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Die Wahrheit · 1932-12-23 · Heft 52 (23.12.1932) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 52 (23.12.1932)
Date
1932-12-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kttltusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLVIII. Jahrgang Wien, 23. Dezember 1932 Nummer 52 Helfet der jüdischen Wissenschaft! Eine Chanukka-Mahnung. Wir zünden am ersten Tage unseres Chaaukkafestes ein Licht an, am nächsten Tage zwei Lichter und so fort, am achten Tage acht Lichter, im ganzen 36. So lautet die Vorschrift gemäß einer Ansicht, die im Talmud vertreten wird durch die Schüler Hillels, des berühmten Lehrers (jaum horischaun madlik achath mi-kan wo-elekh maussif wchaulekh). Daneben wird aber eine andere Meinung vertreten von den Schülern Schammais, die dahin geht, daß man am ersten Tage acht Flammen zünden soll und jeden folgenden Tag eine weniger, am achten Tage nur eine Flamme (paucheth wchaulekh). Wie erklärt sich diese Verschiedenheit der Meinungen? Dadurch, daß diese beiden Schulen verschieden deuteten das Wunder, das mit dem Oelkrüglein geschehen ist, von dem die Chanukkageschichte erzählt. Als die Makkabäer nach ihren Siegen darangingen, den Tempel wieder einzuweihen, der ja durch Götzendienst entweiht worden war, und als sie zu dem achttägigen Weihefeste die Flammen auf dem heiligen Leuchter anzuzünden hatten, da brauchten sie heiliges Oel, d. h. Oel, das vorschriftsmäßig zubereitet und von den Priestern in Krügen aufbewahrt wurde. Jeder Krug trug auf seinem Verschlusse ein Siegel und enthielt so viel, als man für einen Tag oder besser eine Nacht brauchte, um die sieben Oellampen auf dem heiligen Leuchter zu speisen, damit die sieben Flammen die Nacht hindurch brennen konnten. Die Feinde, die in das Heiligtum eingedrungen waren, hatten aber den ganzen Vorrat an heiligem Oel, den sie vorgefunden, für ihren Götzendienst verbraucht, und es war nicht mehr übrig geblieben, als ein einziges Krüglein, und das Oel, das es enthielt, konnte nach menschlicher Berechnung nur für eine Nacht reichen. Was taten die Makkabäer? Hierüber gehen nun die Ansichten der beiden Schulen, die Hillels und die Schammais, auseinan- . der. Die Schammaiten sagten: Die Makkabäer teilten dieses Quantum in acht gleiche Teile, um an jedem der acht Tage des Festes über die gleiche Oelmenge, nämlich ein Achtel des Ganzen, verfügen zu können. So entfiel also auf jede Lampe nur ein Achtel dessen an Oel, was sie sonst brauchte, wenn die Flamme die Nacht durch brennen sollte. Somit hätte, wenn es natürlich und erfahrungsgemäß zugegangen wäre, die einzelne Flamme nur ein Achtel dieser Zeit brennen können. Aber da geschah das Wunder, daß die Flamme trotzdem die ganze Nacht aushielt. Wir würden! heute sagen: es war ein technisches Wunder, so wie wenn man etwa mit einer elektrischen Glühbirne die achtfache Lichtstärke des Normalen erzielen würde. Als dieses Wunder sich am zweiten Tage wiederholte, überraschte es schon nicht mehr in dem gleichen Maße, noch weniger am dritten Tage üncl so weiter. Es war sozusagen etwas Alltägliches geworden. Deshalb zündeten die Schüler Schammais am ersten Tage acht Lichter, dann immer eines weniger, am letzten, dem achten Tage, nur. eines noch. So wie jenes Ereignis von Tag zu Tag weniger wunderbar erschien, so sollte auch Von G. die Anzahl der Flammen am Chanukkaleuchter von Tag zu Tag weniger werden. Anders war die Auffassung der Hilleliten. Nach ihrer Anschauung ereignete sich am ersten Tage überhaupt kein Wunder. In jenem Oelkrüglein befand sich so viel Oel, daß von ihm sämtliche sieben Lampen der Menorah eine Nacht lang zu zehren hatten. Dieses Oel wurde zur Gänze in die Lampen des heiligen Leuchters gegossen. Daß da die sieben Flammen die ganze Nacht hindurch brannten, das war doch ganz normal, daran war nichts Wunderbares. Auch daran nicht, daß ein kleiner Oelrest in den Lampen zurückblieb. Ein Wunder geschah erst in der zweiten Nacht. Da man sonst kein heiliges Oel hatte, mußte man diesen spärlichen Oelrest in den Lampen als Leuchtstoff benützen und siehe da: die Flammen brannten nicht nur die ganze Nacht hindurch, sondern es blieb wieder ein winziger Rest. In der dritten Nacht reichten diese paar Tropfen ebenso für die ganze Nacht, und so wurde das Wunder von Tag zu Tag immer größer, je geringer der Oelrest in den Lampen wurde, „umi-nauthor kankanim", mit dem Oelrest geschah das Wunder. Darum zündeten die Hilleliten und zünden wir noch heute, dieser täglichen Zunahme des Wunders entsprechend, am ersten Tage nur eine Flamme und an jedem der folgenden eine mehr. Modern, elektrotechnisch ausgedrückt, bestand dieses