Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 50 (9.12.1932)
- Date
- 1932-12-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite » Zeitlebens Freude . o ^- '?* . ■ . ■.?: -' •' ^' an Möbeln vom Großmöbelhaus Max Bergmann, N»n II., PratBPStP. 33 Ausstellungsräume 2000 m' Telephon Nr. R 43-1-70 Polen, unter" ihnen der frühere Ministerpräsident Stanislaw Gräbsiri, der frühere Minister Prof. Qlombinski und zahlreiche Professoren und Geistliche teilnahmen, wurden 146 Juden verwundet. Der Gesundheitszustand der bei den sonntägigen Geschehnissen schwerverletzten Juden Dr. Rawicz und des 'Studenten Ostrower hat sich so verschlimmert, daß an ihrem Aufkommen gezweifelt wird. In einem bedenklichen Zustand befindet sich der jüdische Kaufmann Jizchak Flister, den die Huligans aus der Straßenbahn hinauswarfen und der von einer entgegenkommenden Bahn erfaßt und überfahren wurde. Am Mittwoch mittags wurde der jüdische Postbeamte Hartmann. de.r am Montag unter den Händen der ihn mißhandelnden Huligans — vor Aufregung an Herzschlag — gestorben war, unter polizeilichem Schutz zu Grabe getragen. Unter den Trauergästen sah man viele christliche Kollegen des Verstorbenen. Die nationaldemokratische Presse in Lemberg, Warschau und in anderen Städten berichtet mit unverhohlener Schadenfreude darüber, wie die „nationale Jugend" mit den „Juden abgerechnet" hat. Eine Anzahl dieser Zeitungen wurde beschlagnahmt. Sogar die antisemitische „Gazetta Warszawska" gibt zu, daß die jüdischen Teile von Lemberg das Bild einer verwüsteten Stadt bieten, daß die Hälfte der jüdischen Geschäfte zerbrochene Auslagenfenster aufweist, daß die Bürgersteige in den von Juden bewohnten Straßen mit zerbrochenem Glas übersät sind. In der Nacht zum Donnerstag, den 1. Dezember, explodierte vor der Synagoge in der Dziulkiewskagasse eine Petarde, wobei sämtliche Fensterscheiben der Synagoge und der benachbarten Wohnhäuser in Trümmef gingen. In der gleichen , Nacht explodierte eine Petarde auf dem Lemberger jüdischen Friedhof. ,----- Fast an allen Warschauer Hochschulen fanden am Mittwoch, den. 30. November, antisemitische Exzesse statt. Im Museum für Landwirtschaft wurden die jüdischen Hörer beim Verlassen des Instituts von ihren christlichen Kollegen auf den Treppen überfairen und durch Stockhiebe verletzt. Den Professoren, die sich der bedrängten Juden annehmen wollten, würden belejdigende Worte, wie' „Judenknechte" zügerüfen. Die Lösungen laute~ teh: „Wir wollen nicht zusammen mit Juden in einem Räume sitzen! Die Juden müssen weg!" Sehr bald griffen die Unruhen auf die Hauptuniversität über. Die Natiorialdemokraten hielten dort eine Massenversammlung ab, in der die Losung ausgegeben wurde, daß die Juden die Universität als „Buße für Lemberg" verlassen müssen. Nach der Versammlung stürmten die Teilnehmer die Hörsäle, trieben die jüdischen Hörer in die Korridore hinaus und schlugen dort auf sie ein. Die Demonstranten bildeten eine Doppelspalier vom Bibliotheksgebäude bis zum Haupttore, und alle jüdischen Hörer und Hörerinnen mußten durch dieses Spalier Spießruten laufen, wobei auf die Flüchtigen von beiden Seiten eingeschlagen wurde. Sie kamen blutend, ohne Hüte und mit zerrissenen Paletots ins Freie, wo die Polizei, die erst hier intervenieren durfte, sie in Sicherheit brachte. Die meisten jüdischen Studenten passierten nicht das Spalier der Nationaldemokraten, sondern verbargen sich im Universitätsgebäude und wurden von den Professoren in kleinen Gruppen durch eine Seitentür ins Freie geführt. Im Hof der Universität leistete Professor Dombrowski acht verletzten jüdischen Studenten erste Hilfe. Am" schwerwiegendsten waren die Vorgänge an der. Warschauer Technischen Hochschule. In der Abteilung für Wassertechnik wurde die einzige jüdische Hörerin von den Nationaldemokraten emporgehoben und «um Tor hinausgeworfen. Prof. Warchlowski, be{ dem wegen