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Die Wahrheit · 1932-12-16 · Heft 51 (16.12.1932) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 51 (16.12.1932)
Date
1932-12-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Goebbels „Sturm auf England" abgeblasen. Harr Dr. Goebbels hat es für richtig gehalten, in dem bekannten englischen Blatt „The Daily Express" einen Artikel zu schreiben: „Unser Kampf gegen die Juden". Die Nationalsozialisten» die zwar sonst so viel von „nationaler Autarkie" reden und so tun, als ob die Meinung des Auslandes ihnen völlig gleichgültig sei, fühlen sich plötzlich veranlaßt, dem Ausland zu erklären, warum sie judenfeindlich sind. Vielleicht ist inzwischen auch Herrn Goebbels aufgefallen, daß man im Ausland und insbesondere in einer Kulmination wie England dem blindwütigen Treiben der Judenfeinde in Deutschland völlig verständnislos und ablehnend gegenübersteht. Es ist ganz bezeichnend, was „The Daily Express" in einer Vorbemerkung zu dem Artikel von Dr, Goebbels sagt: „The Daily Express" hat immer unzweideutig die Verfolgungen der Juden verurteilt. An dieser Stellungnahme hat sich nichts geändert. Aber seine Spalten stehen mit größerer Freizügigkeit als in irgendeiner anderen Zeitung für die Meinungsäußerungen von beiden Seiten offen, wenn es sich um eine wichtige soziale oder politische. Frage handelt. Im Einklang mit diesen Grundsätzen geben wir heute einer leidenschaftlichen Anklage gegen die Juden Raum, die von einiem prominenten Führer der NSDAP. in Deutschland. Dr. Josef Goebbels, dem Berliner Führer dieser Bewegung und der rechten Hand Adolf Hitlers, stammt. ,Th© Daily Express' identifiziert sich in keiner Weise mit den hier vertretenen Ansichten von Dr. Goebbels." Die Redaktion hat Goebbels' Artikel mit vier Bildern bedeutender jüdischer Männer illustriert, deren Leistungen in der ganzen Welt bekannt sind und die nicht wenig zäun Ansehen Deutschlands beigerragen haben, Rathenau, Einstein, Emil Ludwig, Albert Ball im Herrn Goebbels aber stellt das Blatt seinen Lesern mitsehrweitgeöffnetemMunde vor einem Lautsprecher stehend vor. Dr. Goebbels hat in einer späteren Nummer des „Daily Express" eine Abfuhr erlitten, aus der er die stolze Selbstsicherheit ersehen kann, in der in anderen hochstehenden Ländern überzeugte Juden in selbstverständlicher Verbundenheit mit ihrem Vaterlande, anerkannt von ihrem Volke und ihrer Nation; leben. In seinem Artikel; „Meine Antwort an unsere Feinde: An Finna Hitler. Goebbels & Co.. Judenverfolger. Deutschland" schreibt L. A. Easterman: „Es ist gut daß Sie eine große englische Zeitung als Mittel benutzt haben, Ihre Beschränkung, auf Deutschland aufzugeben, um sich der ganzen Welt in Ihrer wilden Nacktheit als die Verleumder, Verfolger und Verunglimpfer einer großen Rasse zu enthüllen. Wir. di» stolzen und ewigen Söhne Israels, kennen Sie gut. Wir trafen Sie in den brennenden Städten Aegyptens, wo Sie uns in barbarischer Sklaverei hielten und mit bestialischer Wildheit quälten. Wir trafen Sie wieder in den Arenen von Rom, wo Sie uns mit den christlichen Märtyrern gemeinsam den wilden Bestien zum heidnischen Festschmaus vorwarfen. Dann sahen wir sie wieder in den engen Gäßchen von Mitteleuropa, den Namen Christi lästernd und mißachtend, als Sie Ihren Mob entfesselten zu Greueltaten, bis die Straßen von jüdischem Blut troffen. Und dann trafen wir uns wieder in den Folterkammern der spanischen Inquisition, wo Ihre Ahnherren Torquemada und seine fanatischen Anhänger die Juden auf die Folterbank schlugen. Und vor nicht allzu langer Zeit trafen wir Sie in den Pogromen des finstersten zaristischen Rußlands, wo wir blutend unter den