Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 52 (23.12.1932)
- Date
- 1932-12-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Settel Giftgas. Gibt es Worte der Abscheu und der Verachtung, das zu charakterisieren, was die Hakenkreuzler am Goldenen Sonntag, im Warenhaus Gerngroß verbrochen haben? Wir sagen mit voller Absicht: die Hakenkreuzler, obwohl im Momente, da diese Zeilen geschrieben werden, die polizeiliche Untersuchung infolge der raffinierten, wohl einstudierten „Verantwortung" der Nazis auf einem toten Punkt angelangt ist. Aber alle politische Welt hat für die plumpen Verdrehungsversuche der Nazis, die angesichts der Empörung, die ihre fluchwürdige Tat überall ausgelöst hat, das Verbrechen den Kommunisten in die Schuhe schieben wollen, nur ein mitleidiges Lächeln. Man weiß sehr genau, daß der sonntägige Tränengasangriff Produkt hoher hakenkreuzlerischer Schule ist, die namentlich in Deutschland gelehrt wurde, wo derartige Exzesse wiederholt an der Tagesordnung gewesen sind. Man weiß aber auch genau, daß der Lausbubenstreich bei Gerngroß nur die „Krönung" einer Bewegung darstellt, die in den letzten Wochen die jüdische Geschäftswelt schwer beunruhigte und ausschließlich von den Braunhemden ausging. Sie begann mit der Verteilung von Flugzetteln, m denen zum entschiedenen Boykott jüdischer Geschäfte aufgefordert wurde. Das Einschreiten maßgebender Faktoren gegen diesen Unfug hatte wohl Erfolg, die Zirkulare wurden konfisziert, aber es tauchten immer wieder neue auf, die eine noch gefährlichere Sprache führten, ja direkt zu Gewalttaten aufreizten. Eine weitere Agitationsmethode stellte das Ausstreuen kleiner Zettel mit rüdestem antisemitischem Inhalte vor jüdischen Geschäften dar, so daß sich ein Bewachungsdienst als notwendig er.wies, der unserem armen Staat außerordentliche Opfer aufnötigte. Und als schließlich all dies nichts nützte, als die Hakenkreuzler erkannten, daß die vernünftige Bevölkerung dort einkauft, wo sie reell und verläßlich bedient wird, da schritten sie in ihrer Wut zur direkten Zerstörung, sie machten die jüdischen Geschäfte als solche durch unausmerzbare Beschreibung der Scheiben so kenntlich, daß die Inhaber dieser Geschäfte schweren Schaden erleiden, denn die von dieser Beschädigung nicht mehr reparierbaren Scheiben müssen für viel Geld ersetzt werden. Diesem zügellosen Treiben folgte am Sonntag der Tränengasangriff bei Gerngroß. Wer wird — Und die wichtige Stelle: „Und bei Belle-Alliance. wo Scharen fraß des Krieges Flammenzahn Blieben ihrer fünf und fünfzig Offiziere auf dem Plan." Doch wie wurde den jüdischen Soldaten, den heldenhaft kämpfenden Juden gelohnt? Es ist, als ob man in der Gegenwart wäre: „Fort mit ihm von jedem Lehrstuhl, wär' er auch der höchste Barde: Wär' er auch der kühnste Ritter, fort aus seines Königs Garde, War' er aller Weisheit Meister, fort aus dieses Landes Rath. Und kein Fremder dieses Glaubens trete je in unseren Staat!" Und verzweifelt ruft der Dichter schließlich „das Land der Kunst und Weisheit" an und singt: „Ist vergebens unsrer Helden treues Blut dahingeflossen? Bleibt des Ruhmes und der Thaten Quell dem Dürstenden verschlossen? Hat das Land der Kunst und Weisheit für die Schwachen denn kein Recht? Ist ein Fürstenwort ein Spielzeug, daß ihr lachend es zerbrecht?" Und er schließt: „Wisst. ans lebt ein strahlend Zeugniß in dem Buche der Geschichten; Jener Fünfundfünfzig Nachruhm kann kein Herrscherwort vernichten. Dieser Tag. der hoch gen Himmel ihren blut'gen Lorbeer hält, Heldet ihren Tod und meldet auch den Dank dafür der Welt." Mit diesen Worten endet das, für unseren heutigen literarischen Geschmack wobJ etwas antiquierte Gedicht, das wir jedoch vor allem seines historischen Wertes und seiner pikanten Analogie wegen in Erinnerung gebracht haben. Die Geschichte ist der Spiegel der ewig wechselnden Zeit, aber es scheint, daß dieser Zeitspiegel HUB Juden stets das gleiche traurige Bild entgegen- "wWt... nach dieser unrühmlichen Vorgeschichte — noch daran zweifeln, daß