Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 52 (23.12.1932)
- Date
- 1932-12-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Volk schlechthin, sondern als jüdisches Volk, als Gottesvolk «-halten, die Thora in unserer Mitte lebendig erhalten und an den Ueöeriieferungen der Väter festgehalten. Sowie den Makkabäern trotz aller Not das Wunder geschah, daß die Menge des Lichtstoffes, des Körpers, an allen Tagen des Festes gleich Mein und die Leuchtkraft, die Seele gleichsam, gleichmäßig und übernatürlich «roß blieb, so wurden wir, ihre Nachkommen, wenn auch unter den Nationen eine verschwindende Minorität, aber doch als solche uns behauptend, unter den Kulturträgern eines der größten, das <3attesvoIk. Und durch dieses Gottesvolk wurde der ganzen Menschheit ein Licht erhalten, dessen volle Würdigung der Zukunft vorbehalten bleibt. Dies war die Auffassung der Schule Schammais. Anders die der Schule Hillens. Die Schammaiten betonen die. Notwendigkeit, unseren Bestand als Volk und als Volkstum zu erhalten, zu bleiben wie am ersten Tage, den Leuchtstoff gleichsam zu konservieren. Die Hilleliten hingegen erblicken in unserer Geschichte einen Fortschritt und betonen den Wert des Fortschreitens auf der bisher eingehaltenen Linie. Im Chanukkawunder wurde die Leuchtkraft des Oels nach Ansicht der Schule Hillels von Tag zu Tag um ein Achtel erhöht, so daß der Rest am achten Tage achtmal so starke Leuchtkraft aufwies, als am ersten Tage, und der achte Teil des Oels die gleiche Flamme nährte, wie das Oel am ersten Tage, — ein Wunder also, das von Tag zu Tag sich steigerte. Und dieses Wunder vollzog sich im Laufe unserer Geschichte in dem Fortschritte der jüdischen Wissenschaft Je weiter die Zeit vorrückte und damit abrückte von dem Urquell des jüdischen Geistes, von der heiligen Schrift, um so emsiger waren die Führer und Lehrer unseres Volkes bemüht, durch unausgesetztes Studium, durch unermüdliche Belehrung den Zusammenhang des Volkes mit seinem geistigen Nährboden, mit dem heiligen Schrifttum zu erhalten. Während die einen sagten: „Hamaasse ikkor", es kommt hauptsächlich darauf am, daß der Jude den Geist des Judentumes im praktischen Leben bewahre, sagten die anderen: „Ha-midrasch ikkor", „das Lernen", das Studium geht vor. Nur dort, wo unaufhörlich der lebendige Strom der Lehre fließt, nur dort kann sich ein lebendiges, durchgeistigtes, harmonisch durchblutetes Judentum erhalten (ki hi chajjekho weaurekh jomekhoD. Wo die Wurzel des jüdischen Lebensbaumes, das Wissen, abstirbt, — darf man keine Blätter, Blüten und Früchte erwarten." Die kunstvolle Vertiefung und Verbreitung des „Lernens" stand im Mittelpunkt des jüdischen Lebens, und wer nicht selbst studieren konnte, brachte die größten Opfer, um anderen ein sorgenfreies Studium zu ermöglichen. Das Studium war Selbstzweck, es war Gottesdienst, der Gelehrte war der Führer. Einen Gelehrten in die Familie zu bekommen, danach geizten die Reichsten, vor dem Glanz des Wissens verblaßte jeder andere Vorzug. So kam es, daß das ganze Volk vom Wissen durchdrungen wurde. Das Volk von Priestern wurde zugleich ein Volk von Gelehrten, das einzige unter allen Völkern der Erde, das keinen Analphabeten in seiner Mitte hatte. Und die jüdische Wissenschaft war es, die das geistige Ghetto durchbrach, lange bevor sich von den jüdischen Leibern der Ghettozwang löste. Wie viel hat unsere Befreiung aus dem Helotentum unserer Selbstbefreiung durch die jüdische Wissenschaft zu verdanken! Man spiegelte jede ENORME AUSWAHL BILLIGSTE PREISE s# \. B. TEPPICHE VORHÄNGE MÖBELSTOFFE, DECKEN MVR I.,DAVERNrlAUKT12-14 Lehre des Judentums in den geistigen Errungenschaften anderer Völker, zog das zeitgenössische Wissen der Umwelt zu Vergleichen heran, um auch mit ihrem Lichte immer tiefer in die Weisheitsgründe der Thora hinabzudringen oder um die Wahrheiten der jüdischen Lehre gegen "Angriffe zu verteidigen. So blieb die Thora im Wandel der Zeiten