durch die Bereitwilligkeit einiger führender jüdischer Persönlichkeiten in Berlin und Frankfurt a. M. gelang es dann 1924. in Betzenrod ein zirka 65 Morgen großes Gut zu erwerben und es der jüdischen Jugend als Lehrgut zur Verfügung zu stellen. Da aber einerseits dieser Betrieb mit seiner Ausbildungsmöglichkeit für nur 10 Menschen sich als zu klein erwies und da anderseits die Beschaffenheit des Bodens dort nicht sehr günstig war, gab man Betzenred schon nach drei Jahren wieder auf. Man pachtete dafür in Rodges ein 150 Morgen großes Gut. Dieses wurde nun 1927 als Lehrgut eingerichtet und bot bereits 20 Menschen die Möglichkeit, dort Aufnahme zu finden. Ein großer Garten wurde hier angelegt, und auch der Viehbestand konnte erweitert werden. Immer weiter wuchs die Zahl derer, die um Aufrahme nachsuchten. Bald war auch dieser Betrieb wieder zu klein. Die Pacht lief mit Ende des Jahres 1930 ab. Der Verein „Jüdische Landwirtschaft e. V." erwarb dann mit Hilfe eines hypothekarischen Darlehens der jüdischen Gemeinde Beriin und der Kreditgenossenschaft gemeinnütziger Selbsthilfeorganisationen das Gut Gehringshof bei Hattenhof, dicht vor den Toren Fuldas. Dieser Betrieb, der 180 Morgen eigenen Landes und 70 Morgen Pachtlandes umfaßt, kann 35 Eleven aufnehmen. Diese haben hier Gelegenheit, alle Zweige intensiver Landwirtschaft zu erlernen. Das Vorhandensein geeigneten Wiesengeländes ermöglichte eine Erhöhung des Viehbestandes auf 25 Stück Rindvieh. Zur Verwertung der täglich anfallenden Milch (zirka 200 bis 250 Liter) wurde eine allen Anforderungen der modernen Hygiene einsprechende Käserei angegliedert. Der hier hergestellte Streichkäse hat sich unter dem Namen „Rodgeser Käse" in ganz Deutschland bereits bestens eingeführt. In zwei Gärten von S Morgen Umfang werden alle Gemüsekulturen, Blumen und Beerenobst angepflanzt Eine Regenanlage sorgt an trockenen Tagen für die zum Wachstum nötige Feuchtigkeit. Daneben ist noch ein umfangreicher Obstgarten mit allen möglichen Obstsorten vorhanden. Zur Erhöhung der Rentabilität der Gärtnerei ist für dieses Jahr die Herstellung von ..Koscher al Pessach'-Konserven in Aussicht genommen und dafür schon die Vorbereitungen getroffen worden. Die Geflügelzucht, die noch vergrößert werden soll, liefert bei einem Bestand von ungefähr . 200 Hühnern täglich 150 bis 160 Eier. Während des ganzen Sommers arbeiteten 12 jüdische junge Erwerbslose im Rahmen des freiwilligen Arbeitsdienstes auf dem Lehrgut. Von diesen wurden sechs Fischteiche gegraben und in der übrigen Zeit rodeten sie Teil© des vorhandenen Waldbestandes. Diese Arbeitskolinne war die erste jüdische Einrichtung dieser Art in Deutschland. rut in Gehringshof. Die Leitung des Gutes untersteht einem jüdischen Diplom-Landwirt. Ihm zur Seite stehen ein jüdischer Stallschweizer. ein jüdischer Gartenbauinspektor, eine jüdische Geflügelzüchterin und ein nichtjüdischer Oberschweizer. Die allen Kreisen und Gesenden entstammenden Menschen haben sich zu einer engen Gemeinschaft zusammengeschlossen. Neben ihrer fachlichen Ausbildung, die sie mit großer Sorgfalt betreiben, wird eifrig an der geistigen Fortentwicklung gearbeitet. In teils größeren, teils kleineren Zirkeln werden alle Zweige des jüdischen Geisteslebens, wie Geschichte, Iwrith. Gemoroh, Tenach usw. gepflegt. Besonderer Wert wird auf die theoretisch-fachliche Ausbildung gelegt und in regelmäßigen Kursen für eine Vertiefung der fachlichen Kenntnisse Sorge getragen. Die Eleven sind vorwiegend in der Landwirtschaft beschäftigt, während einige von ihnen in der Gärtneret tätig sind. Den Mädels obliegt in erster Linie die Besorgung des Hauses und der Milchwirtschaft, einige werden auch im Garten und in der Geflügelzucht ausgebildet. Welche Bedeutung gerade heute dem jüdischen Lehrgut zukommt, ist aus der Menge der einlaufenden Bewerbungen — ihre Zahl hat 300 in diesem Jahr bereits