Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 52 (23.12.1932)
- Date
- 1932-12-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Chanukka. Von David Scherl, Vama (Bukowina). Das Fest des Sieges der alten Hebräer über die Vorfahren der Griechen wird häufig verkannt Während ■der strenggläubige Jude „Ness Chanukka", das Wunder Chanukka, durch ein religiöses Prisma sieht, hat die moderne Geschichtsforschung dieses Chanukkawunder als ein politisches Ereignis dargestellt. Und nun wollen wir beiden Ideen folgen, um zu sehen, wo Sage aufhört und Geschichte beginnt. Die Sage geht bekanntlich dahin, daß das Wunder ..Chanukka" so zu verstehen sei, daß das bißchen Oel der „Menorah" anstatt einen Tag acht Tage lang unaufhörlich brannte. Also ein Wunder, ein Wunder am heiligen Ort. Und verursacht wurde dieses Wunder aus dem Anlaß der Reinigung des Tempels von den Götzenbildern. Die Hasmonäer oder Makkabäer spielen in der Geschichte des Talmud eine nebensächliche Rolle. Selbst deren heldenhafteste Nachkommen, wie der König Janai tisw., werden von den alten Talraudisten fast verhöhnt. Und nun wollen wir fragen, mit welchem Rechte die damaligen Geschichts-. bzw. Geschichtenschreiber des jüdischen Volkes die Helden der Nation, also die Sieger des Häufleinvolkes über eine Großmacht, in den Hintergrund gestellt und nur religiöse, fast legendenhafte Urkunden der Geschichte hinterlassen haben. Sollten etwa die modernen Forscher Recht haben, wenn sie die Familie des Hohepriesters Matithchu Hasmonae als Nationalhelden und Sieger darstellen? Was käme logischerweise als Sieg mehr in Betracht als das Verjagen der Feinde aus dem Lande? Und dennoch will der Talmud nur von einem Sieg Gottes wissen, das „Ness Chanukka'". das Wunder von Chanukka soll nur darin bestehen, daß das Oel länger, als berechnet war. zu brennen vormochte. Um unsere Talmudistcn zu verstehen, muß man unser Volk kennen: das Volk seit dem Hirten Abraham bis zum Händler und Weltwanderer Abraham. Denn nur die Art der Bereitung der Nahrung und der Bau des Zeltes haben sich geändert, nicht aber die Gefühle und das Denken dieses Volkes. Und da finden wir. daß das jüdische Volk immer nur an seiner Religion hängt. Wir wissen, daß die römischen Sieger über Judäa gnadenweise den Juden das Land freigeben wollten, wenn sich die Juden von ihrem Gott abgewendet hätten. Und dies geschah nicht, denn sie ließen das Land, also ihre Existenz, dem Raub der Zerstörer und wollten nicht ihre Religion aufgeben. Auch die traurige Geschichte der Inquisition lehrt uns. daß das jüdische Volk unter den Qualen des lodernden Scheiterhaufens die Worte der Verherrlichung für „Adonai" ausrief: „Schma Jisroel Adonoi elauheno Adonoi echod", „Höre Israel. Gott ist ein einig einziges Wesen." Wir sehen also, daß beim jüdischen Volk nie ein Sieg über ein Volk, ja sogar der Sieg der Nation über -die Zerstörer des Landes ein wichtiges Ereignis war. Vielmehr ist der Sieg der Religion von solcher Bedeutung, daß andere Momente, wenn sie auch noch so wichtig sind, wie z. B. der Sieg der Makkabäer über die Großmacht der Jonen, außer acht gelassen werden. Je mehr wir in der Psyche dieses Volkes zu lesen vermögen, desto besser können wir verstehen, daß diese Einstellung ihre Begründung hat. Viele Forscher wollen wissen, daß die jüdische Religion darum beim Volk tief verwurzelt sei. weil sie unter der Wucht des grollenden Donners am Sinai gegeben wurde. Andere Gelehrte wieder finden, daß das' Volk, bisher jeder Kultur bar. die Religion als neuen ManteU als Lebensgesetz der Masse angepaßt erhielt Auch gibt es jüdische Forscher, welche ganze Haufen von Legenden und Erzählungen so präparieren, daß sie den Eindruck hervorriefen, als hätte der Sinai, die ganze Gegend, das Meer usw., also die Natur auf die