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Die Wahrheit · 1932-12-09 · Heft 50 (9.12.1932) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 50 (9.12.1932)
Date
1932-12-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der »Union österreichischer Juden" and den Amtlichen Verlautbarungen der israelitischen Kultusgemeinde Wien IHMIIIM^ Redaktion und Administration: Wien II.. Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkasserkonto Wien: A 100918 Vi« Wahrheit Erscheint jeden Freitag XLVUI. Jahrgang Wien, 9. Dezember 1932 Nummer SO 0%f%mSO Kompl. Ski-Ausrüstung — M^^^M gute Leder-Huitfeldbindung, 1 Paar ^■■J gute Huitfeldbatken, 1 Paar gute ^^^m ■wdv Fußbleche, 1 Paar gute Haselstöcke, ■"■^■W •BJ*^ 1 Paar gute Rohrteller, 1 Paar gute Lederschlaufen, 1 Paar gute Sktschnal!gurten, 1 guter Klappapi itusbrenner, 1 guter Skispanner samt Klotz, 1 Ski- Schneebrille, inkl. erstkl. Montage. <fQ»50 Dasselbe fürs Kind von cm 100 bis 160 lang IO SKI-SCHAFWOI.I.-I.OOeM Unser langjährig bewährter Schlager,: 1 Paar gute Eschen-Ski, 1 Paar Gratis die nen'e HOSE V «9 ■ .Preisliste U i s «so Der 4. Dezember — eine Episode. Die Wahlschlacht ist vorüber. Nach Wochen heißesten Kampfes ist endlich wieder Ruhe in der Wiener Judenschaft eingezogen, leider jedoch jene Ruhe, die den Menschen bei besonders schickalsschweren Ereignissen im ersten Augenblicke lähmt. Wir wollen nicht beschönigen: Der Ausgang der Wahlen vom 4. Dezember ist ein solch schicksalsschweres, ja ein tragisches Ereignis. Nicht der Umstand, daß die „Union" mehrere Mandate von ihrem bisherigen Besitzstande verloren hat, erzeugt bei uns diese Stimmung, die Männer der „Union" sind, obwohl sie immer als solche verlästert werden, nicht die Ehrgeizlinge, die bei Verlust der einen oder anderen Ehrenstelle in Sack und Asche trauern. Nein, die Tatsache, daß ein Großteil der Wählerschaft, sogar 50 Prozent derselben, die Bedeutung des 4. Dezember nicht eingesehen hat und trotz aller Warnungen und heißesten Bemühungen wieder zu Hause geblieben ist, diese Tatsache allein bereitet uns Kummer und Sorge und läßt uns beinahe an dem politischen Verständnis der Wiener .ludenschaft verzweifeln. Die „Union" hat alles getan, um diese geistig voll zur „Union" gehörigen Wählerschichten, deren Wahlenthaltung schon bei früheren Anlässen die Jüdischnationalen triumphieren ließ, diesmal aufzurütteln. In Wort und Schrift wurde diesen Laxen und Lauen gesagt, womm es am 4. Dezember geht. Wir schrien ihnen förmlich ins Ohr, welche große Gefahr der Wiener Judenschaft droht, wenn sie diesmal nicht ihre Pflicht erfüllt, wenn sie diesmal nicht ihr Wahlrecht als Wahlpflicht auffaßt. Es erscheint uns überflüssig, in diesem Momente, da das Unheil schon seinen Lauf zu nehmen droht, nochmals all die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gefahren aufzuzeigen, die wir vor Augen sahen und heute mehr denn je sehen. 50 Prozent der Wiener Judenschaft haben, trotzdem ihnen diese Gefahren deutlich aufgezeigt wurden, die Bedeutung des Wahltages nicht erkennen wollen, und daher der Wahlausgang vom 4. Dezember. Für diese Enthaltung eines solch starken Teiles der Wählerschaft muß eine Erklärung gefunden werden. Man kann nicht allein annehmen, daß diese 50 Prozent den Dingen in der Gemeinde mit solch vollkommener Interesselosigkeit gegenüberstehen, daß die Entscheidung, um die es diesmal ging, sie absolut nicht berührte. Bei einem Teil mag dies zutreffen, jedoch für die ganzen 50 Prozent ist diese Erklärung sicherlich nicht stichhältig. Die Gründe müssen tiefer liegen. Zunächst war es ausgesprochener Widerwillen, der viele von einer Wahlbeteiligung abhielt, als sie sahen, wie diese Wahlen für eine jüdische Gemeinde von seiten der Jüdischnatioualen und ihrer gleichgesinnten Gruppen und Grüppchen geführt wurden. Schon die Tatsache allein, daß neun Listen um die Gunst der Wählerschaft warben, von denen die überwiegende Mehrheit mehr oder minder gut kaschiert nur jüdischnationale Belange vertrat, wirkte verwirrend. Und als dann der Kampf dieser jüdischen Parteien gegeneinander einsetzte, als man sah, wie jüdischnationaler Terror, Haß und Verleumdung den Schauplatz beherrschte, der im wahrsten Sinne des Wortes zum Kriegsschauplatz geworden, da erfaßte jeden, der es mit dem Wohl der Wiener Judenschaft ehrlich meint, ein Gefühl des Abscheus, das bei gar vielen so tief ging, daß sie es vorzogen, durch ihre Wahlenthaltung einen Protest einzulegen gegen Geschehnisse, die jeden wahren Juden mit bangen Gefühlen für die Zukunft seiner Gemeinschaft erfüllen müssen. Der Gedankengang dieser Menschen war ein falscher. Aber er ist verständlich, wenn man heute, da es wieder still geworden, die Menge geduldigen Zeitungspapiers überblickt, auf