überstiegen — deutlich ersichtlich. Um der zur Landwirtschaft herandrängenden Jugend Möglichkeiten zur Verwirklichung ihres Wollens zu verschaffen, mußten neue Mittel und Wege gefunden werden. In Anlehnung an das Lehrgut wurden in umliegenden Ortschaften bei bekannt tüchtigen Landwirten sabbathfreie Lehrstellen besorgt, und zwar jeweils mehrere an einem Ort. In diesen Orten werden dann Wohnungen gemietet und ein eigener Haushalt wird eingerichtet. So ist diesen Menschen die Möglichkeit einer rituellen Lebensführung gesichert und auch hier eine Stätte zur Pflege von Jüdischkeit und Gemeinschaftsleben geschaffen. Mehr als 150 Menschen haben nun schon im Laufe der Jahre durch das jüdische Lehrgut ihre fachliche Ausbildung erhalten. Ein großer Teil von ihnen ist nach Palästina ausgewandert und hat sich dort zum „Kibbuz Rodges" zusammengeschlossen. Aus den ständigen Berichten, die von Erez Jisroel nach dem Gehringshof gelangen, geht einwandfrei hervor, daß die hier genossene Ausbildung sich voll und ganz in der Praxis bewährt hat. Aber auch für die in Deutschland verbleibenden jungen Menschen besteht eine Reihe von Existenzmöglichkeiten. Sie können sich entweder an die augenblicklich allerorts entstehenden Randstadtsiedlungen oder an eine Siedlungsgenossenschaft anschließen; daneben dürfte es nicht allzu schwierig sein, heute zu günstigen Bedingungen ein kleineres landwirtschaftliches oder gärtnerisches Anwesen zu Dachten. Das Verhältnis der Gehringshöicr zur einheimischen Bevölkerung ist das denkbar beste. Zwar war man anfangs etwas mißtrauisch, da man glaubte, daß Juden nicht derartige körperliche Arbeit leisten könnten; dieses Mißtrauen wurde aber sehr bald durch die tatsächlichen Leistungen unserer jüdischen jungen Menschen zerstreut. Hier ist also ein auch für Oesterreich interessanter Versuch der jüdischen Jugend, mit der Berufsumschichtung ernst zu machen, erstmalig mit gutem Erfolge durchgeführt worden. DasRothschild-Haus—Gemeindehaus in Frankfurt am Main, Mit einer schlichten Feier wurde am Sonntag, den 11. Dezember, das von Grund auf umgestaltete und erweiterte Verwaltungsgebäude der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a. M. eingeweiht. In dem geschmackvollen Sitzungssaal der Repräsentanz hatten sich sämtliche Gemeindekörperschaften und viele geladene Gäste eingefunden; die Feier gestaltete sich zu einer großen Huldigung für die „Rothschilds", die den Umbau ermöglicht hatten. Der Chor der Westend-Synagoge leitete die Feier mit Psalmgesängen ein. Justizrat Dr. Blau huldigte als Redner des Vorstands dem dahingegangenen Vorstandsmitglied Julius Goldschmidt, der sich ebenso wie der zur Feier erschienene Rudolf von Goldschmidt- Rothschild als Vertreter der Familie Rothschild um die Durchführung des Baues verdient gemacht hat. Es folgten Ansprachen der beiden Gemeinderabbiner Dr. Caesar S e 1 i g m a n n und Dr. J. Holtmann, sowie anderer Persönlichkeiten. Die Feier schloß mit dem Schlußchor aus dem Oratorium „Josua" von Händel unter der Stabführung von Studienrat Frank Rothschild. Das neue Gemeindehaus befindet sich im alten Bankgebäude der Rothschilds, also in einem Altfrankiurter Patrizierhause, das nach dem großen Brand in der „Judengasse" (1796) für das aufstrebende Unternehmen gebaut wurde. Es blieb Bankhaus big 1901; die Erbin. Frau Baronin Edmond de Rothschild in Paris, machte es im Jahre 1912 der Israelitischen Gemeinde zum Geschenk, die es nach dem Kriege als Verwaltungsgebäude in Benutzuni nahm. Trotz der Ungunst der Verhältnisse wurde es durch eine Stiftung der Familie Rothschild ermöglicht, das Haus im vergangenen Jahr einer inneren Umgestaltung zu unterziehen und es durch eine» Neubau auf dem benachbarten Anwesen Börnestraße 54 zu erweitern. Vom alten Bankhaus Rothschild sind nur das Privatkontor der beiden letzten Inhaber, der Freiherren Mayer Carl und Wilhelm Carl von