Psyche dieser „Nomaden" derart gewirkt, daß diese religiöse Offenbarung für sie unerschütterlich war. Dem ist aber nicht so! Weder ein feuerspeiender Berg, noch eine grauenerregende Gegend vermögen ein Volk, noch dazu das praktische jüdische Volk im Banne zu halten. Die Lehre allein birgt in sich diese Kraft. Denn wir sehen, daß. wenn es auch wahr wäre, daß die Wucht der Donnerstimme einwirkte, doch die Wucht der Feinde jene Stimme verdrängt haben könnte. Der Fortschritt der Nation einerseits, wie auch die Drangsal der Feinde anderseits müßten etwas unter Druck „Gegebenes" in den Hintergrund stellen. Nein, es ist nicht der Druck der Wüste, die Wucht des grollenden Donners, es ist die Lehre allein, diese für alle Zeit verständliche Lehre. Es ist nicht eine Lehre von Götzen, die schön gemeißelt und kunstgerecht geschnitzt wurden, wie jene der Jonen. Liegt es in der Weisheit des Religionsbegründers oder vielmehr in der Psyche der Nation, daß wir einen unsichtbaren, unkörperlichen Gott verehren? Unsichtbar ist er, groß ist seine Macht. Kein Körper, ein Geist. Ein einziges, einiges Wesen. Also einen wahren Gott! Ein Gott im Sinne eines klugen Volkes. Ja. im Sinne eines wahrheitsliebenden Volkes! Und diesen Gott konnte und kann man dem Volke nicht nehmen. Es wurde nie von diesem Gotte enttäuscht, weil es ihn nie sah. wie der Götzendiener seine Handfestigkeit sah. Vielmehr wurde das jüdische Volk an den Glauben gefesselt durch die wirklichen Wunder, die dieser unsichtbare Gott seinem Volke erwies und erweist... Hingegen waren die griechischen Religionsbegründer entweder kurzsichtig, daß sie ihrem Volke Götzen gaben, welche einem klugen, praktischen und moralischen Volke zuletzt ein Ekel waren, oder kannten sie ihr Volk und wußten, daß diese Lehre seiner Moral und seiner Psyche entspreche. Was bei den alten Griechen und auch teilweise bei der heutigen Welt als schön, erhaben und geistreich verehrt und gepriesen ist. erschien dem moralischen und klugen Volk der Juden unwürdig, diesem Volke, welches die höchste Sittlichkeit im Geschlechtsleben, in Speise und Trank entfaltete. Das Geschlecht der Götter Griechenlands war dem Volke der Juden ein Rätsel und ein Greuel. Während das jüdische Volk so moralisch war, daß nur die gesetzliche Ehe erlaubt war, hatten die Feinde des jüdischen Volkes, die Jonen. Götter der freien Liebe... Und als diese Jonen in den Krieg zogen, wollten sie nicht nur das Volk der Juden niederringen und ihnen ihr Land nehmen, sondern auch die Götzenreligion verbreiten. Und jetzt können wir verstehen, warum es dem Hohepriester und seinen Söhnen gelang, das Volk gegen die Jonen zu mobilisieren. Denn einerseits die große Achtung vor dem unsichtbaren, einzigen Gott und anderseits die Verachtung gegen den Feind und insbesondere gegen seine Relfeion-Twirkten. Diese "Momente-.waren maßgebend für unsere Krieger, denn sie zogen in den Krieg, wohl um ihr Land zu befreien, viel mehr aber noch, um den unsichtbaren Gott zu verteidigen und die Götzen zu vernichten. Und dies ist der Sinn des Talmuds, daß dort dieses Fest als Chanukka-Weihe und „Ness" (Wunder) verzeichnet wurde. Denn hier waren, wie gesagt, die religiösen Momente vorherrschend. Auch das heilige Oel des Lichtannleuchters brannte wirklich acht Tage. Acht lange Tage brannte es, und obwohl es schon längst erloschen ist, glänzt sein Schein bis auf den heutigen Tag und es wird bis in die Ewigkeit glänzen... Um den Hebräisch-Unterricht. Am 14. d. M. fand die von der Histadruth Iwrith einberufene vierte Konferenz der Rabbiner und und Lehrer statt Dr. Rothblum eröffnete die Konferenz und wies darauf hin, daß nunmehr diesen Konferenzen eine praktische Bedeutung zukommen werde. Es haben nämlich sämtliche Parteien anläßlich des Wahlkampfes um die