Hakenkreuzler die Täter waren? Herr Frauenfeld möge noch so sehr protestieren und die Polizei verhöhnen, er wird sich und seine Mannen von dieser Schuld nie rein waschen können. Ein gütiges Geschick hat es gewollt, daß diese Schuld nicht Blutschuld wurde. Man kann sich die Folgen kaum ausmalen, die die Panik in dem um die Zeit der Tat ungemein stark besuchten Warenhause hätte haben können. Zählten doch hauptsächlich Frauen und Kinder zu den Besuchern, die — ohnehin durch die leicht erklärliche Falschmeldung vom Ausbruche eines Feuers erschreckt — nur durch die Besonnenheit der Angestellten vor ärgerem bewahrt wurden. Können die Uebeltäter und können vor allem ihre Hintermänner es mit ihrem Gewissen verantworten, daß ihre Untat so leicht Opfer unter christlichen Volksgenossen hätte finden können, Opfer, deren einziges „Verbrechen" darin bestand, in einem jüdischen Warenhause, das Weltruf genießt, eingekauft zu haben? Die Ausmalung dieser so leicht möglichen Folgen hat, wenn auch der Gedanke an sie ein geradezu furchtbarer ist, wenigstens das eine gute, daß alle Welt eingesehen hat, wohin, hakenkreuzlerische Terrormethoden führen können. Nur blindwütiger Haß diktiert eine solche Tat, jene aber, die sie verübt, trifft der Fluch der gesamten Kulturwelt ohne Unterschied der Konfession. Regierung und Polizei haben nach dem unglaublichen Ereignis nicht still geschwiegen. In persönlichen Erklärungen und Kommuniques wird ein schärferes Vorgehen gegen diese Banditen an- «Iwimw VOBNEDME fArllUEN- PENSION!8BstaoratioB,Hafft8baiK täglich 5-Unr-Tee iSEMflEDINÖ TELEPHON 11 fHochstraße 43! neben Hotel Panhans |§ Mäßige Preise, Zimmer mit PensionS 12.— aufwärts 8 Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser M in jedem Zimmer. I Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer gekündigt. Wir wollen abwarten, ob es nur bei Ankündigungen bleibt oder ob diesen insbesondere offiziellen Wirtschaftskorporationen gegebenen Versprechungen auch wirkliche Taten folgen werden. Wir haben das Recht, eine solche abwartende Haltung einzunehmen, denn wir haben — nicht deshalb, weil man uns Juden an den Leib ging, sondern weil wir erkannten, daß hier eine für den ganzen Staat verderbliche Giftsaat gesät wird — unsere warnende Stimme zu einer Zeit erhoben, als noch niemand einsehen wollte, daß hier eine Brut im Entstehen ist, die, wenn man sie gewähren läßt, nur Unglück für Oesterreich bedeutet. Seien wir froh, daß am vergangenen Sonntag ein solches Unglück vermieden wurde, der moralische Schaden, den eine solche Tat, mitten am hellichten Tage in der City verübt, uns im Ausland bereiten kann, kann wettgemacht werden, wenn dem Verbrechen trotz der Ableugnungsmethoden der Hakenkreuzfer die wohlverdiente Sühne folgt. Oseld. Aus dem Wiener Kultusvorstand. Der nunmehr abtretende Kultusvorstand hielt am 14. d. M. unter Vorsitz des Herrn Präs. Prof. Dr. Alois Pick seine letzte öffentliche Plenarsitzung ab. Im Einlaufe befand sich ein Schreiben des Bundeskanzleramtes, in welchem unter Bezugnahme auf eine Vorsprache des Präsidiums beim Herrn Bundeskanzler üollfuß und eine an den Herrn Bundeskanzler gerichtete Eingabe, u. a. mitgeteilt wurde, daß sich der Herr Bundeskanzler in Angelegenheit eines Bundesbeitrages für die österreichischen israelischen Kultusgemeinden über die unter seinen Amtsvorgängern stattgefundenen Verhandlungen eingehend informieren ließ und den Auftrag erteilt habe, zwecks Ueberprüfung dieser Angelegenheit mit dem Bundesministerium für Unterricht in Fühlung zu treten. Des ferneren Heß der Herr Bundeskanzler hinsichtlich des gestellten Ersuchens um Bekämpiung der in der letzten Zeit in einzelnen Fällen stattgefundenen Verhetzung gegen die Judenschait mitteilen, daß er nicht ermangeln werde, entsprechende Maßnahmen zu treffen, um die beklagten Vorkommnisse in Zukunft zu verhindern, bzw. die schuldtragenden Personen zur Verantwortung zu ziehen. Am 9. Dezember d. J. ist durch zahlreiche Beschwerden jüdischer Kauileute und Gewerbetreibender zur Kenntnis der