immer jung, immer frisch, immer Gegenwart, immer aktuell. Das jüdische Volk hat nicht so sehr die Thora erhalten, als die Thora das jüdische Volk. Das dürfte der Sinn der Auffassung der Schule Hillels zum Unterschiede von der der Schammaiteml sein. Die geistvolle Konstruktion eines Autos oder einer Flugmaschine ist zwecklos und wertios, so lange nicht der Motor läuft und dadurch das ganze erst in Schwung und Funktion kommt. Das, was der Motor für die Maschine, das was das Herz für den tierischen Organismus, das ist die jüdische Wissenschaft für Groß und Klein und ihre Anwendung in Gotteshaus und Schule für das jüdische Leben im Haus, in der Gemeinde, im Völksganzen. Zeitlebens Freude an Möbeln vom Großmöbelhaus Max Bergmann, Hicn 11., Praterstr. 31 Ansstellungsräume 2000 m* Telephon Nr- R 43-1-19 Und diesen Betrieb nicht unablässig ausgestalten oder gar ihn aussetzen, das heißt dam Bestand des Judentums in Frage stellen. Stillstand ist hier nicht nur Rückschritt, es ist Tod, (delo jossef assaf) „wer nicht an Wissen zunimmt, nimmt ab". Und wenn uns darum unter den Zeichen unserer Zeit eines beunruhigt, das uns um den Fortbestand des Judentums bangen läßt, so ist es das traurige Schicksal, das jetzt unsere Wissenschaft bedroht. Man sperrt jüdische Lehranstalten, in dem einen Lande aus Not, in dem anderen aus Politik, im dritten aus Gleichgültigkeit, indem man die jüdische Wissenschaft als Luxus betrachtet, und zwar als einen Luxus, der jedem anderen, den man nicht entbehren zu können glaubt, weit nachsteht. Das Chanukkalichtchen aber mahnt uns heute: „Denket, ihr Juden und Jüdinnen, an eure ruhmreiche Vergangenheit, denket an eure heilige Pflicht, die jüdische Wissenschaft zu erhalten und die Stätten, an denen sie gepflegt wird!" Unsere Feinde können uns keinen schwereren Schlag versetzen, als wir selbst, indem wir die PflegestätteH jüdischer Forschung zugrunde gehen und jüdische Gelehrte verhungern lassen! Und wenn die Lichter unseres Festes erlöschen, daran bleibt an ihrerstatt ein anderes Licht, das uns tagtäglich erinnern soll an unsere Pflicht (ahavath Thora), die Liebe zur jüdischen Wissenschaft zu üben. Das ganze Jahr hindurch brennt ein Licht in unseren Gotteshäusern, das uns diese Mahnung einschärft. Vor jedem Thoraschrein brennt — das Ner tomid, „das ewige Licht", das uns zuruft: „Ich halte treue Wacht vor der Thora. Ich beleuchte den Weg zur Thora. Ich allein leuchte hier und tröste, wenn sich rings umher nächtige Schatten breiten." Ein solches Ner tomid, das ist unsere jüdische Wissenschaft, unser Trost und unsere Rettung in den düsteren Zeiten der Not und Verfolgung, unsere Führerin zu den Quellen unseres jüdischen Seins, die Beschützerin des „Baumes unselres Lebens". Erhalten wir die jüdische Wissenschaft! Nur so erhalten wir unser Judentum (bajomim hohem basman haseh), wie es einst die Makkabäer mit ihrem Schwerte taten, so wir in unseren Tagen mit gutem Willen und offener Hand! Feuilleton Vor hundert Jahren. Eine aktuelle Reminiszenz. Von I. Samuel. Am 10. April 1832, also vor hundert Jahren, erschien die erste Nummer einer Zeitschrift, die für die Geschichte der Bestrebungen „nach der bürgerlichen Gleichstellung der Bekenner der mosaischen Lehre in Deutschland", also der sogenannten Emanzipation, von historischer Bedeutung geworden ist Diese Zdtschrift hieß „Der Jude" und als ihr Herausgeber zeichnete der um diesen. Kampf besonders bemühte Dr. Gabriel Riesser (geb. 1806, gest. 1860). Ein Jahr vorher war die Frage der bürgerlichen Gleichstellung der Juden wieder aktuell geworden und Dr. Riesser gedachte mit der Herausgabe dieser Zeitschrift, die sich im ihrem Untertitel „Periodische Blätter für Religion und Gewissensfreiheit" nannte, jenen Bestrebungen öffentlichen Ausdruck zu verleihen. In seiner in der ersten Nummer dieser „in zwanglosen Abteilungen herausgegebenen" Blätter erschienenen Ankündigung entwirft Riesser das Programm und die Ziele seiner