erbarmungslosen Schwertern und Knuten der Kosaken lagen. Im selben Atemzuge behaupten Sie. wir seien die Erfinder des Bolschewismus und die Vorkämpfer des Kapitalismus. Wissen Sie nicht, daß Heinrich Karl (niemals Mardochai. wie Sie, Goebbels, behaupten) Marx, der Begründer des modernen Kommunismus, ein abtrünniger Jude war. der schon im Alter vom sechs Jahren getauft wurde, eine christliche Frau heiratete und während seines ganzen Lebens ein erbitterter Feind seiner Stammesgemeinschaft war, die er als die ewigen Feinde des Sozialismus bezeichnete? Trotzki, Radek und alle die anderen sind nicht mehr jüdisch als Sie, sind ebenso große Judengegner. Wenn Sie die Juden mit den negativen Lehren des Marxismus belasten, sind Sie bereit, ihnen die edlen Lehren Jesu Christi auf ihrem Konto gutzuscheiben? Und wenn die Herkunft der Maßstab sein soll, dann schreiben Sie auch, bitte, den Juden ihre Großtaten in Wissenschaft. Medizin, Kunst, Politik, Musik, Literatur und Staatsführung zu. Wollen Sie es wagen, das Andenken eines Spinoza aus Holland, des Maimonides aus Spanien und Disraeli aus England heraufzubeschwören, wenn Sie mit heiserem Geschrei die Juden beschuldigen, „sie seien die brutale Verkörperung einer rücksichtslosen Geisteshaltung, die nur ans Geld denkt", um den Mob zu seinen Rachetaten gegen die Juden aufzuhetzen? . . . . . . Sie beschuldigen die Juden in Deutschland, sie wollten den politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch herbeiführen. Und im gleichen Atemzug behaupten Sie, sie seien ausgekochte Materialisten, die nur nach ihrem eigenen Vorteil streben. Kein vernünftiger Mensch wird auch nur einen Moment auf Ihre phantastische Behauptung hereinfallen, daß praktische Menschen den Zusammenbruch herbeiführen, um ihren Vorteil zu sichern. Aber darüber hinaus ist diese Behauptung eine Verdrehung, die in gewissenloser Weise die Wahrheit auf den Kopf stellt Es ist ein ungeheuerlicher Vorwurf, zu sagen, die Juden hätten es fertiggebracht, ohne Schaden zu nehmen, den nationalen Zusammenbruch zu überdauern. Im Gegenteil, die überwiegende Mehrheit der deutschen Juden hat außerordentlich schwer unter dem wirtschaftlichen Zusammenbruch der deutschen Juden gelitten. Tausende sind völlig ruiniert, ihre Geschäfte geschlossen, ihre Wohnungen weggenommen. Viele sind dem Hungertod nahe. Die jüdischen Hilfsorganisationen sind seit ihrem Bestehen noch nicht in diesem Ausmaße in Anspruch 'genommen worden wäei jetzt, um nur die bitterste Not ihrer Glaubensgenossen zu mildern. Viele früher einflußreiche Juden sind heute gezwungen, mit dem Hut in der Hand das Notwendigste zur Fristung ihres Lebensunterhaltes zu erbitten. Es läßt sich kein unverschämterer und gemeinerer Vorwurf denken, als die nationalsozialistischen Angriffe auf das Vaterlandsgefühl der Juden gegenüber den Ländern, in denen sie leben. Hunderttausende von Juden dienten im Weltkriege ihren Vaterländern und vergossen ihn Blut auf den Schlachtfeldern . . . Im deutschen Heere kämpften hunderttausend Juden für ihr Vaterland. 12.000 von diesen deutschen Juden ließen ihr Leben auf dem Schlachtfeld, und Schulter an Schulter mit Ihnen. Feldwebel Hitler, zogen Tausend© österreichischer Juden mit ihnen an die Front. Aber nicht alle sind wie Sie in die Heimat zurückgekehrt. Sie sagen, wir predigten den Klassenkampf, und mit dem gleichen Worte behaupten Sie, wir predigten den Pazifismus. Beides gibt es doch nicht zugleich. In der Tat, wir sind ein Volk des Friedens. Es ist die Grundlage und der Kernpunkt unseres Glaubens, uns von unseren Weisen überliefert, die zu einer Zeit schrieben und lehrten, als Ihre direkten Vorfahren, die Hunnen Attilas. Europa