Kultusgemeinde gelangt, daß in verschiedenen Bezirken Flugschritten der Nationalsozialisten zur Verteilung gelangen, in welchen unter Hinweis auf das herannahende Weihnachtsfest unter den unflätigsten Beschimpfungen zum Boykott der jüdischen Geschäftsleute aufgefordert wurde. Ueberdies wurden scheinbar zur Nachtzeit kleine Zettel mit der Aufschrift: „Kauft nicht bei Juden" zu vielen Tausenden auf der Straße vor Geschäften, deren Inhaber Juden sind, ausgestreut Schließlich ist an der Anschlagtafel eines Pfarramtes der Aufruf eines katholischen Jugendbundes plakatiert worden, in welchem es heißt: „Katholiken, deckt euern Weihnachtsbedarf ausschließlich in christlichen und arischen Warenhäusern! Kampf gegen diejenigen, die unser Volk auf das Schuftigste ausbeuten!" Das Präsidium der Kultusgemeinde hat sich unverzüglich an den Herrn Polizeipräsidenten und im weiteren Verlaufe an den Chef der Staatspolizei und des ferneren wegen des Kirchenplakates an den Herrn Erzbischof von Wien, Dr. Innitzer, und wegen der Nichtkonfiskation des nationalsozialistischen Flugblattes durch die Staatsanwaltschaft an den Herrn Bundesminister für Justiz gewendet Seitens des Polizeipräsidium wurden alle unterstehenden Polizeiabteilungen angewiesen, die Verteilung der Flugblätter und das Ausstreuen der Zettel: „Kauft nicht bei Juden" zu verhindern, bzw. die Täter anzuhalten. Es wurde ferner seitens der Pressepolizei bei der Staatsanwaltschaft die Konfiskation des nationalsozialistischen Flugblattes beantragt und von der Staatsanwaltschaft durchgeführt und schließlich die Entiernung des Kirchenplakates über Anordnung des Erzbischofes vorgenommen. Hierauf wurde die A g n o s z i e r u n g dar Wahlen in den Kultusvorstand sowie der Wahlen der Vertrauensmänner vollzogen.*) Präsident Prof. Dr. Alois Pick nahm den Anlaß wahr, um all jenen Mitgliedern des Kultusvorstandes, die dem neu zu konstituierenden Vorstande nicht mehr angehören werden, für ihr Wirken herzlichsten Dank zu sagen. Ganz besonders widmete der Vorsitzende der hingebungsvollen und erfolgreichen Tätigkeit des Finanzreierenten Regierungsrat Direktor Dr. Hermann Oppenheim Worte wärmster Anerkennung und Dankbarkeit Innigsten Dank und die besten Wünsche für baldige Genesung sprach das Plenum dem infoige eines Unfalles am Krankenlager befindlichen Mitgliede des Vertreterkollegiums Wolf Pappenheim aus. Nunmehr widmete das Plenum ganz besonders der unermüdlichen und verantwortungsreichen Tätigkeit der Schätzungskommission, insbesondere dem langjährigen Präsidenten derselben, Herrn Dr. Norbert K1 i n g e r, sowie der einzelnen Bezirkskommissionen und der Branchekommissionen, schließlich der Bethausvorstände der Kultusgemeinde, der Tempel- und Bethausvereine, der Fürsorgeräte und aller externen Mitglieder der verschiedener Kommissionen der Kultusgemeinde warme Worte des Dankes und der Anerkennung. Die Dankeskundgebungen wurden vom Plenum einmütig mit lebhaftem Beifalle votiert. Namens der ausscheidenden Vorstandsmitglieder erwiderte mit herzlichsten Dankesworten Herr Kommerzialrat Moriz Reif. Präsident Prof. Dr. Alois Pick nahm den Anlaß der öffentlichen Plenarsitzung des Kultusvorstandes wahr, um den Amtsdirektor und Ersten Sekretär Reg.- Rat Guido Fuchsgelb anläßlich der Vollendung des 35. Dienstjahres auch namens des Plenums des Kultusvorstandes unter Würdigung der ganz ausgezeichneten Dienstleistung des Jubilars aufs herzlichste zu beglückwünschen. Nach Dankesworten des Amtsdirektors Reg.- Rat Fuchsgelb wurde die Sitzung geschlossen. *) Siehe „Amtliche Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" auf Seite 7. SOlfilir.. Int., allclnstelienae IOJ. Frim im Kochen und Nähen sehr tüchtig, sucht zu älterer Persönlichkeit passende Stelle. GlSda Dlatl, II., Lilienbrunngasse Nr. 17 Danksagung. Allen jenen, die uns anläßlich des Ablebens unserer innigstxeliebten Mutter, Frau Therese Neumann in so herzlicher Weise ihre Anteilnahme bekundet haben, sei auf diesem Wege unser bester Dank gesagt. Familien Nemans und Weiß. •1 1 « . '.'f