Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1932-12-09 · Heft 50 (9.12.1932) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 50 (9.12.1932)
Date
1932-12-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064401-3064449--19102-3084203
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

nffi WAHRHEIT Seite 5 Herriot verdammt den Antisemitismus. Eine Botschaft an die Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus. — Ein Brief Einsteins. '■■ Der französische Ministerpräsident Edouard Herriot, Ehrenpräsident der Internationalen Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus, der seine Absicht," das im Rahmen der Jahrestagung dieser Liga stattfindende Bankett zu leiten, im letzten Augenblick nicht durchführen konnte, sandte zu dem Bankett einen persönlichen Vertreter mit eineT Botschaft, in der er angesichts der in verschiedenen Ländern ansteigenden antisemitischen Flut seinem Abscheu vor dieser barbarischen Bewegung Ausdruck gibt und erklärt, daß der Weg zur Genesung der Welt einzig und allein im Frieden und in der Versöhn im g liegt. Auf der Konferenz wurde auch ein Brief Professor Albert Einsteins aus Caputh bei Berlin verlesen, in dem der berühmte Gelehrte der Liga für ihre Tätigkeit seine Anerkennung ausspricht und erklärt, die U e b e r w i n d u n g d e s A n t i s emitismus sei eine der großen Aufgaben der heutigen Menschheit. Prof. Einstein forciert die Mitglieder der Liga auf, für den Frieden zu wirken, da ein gesicherter Friede die beste Garantie gegen nationalen Chauvinismus und Völkerhaß ist. Die Konferenz beschloß auf Antrag des Präsidenten der Liga, Bernard L e c a c h e, der Amsterdamer Friedensliga beizutreten. Die Konferenz nahm auch eine Entschließung an, in der der Palästina-Bewegung neuerdings wohlwollende Neutralität zugesichert und erklärt wird, die Lösung der jüdischen Frage werde durch den Frieden unter den Nationen herbeigeführt werden. Dem Bericht der Exekutive ist zu entnehmen, daß im Verlauf des Jahres 200 der Bekämpfung des Antisemitismus gewidmete Versammlungen abgehalten wurden; bekämpft wurden die antisemitische Agitation der Zeitung des Herrn Coty „L'Ami du Peuple", die antisemitische Hetze der Hitlerleute in Deutschland, die antijüdische Verfolgung in Rumänien, die antijüdischen Exzesse in Sfax, in Oran und in den übrigen Teilen von Französisch-Nordafrika. Die Liga nahm an mehreren internationalen Manifestationen teil. 3£afzenfzreuz amWevfr Neue Schächtverbote in Deutschland. Im Gesetzgebungsausschuß des Thüringer Landtages ist die von der nationalsozialistischen Landesregierung eingebrachte Gesetzesvorlage über den Tierschutz, die ein Schächtverbot enthält, mit den Stimmen der Nationalsozialisten und des Thüringer Landbundes gegen die der Sozialdemokraten und Kommunisten angenommen worden. Die Landbundfraktion hat jedoch, damit Schädigungen der thüringischen Landwirtschaft und des einheimischen Fleischergewerbes vermieden würden, beantragt, daß das in der Vorlage mitenthaltene Schächtverbot erst dann wirksam werden soll, wenn auch in den Nachbarländern, insbesondere in Preußen, das Schächten verboten sei. Auch dieser Antrag, der also ein Hintertürchen offen läßt, wurde zum Beschluß erhoben. — Der Landtag von Mecklenburg-Schwerin hat in seiner letzten Sitzung einen von den Nationalsozialisten eingebrachten Gesetzentwurf über das Schlachten von Tieren verabschiedet. Das Gesetz verbietet das betäubungslose Schlachten. Württembergische Regierung gegen Antisemitismus. In Stuttgart sollte vor kurzer Zeit ein Konzert des nationalsozialistischen „Kampfbundes für deutsche Kultur" veranstaltet werden, bei dem neben zwei Nazi-Rednern auch zwei Solomttglieder des Württembergischen Landestheaters ihre Mitwirkung zugesagt hatten. Am Fuß der Ankündigungsklakate standen die Worte: „Juden haben keinen Zutritt!" Dieser Vorgang erregte bei der Stuttgarter Bevölkerung Entrüstung. Der sozialdemokratische Abgeordnete Heymann richtete deshalb im Württembergischen Landtag eine Anfrage an die Regierung, in der er hervorhob, daß sich die Veranstaltung durch die Spszlalhaus für Well« und Moritz Nagel