Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 51 (16.12.1932)
- Date
- 1932-12-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 9 verletzten Juden mit Namen und Adressen angegeben. Zum Schlüsse werden die Durchführung einer strengen Untersuchung und die schärfste Bestrafung der Schuldigen, schließlich eine Entschädigung an die Opfer der Ausschreitungen gefordert. # Intervention Jüdischer Deputierter bei der Warschauer Regierung. Die nichtzionistischen jüdischen Deputierten, Rabbiner Lewin, Jäger und Minzberg, erschienen beim Innenminister Pieracki und übergaben ihm ein ausführliches Memorandum über den Verlauf der Blutwoche in Lemberg, während der der jüdischen Bevölkerung der galizischen Hauptstadt unabsehbarer physischer und materieller Schaden zugefügt wurde. Die jüdischen Deputierten forderten von der Regierung die Bestrafung der mittelbar und unmittelbar Schuldigen, Schutz der friedlichen jüdischen Bevölkerung in der Zukunft und Ersatz für die angerichteten Schäden. Innenminister Pieracki erklärte, er habe mit größter Aufmerksamkeit den Verlauf der bedauernsweteu Geschehnisse in Lembeg verfolgt; er werde die Vorschläge der Deputierten den zuständigen Stellen zuleiten. Die Stellung der Regierung zu solchen Geschehnissen, sagte der Minister weiter, habe ihren klaren Ausdruck in der von der Regierung im vergangenen Jahre im Sejm abgegebenen Erklärung gefunden. Es seien bereits weitestgehende Verfügungen getroffen worden, daß sich ähnliche hetzerische und auch gegen den Staat gerichtete Aktionen nicht ereignen. Die Deputierten Rabbiner Lewin, Jäger und Minzberg begaben sich dann zum Minister für Arbeit und sozialen Schutz. H u b i c k i, von dem sie forderten, daß er iin Rahmen seines Ressorts der materiell schwer betroffenen jüdischen Bevölkerung Lembergs zu Hilfe komme. Der Minister versicherte, er werde von sich aus alles tun, um der jüdischen Bevölkerung entgegenzukommen. Die jüdischen Deputieren waren vom Generalsekretär der Lemberger jüdischen Gemeinde Ing. Feuerstein begleitet. * Ein zweites jüdisches Todesopfer. Die Ueberfälle auf jüdische Passagiere in den Zügen dauern noch an. Am Sonntag, den 4. Dezember, wurden im Zuge Lemberg-Stanislau drei jüdische Passagiere, im Zuge Lemberg—Stryj der jüdische Kaufmann Rotbart und im Zuge Grodek—Lemberg der jüdische Student Bauer überfallen und erheblich verletzt. Die 56jährige Frau Rachel Zigelheim, deren Sohn Jeruchim Zigelheim im Eisenbahnzug schwer mißhandelt wurde, wobei er lebensgefährliche Verletzungen erhielt, ist an den Folgen der Aufregung über diesen Vortall an Herzschlag gestorben. * Eine neue Sensation in Lemberg. Moses Katz ist gar nicht der Mörder Grotkowskis. — Der wirkliche Täter ist unerkannt entwichen. Die polizeilichen Untersuchungen in der Mordatfäre Grotkowski. die der Ausgangspunkt zu den mehrtägigen pogromartigen Ausschreitungen in Lemberg gewesen ist, haben zu einer Sensation geführt Während bisher die die Untersuchung führenden Polizeistellen den Beteuerungen des verhafteten Moses Katz und der Mitverliaiteten Keller. Schmer und Thune, daß sie zwar in der Nacht zum 26. November vom Studenten Grotkowski und seinen Kommilitonen angerempelt worden waren, daß sie sich aber an der Messerstecherei nicht beteiligt hätten und an dem Tode Grotkowskis nicht die wickeln, daß es mit geistigen Waffen auf friedliche Art die Welt erobern könne. Es ist nicht richtig zu