dieses Vorfelles interveniert wurde, erklärte: ich kann nicht rieben jeden Juden einen Polizisten stellen. Während der Vorlesung von Prof. Kling, riefen die Nationaldemokraten" plötzlich: Juden raus! Als diesem Rufe nicht Folge geleistet wurde, wurden die jüdischen Hörer überfallen und mißhandelt Als sie sich dem Hinauswurf mit Gewalt widersetzten und sich an die Bänke klammerten, wurden sie samt den Bänken in den Korridor hinausgedrängt Nationaldemokraten stürmten das Lokal des Hilfs- ME fJUIHJEN- PENSION HntaiPitioB,8affnhan täglich 5-Uhr-Tte SENHERINO r^^-w;iP***&4 ■■""-T1; '" ^MmsA imMm w '^A^Mbb^A TELEPHON 11 Hochstraße 43 neben Hotel Panhans Mäßige Preise, Zimmer mit PensionS 12.— aufwärts S Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser |§ in jedem Zimmer. B Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer IffllHIMffl^ Vereins der jüdischen Akademiker, es kam zu einem Zusammenstoß .rajt, denjüdischen Hörern, der durch das Hinzutreten der Polizei beendet wurde. Die Inneneinrichtung des Lokals wurde zerstört. Am nächsten Morgen blockierten die Nationaldemokraten den Eingang zum Polytechnikum und ließen die jüdischen Hörer nicht hinein. Der Rektor appellierte an die Demonstranten, das Tor freizugeben. Seinem Appell wurde Folge geleistet, aber in den Korridoren wurden verschiedenemal jüdische Studenten überfallen, schwer mißhandelt und mit Spucknäpfen beworfen. Aus dem Bibliotheks- und' Ze^hensaal, sowie a^s; versclij^enen VorlesungssäTen würden jüdische Hörer hinausgeworfen und mißhandeit. Es wurden Pöppelspaliere zum "Auffangen der" jüdischen Hörer gebildet, die meisten der Verfolgten wurden aber durch eine Hintertür ins Freie gelassen. Prof. Pluszanski wurde ebenfalls von den Nationaldemokraten tätlich "bedroht und nur durch das Hinzukommen des Rektors vor Mißhandlungen bewahrt. Mehrere nichtjüdische Studenten, die sich ihrer jüdischen Kollegen annahmen, wurden barbarisch mißhandelt. Der Rektor des Polytechnikums, der einsah, daß er die Lage nicht mehr beherrschen könne, verfügte die Schließung der Anstalt für unbestimmte Zeit. In der Sitzung des rumänischen Parlaments am Dienstag, den 29. November, abends, begründete das Mitglied des Jüdischen Klubs, Advokat Mischu Weissmann, seine Interpellation an den Justizminister' und den Innenminister, betreffend die Ritual mordhetze des Jassyer Studentenblattes „Curentus Studentesc", und wies darauf hin, daß die christliche Religion aus der jüdischen Religion hervorgegangen sei. Der antisemitische Abgeordnete George Cuza, Sohn des Begründers des rumänischen Antisemitismus, Abg. Professor C. Cuza, rief: „Das ist eine Infamie!", stürzte sich auf den Redner und versetzte ihm einen Faustschlag ins Gesicht, wodurch er ihm das Augenlid verletzte. Der am Auge blutende Weissmann ohrfeigte George Cuza mehrmals und stieß ihn vor sich. In der gesamten Kammer herrschte Empörung Ein würdiger Sohn. über die brutale Tat Cuzas. Der Unterstaatssekretär des Kultusministeriums Andrei bestieg die Rednertribüne und erklärte, er schäme sich, ejner so brutalen, in einem Parlament unerhörten Szene beigewohnt zu haben, und bedauere es, daß ein Universitätsprofessor zum Faustargument greift, wenn eine ihm nicht passende Ansicht geäußert wird. Die Disziplinarkommission der Kammer trat sofort zusammen und beschloß, beim Plenum der Kammer den Ausschluß George Cuzas von 20 Sitzungen zu beantragen. Außenminister Titulescu sprach während der Sitzungspause in den Couloirs dem Deputierten Mischu Weissmann seine vollste Sympathie aus und erklärte, er bedauere als Minister solche brutale Vorfälle im Parlament und schäme sich ihrer. Die rumänische Kammer hat in ihrer nächsten Sitzung mit 126 gegen 41 Stimmen den von der Disziplinarkommission einstimmig gefaßten Beschluß, den Deputierten Prof. George Cuza für 20 Sitzungen auszuschließen, bestätigt. George Cuza, der das Wort zu einer