Wien, 2- Bes., Taborilra Re Nr. 17 Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden. Telephon A 45-8-69 am Schluß der Einladung stehenden Worte als eine ..weltanschaulich und politisch einseitige und die Gleichberechtigung aller Staatsbürger verneinende Kundgebung" gekennzeichnet habe und daß das Landestheater seinen Mitgliedern die Mitwirkung an dieser Kundgebung hätte versagen sollen. Das Württembergische Kultusministerium hat auf diese Anfrage geantwortet, daß die Theaterleitung die Genehmigung zu solchen Mitwirkungen nur den ständigen Theatermitgltedern und diesen auch nur dann versagen könne, „wenn die vertraglichen Verpflichtungen des Mitglieds berührt oder wirtschaftliche oder künstlerische Interessen geschädigt werden. Von diesem Recht hätte die Theaterleitung von sich aus und ohne besondere Weisung in vorliegendem Falle Gebrauch gemacht, wenn ihr bekannt gewesen wäre, daß das Plakat den Zusatz: „Juden haben keinen Zutritt!" enthalten werde. Ein Widerruf der Genehmigung hätte sich aber erübrigt, „da die Mitglieder des Personals ihre Bereitschaft zur Mitwirkung in dem angekündigten Konzert von selbst zurückgezogen haben und das Konzert nicht stattfand". Mit dieser Antwort gibt die Regierung die Zusicherung, daß die Wiederholung des Versuches einer solchen Veranstaltung an dem eigenen Taktgefühl der Künstler sowie an dem Widerstand der Theaterleitung scheitern würde. Die Entwicklung, die der Vorfall nahm, hat in der Stuttgarter jüdischen Bevölkerung lebhafte Genugtuung ausgelöst. Kntet(ii£££ä Wien 1., Seitenstettengasse 2, Tef. U 28-1-29 XL, Zentrallrledhof, Kfet <M Itff, TeL 17 18-0-8» Jüdische Tragödie in Hamburg. Viel Teilnahme erweckt in Hamburg das tragische Schicksal des Arztes und Serum-Erzeugers Dr. Enoch, der unter der Beschuldigung, Sera verfälscht zu haben, verhaftet wurde und sich in der Haft eine Tetanus Toxm-Emspritzung in Selbstmordabsicht machte und in Starrkrampf verfiel. Es steHt "sich nttn heraus, daß alle gegen Dr. Enoch erhobenen Beschuldigungen erfunden und erlogen sind und daß er ein Opfer einer antisemitischen l n t r i g u e geworden war. Es wurde festgestellt daß kein einziger Benutzer der Enoch'schen Sera irgendwie an den Folgen dieser Benutzung erkrankt sei. Alle Behauptungen, daß Protestschreiben von Krankenhäusern „die verheerende Folgeerscheinungen der Enoch'schen Sera" gebrandmarkt hätten, haben sich als aus der Luft gegriffen herausgestellt, ebenso alle anderen von der antisemitischen Presse aufgestellten Behauptungen. Enoch ist das Opfer eines persönlichen Racheaktes eines entlassenen Angestellten, der seinen früheren Chef bei dem nationalsozialistischen Organ „Hamburger Tageblatt" denunzierte, das den Fall sofort y.a einer wüsten antisemitischen Hetze ausnutzte;ind die Hamburger Staatsanwaltschaft seltsamerweise veranlaßte, kurzerhand auf Grund der von der genannten Zeitung gemachten Mitteilungen zur Verhaftung zu schreiten. Gegen das „Hamburger Tageblatt" ist wegen Verbreitung irreführender Nachrichten S t r a f a n t r a g gestellt. worden. 100 Pfund Geldbuße fUr das Wort „Shylock". Sir Daniel L e v y, der Vorsitzende des Parlaments der australischen Provinz Neusüdwales, verklagte eine in Sydney erscheinende Arbeitertageszeitung, die über ihn geschrieben hatte, er habe während seiner Amtszeit als Oberstaatsanwalt in einem gewissen Falle als Shylock gehandelt. Der Anwalt Srr Daniel Levys führte vor Gericht aus. sein Mandant sei stolz auf seine Zugehörigkeit zum Judentum, aber er könne es sich nicht gefallen lassen, ein Shylock genannt zu werden. Das Gericht gab der Klage Folge und verurteilte den Redakteur der bekragten Zeitung zur Leistung einer Geldbuße von 100 Pfund. Sir Daniel Levy, einer der angesehensten australischen Juristen, betätigt sich sehr aktiv im jüdischen Gemeindeleben und redigierte vor einiger Zeit das jüdische Organ „Australian Hebrew". Gemeinde ~ fthromh New York und Wien. New Yorker Revisionisten versuchten, eine Versammlung der Vereinigten Jüdischen Gewerkschaften Amerikas (United Hebrew Trades), die zur Unterstützung der Eme-Million- Dollar-Kampagne für das