behaupten, daß unserem Volk die Kräfte gefehlt hätten, um ein Eroberervolk zu werden; eine Nation, die auch in ihrem Niedergange mehrmals und ganz ernsthaft sogar das römische Imperium in seinen afrikanischen und asiatischen Provinzen bedrohen konnte — es genügt an die Aufstände unter Trajan und Hadrian zu erinnern — hätte doch auch, wenn es die Anlage seiner Geistigkeit erlaubt hätte, die Energie für eine nicht unbedeutende territoriale Expansion gefunden. Es war aber das lo tachmod da, welches das mächtigste Hindernis bildete. Muß ich Euch sagen, um wieviel größer der moralische Fortschritt der Menschheit wäre, wenn auch die anderen Völker daraus ein Bollwerk für ihre politische Erziehung gemacht hätten? Sicher ist es eine niederdrückende Feststellung, daß es selbst nach mehr als dreitausend Jahren nicht einmal dem grundlegenden Teile unserer religiösen Idee gelungen ist, vollständig in den Geist der zivilisierten Welt einzudringen. Aber anderseits folgt daraus die tröstliche Ueberzeugung, daß die Menschheit unser, der Führung des Judentums auch für ihre religiöse Zukunft bedarf. In dem erwähnten Aufruf der „Freien Gläubigen" wird die Meinung ausgesprochen, daß aus dem tragischen Leid der jetzigen Stunde „das neue Gewissen Europas für die Wiedergutmachung und für künftigen Aufbau wird erwachsen können". Wir sind nicht so optimistisch; was aber auch wir glauben, ist, daß bei den Völkern, die mehr oder weniger direkt von der Katastrophe des Krieges betroffen sind, eine Auflehnung entstehen wird — nicht gerade gegen die Religion, weil vielmehr das geistige Bedürfnis eine Stärkung erfahren wird — wohl aber gegen die Formen, in die sich der religiöse Gedanke noch verschließt. , nd sobald dieser Aufstand ausbrechen wird, dann Hat unsere Stunde geschlagen, dann werden wir das seit Jahrhunderten unterbrochene Werk wieder aufnehmen und die Welt unseren höchsten Idealen näher bringen. In erster Reihe wird es unsere Aufgabe sein, dahin zu wirken, daß der Dekalog in Wirklichkeit die Grundlage des bürgerlichen Lebens der Völker bilde und nicht nur in den Katechismen und Schulbüchern. Der Tag, an dem dieses Ziel erreicht sein wird, wird wegen seiner epochalen Bedeutung nicht niedriger einzuschätzen sein als jener feierlichste Tag. an dem vor mehr als dreitausend Jahren unserem Volke das königliche Geschenk aer zehn Gebote gemacht wurde. geringste Schuld trügen, keinenGlauben schenkten, wurden in der letzten Phase der Untersuchung neue Momente zu Tage gefördert, die keinen Zweifel darüber lassen, daß unterden vierverhafteten Juden keiner der MörderOrotkowskis ist. Es wurde einwandfrei festgestellt, daß der tödliche Messerstich gegen Grotkowski bei dem nächtlichen Zusammenstoß in der Szejnacha-Gasse, in einem verrufenen Viertel von Lemberg, wo fast allnächtlich Zusammenstöße und Messerstechereien vorkommen, von einer unerkannt gebliebenen Person geführt wurde, der es gelang, sich noch vor Erscheinen der Polizei in Sicherheit zu bringen. Jüdische Kreise sind geneigt, anzunehmen, daß der Mörder gar nicht Jude, sondern irgend ein Mitglied der Lemberger Unterwelt sei, das sich ungerufen in den Streit gemischt hat, um seinen unterweltlichen Rachegeiühlen gegen Studenten in Wichs frönen zu können. Ungeachtet dessen, daß die vier verhafteten jungen Juden an der Ermordung Grotkowskis keine Schuld tragen, werden sie sich vor einem gewöhnlichen Gericht wegen Teilnahme