Verteidigungsrede erhielt, verbreitete sich statt dessen über Ritualmord, Mädchenhandel und Zionismus. Er erklärte, er bedauere seine Tat nicht, sie sei nicht unbedacht und unverantwortlich, sondern mit vollem Bewußtsein verübt worden. Er habe mit seinem Schlag nicht irgend einen jüdischen Abgeordneten, sondern den Führer des Zionismus, der nicht, wie behauptet werde, die Schaffung eines jüdischen Nationalheims, sondern die jüdische Herrschaft über alle Völker anstrebe, getroffen. Die Juden Rumäniens hätten auch nicht den Versuch einer Annäherung an das rumänische Volk gemacht. George Cuzas Auslassungen wurden teils mit Lachen, teils mit lebhaftem Protest aufgenommen. Das Verhalten des Vorsitzenden, Vizepräsidejit Cäsar S p i n a a n u, der Cuzavollste Freiheit ließ, die jüdische Religion und die jüdische Bevölkerung aufs schwerste zu beleidigen, ohne ihn ein einzigesmat zu unterbrechen öder zur Ordnung zu rufen, während er Versuche, den Redner in die Schranken seiner geschäftsordnungsmäßigen Aufgabe zu weisen, schäristens unterdrückte, löste nicht nur bei den Abgeordneten der jüdischen Partei, sondern auch bei einem Teil seiner eigenen nationalzaranistischen Fraktionsgenossen Unzufriedenheit und Widerspruch aus. In stürmischen Zwischenrufen protestierten Dr. Josef Fischer, die jüdischen Mitglieder der Regierungspartei Adv. Aureliu Weiss und Solomon Rosenberg, sowie Dep. Emil Socor, der bekannte demokratische Publizist, gegen den vor einigen Jahren wegen seiner judenfreundlichen Haltung von antisemitischer Seite ein Attentat verübt wurde, gegen die Beschimpfungen des Judentums von der Tribüne des Parlaments und die allzu große Nachsicht des Vorsitzenden. Der Führer der demokratischen Bauernpartei Abg. Lupu, erklärte, das jüdische Volk In Rumänien bilde eine arbeitende Bevölkerung, die 400 Jahre lang mit den Rumänen Schulter an Schulter gestanden habe. Der Protest des Vertreters des jüdischen Kultus Im Senat Zu Beginn der gleichzeitig abgehaltenen Sitzung des rumänischen Senats gab Senator Dr. I. Niemirower als offizieller Vertreter des jüdischen Kultus eine Erklärung ab, in der er schärfstens gegen die in der Kammer ausgesprochenen Beschimpfungen der jüdischen Religion protestierte. Dr. Niemirower führte u. a. aus: Als Vertreter des mosaischen Kultus im Senat fühle ich mich verpflichtet, mit aller Energie gegen das im Parlament verübte Attentat gegen die Wahrheit und die Religion im allgemeinen zu protestieren. Nicht nur die rabbinischen Autoritäten aller Länder und Zeiten, sondern auch römische Päpste, die größten Kapazitäten der semitischen und theologischen Wissenschaft, Koryphäen der protestantischen Kirche und die höchsten Autoritäten der orthodoxen Kirche haben festgestellt daß die Ritualmordbeschuldigung eine unverschämte Lüge ist Alle in dieser Angelegenheit in neuerer Zeit geführten Prozesse haben die Unschuld der Angeklagten erwiesen. Wer im rumänischen Parlament von Ritualmord spricht, beleidigt nicht nur alle Juden, sondern auch den Kulturgrad des rumänischen Staates. Im Namen des Rabbinerverbandes des Alten Königreichs, im Namen aller Lehrer des Judentums des gesamten Landes protestiere ich gegen die empörende Beschuldigung, als seien die Rabbiner imstande, die jüdische Bevölkerung zu sozialen Verbrechen zu ermutigen und in den Synagogen unsittliche Lehren zu verkünden. Im Namen von Jahrtausenden kultureller Geschichte Israels, im Namen der mosaischen Religion, die eine Quelle der Gläubigkeit und der Ethik für die gesamte Menschheit geworden ist, im Namen der alten, in hunderte Sprachen übersetzten und zum Buch de.r Bücher gewordenen Bibel protestiere ich gegen die giftigen Behauptungen des Deputierten Prof. Cuza. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß das rumänische Volk zwischen dem Lügenwort des Hasses und der Stimme des Rechts und der Wahrheit zu unterscheiden wissen wird.