überschwemmten, Mord und Brand mit barbarischer Wildheit verbreitend. In den Ländern, in denen wir leben, gehören wir nicht nur zu einer Partei, sondern zu allen Parteien. Denn wir erblicken unsere Pflicht darin, lediglich für die Interessen des Landes zu wirken, dem anzugehören wir stolz sind. Unter uns gibt es Konservative und Liberale, Sozialisten und Kommunisten. Im stolzen England gab es einen Beaconsfield, gibt es heute Männer wie R e a d i n g und Samuel. In Ihrer ganzen Schmähschrift vom Antisemitismus der Nationalsozialisten, in der Sie Zeile um Zeile den Juden ihre Schlechtigkeit in Politik, Handel, Journalismus vorgeworfen haben, haben Sie vergessen, auch nur einen jüdischen Namen zu nennen, um Ihre Behauptungen zu beweisen. Ich fordere Sie auf, auch nur ein konkretes Beispiel zu nennen für Ihre verschwommenen Anklagen gegen die Juden, sie seien schädlich für die deutschen Interessen. Ich will nicht Ihre politische Ueberzeugung einer Kritik unterziehen, aber es ist offensichtlich, daß Ihre Methoden nicht die des. Anstandes. sondern die einer zügellosen Demagogie sind -" * » * Am letzten Samstag hat der Senat der Breslauer Universität über neun an den Unruhen gegen Professor Cohn beteiligt gewesenen Studenten das „consilium abeundi" (ernstliche Verwarnung, der bei dem geringsten Anlaß die Relegation folgt) gesprochen, in drei Fällen auf einen Verweis, in einem Falle auf Nichtanrechnung des Semesters erkannt Die Breslauer „Jüdische Zeitung" findet es grotesk, daß unter den mit dem consilium Bestraften sich auch der jüdische Student Goldschmidt befindet, der bei den Unruhen von nationalsozialistischen Studenten aufs erheblichste verletzt — ihm wurde das Nasenbein zertrümmert — und dann in hilflosem Zustande zurückgelassen wurde. Er ist — nach dem Bericht der nazifreundlichen „Schlesischen Zeitung" — als „Angreifer" ebenso bestraft worden, wie der von ihm „Angegriffene". Wenn wir, schreibt die „Jüdische Zeitung", daran denken, mit welch wirklich unverständlicher Milde oft die ordentlichen und auch die Sondergerichte bei ernstlichen Straftaten Rechtsradikaler (Fememorde) vorgegangen sind, dann können uns diese Urteile nicht sehr verwundern. An anderen Universitäten sind linksgerichtete Studenten bei oft viel weniger weitgehenden Exzessen erheblich schwerer bestraft worden. Und noch eins verdient Erwähnung. Das ist die Person des einen Verteidigers der nationalsozialistischen Studenten. Während es nämlich dem einen jüdischen Studenten Goldschmidt erst nach größten BeT mühungen möglich war, unter den Professoren überhaupt einen Verteidiger zu finden, sind die Nationalsozialisten von mehreren Professoren verteidigt worden, darunter auch von Prof. Wegener. der vor mehreren Jahren als noch ganz junger Dozent auf sozialdemokratische Anregung hin nach Breslau berufen wurde, in der Hoffnung, er werde den republikanischen Geist pflegen, der überdies eine Frau jüdischer Abstammung hat, der aber inzwischen durchaus ins nationalsozialistische Fahrwasser geraten ist Ueber das Verhalten der verteidigenden Professoren vor dem Disziplinargericht berichtet Dr. Ernst Fraenkel der „C. V.-Zeitung": Was von Seiten der Professoren Helfritz, Wegener und Bornhausen zur Entlastung der Angeklagten angeführt wurde, verdient in aller Oeffentlichkeit festgestellt zu werden. Nicht nur, daß Prof. Helfritz in demagogischer Weise den Namen von Prof. Theodor Lessing (Hannover) in „Lazarus Lessing" umzuändern beliebte, er glaubte auch, die maßlose Verbitterung der Studentenschaft aus der vieljährigen kulturellen Mißwirtschaft in Preußen erklären zu müssen. Helfritz sagte, „man hätte Professor Cohn lieber einen Raum in den Kasernen der lv GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM, KORNMEHL WIEN IX., BERGOASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WAHRINGERSTRASSE VT Telephon Nr. A 17-3-99and A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten ÄbteilungemürKoscherfieisch unter Aufsicht des ehr«*. Rabbinates der isr. Kultusgemeinde Wien» Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen George Bernard Shaw wundert sich. Die große Londoner Wochenschrift „Jewish G h r o n i c 1 e" zitierte unter der Ueberschrift „I m dunkelsten Deutschland" die auf Entrechtung der Juden abzielenden Punkte im Programm der NSDAP und die gleiche Ziele verfolgenden den Parlamenten zugegangenen Gesetzentwürfe der Hitler-Partei. Daraufhin gingen der Zeitung zahlreiche Zuschriften prominenter Engländer zu, in denen dem Erstaunen darüber Ausdruck gegeben wurde, daß in dem im Herzen Europas liegenden Deutschland die Erneuerung mittelalterlich erBarbarei geplant wird. Der Dichter George Bernard Shaw schrieb der Zeitung: „Es fällt mir schwer, zu glauben, daß die in Ihrem Artikel „Im dunkelsten Deutschland" zitierten Aeußerungen repräsentativ sind. In jedem Lande findet man rabiate Menschen, die eine Phobie gegen Juden, Jesuiten, Armenier, Neger, Freimaurer, Iren oder Fremde schlechthin haben. Es besteht ein Vorurteil gegen Chinesen als lohndrückende Schwerarbeiter und gegen Juden als „Finanzmänner" und „Internationalisten". Es gibt politische Parteien, die sich nicht zu schlecht dazu sind, diese Aengste und Eifersüchteleien für ihre Zwecke auszubeuten. „Kein Programm — versuch's mit einem Pogrom" — das ist der allerletzte Ausweg für eine geistig bankrotte Parte i." Schutzpolizei zur Verfügung stellen sollen". Als besonders befremdend muß aber die Art der Verteidigung, die Prof. Bornhausen anwendete, angesehen werden. Er erklärte nämlich, daß „nicht nur die Beamten des Ministeriums, sondern auch die Universitätsbehörden dem heutigen studentischen Empfinden fremd gegenüberständen". Bornhausen versuchte auch gegen den jüdischen Professor Dr. Marek, Ordinarius der Philosophie, zu hetzen, um die Lehrtätigkeit Prof. Mareks in den Augen der „nationalen Studenten" herabzusetzen. Prof. Bornhausen, der heute in der Ablehnung eines jüdischen Professors durch die Studentenschaft nur nationale Begeisterung sieht, hat sich vor noch nicht allzulaiiger Zeit in einer öffentlichen Versammlung in Breslau mit Begeisterung als Schüler des jüdischen Philosophen Hermann Cohen in Marburg bekannt, dessen Größe „als Mensch und Universitätslehrer" er in lauten Worten pries. Die Art der Verteidigung der drei Professoren hat in weitesten Kreisen der Universitätslehrerschaft großes Befremden hervorgerufen. Konfturs-Aassffircilrang. Bei der israelitischen Kultusgemeinde Innsbruck kommt die Stelle eines Rabbiners I zur Neubesetzung. Zur Anstellung ist erforderlich: Nachweis der österreichischen Staatsbürgerschaft, Berechtigung zur Erteilung des öffentlichen Religionsunterrichtes an Volks- und Mittelschulen, Nachweis der mit Erfolg absolvierten seminaristischen Vorbildung, Eignung zum Prediger und Vorbeter. Bewerber, welche in ähnlicher Stellung bereis tätig waren, sowie solche, die eine Universität absolvierten und den Doktorgrad erworben haben, werden bevorzugt. Offerte, denen alle erforderlichen Belege, Zeugnisse und Lichtbild anzuschließen sind, sind bis längstens 26. Dezember 1932 an die israelitische Kultusgemeinde in Innsbruck,- zu Händen des Vorstandes, Herrn Julius Pasch, Innsbruck, Marla-Theresienstraße 13, einzureichen. Das Breslauer Disziplinarurteil. Ein Teil der Professorenschaft auf der Seite der Radau-Studenten.

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