Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 49 (2.12.1932)
- Date
- 1932-12-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Unionisten, Nationaljuden, Taufe und Mischehen. Der von Nussenblatt veröffentlichte „Brief Herzls nach Mainz", in welchem die Mischehe als „nicht wünschenswert'" erscheint, ist vom Jahre 1898. Fünf Jahre später, 1903, feierte der Dichter Israel Zangwill, Herzls Weggenosse, seine Vermählung mit Fräulein Edith, der Tochter des Prof. Ayrton in London. Herzl beglückwünschte seinen „bewährten Gesinnungsgenossen" in der zionistischen „Welt" und hob hervor, daß die Braut eine christliche Dame sei! Hätte Herzl gegen die Verbindung eines Juden mit einer Nichtjüdin Bedenken gehabt, wäre — 7 Jahre nach Erscheinen des „Judenstaates" — das Hervorheben des Christentums der Braut unterblieben. Hugo Zuckermann, der bekannte Dichter und Verfasser des „Reiterliedes", ein begeisterter Anhänger Herzls, führte bekanntlich, allerdings nach dem Tode des Meisters, eine Nichtjüdin als Gattin heim. Der „religiöse Erneuerer" und zionistische Philosoph Martin Buber schloß, als er Redakteur der „Welt" war, mit einer Arierin eine Lebensgemeinschaft. Herzl nahm keinen Anstoß, in seinem Zentralorgan „Die Welt" (1901, Nr. 36, 43 und 45) einige Aufsätze von der Christin Frau Paula Winkler zu veröffentlichen. Es ist Bubers legitime Gaitin und es ist bekannt, daß ein Artikel, ja, eine unbedeutende Notiz, in das genannte Blatt ohne Zustimmung Herzls nicht hineinkommen konnte. „Der Einfluß seiner nichtjüdischen Frau auf Bubers Schaffen war groß, er selbst hat davon Zeugnis abgelegt, als er an seinem fünfzigsten Geburtstag Rückschau auf sein Leben hielt", meint Hans Kohn, der Buber-Biograph und bemerkt mit Recht in seinem wunderschönen Werk über „Martin Buber, sein Werk und seine Zeit" zu der Verbindung des großen Zionisten mit der Nichtjüdin: „Der junge Jude, dessen Sehnsucht damals nach einer Reife jüdischen Volkstums in der Fülle lebendiger, schönheitsverklärter Form ging, fand bei dem Mädchen, in dessen Wesen sich wie bei vielen" Süddeutschen romantischer Formsinn und nordische Nachdenklichkeit verbanden, nicht nur Verständnis für die Träume und Strebungen seines Volkes, sondern auch die Verkörperung jener freien, schönen und in sich sicheren Menschlichkeit, die gerade manche der besten jungen Juden bei Nichtjüdinnen gefunden haben. D i e zwei mächtigen Antriebe der edlen Assimilation im neunzehnten Jahrhundert waren die Liebe zur Freiheit des Individuums in der unbefangenen Einstellung zur Natur und Kunst einerseits, zur Erotik andererseits. Das „Hellenische", das seit Heine füt die Juden die lichte, ihm schwer zugängliche Lebensseite bedeutete, die klare, sichere, durch innere Zweifel unangefochtene und daher mit natürlicher Würde und Grazie wirkende Formgestalt, verkörperte sich dem jungen Juden oft in der Frau aus fremdem Stamme." So Hans Kohn, der bis vor kurzem von der zionistischen Organisation in Jerusalem an leitende Position gestellt war. Hier finden wir eine ganz eindeutige Empfehlung der Mischehe vom zionistischen Standpunkte! Es ist mit größter Bestimmtheit anzunehmen, daß sich in den Aufzeichnungen Theodor Herzls zum Probien, der Mischehe wichtige Bemerkungen befanden. Der Herausgeber der Herzl'schen Tagebücher, der vor vier Jahren verstorbene Prof. Dr. Leon Kellner, der uns von seiner Tätigkeit in Czernowitz gut in Erinnerung ist, fand es aber, offenbar im Interesse des Zionismus, für zweckmäßig, die betreffenden Stellen wegzulassen. Sonst hätte sich irgend eine Bemerkung finden müssen, aus der hervorginge, daß Herzl die Mischehe verwarf. Wahr ist aber, daß der große Meister Theodor Herzl vom Judentum lediglich eine nationale, keinesfalls aber eine religiöse Auffassung hatte. Sein Ausspruch „Der Zionismus erstrebt die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" konnte sich nicht auf den „Glauben" der Juden bezogen haben, da er doch bekanntlich die religiösen Gebräuche der Juden nicht beobachtete. Sein Sohn Hans Herzl erzählte: „Meine