Kultusgemeinde die Notwendigkeit der Reform des Religionsunterrichtes in ihren Programmen hervorgehoben. Es wird daher Aufgabe dieser Konferenzen sein, der Kultusgemeinde entsprechende Vorschläge zu unterbreiten. Professor Dr. Papo gab in gedrängter Kürze den Inhalt sowohl seines eigenen, als auch der Referate der Herren O. Antcherl und Müller, die in der dritten Konferenz abgehalten wurden, wieder. Müller meinte, man könne mit dem hebräischen Unterrichte schon in der ersten Volksschulklasse beginnen. Antscherl meinte, es wäre leicht möglich, den Volksschulschülern einen Schatz von 200 bis 250 hebräischen Wörtern in die Mittelschule mitzugeben. Professor Dr. Papo forderte einen systematischen hebräischen Unterricht in den Mittelschulen, der durch die Festlegung eines für alle Lehrer verpflichtenden Minimalprogrammes geregelt und gesichert sein soll. Hierauf führte Stud.-Rat Prof. Dr. Redisch unter anderem aus: Eine Reform des Hebräisch-Unterrichtes sei notwendig und auch möglich. Wir müssen aber mit der Wirklichkeit rechnen, da uns für den Unterricht nur sehr geringe Zeit zur Verfügung steht. Es gibt Länder, in denen der jüdische Religionsunterricht diif einer niedrigeren Stufe steht als der in Oesterreich. Es kommt einem sehr schwer an, den Text einer Sprache zu lesen, die man nicht versteht Wir müssen daher Hebräisch unterrichten. Wir sollen aber mit diesem Unterrichte erst vom zehnten Lebensjahre beginnen. Und nach der modernen Methode, nicht gleich mit Grammatik anfangen, nur lesen und sprechen, kurze Sätze üben. Nach zwei Jahren kann man dann mit Bibellektüre beginnen. Mehr als eine Disposition für das Verstehen eines hebräischen Textes können wir dem Schüler nicht geben. Er warne aber davor, den hebräischen Unterricht in der Volksschule auf Kosten der Bibelgeschichte auszubauen. Das Schächten ist nicht tierqaälerisch. Das Reichsgesundheitsamt, die oberste Veterinärbehörde des Deutschen Reiches, hat anläßlich der Verhandlungen im Strafrechtsausschuß des Reichstages bereitsim Februar 1930 durch den Direktor der Veterinärabteilung die Erklärung abgegeben, „daß es unter Berücksichtigung der wissenschaftlichen Forschung, bei objektiver Beurteilung der vorliegende» Aeußerungen und aus eigenem Urteil zu dem Ergebnis gekommen sei, daß das Schächte« nach jüdisch-religiösem Ritus, wenn es vorschriftsmäßig ausgeführt werde, als Tierquälerei nicht zu erachte» sei. Das beziehe sich lediglich auf den Schächtschmitt und das Entbluten. Bei der Vorbereitung zum Schächten könnten allerdings Tierquälereie» unterlaufen, gegen die mit allen Mitteln eingeschritten werden müsse". Aus dem letzten Satz ist inzwischen irrtümlich abgeleitet worden, das Reichsgesundheitsamt habe nur den Schächtschnitt selbst und das darauf folgende Entbluten als nicht tierquälerisch erklärt, wohl aber das vorangehende Niederlegen. Das Reichsgesundheitsamt wurde vom derzeitigen „Büro für Schächtangelegenheiten" ersucht, mitzuteilen, ob diese Auslegung obiger Erklärung seines Vertreters im Srrafrechtsausschul zutreffend sei. Auf diese Frage hat der Präsident des Reichsgesundheitsamtes mit einem Schreiben geantwortet, in welchem es heißt: „.. Aus diesen Erklärungen geht die Stellungnahme des Reichsgesundheitsamtes eindeutig hervor. Wenn in der neueren Literatur zur Schächtfrage aus der Mitteilung des Reichsgesundheitsamtes Schlußfolgerungen gezogen werden, die sich aus dem Wortlaut und dem Sinn der Erklärungen nicht ergeben, so sind sie als irrig zu bezeichnen. Unter diesen Umständen möchte ich auf die von dem Büro für Schächtangelegenheiten hierher gerichteten Fragen, die alle drei kurzweg mit „nein'^zu beantworten sind, nicht näher eingehen." Das Reichsgesundheitsamt, dessen Veterinärabteilung von Männern geleitet wird, die aus der Schlachthofpraxis