an einem Zusammenstoß mit tödlichem Ausgang, worauf mehrjährige Kerkerstraie steht, zu verantworten haben. Ein weltgeschichtlicher Spaß. Hetze gegen Einstein anläßlich seiner Amerikareise. Am 10. Dezember begab sich Professor Albert Einstein auf Einladung der Universität Pasadena in Kalifornien wiederum nach den Vereinigten Staaten, um seine am Mount Wilson-Observatorium begonnenen Forschungen fortzusetzen. Zu einem etwas späteren Zeitpunkt soll er die ihm für lebenslänglich angebotene Leitung des Instituts für Mathematik und theoretische Physik in Princeton übernehmen. Die patriotische Frauenliga in Washington hat auf Inspiration irgendwelcher dunklen Elemente einen Feldzug gegen die ZulassungEinsteinsinAmerika eingeleitet und in einer Eingabe an die Regierung in Washington die Forderung erhoben, daß man Einstein als dem Urheber der „gefährlichen Relativitätstheorie" und als einem „mit Moskau affiliierten Kommunisten" die Einreiseerlaubnis verweigern solle. Dieser Schritt der patriotischen Frauen hat in Amerika und in Europa viel Gelächter hervorgerufen, nur die Hitler-Presse in Deutschland begrüßte ihn und schrieb: „Wir können die amerikanischen Frauen zu ihrem sicheren Instinkt nur be- I VORNEHME mmm* » fcSS*^^ ' ^*Mi55fe ^iiliÄiä v: ■-i^iliiiilLi^Tl- FAHIMEN - PENSION (RBStanFatioflJIaff Behaus täglich 5-Uhr-Tee SErMERING | TELEPHON U Hochstraße 43 neben Hotel Panhans Ü Mäßige Preise. Zimmer mit PensionS 12.— aufwärts §§ Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser in jedem Zimmer. 11 Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer glück wünschen und der Hoffnung Ausdruck geben, daß ihre berechtigte Forderung sich durchsetze. Ohne damit sagen zu wollen, daß wir den bolschewistischen Juden etwa bei uns behalten wollten!" Kein Mensch in Amerika oder Europa glaubte nun, daß der Schritt der patriotischen Frauen irgendwelche praktischen Folgen haben könne. Allein die zuständige Washingtoner Behörde ließ die Eingabe den normalen „Instanzenweg" gehen. Für Einstein hatte dies die Folge, daß ihm nicht wie bisher das Amerika-Visum durch das Hapag-Büro besorgt werden konnte, sondern daß er — vier Tage vor seiner Abreise — von dem amerikanischen Generalkonsulat in Berlin eingeladen wurde, persönlich zu erscheinen. Einstein wurde durch den amerikanischen Generalkonsul der üblichen „I nquisition" unterzogen. Er wurde gefragt, zu welchem „Zwecke" er nach den Vereinigten Staaten reist, welche politische Gesinnung er hegt, welcher Gruppe er zugehört, wie seine Stellung zum Anarchismus und Kommunismus sei usw. Die Fragen beantwortete der berühmte Gelehrte dahin, daß er von wissenschaftlichen Institutionen in U. S. A. eingeladen wurde, in keinerpolitischen Partei sich betätige und ganz unabhängige Ansichten habe. Als eine weitere Ausfragerei erfolgte, empfand Professor Einstein dies als Schikane und verließ, ohne auf diese weiter einzugehen, dasKonsulat. Professor Einstein war entschlossen, wenn ihm das Visum nicht schnellstens gegeben werden sollte, aufdieAmerika-Reise zu verzichten, da er sich auf einen Kampf gegen Lächerlichkeiten nicht einlassen wollte. Das State Department in Washington, das sofort telegraphisch den Bericht des amerikanischen Generalkonsuls erhielt, hat aber schon am späten Nachmittag die Weisung nach Berlin ergehen lassen, Professor Einstein das Visum unverzüglich auszufolgen. Damit ist die Angelegenheit