Wunder somit darin, daß die Leucht kraft des Stoffes mit dem Verbrauche zunahm, wie wenn etwa eine elektrische Birne an Stärke zunehmen würde, je länger sie brennt, während bekanntlich das Gegenteil der Fall ist. :-c Dieses Lichtwunder, gleichviel, ob es am ersten oder am letzten Tage am stärksten in die Erscheinung tritt, dieses übernatürliche Verhältnis zwischen Leuchtstoff und Leuchtkraft war ein anschaulicher Ausdruck für das große, weltgeschichtliche Wunder, das wir „das Judentum" nennen. Leuchtkraft verhält sich zur Menge des Leuchtstoffes wie 8 zu 1! Man zählt etwa 14 bis 15 Millionen Juden in der Welt. Wenn wir aber damit die Rolle vergleichen, die das Judentum in der Geschichte spielt, und vor allem die Bedeutung, die jüdischem Einfluß im Lebemi der Gegenwart von nichtfeindlichen Stellen zugeschrieben wird — die feindlichen kennen ja für die Schädlichkeit der bösen Juden weder Maß noch Vergleich —, so finden wir, daß das Verhältnis dieser Wirksamkeit unsere Gemeinschaft zu ihrer Kopfzahl das von 8 zu 1 eher noch übersteigt. Die moderne religiös-sittliche Kultur baut sich auf dem alten Judenbuch, der Bibel, als einem ihrer Hauptpfeiler,. auf. In weit mehr als 8 mal 15 Millionen Häusern und Bethäusern werden tagtäglich Gebete zum Himmel gesandt, die Juden zu Verfassern haben. In Kunst und Wissenschaft, in Technik und Erwerbsleben werden als bahnbrechend und führend mindestens kaum weniger Juden genannt, als Nordamerikaner. Und die Union zählt weit über 120 Millionen Einwohner, also über acht mal so viel als es Juden auf Erden gibt! Der Name Juda Makkabis — und er steht ja als Kriegsheld in unserer ruhmreichen Geschichte keineswegs vereinzelt da — er ist noch immer der Menschheit geläufiger, als die der Feldherren der Siegerstaaten im Weltkriege, trotzdem diese an Seelenzalil uns Juden um weit mehr als das Achtfache übertreffen. Amerika, der Gipfel technischer Vollendung, Frankreich heute das Gewaltigste an militärischer Organisation, diese beiden Riesenfaktoren auf der einen Seite und auf der anderen das kleine Judenvoik, das ist die weltgeschichtliche Darstellung des alten Satzes: (lau vechajjil welau vekauach ki im beruchi) „Nicht durch Organisation und nicht durch Technik, sondern mit dem Geiste Gottes!" Durch ihn geschah das Wunder, daß in de» Makkabäerkämpfen (rabbim bejad meattim) ein Häuflein Helden die vielfache Uebermacht bezwang. Durch ihn geschieht noch heute das Wunder, daß man von 15 Millionen Menschen tagtäglich bald freundlich, bald unfreundlich — ja überwiegend feindlich — mehr spricht und schreibt als über andere 120 und mehr Millionen. Es sind die schlechtesten Früchte nicht, an denen die Wespen nagen. Und wenn es, wie ganz natürlich und was wir keinen Augenblick bestreiten, auch unter uns Juden, wie anderwärts, minderwertige Charaktere gibt, wenn auch der einzelne unter uns, als Mensch, Fehler und Mängel aufweist, — der Gesamtheit, dem jüdischen Volke als solchem sie anzurechnen ist ebenso ungerecht, wie wenn man, nach der bekannten Anekdote, alle Radfahrer für einen verantwortlich machen wollte. Diejenigen Juden, die zu den Unseren zählen, nicht nach ihrem eigenen Urteil allein oder dem unserer Gegner, sondern nach dem unserer Majorität zu uns gehören, die zeigen, welch eine sittliche Auslese in unseren Reihen die unausgesetzte Kontrolle durch scharfsichtige Feindesaugen und gegen jede Charakterschwäche unbarmherzigen Haß vollzogen haben. Mögen wir es theologisch Auserwählung oder biologisch Auslese nennen, — was unter uns, trotz aller Verfolgungen auf der einen Seite und aller Lockung auf der anderen, der alten Fahne der Makkabäer bis zum heutigen Tage treu geblieben ist, es muß den Völkern Achtung abringen, Achtung nicht allein vor diesem Heldentum, Achtung vor allem vor der Macht des Geistes, vor der Kraft des Lichtes, das, achtfach leuchtend, durch alle Nebel und Nächte feindseliger Verkennung und Verdächtigung sich durchringen wird zur Anerkennung. Einleuchten muß es den Völkern, daß hier ein Wunder vorliegt, ein Wirken, das menschliche Kraft übersteigt und menschlicher Berechnung spottet, eine Tat (ki im beruchi) göttlichen Geistes. * ~ * * Ist aber diese über alles natürliche Maß hinausragende Bedeutung des Judentums ein Wunder Gottes, haben dann auch wir, das jüdische Volk, ein Verdienst daran? Was haben wir Menschen dazu beigetragen? — Wir haben uns erhalten! Trotz einer Welt von Feinden uns als Volk erhalten. Nicht aus politischen Gründen, sondern einzig und allein, damit dem Geiste Gottes auf Erden der Träger, Erhalter und Verbreiter erhalten bleibe. Darum haben wfr uns nicht nur als

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