Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 50 (9.12.1932)
- Date
- 1932-12-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Hitler and Stricker haben sich blamiert. Die „Deutsche Studentenschaft", die Trägerin des Gedankens der Reaktion an den österreichischen Hochschulen, ist zusammengebrochen. Nicht wegen der Angriffe, die seit Jahr und Tag gegen diese Körperschaft geführt wurden und die darin gipfelten, daß die „Deutsche Studentenschaft" zu Unrecht sich die Vertretung aller deutschen Studenten arrogiere, weil sie in Wahrheit nur die Vertretung einer Minorität ist, sondern wegen der Unmöglichkeit ihrer Zusammensetzung. Kenner der Verhältnisse sahen die Entwicklung, vor deren letzten Akt wir nun stehen, voraus. Man wußte, daß auf die Dauer eine Zusammenarbeit zwischen katholisch und nationalsozialistisch gesinnten Studenten unhaltbar wäre, unhaltbar wegen der ungeheuren weltanschaulichen Kluft, die zwischen diesen Gruppen gähnt, unhaltbar vor allem wegen der Arroganz und Präpotenz der Hakenkreuzler, die die C. V.-er auf Schritt und Tritt zurückzudrängen suchten, nicht nur innerhalb der gemeinsamen Organisation, sondern auch höheren Orts, an Stellen, die die Christlichsozialen bisher innehatten und mit aller Macht auch weiter verteidigen mußten. So kam es zum Krach, der sich nach bisher nur gegen Juden bewährtem Muster in gefährlichen Schlägerei auswirkte. Von der „Deutschen Studentenschaft" ging auch die Idee der famosen „Studentenordnung" aus, gegen die auf jüdischer Seite insbesondere die „Union" entschieden Stellung nahm, während die Jüdischnationalen, namentlich Robert Stricker, diese für die Judenschaft höchst verderbliche Neueinführung mit Sympathie aufnahmen. Die „Studentenordnung" dürfte nun wohl endgültig begraben sein, an ihrer Bahre stehen als trauernde Hinterbliebene Osaf Hitler, der Patient des Rothschtldspitales Alfred Frauenfeld und der neue Heros der Seitenstettengasse Robert Stricker. Ein Band, das alle eint Gedenkfeier für die im Kriege gefallenen Juden in Baden bei Wien. Der Bund jüdischer Frontsoldaten, Ortsgruppe Baden, veranstaltete Sonntag, den27. v. M., beim Heldiendenkmal am jüdischen Friedhof in Baden eine Heldengedenkfeier für die im Weltkriege gefallenen Juden, welche einen äußerst eindrucksvollen und würdigen Verlauf nahm. Die Feier, an welcher fast 1000 Personen teilnahmen, wurde in der Zeremonienhalle mit einem Gebet für die Gefallenen der Stadt Baden durch Oberkantor Richter eingeleitet Nach der Gedenkrede des Feldrabbiners, Prof. Dr. Arnold Frankfurter, welcher des jüdischen Heldentums vor dem Feinde gedächte und gegen dein Haß und die boshaften Ausstreuungen der Feinde des Judentums, sowie gegen den Vorwurf der Feigheit und Drückebergerei flammenden Protest einlegte, begaben sich die Teilnehmer zum Heldendenkmal auf den Friedhof. Dort begrüßte namens der Ortsgruppe Baden Redakteur A. Weiß die Anwesenden und betonte die ganz besondere Ehre, welche dem Bunde durch die Anwesenheit des von allen Schichten der Bevölkerung hochgeschätzten Bürgermeisters der Stadt Baden, Minister a. D. Josef K o 11 m ai n n, des Bezirkshauptmannes Dr. Rupprecht, des Vizebürgermeisters und Kommandanten der Frontkämpfervereinigung Baden, Dr. Julius Hahn, zuteil wurde. Ferner begrüßte er däe Generäle der alten Armee, Exzellenz FML. Weiß-Tihany von Maienprugg, Gemeinderat General Fischer von See, als Obmann des österreichischen Offiziersverbandes, General Lewandowsky, Major Gersdorfer, den Gymnasialdirektor, Gemeinde- und Schulrat Dr. Sulzenbacher, den Präsidienten des Landesverbandes ehemaliger Krieger Nieder-Oesterreichs und Obmann des Verbandes ehemaliger 84er, Josef Gärtner, den Bezirksgruppenleiter ehemaliger Krieger Pamperl, den Obmann des Deutschmeisterbundes von Baden. Ferner waren vertreten der Reichsbund der Kriegsopfer der Ortsgruppe Baden und Traiskirchen, der österreichische Trainverband durch Cafetier Franz Ebruster, der Bund ehemaliger Kriegsgefangener Badfens. Aus Wien war eine 400 Mann starke Abordnung des Bundes jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs mit dem Bundesführer General Emil Sommer und dem Bundesvorstand erschienen. Außerdem waren anwesend: Kultuspräsident An- . ton S t e r n, Präsident Ludwig Lackenbacher, Dr. Rudolf Lackenbacher u. v. a. m. Redakteur A. Weiß legte nach seiner eindrucksvollen Gedenkrede namens der Ortsgruppe Baden einen Kranz nieder. Bundesführer General Sommer wies auf die Heldentaten der jüdischen Soldaten hin und legte das Gelöbnis ab, daß der Bund jüdischer Frontsoldaten so wie diese gefallenen Helden als treue Bürger unseres Vaterlandes stets unsere Pflicht erfüllen wollen. Bürgermeister Minister K o 11 m a n n anerkannte dieStaatstreueder Juden und ihre Leistungen vor dem Feinde und brachte den Wunsch zum Ausdrucke, daß