Arbeiterwerk in Palästina (Histadruth-Aktion) einberufen worden war. zu sprengen. Die in größerer Zahl in der Versammlung anwesenden Revisionisten unterbrachen fortwährend die Redner der Histadruth- und weigerten sich, der Aufforderung der SaaJordner, den Saal zu verlassen, nachzukommen. Als versucht wurde, sie mit Gewalt hinauszudrängen, setzten sie dem heftigen Widerstand entgegen. Polizei intervenierte. Die Versammlung nahm eine Resolution an, in der der Kampf der revisionistischen gegen die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter in Palästina verurteilt wird. (Und in Wien werden die feindlichen Brüder regieren!') Ein Generai als Gemeindevorsteher. Her Vorstand der Pester israelitischen KultusjiT-eindt; hat den General Martin Zöld von Sioagard zum Stellvertreter des Kultusvorstehers der Gemeinde. Ministerialrat Dr. Edmund BI u m, ernannt. General von Zöld ist derzeit der einzige jüdische Honved-General. Er machte . den Krieg als Regimentskommandant mit. erhielt fast sämtliche Offiziers-Auszeichnungen und wurde in dtn Adelsstand erhoben. Zum General befördert wurde er nach dem Kriege durch Reichsverweser Nikolaus von Horthy. General von Zöld ist seit mehr als zehn Jahren Mitglied der Repräsentanz der Kultusgemeinde und des Vorstandes der Pester Chewra Kadischa. Trauung. Sonntag, den -1. d. M. iand im restlich beleuchteten Seitenstettentempel die Trauung des Fräulein Lilly Reiß, Tochter des in weitesten Kreisen überaus beliebten Ehepaares Adolf und Else Reiß, mit Herrn Dr. Alfred Louis R ü b n e r, Sohn des Herrn Dr. Heinrich R ü b n e r, statt. Der schönen Feier wohnten sehr viele Festgäste bei, es waren u. a. anwesend: Präsident Wilhelm Kux von der Escomptegesellschaft, Vizepräsident Dr. .1. . Löwenherz, Obermedizinalrat Dr. J. D e u t s c h . und Gemahlin, Kommerzialrat W. Ungar mit Gemahlin, Frau Olga Krupnik, sowie eine ganze . Anzahl von Persönlichkeiten. Herr Rabbiner Dr. M. . Rosenmann hielt eine geistvolle Ansprache an das Brautpaar, in der er darauf hinwies, daß die Brauteltern sicii wegen ihres edlen Wohltätigkeits- sinnes allgemeiner Wertschätzung erfreuen und daß der Vater des Bräutigams, der mehr als drei Jahrzehnte in einer der vornehmsten Firmen; Wiens in leitender Stellung wirkt, überaus ge- ' achtet ist. Mit dem Appell an das Brautpaar, in gleichem Sinne wie ihre hochgeschätzten Eltern zu wirken und dem Ideal des ludentums sich zu widmen, schloß der Redner seine eindrucksvolle Ansprache. Oberkantor H. Fischer versah mit dem gesamten Chor die Funktion in vollkommener ■ Weise. Nach der Trauung fand im Hotel Metropol ein Gratulationsempfang statt, wobei zum Beweis für die berechtigte Beliebtheit der beiden Häuser viele hohe Persönlichkeiten anwesend waren. Eger. Es waren kaum die ersten (iniitdpretler zur Errichtung einer Kultusgenieinde in der althistorischen Stadt Eger. die viele Jahrhunderte nach der Katastrophe vom Palmsamstag des Jahres 135» ..judenrein" geblieben war, aufgestellt, und schon landen sich jüdische Menschen, vorzüglich Frauen, die darangingen, einen Frauenverein zu gründen. Die Statuten waren im Dezember 1882 fertiggestellt und die behördliche Genehmigung erfolgte am 22. Jänner 1883. Als erste Obmännin zeichnete Frau Ester Popper, als deren Vertreterin Frau Charlotte Kohn. Als Zweck des Vereines wurde angegeben. Unterstützung und Pflege armer Wöchnerinnen und armer, kranker Frauen. Der Frauenverein in Eger entfaltete sich im Verlaufe seines 50jährigen Bestandes zu einer Wohltütigkeitsinstitution großen Stils. Er konnte sich nicht nur auf die lokale Hilfe beschränken, denn Eger im Drei-Kurcrte-Winkel und an zwei Grenzen (Bayern und Sachsen) liegend, ist zu einem Sammelpunkt jüdischer Almosenheischender geworden: und man gab und hali nach Kräften bis auf den heutigen Tag! Der Frauenverein in Eger veranstaltete aus Anlaß seines 50jährigen Bestandes am 26. November im herrlich dekorierten Tempel einen Festgottesdienst, der mit einem HaHaluja von Sulzer und einer Jubiläumshyrrme (Text: Wilkowitsch. Vertonung: Grünzweig) eingeleitet wurde. Nach

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.