Zeitschrift, die er nach theologischer, rechtlicher und gesellschaftlicher Hinsicht gliedert. Es soll hier von einer Bewertung Riessers und seiner liberalistischemi Auffassung einer jüdischen Emanzipation abgesehen werden, die ihn einerseits, wie Graetz sagt, zu der Ansicht führte, daß „nicht die unbedeutendste rituelle Zeremonie dürfe zum Opfer für die Einbürgerung gebracht werden, wenn sie nur um diesen Preis zu erlangen ist", anderseits als einen entschiedenen Verfechter des berüchtigten, sogenannten Creizenacher oder Frankfurter Programms der übel beratenen Reformfreunde erscheinen läßt, wonach gegen die Speisegesetze, gegen Talmud und Messiasglauben Stellung genommen wird und es insbesondere „jedem jüdischen Vater unbenommen bleiben sollte, seine Söhne unbeschnitten zu lassen". Diese theoretische Spitzfindigkeit war eine Folge des damals herrschenden Freiheitsrappels. Uns interessiert hier eine andere, besondere Kuriosität, die mit den oben erwähnten Auffassungen nicht im Zusammenhang steht. In der viertem Nummer seiner Zeitschrift vom 22. Mai 1832 bringt Riesser an leitender Stelle auch ein Gedicht zum Abdruck und von da an tauchen des öfteren auch poetische Beiträge im „Juden" auf. Einer derselben, ein Gedicht unter dem Titel „Am Jahrestage der Schlacht bei Belle-Allianee", als dessen Autor „Zefoni" •zeichnet, aus der Nummer 9 vom 6. Juli 1832, erscheint uns von einzigartiger Pikanterie, da in ihm, in interessanter Analogie zu den heutigen Verhältnissen, auf die Kriegsdienstleistung der deutschen Juden in den Napoleonischen Kriegen hingewiesen wird. In Anbetracht der alle Grenzen überschreitenden Anfeindungen, welche die Juden heutzutage über sich ergehen lassen müssen, der Vorwürfe wegen Feigheit, Drückebergerei usw., die zu den gleichen Vorwürfen vor hundert Jahren eine auffallende Aehnlichkeit bezeigen, sei auf dieses Gedicht hingewiesen. — Es können allerdings nur einzelne charakteristische Stellen daraus hervorgehoben werden, da ein vollständiger Abdruck des umfangreichen! Gedichtes im engen Rahmen einer Zeitung nicht gut angängig ist Vor allem ist eine Fußnote zum Titel des Gedichtes von großem Interesse. Dieselbe stammt vom Herausgeber, also von Riesser selbst, und hat folgenden Wortlaut (in der Orthographie des Originals): Die diesem Gedichte zu Grunde liegende Thatsache wird von vielen Schriftstellern berichtet. „Es ist bekannt, — heisst es unter anderem in dem Gesuch der Braunschweigischen Juden — daß bei Waterloo 55 jüdische Offiziere allein von der Rreussischen Landwehr geblieben sind." Die rühmenden Zeugnisse der höchsten Staatsmänner über den von den jüdischen Unterthanen Preussens während des Krieges auf jede Weise bewiesenen Patriotismus sind ebenfalls bekannt; nicht minder bekannt ist es leider, wie bitter viele der gerechten Erwartungen, die das in seiner Anlage treffliche Edikt vom Ilten März 1812 rege gemacht hatte, getäuscht worden: eine Thatsache. auf die wir nächstens in einem größeren Aufsatze zurückkommen werden. D. H. Man ersieht daraus, daß damals so wie heute auch bewiesene Treue und beurkundete Heldenhaftigkeit des jüdischen Soldaten weder anerkannt noch weniger gelohnt worden sind. Das Gedicht selbst, in achtfüßigen trochäischen Versen, beginnt mit einer Aufforderung zu einer rituellen Trauerkundgebung für die gefallenen jüdischen Offiziere, wie folgt: „Oeffnet die geweihten Hallen, stimmt zur Andacht eure Herzen. Lasset vor der Lade flammen fünf und fünfzig Jahrzeitskerzen. Hunderttausendstimmig steige laut ein Kaddisch heut empor Schmetternd an der niedern Menschen, an der hohen Gottheit Ohr." Und weiter, die Erinnerung an die Teilnahme in den Befreiungskämpfen heraufbeschwörend: „Immer in den ersten Reihen, freudig im Gewühl der Schlachten Sah man unsre jungen Helden Tod: und Wundenschmerz verachten. Volk und Heer und Führer staunten ob des Muths, des sie entbrannt;*' Und zu Obern wurden viele! mitten im Gefecht er-; . nannt."