dem Worte fanatischesten Hasses und übelster Verleumdung von Juden gegen Juden gedruckt war, wenn man sich heute zurückerinnert an das widerliche Schauspiel, das inmitten einer Zeit des schwersten Antisemitismus Juden der hohnlachenden Umwelt dadurch boten, daß sie in Versammlungen der Gegner sich so benahmen wie — es gibt keinen anderen Vergleich — Hitler-Buben. Noch ein Umstand mag zu der kolossalen Stimmenthaltung beigetragen haben, über den offen zu sprechen, wir für unsere Pflicht halten. Die unionistische Partei, die schon im letzten Wahlgang im Jahre 1928 dem gewaltigen Ansturm der Jüdischnationalen standzuhalten hatte, erkannte bereits im Juli d. J., als die nationaljüdischen Parteien entgegen allen politischen und wirtschaftlichen Bedenken eine Verschiebung des Wahltermines ablehnten, daß diese nun vereint den Generalangriff zur „Eroberung" der Kultusgemeinde zu unternehmen entschlossen wären. Die Entwicklung bestätigte diese Vermutung. Denn die nicht nur weltanschaulich, sondern auch innerjüdisch desparatesten Elemente fanden sich zusammen, wenn sie auch getrennt marschierten: Von den religiösen Misrachisten über die bürgerlichen Allgemeinen Zionisten und faschistischen Revisionisten bis zu den kommunistischen Poale- Zionisten. Eine gemeinsame Front, die naturnotwendigerweise jene Gruppen, die die jüdischnationale Politik verurteilen, in eine gemeinsame Abwehrstellung drängte. So entstand unsere Wahlgemeinschaft mit der „Vereinigung werktätiger Juden". Die Wählerschaft hat nun, wie insbesondere die Ergebnisziffern aus den sogenannten bürgerlichen Bezirken beweisen, die Gründe, die zu diesem Kompromiß führten, nicht restlos anerkannt. Die Juden dieser Bezirke ließen sich allzu sehr von weltanschaulichen Prinzipien leiten und übten Wahlenthaltung, weil ihnen das Zusammengehen mit weltanschaulich Andersorieutierten nicht zusagte. Auch diese Einstellung mag gefühlsmäßig richtig sein, für den Wahlausgang war sie von gleich verderblicher Wirkung wie die Haltung jener sozialdemokratischen Juden, die aus Protest gegen das Bündnis zwischen „Werktätigen" und „Union" die „Sozialistische Liste" wählten. Diese Trutzwähler beachteten nicht, daß sich hinter dieser Falschmeldung eine Partei verbarg, die in der Wiener Judenschaft unter linderen Umständen auch nicht ein Mandat hätte erringen können, und verhalfen so diesem unbedeutenden Grüppchen zu einer ganz unberechtigten Geltung. Die vier Poale-Zionisten, die demnächst den Einzug in die Kultusgemeinde vornehmen werden, wissen sehr genau, daß sie ihre Mandate nicht der eigenen Kraft, sondern einer Kombination verdanken, die sich im bürgerlichen und sozialistischen antinationalen Lager nicht als ganz zugkräftig erwiesen hat. Was wird nun geschehen? Die „Union" zieht trotz allem als relativ stärkste Partei in den neuen Kultusvorstand ein, sie stellt neue, in Wirtschaft und Gesellschaft bedeutende Männer, denen im künftigen Kultusvorstartdi eine schwere Aufgabe zufallen wird. Denn obwohl die „Union" unter allen wahlwerbenden Parteien die größte Stimmenzahl errungen hat, obwohl es ihr gelungen ist, bei zwei Fünftel der abgegebenen Stimmen auf ihre Liste zu vereinigen, ist sie doch an Stärke durch die Zusammenfassung jener fünf zionistischen Parteien übertroffen worden, die säch im Wahlkampf aufs heftigste befehdeten und nun im Kultusvorstawll sich dennoch brüderlich die Hand, reichen werden, da es gilt, die „Union" in die Minorität zu drängen. Es ist eine Irreführung, wenn die Zionisten sich als die Sieger des Wahlkampfes aufspielen und wenn manche Tagesblätter auf Grund der ihnen von jüdischnationaler Seite gewordenen Informationen von einem zionistischen Wahlsieg faseln. Die „Zionistische Liste" hat kaum ein Drittel aller abgegebenen Stimmen errungen und das auch nur dadurch, daß es ihr mit Aufbietung aller erlaubten und unerlaubten Mittel gelungen ist, insbesondere in den judenreicheren Bezirken den letzten Mann und die letzte Frau zur Urne zu bringen. Ein Plus konnten sie trotz aller Anstrengungen, trotz des Bündnisses mit dem zionistischen Heros Stricker nicht erreichen und werden sie auch nie mehr erreichen können, während wir noch die große unausgeschöpfte Reserve der Indolenten zur Verfügung haben. Die Jüdischnationalen müssen, wollen sie die ihrer Anhängerschaft versprochene „Eroberung" der Kultusgemeinde nun wirklich vornehmen', sich mit Gruppen zusammentun, die ihnen weltanschaulich ganz fremd gegenüberstehen. Die „Herrschaft" der Zionisten wird also mit Opfern verbunden sein, Opfern, die in erster Linie sicherlich die Wählerschaft zu tragen haben wird. Diese Entwicklung haben wir vorausgesehen. Und weil wir sie voraussahen, deshalb kam es zur

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