Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 50 (9.12.1932)
- Date
- 1932-12-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Herstellung der antinationalen Front, deren Zweckmäßigkeit nicht überall richtigem Verständnis beg'esnete. Die Dinge, die nun kommen werden, werden aber wohl beweisen, daß unsere Befürchtungen zu Recht bestanden und daß die Konsequenzen, die wir daraus zogen, die richtigen waren. Die Jüdischnationalen werden nun darangehen, wenigstens einige ihrer unzähligen Versprechungen einzulösen. Was immer sie anpacken werden, um die Umwandlung ,dler Kultusgemeinde in ihre famose ..Volksgemeinde" vorzubereiten, jeder einzelne Schritt kostet Geld, Geld und wieder Geld und das wird aus der verarmten Wiener Ju.dtenschaft herausgeholt werden müssen. Andere Mittel stehen vorderhand nicht zur Verfügung und deshalb wird entweder die jüdäschnationale Partei ihr Wort nicht halten und die Anhängerschaft verHeren oder, was wahrscheinlicher ist. eine Va-Banque-Politik betreiben, wie sie ihre Berliner Gesinnungsgenossen vier Jahre lang mit dem Erfolge getrieben haben, daß sie die Wählerschaft nach dieser kurzen, aber genügenden Kostprobe jüdischnationaler Verwaltungskunst davonjagte. In Bertin ist die zionistische A\ajorität Episode geblieben und in Wien wird es nicht anders sein. Diese Hoffnung erfüllt uns in diesen Tagen, da wir Rückschau halten auf das große Heer jener, die treu bei der alten Fahne geblieben, auf die gewaltige Schar jener älteren und jüngeren Mitarbeiter, üäe Wochen hindurch uns in dem schweren Kampfe geholfen haben. Ihnen allen sei Dank gesagt und die Versicherung gegeben, daß die „Union" unverdrossen weiterarbeiten wird und den Sieg für die nächsten Kultuswahlen vorbereiten. " Oskar Hirschfeld. Drei Tage Pogrom. Die unter der studentischen Jugend Lembergs ununterbrochen betriebene antisemitische Hetze, die seit Wochen zu täglichen Ueberfällen auf jüdische Hörer an den Hochschulen führte, hat am Sonntag, den 27. November, ungemein traurige Resultate gezeitigt. Schon in den letzten Tagen wurden jüdische Bürger in den Straßen durch Studentenhuligans beschimpft und angerempelt. Auch in der Nacht zum Sonntag, den 27. November, wurden in verschiedenen Stadtteilen Juden überfallen. Am Sonntag mittag ereignete sich der folgende Vorfall: Vor dem Cafe „Adria" in der Szeynachagasse postierten sich 6 Studenten der Verbindung „Venetia" in Wichs und beschimpften alle vorbeigellenden Juden, die sie zwangen, den Bürgersteig zu verlassen. Drei junge Juden, unter ihnen der Bäckergehilie K a t z. der eine Frau am Arm führte, und der Zeitungsverkäufer Keller wurden gestellt und als Juden verspottet. Es wurden ihnen Jo-Jo-Spiele ins Gesicht geschleudert. Dabei schrien die Studenten: „Juden und Hunde dürfen den Bürgersteig nicht benutzen!" Katz weigerte sich, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Daraufhin versetzte ihm der Student Jan Grotkowski eine" s c h ä 11 e'n d e O h r f e i g e. Das war das Signal für die anderen, über Katz und seine Begleiterin herzufallen und unbarmherzig auf sie loszuschlagen. Katz, der durch wuchtige Schläge auf seinen Schädel und die Schreie der Frau, die blutete, jede Besinnung und Beherrschung verlor, zog ein Messer und stach wie wild um sich. Grotkowski erlitt tödliche, zwei weitere Studenten erlitten leichte Verletzungen. Die übrigen drei ergriffen die Flucht. Die Ermordung des antisemitischen Studenten hat für die Juden in Polen eine tragische Situation geschaffen. Als vor mehr als einem Jahre der antisemitische Student Waclawski in Wilna bei einem Angriff antisemitischer Studenten auf ihre jüdischen Kollegen vor der Universität durch einen Steinwurf (wahrscheinlich eines seiner Mitgenossen, denn die angegriffenen, die Universität verlassenden Juden hatten keine Steine zur Verfügung) ermordet wurde, waren Monate hindurch ganze Teile Polens von einer antisemitischen Unrrihewelle heimgesucht. In Lemberg aber steht es bereits fest, daß ein Jude — wenn auch angegriffen