erledigt. In Berlin wußten die wenigsten Kreise von all den peinlichen Vorkommnissen. Hervorragende Gelehrte, mit denen der JTA-Vertreter zu sprechen Gelegenheit hatte, erklärten diesem, wenn infolge solcher Narreteien die Reise Professor Einsteins nach den Vereinigten Staaten wirklich unterbleiben sollte, so wird über diesen weltgeschichtlichen Spaß in den Schulbüchern späterer Generationen zu lesen sein. Einer der Gelehrten fragte, warum man sich im Auslande über die Breslauer Affäre Cohn so sehr aufrege, wo doch die amerikanische Einstein-Affäre als Dokument menschlicher Dummheit die Breslauer Affäre in den Schatten stellt. Die amerikanischen Zeitungen betrachten — wie aus Amerika telegraphiert wird — die „Inquisition" mit Einstein als den besten Witz, der ihnen seit langer Zeit vorgekommen ist und bringen über das Verhör spaltenlange Berichte auf der ersten Seite. Die Sympathien für Einstein in Amerika haben sich dadurch nur verstärkt, und man hofft, daß dieser Zwischenfall, der die Lächerlichkeit der ganzen Visum-Vorschriften enthüllt, dazu beitragen wird, daß die mittelalterlichen Verordnungen abgeändert werden. In einer Erklärung gibt der Rektor der New-Yorker Columbia-Universität, Nicholas Murray Butler, der Entrüstung der akademischen und wissenschaftlichen Kreise Amerikas über das Verhör Einsteins auf dem Berliner amerikanischen Generalkonsulat vor der Erteilung des Visums beredten Ausdruck. „Als amerikanischer Bürge r", so äußert Butler, „fühle ich mich durch die Haltung des Staatsdepartements gegenüber Einstein derartig erniedrigt und entehrt, daß mir die Worte fehlen, um eine solche Handlungsweise gebührend zu kennzeichnen." Außerdem faßte eine Gruppe führender New- Yorker Damen eine Entschließung, in der sie die Abberufung des amerikanischen Generalkonsuls in Berlin verlangen. Weiter wenden sie sich gegen das Vorgehen des Staatsdepartements, das dem Berliner Konsulat das „alberne Dokument der sogenannten patriotischen Gesellschaft übersandt hat, in dem gegen die Einreise Professor Einsteins wegen angeblicher kommunistischer Ansichten Einspruch erhoben wird". Bravo, Austria! Die österreichische Fußballmannschaft ist ruhmbedeckt von ihrer England- und Belgienreise heimgekehrt. Hunderttausende Menschen jubelten dem „Wunderteam" zu, dem durch den persönlichen Empfang durch Bundeskanzler Dr. Dollfuß eine ganz außergewöhnliche Ehrung zuteil wurde. Die Anwesenheit unseres Regierungschefs bei der Ankunft der elf Fußballhelden beweist, daß hier nicht so sehr der fußballerische Erfolg als die großartige Propagandawirkung gefeiert wurde, die unsere brave Mannschaft mit ihrem würdigen Auftreten in Englands Metropole für Oesterreich erzielte. Dieser moralische Gewinn der englischen Tournee ist das Hauptverdienst eines Mannes, der auf dem Gebiete der Pflege und Höherentwicklung des Körpersports schon viele Lorbeeren errungen hat, des österreichischen Bundeskapitäns Hugo Meisl. Nicht jüdischer Eigenstolz ist es, die uns höchste Wertschätzung für diesen, internationale Geltung besitzenden Mann nahelegt, wir österreichischen Juden freuen uns mit unseren christlichen Mitbürgern des Erfolges unserer Landesfarben, auch wenn nicht ein Jude den Löwenanteil daran hätte. Aber unseren Antisemiten sei es ins Stammbuch geschrieben, daß hier sich wieder ein „ehrgeiziger Hebräer" vorgedrängt hat, sicherlich nicht zum Nachteil für das österreichische Prestige.