hervorgegangen sind, hat demnach als höchste Fachbehörde des Deutschen Reiches ausdrücklich sowohl den Schächtschnitt und das Entbluten als auch das Niederlegen, d. h. den Schächtungsakt in allen seinen Teilen, als nicht tierquäleriscfi erklärt. Insp. Rabbiner Dr. T a g 1 i c h t erklärte sich mit den Ergebnissen der dritten und vierten Konferenz der Rabbiner und Lehrer zufrieden. Es wäre sehr erfreulich, wenn wir im Religionsunterrichte das erreichen könnten, was die drei Referenten in ihren Referaten vorgeschlagen haben. Leider muß auch er hier mit Bedauern feststellen, daß viele Schüler, die von der Volksschule in die Mittelschule kommen, nicht einmal Hebräisch lesen können. Er hoffe, daß die Histadruth Iwrith durch diese Konferenzen vieles Nützliches erreichen wird. Prof. Bronn er dankt der Histadruth für ihr reges Interesse für die Erziehung des jüdischen Kindes. Er sei aus Erfahrung zur Ueberzeugung gekommen, man könne mit dem hebräischen Elementarunterricht schon in der ersten Volksschulklasse beginnen. Für die ersten zwei Volksschulklassen schlägt er das Buch „Schaare Zedek" vor. Für die Haupt- und Mittelschule proponiert er, die Bibel nach dem Wochenabschnitte zu unterrichten. Dr. Landau verlangt, sofort mit Bibellektüre zu beginnen. Rabbiner Doktor Feuchtwang, der als Vertreter des Präsidiums der Israelitischen Kultusgemeinde auf der Konferenz erschienen ist, hebt die Tätigkeit der Histadruth Iwrith auf dem Erziehungsgebiete lobend hervor. Wir müssen für Hebräisch einen großen Platz einräumen, jedoch nicht auf Kosten der biblischen Geschichte. Wir sind Lehrer des Judentums und Judentum ohne Hebräisch ist wohl unmöglich und deshalb teile er nicht die Meinung, den Beginn des hebräischen Unterrichtes erst in die vierte Volksschulklasse verlegen. Wir müssen das Mögliche verlangen und erlangen. Zum Schlüsse berichtet Insp. O e h 1 e r, daß Studienrat R e d i s c h der Schulbehörde vor kurzem kategorisch klargelegt hat, das Hebräische sei für den Religionsunterricht eine conditio sine qua non. Man kann den Hebräisch-Unterricht durch Ausbau der Bibelschulen intensivieren. Ueber Antrag Müller wurde in die Mittelschulkommission gewählt: Prof. Dr. Papo, Prof. Dr. Bronner. Prof. Dr. Rappaport, Insp.Rabb. Dr. W e i n e r und Prof. Dr. Glaser; in die Volks- und Hauptschulkommission : die Herren Antscherl, Geliert. Müller, Nußbaum und Reiß. Hallo, Hallo, Radio Wien! ■ >* Die „Ravag" gibt auch uns vom jüdische» Standpunkte oft genug Gelegenheit zum Klage». Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, wie relativ gering die Zahl jüdischer Künstler ist, di» durch dieses Unternehmen beschäftigt werden, und wie gering das Interesse ist, das Radio Wie» zum Unterschied von anderen Sendern Produktionen jüdischen Geistes und jüdischer Kunst entgegenbringt. In der Vorwoche nun hat sich die „Ravag" wesentlich gebessert. Da wurde einmal die „Ravag'-Ausstellung eröffnet, an hervorragender Stelle derselben sind die Bilder der beide» Juden Hertz und Liebig angebracht, von denen in einer Erläuterung mit Recht gesagt wird, daß die Entwicklung des Radios zu seiner heutigen Vollkommenheit nur den Forschungen und 'Erfindungen dieser Männer zu danken ist. Und die Sensation des vorwöchigen Radioprogrammes war die Uebertragung des von der Ravag selbst veranstalteten Konzertes des Juden Josepk Schmidt, dessen wahrhaft herrliche Stimme das ganze künstlerische Wien zur. Begeisterung brachte. Aus diesen beiden von der „Ravag" selbst gebotenen Beispielen der Größe jüdische» Geistes und jüdischer Kunst sollten die Verantwortlichen die Lehre ziehen, daß es nur im Interesse des Unternehmens gelegen ist, die bisherig© ablehnende Haltung aufzugeben und auch hier dem Rufe der Zeit: „Dem Tüchtigen freie Bahn!", Gehör zu schenken.