und durch Schläge auf den Kopf fast besinnungslos gemacht — Grotkowski niederstach. Moses Katz hat nur eine lose Beziehung zu der jüdischen Gemeinschaft; er und seine Mitverhafteten, der Zeitungsausträger Schalom Keller und Nachum Schmer, gehören der Lemberger Unterwelt an, und die Frau, die sich in ihrer Gesellschaft befand, ist eine Prostituierte namens Soruwka. Trotzdem sehen die polnischen Nationalsozialisten in der Tat von Katz einen „jüdischen Mord" (richtig ist nur, daß Katz als Jude angegriffen wurde) und gaben überall geheime und offene Parolen zum Angriff auf die Juden. Vorfall setzte in den gefährliche Judenversuchten, den Straßenauf Juden aufzustacheln, bewohnten Straßen wurden Passanten zu Boden geschla- Sofort nach diesem Straßen Lembergs eine hetze ein. Agitatoren mob zu einem Pogrom In den von Juden zahlreiche jüdische Extraausgabe mit gefährlichein Hetzinhalt, sie wurde von der Polizei verboten. Bereits am Montag lagen in den hemberger Krankenhäusern 46 bei den Straßenkämpfen verletzte Juden, von denen mehrere längere Zeit das Bett werden hüten müssen. Johlend, schreiend und den Juden Rache schwörend, zogen Nationaldemokraten in Massen durch die von Juden bewohnten Straßen. Die jüdische Bevölkerung hatte sich in die Wohnungen eingeschlossen. Die Aufrufe der Behörden und des Rektorats, in denen festgestellt wurde, daß es sich bei der Ermordung Grotkowskis nicht um eine politische Tat, sondern um einen Zusammenstoß zwischen bummelnden und betrunkenen Studenten und ebenfalls betrunkenen Angehörigen der Unterwelt gehandelt hat, hatte nichts gefruchtet. An gefährlichen Punkten der jüdischen Viertel hatte sich die jüdische Selbstwehr postiert und lenkte den Strom der Demonstranten ah. Die Ausschreitungen wiederholten sich am Montag in verstärktem Maße. Zuerst waren die ENoontÄuswani BILLIGSTE PREISE TEPPICHE VORHÄNGE FlÖDELSTOEfE, DECKEN NUR I., BAUERNMARKT 12-14 gen und zum Teil erheblich verletzt Fünf Juden, die sich den Huligans entgegenstellten, wurden von der Polizei in Schutzhaft genomrnen. Die antisemitische „Kurier Lwowski" veranstaltete eine Ueberfälle sporadisch. An verschiedenen Stellen der Stadt wurden Juden von P r ü g e 1 b a nden überfallen und bis aufs Blut geschlagen. Frauen wurden nicht geschont, an vielen jüdischen Geschäften wurden die Scheiben eingeschlagen. Die Polizei versuchte überall die Ordnung Jierzustellen, allein als die Demonstranten Verstärkung erhielten und sich zu großen Zügen vereinigten, war die Polizei gegen sie machtlos. Die Demonstranten zogen in großen Massen in die jüdischen Viertel. Die Fensterscheiben in den jüdischen Geschäften, die geschlossen waren, wurden eingeschlagen, vielfach wurde die Ware geraubt, mehrere Geschäfte wurden ganz ausgeplündert. Zu einem ernsten Zusammenstoß zwischen Schutzmannschaften und Studenten kam es vor dem Akademikerhaus. Die Beamten wurden aus den Fenstern des Hauses mit Spucknäpfen, Kohlenstücken und Gläsern beworfen. Hier wie an anderen Stellen nahm die Polizei mehrere Verhaftungen, auch von Juden, vor. Am Dienstag Morgen schien es, daß die Polizei, die in voller Stärke eingesetzt wurde, den Ereignissen gewachsen sei. An diesem Tage fand die Bestattung Grotkowskis statt. Der Leichnam war im Akademikerheim aufgebahrt. Polizei zu Pferde und zu Fuß sorgte für Ordnung während des Leichenzuges durch die Straßen. Viele Hunderte Studenten aus Krakau, Warschau und aus anderen Städten waren zur Teilnahme am Begräbnis eingetroffen. Die jüdischen Geschäfte waren geschlossen. Nach Beendigung der Bestattungsfeier setzten die Unruhen erneut ein. Die vom Friedhöf zurückflutenden Studenten und der Straßenmob zogen im Laufschritt in die von Juden bewohnten Straßen, wo alsbald eine gefährliche Panik entstand. Ungeachtet des Eingreifens der jüdischen Selbstwehr wurden zahlreiche jüdische Männer und Frauen angegriffen und blutig geschlagen. Aus den Straßenbahnen wurden die jüdischen Passagiere herausgeholt und blutig geschlagen. Die Zahl der Verletzten übersteigt