endlich Fried« d'ie Bürger des Lanides zur gemeinsamen Arbeit zusammenführen möge. Mit den Worten: „Nur wer den Frieden sucht, wirdsiege n", schloß er seine wirkungsvolle Rede. Eingedenk dler leider verlorenen Kameradschaft der christlichen Frontkämpfer, die während des Krieges den jüdischen Frontkämpfern ehrliche treue Kameraden waren. gingen die versöhnendten Worte des Obmannes der Badner Frontkämpfer, Vizebürgermeister Doktor Hahn, tief zu Herzen. Bewußt, daß er sich durch sein Erscheinen mit einer Deputation bei den jüdischen Frontsoldaten, Angriffen aussetzt, hält er es trotzdem für seine Pflicht, denjenigen, die mit ihnen fürs Vaterland gekämpft haben, die gebührende Ehre nicht zu versagen. Als wir gegen den Feind zogen, wurde auch nicht nach der Konfession gefragt, Christ und Jude haben als Kameraden Schulter an Schulter gekämpft und geütten. Wenn wir alles Trennende beiseite schieben würden, dlanai könnte vieles besser werden. Hierauf legte!Dr. Hahn einen Kranz nieder. General FischeT von See wies in seinen schlichten Worten darauf hin. daß es in der alten Armee keine konfessionellen Unterschiede gab, alle waren Kameraden im Dienste fürs Vaterland. Nach einem ergreifenden Totengebet des Herrn Oberkantors A. W-piß von X. Wiener .Gemeindebezirk schloß die erhebende Feier, welche bei allen Anwesenden einen tiefen Eindruck hinterließ, mit dem Kadisch, gesprochen vom Präsidenten Ludwig Lackenbacher. Nach der Feier formierten sich die ausgerückten Kameraden, um dem Rangältesten Anwesenden, FML. Weiß, die Ehrenbezeigung zu leisten. Der Feldmarschalleutnant schritt die Front ab, in welcher besonders reich dekorierte Kameraden mit goldenen Tapferkeitsmedaillen und Kronenorden auffielen. GROSSFLEISCHHAUEREI «EGM. KORNMEHl **tmmm*Bmmtm^mmmmmmmmammmmmmmmmmmmtmmmmm WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 and A 16-9-34 Llafarant für Hallanstaltan AbteilungentürKoscherfleisch untap Aufsicht des ahn*. Rabbinataa dar Isp. Kiiltusgemaind« VJian. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Duglenlsdies Könlgsiiciu llliillliiiiii'iiiiffi Seit vielen Jahren dasa~erkannt beste izeitil tD^b-nö-w Man achte auf die ges. gesch. Mark« „Hygien. 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Ich begrüße das sehr, weil dem ganzen deutschen Volke fai eindringlichster Weise gezeigt wird, daß auch unsere Mitbürger jüdischeiin Glaubens im Kriege ihre vaterländSsche Pflicht in vollstem Maße erfüllt und durch schwere Blutopfer ihre Volksverbundenheit besiegelt haben. Das Gedenkbuch spricht für sich selbst und bedarf keines Kommentars. In einer Zeltt irrsinniger politischer Zerrissenheit des deutschen Volkes sollte die Ehrfurcht vor den Gefallenen ein unzerreißbares Band bilden, das uns alle eint . . ." Der „judenreine": Reichstag. Max Reinheimer führt im „Schild" Zeitschrift des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, aus: „Ist der 6. November für unsere Judenfeinde kein Freudentag geworden, so können sie immerhin einen Erfolg buchen: Sie haben es erreicht, daß im Reichstag, der sich am 6. Dezember konstituierte, kein Abgeordneter jüdischen Glaubens zu finden ist. Die Parteien, die immer jüdische Kandidaten an aussichtsreicher Stelle nominierten und damit die Judenfeindschaft ablehnten, haben unter dem Druck der antisemitischen Hetzereien nicht mehr den Mut, jüdische Kandidaten an aussichtsreicher Stelle aufzustellen. So sind die deutschen Juden in diesem Reichstag durch keinen Abgeordneten, der sich zum Judentum offen bekennt, vertreten, ein Vorkommnis, das interessant ist und von dem man sagen kann, daß es seit Bestehen eines Reichsparlamentes einzig dasteht. Natürlich befinden sich unter den 580 Abgeordneten einige Dissidenten, von denen bekannt wird, daß sie jüdischer Abstammung sind, aber mit dem Judentum gebrochen haben. In den Nachkriegs-Reichstagen, die man so gern als Judenparlamente verschrie, saßen Juden in ganz verschwindender Anzahl. Am stärksten waren die Juden' in der verfassunggebenden Nationalversammlung vertreten, und zwar mit neun Abgeordneten, die sich auf vier Parteien verteilten: Deutsche Volkspartei, Demokraten, Sozialdemokraten und ein Unabhängiger. In den dieser Nationalversammlung folgenden Reichstagen finden wir noch vier Abgeordnete jüdischen Glaubens, und zwar Georg Bernhard und den zu früh verstorbenen Dr. Ludwig Haas von der demokratischen Fraktion! und Dr. Moses und Hugo Heimann von den Sozialdemokraten. Im Reichstag vom 14. September 1930 saßen nur noch die beiden Letztgenannten. Im Reichstag vom 31. Juli blieb Hugo Heimann der einzige Jude, und nun ist auch er nicht mehr da. In dieser Tatsache spiegelt sich die Tragik der deutschen Juden unserer Zeit wider: Obwohl sie formell vollkommen gleichberechtigt sind, finden sie im Parlament keinen Platz mehr."