Rothschild, der Treppenaufgang und das Aeußere des Hauses vollständig in der ursprünglichen Form erhalten geblieben. Im Erdgeschoß ist jetzt die große Gemeindebibliothek mit Lesesaal und das Gemeindearchiv untergebracht Das „Rothschild-Museum" — so heifl* von jetzt ab das demnächst wieder zur Eröffnung gelangende „Museum jüdischer Altertümer" — hat wieder im ersten Stock Platz gefunden. Die zwei Rothschild-Zimmer sind unverändert geblieben, der übrige Museumsraum wurde verdoppelt. Die Büro- und Verwaltungsräume der Gemeinde befinden sich int zweiten Stock, die Vorstandsbüros, Sitzungssäle für die Repräsentanz und die anderen Gremien im dritten Stock. Am Eingang des Hauses wurde eine Gedenktafel angebracht, deren Inschrift in kurzen Sätzen die Schicksals^ reiche Geschichte des Rothschild-Hauses erzählt. Aus alter Weit Merk's Wien! Die letzte Sitzung der Repräsentans der Warschauer jüdischen Gemeinde, in der das Budget für das kommende Jahr beraten wurde, verlief außerordentlich stürmisch. Die von den Agudistert und ihrem Anhang zusammengesetzte Mehrheit beschloß gegen den Protest der zionistischen Minderheit, die Subventionen für die zionistischen Fonds (10.000 Zloty für Keren Majessod und 10.000 für Keren Kajemeth) zu streichen. Die zionistische Minderheit versammelte sich daraufhin zu einer Beratung, in der beschlossen wurde, den Warschauer Juden z» empfehlen, so lange die Zahlung der Gemeindesteuern zu verweigern, als nicht der Beschluß, die zionistischen Posten aus dem Budget zu streichen, wieder aufgehoben wird. Inzwischen wird aus Krakau mitgeteilt, daß die Repräsentanz der Krakauer jüdischen Gemeinde ebenfalls die Vorschläge der zionistischen Mitglieder, einige Posten für die zionistischen Fonds das Budget einzustellen, abgelehnt hat. Ein jüdischer Ghandi. Der Lehrer der Philosophie am City College in New York, Dr. Arthur Kraus, der die Anregung zur Demonstration jüdischer und nichtjüdischer Studenten New Yorks vor dem Gebäude des polnischen Generalkonsulats in New York als Protest gegen die antijüdischen Studentenexzesse in Polen gegeben und auch die Organisation des Demonstrationszuges übernommen hatte, trat am 10. Dezember in den Hungerstreik, als im Hinblick auf die zunehmende Beruhigung in Pole« beschlossen wurde, von dieser Demonstration abzusehen. Dr. Arthur Kraus, der nach einer vom 16. d. M. datierten Nachricht bereits eine volle Woche hungert, war früher Offizier der polnischen Armee und hat in deren Reihen für Polens Bestand gekämpft. Um so mehr nahm er sich das traurige Schicksal der jüdischen Studenten;in den polnischen Universitäten zu Herzen. „Reinigung" der kommunistischen Partei Rußlands. Laut Beschluß des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei wird im Verlauf des Jahres 1933 eine „Reinigung" der Partei von unbewährten Elementen durchgeführt werden. Bei Gelegenheit früherer „Reinigungen" waren Juden mehr als Angehörige anderer Nationalitäten betroffen, weil die Kontrollkommission hauptsächlich solche Mitglieder entfernte, die früher einmal anderen Parteien angehört hatten. Unter den ukrainischen Kommunisten zählt man über 4%, unter den russischen etwas unter 4%, aber unter den jüdischen Kommunisten über 15% „gewesene Parteimitglieder", von denen die meisten einst dem Bund, den Poale Zion oder den Menschewisten angehört hatten. Auf Grund der Parteizählung im Jahre 1927 gab es In der Kommunistischen Partei der gesamten Sowjetunion 49.511 jüdische Kommunisten (davon U.54S Frauen), das sind 4,5% der Kommunisten in der Sowjetunion. 1927 zählte die Partei 773.220, heut» zählt sie 2 Millionen Mitglieder. Die Zahl der jüdischen Kommunisten hat sich aber nicht m dem gleichen Verhältnis wie die der nicht jüdischen erhöht, da sich seit 1927 die neuen Parteimitglieder fast ausschließlich aus der lndustriearbetteTschaft,

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