bereits die Ziffer 100. Zu besonders schweren Zusammenstößen kam es in der Kopernikus-Gasse, wo mehrere jüdische Organisationen ihre Büros haben. Während des größten Tumults fielen von irgendwoher Schüsse, durch die der antisemitische Student Zamonske schwer verletzt wurde. Die Polizei nimmt an, daß Kommunisten die Schüsse abgegeben hätten. Aus der Mitte der antisemitischen Demonstranten fanden sich aber bald Zeugen, die gesehen haben wollten, daß aus einem Fenster der Wohnung des Präsidenten der Repräsentanz der jüdischen Gemeinde und Sejmdeputierten Maurizi Jäger geschossen wurde. Man durchsuchte die Wohnung und nahm Ung. Jäger, einen Bruder von Maurizi Jäger, fest. Auch Maurizi Jäger, der damals in der Wohnung nicht anwesend war, wurde zur Polizei gerufen. Diesen Umstand nutzten die antisemitischen Agitatoren zu einer gefährlichen antijüdischen Hetze aus. Bald aber konnte das Ergebnis der beschleunigten polizeilichen Untersuchung bekanntgegeben werden, das dahin lau- tete, daß aus der Wohnung Jägers nicht geschos- ' sen wurde. Aus W i I n a eingetroffene Nachrichten besagen, daß es an der dortigen Universität zu schweren Unruhen gekommen ist. Sämtliche jüdische Studenten wurden aus dem Gebäude hinausgeworfen. Audi wurden Juden in den Straßen angegriffen. Senator Rabbiner Rubinstein intervenierte beim Wojwoden, der die Versicherung abgab, er werde die jüdischen Einwohner schützen. Zu schweren Zusammenstößen kam es auch an der Warschauer Universität, wo einige jüdische und nichtjüdische Studenten verhattet wurden. ' Man zählt auf. beiden Seiten Verletzte. Auch in den Straßen kam es zu sporadischen Ueberfällen auf Juden. Weit schwerer waren die Zusammenstöße in Krakau. Hier spielten sich die Kämpfe meist . zwischen Polizei und den Demonstranten ab. ..AehnlichE. Zusammenstöße ereigneten sieh . in Czenstochau. in Lemberg, Warschau, Krakau, und Wilna wurden die Universitäten und fast sämtliche Hochschulen geschlossen. Am Mittwoch herrschte endlich in Lemberg Ruhe. Aber die jüdische Bevölkerung steht noch unter dem schweren Eindruck der dreitägigen Haßäusbrüche und Brutalitäten gegen die jüdische Bevölkerung und die jüdische Studentenschaft und wagt sich nicht aus den Häusern, zumal noch im- ., mer einzelne Mißhandlungen vorkommen, bei denen 63 Juden durch Huligans verletzt wurden. Die jüdischen Zeitungen, die nun wieder erscheinen dürfen, veröffentlichen im Ton sehr vorsichtig gehaltene, aber im Inhalt n e r v e n a u fpeitschende Schilderungen des Verlaufes der dreitägigen Kämpfe. Die Straßen hallten wider von Rufen und Losungen, wie „Schlagt die Juden und rettet Polen? Tötet die Juden! Nehmt Räche an den Juden usw." Am tragischesten sind die Schilderungen der Ausschreitungen in den Gebäuden der Universität und der übrigen Hochschulen, wo die jüdischen Hörer und Hörerinnen sich wie in einer zugeklappten Falle befanden und den grausamsten Brutalitäten ihrer nichtjüdischen Kommilitonen ausgesetzt waren. Die Zeitungen veröffentlichen sehr lange Listen von erheblich verletzten jüdischen Studenten und Studentinnen, von hunderten Juden und Jüdinnen, die in den Straßen Lembergs als Passanten oder als Geschäftsinhaber bei dem Sturm auf ihre Geschäfte, bzw. Warenstände verletzt wurden. Mehrere jüdische Einwohner wurden durch Steinwürfe, die durch die Fenster in ihre Wohnungen geschleudert wurden, verletzt. Unter den Verletzten befinden sich auch der in Lemberg wohnende „Wariszer Rabbi" und ein jüdischer religiöser Funktionär, die sich mittels Pferdedroschke zur Vornahme einer jüdisch-religiösen Handlung begaben. Studenten zerrten den Rabbi und seinen Begleiter vom Wagen und brachten ihnen blutende Wunden bei. Eibe blutende Kopfwunde erhielt der frühere jüdische Sejmdeputierte Dr. A. Insler. Auch in den Zügen, die zwischen Przemysl und Lemberg verkehren, würden jüdische Passagiere fürchterlich mißhandelt. Allein bei . den Unruhen nach der Bestattung des ermordeten politischen Studenten Grotkowski, an der etwa 60.000 nationalistische