Mutter neigte noch zur gläubigen Richtung, während mein Vater sich mehr vom Freidenkertum angezogen fühlte. Nach seinem Tode erklärte uns meine Mutter, daß mein Vater wiederholt die Absicht kundgab, uns taufen zu lassen." „Herzl kam auch nicht, um den Juden die Freiheit zu nehmen, sondern ihnen den Weg zur Freiheit zu öffnen!" Darin erblickt die junge, völkisch-gesinnte Generation die Größe Herzls, nur das zog die Jugend so an! Wie ist aber der Inhalt des an seinen Freund in Mainz gerichteten Briefes, in welchem er die Mischehe als „nicht Wünschenswert" bezeichnete, zu erklären? Ich glaube dies tun zu können. Die Ehe Nordaus mit der Nichtjüdin blieb zunächst in der jüdischen Welt unbekannt. Nur die Häupter der Bewegung kannten den wahren Sachverhalt. Manche Zionisten hörten wohl, daß die Frau Nordaus nichtjüdischer Abstammung war. Aber man tröstete sich, daß sie vor der ehelichen Verbindung mit Nordau durch Uebertritt Jüdin geworden sei. Nun fügte es sich, daß ein Zionist aus Galizien nach Paris reiste, um Baron Edmund Rothschild, den „Vater" der Kolonisation in Palästina, zu besuchen. Es gab eine Zeit, wo auch dieser edle Mensch als Assimilationsjude verschrien war. In Paris zu sein und Max Nordau nicht zu sehen? Er besuchte Nordau und erfuhr aus seinem Munde, daß seine Frau wohl Jüdin werden wollte, daß er aber dagegen war. (In den Erinnerungen Max Nordaus wird erzählt: „Eines Tages stellte sie an Nordau die Frage: „Wollen Sie, daß ich zum Judentum übertrete?" „Wozu wäre das gut?" erwiderte Nordau, „es würde Ihnen dennoch keine jüdischen Vorfahren verschaffen!") Der galizische Jude, an die alten Ueberlieferungen fest gebunden, konnte es nicht fassen, daß ein Mann, der sich anschickt, die entarteten Juden zum Judentum zurückzuführen, eine Christin zur Frau haben solle, und war demnach durch die Mitteilung, die er soeben aus dem Munde Nordaus vernahm, tief erschüttert. Der in seinem Herzen glühende Funke der Hoffnung auf Erlösung der Von Dr. Schalom F r i e d 1 a n d. Czernowitz. (Schluß.) Juden durch Herzl und Nordau wurde jäh erstickt. Auf der Reise in die Heimat, die ihn über Deutschland führte, machte er in Mainz, damals der Hochburg der deutschen Orthodoxie, Erscheinungsort des „Israelit", einen Abstecher. Er schüttete in der Redaktion des „Israelit" sein bitteres Herz aus, worauf in der nächsten Ausgabe des Blattes ein Angriff gegen den Zionismus unternommen wurde. Der galizische Zionist ging nach Berlin, suchte Dr. Hirsch Hildesheimer, den Herausgeber der „Jüdischen Presse" auf und brach vor ihm in Tränen aus. Die jüdische Welt horchte auf, ihr Gewissen wegen Nordaus Mischehe wurde aufgerüttelt. Darauf gab es in zionistischen Kreisen einen großen Krach. Der Zionismus machte in jenen ersten Jahren seiner Geburt eine schwere, innere Krise durch — eine viel schwerere, als er in unseren Tagen durch das „Weiß-Buch" erlebt habe. Manche ehrlichen Zionisten, so Nathan Birnbaum, zogen' sich zurück, andere halfen sich hinweg, indem sie die Nachricht, Nordau habe eine christliche Frau, einfach in Abrede stellten und als eine gemeine Lüge der klerikalen Juden und „Protest-Rabbiner" bezeichneten. Herzl, der schließlich ein Ehrenmann war, konnte natürlich zu einem derartigen Mittel nicht greifen. Er befand sich in einer großen Klemme. In dieser Verfassung schrieb er den betreffenden Brief an seinen Freund in Mainz. Tausendmal mag er sich das überlegt haben. Aber er mußte dem Brief jene Fassung geben, und die Mischehe keineswegs als etwas Wünschenswertes hinstellen. Aber sein Standpunkt zum Problem der Mischehe war, wie die Mischehen Buber, Zangwill usw. beweisen, gerade das Gegenteil als eine Ablehnung. Was Herzl wirklich von der Mischehe hielt, dürfte durch die Tatsache erwiesen erscheinen, daß seine besten Freunde und treuesten Jünger Mischehen eingegangen sind. Das ist einmal nicht wegzuleugnen. Auch Herzls treuer Anhänger, der Tarnower Advokat Dr. Abraham Salz, gewesenes Mitglied des engeren zionistischen Aktions-Komitees und Aufsichtsrat der Kolonial-Bank, nahm eine Christin zur Frau. Iiu Herzl-Gedenkbuch „Zeitgenossen über Herzl" findet sich ein großartiger Beitrag von Salz. Von Zionstöchtern ist mir eine Mischehe in Erinnerung, die Schwester Wolfgang Weisls, die auch die heilige Taufe empfing, ihr Mann ist Lehrer der protestantischen Religion. Es muß den Nationaljuden daher das Recht abgesprochen werden, gegen die Heirat einer „Frau aus fremden Stamme" Stellung zu nehmen, weil ein solches Auftreten ihrerseits ein Widerspruch ist zu der Auffassung „von der Freiheit der Individuen". Die Ablehnung der Mischehe ihrerseits ist eine Abweichung von den Grundsätzen ihres vergötterten Führers. Klipp und klar heißt es in dem Schreiben Herzls an seinen Mainzer Freund," j,d aß das Privatleben nicht in öffentliche Diskussionen gezogen werden soll und daß man nicht am Prinzipe festhalten kann." Mit welchem Rechte wird daher in das Privatleben anderer eingegriffen und jüdische Menschen einer Untreue bezichtigt, der man selbst huldigt? Zehn Gebote für den' Wahltag. 1. Entledige Dich so früh als möglich Deiner Wahlpflicht am Sonntag, den 4, Dezember, der ein S c h i c k s a 1 s t a r für das Wiener Judentum ist, indem Du das auf Deiner Wahllegitimation angegebene Wahllokal aufsuchst und dort Deine Stimme für die „N1 c h tnationale Liste" abgibst. 2. Im Falle, daß eine größere Zahl Wähler vor der Wahlkommission warten sollte, um zur Stimmabgabe zugelassen zu werden, bringe das kleine Opfer, einige Zeit zu warten, bis auch Du an die Reihe kommst. 3. Vergiß nicht. Deine Wahllegitimation, irgendein Identitätspapier (Heimats-, Geburts-, Trauungsschein, Reisepaß usw.) und einen Stimmzettel der „Nichtnationalen Liste" für den Kultusvorstand und einen für die Bezirkskommisslons-Vertrauensmäuner mitzubringen, denn auch die Wahl der letzteren ist von größter Wichtigkeit. 4 Begib Dich in die Wahlzelle und lege dort die erwähnten beiden Stimmzettel der „Nichtnationalen Liste" in das Dir vom Wahlleiter ausgefolgte amtliche Wahlkuvert, das sodann dem Wahlleiter wieder übergeben wird. 5. Veranlasse am 4. Dezember alle Deine Bekannten, welche Kultuswähler sind, vor ihrer zuständigen Wahlkommission zu erscheinen und dort ihre Stimme für die „Nichtnationale Liste" abzugeben. 6. Suche zu diesem Zwecke am 4. Dezember Deine Bekannten, von denen Du glaubst, daß sie Kultuswähler sind, auf und bestimme sie, ihrer Wahlpflicht Genüge zu leisten und für die „Nichtnationale Liste" zu stimmen. 7. Wo auch immer Du am 4. Dezember mit Bekannten zusammentreffen mögest, sei es auf der Straße oder in irgendeinem Lokal, frage sie, ob sie ihrer Wahlpflicht bereits entsprochen haben, und, falls sie dies noch nicht getan haben, so veranlasse sie, diese ihre Pflicht sogleich zu erfüllen und ihre Stimme für die „Nichtnationale Liste" abzugeben. 8. Trage am 4. Dezember immer eine größere Anzahl Stimmzettel für die „Nichtnationale Liste" bei Dir und händige dieselben allen bekannten Kultuswählern ein. 9. Agitiere am 4. Dezember im Kreise Deiner Verwandten, Hausgenossen, Geschäftsfreunde und Berufskollegen, sofern diese Kultuswähler sind, für die „N i c h tnationale Liste" und melde Dich im benachbarten Agitationslokal zur Mitarbeit, jeder Mithelfer ist herzlichst willkommen. 10. Weise alle Beeinflußnngsversuche seitens der Agitatoren der Gegenparteien ruhig, aber entschieden zurück und weigere Dich, andere als auf den Namen der „Nichtnationalen Liste" lautende Stimmzettel entgegenzunehmen. Agitationslokale der NICHTNATION AHN LISTE Cafe Aiikerhof, I., Lichtensteg 4, Tel. U 28-5-10. Cafe Excelsior. I., Rotenturmstraße 24, Tel. R 29-2-19. Caie Frauenhuber, I., Himmelpfortgasse 6, Tel. R 27-2-12. Cafe National. IL. Taborstraße 18, Tel. R 42-5-14. Cafe Guth. II.. Hollandstraße 14, Tel. A 43-2-35. Cafe Sperf. II., Große Sperlgasse 35. Tel. A 43-2-36. Milchhalle Deutsch. IL. Hermineng. 10. Tel. A 43-8-42. Cafe Rembrandt, IL, Untere Augartenstraße 11, Tel. A 47-3-13. Cafe Nizza, IL, Heinestraße 2, Tel. R 43-0-12. R 48-1-50. Cafe Carltheater, IL, Praterstraße 29, Tel. R 46-3-50. Cafe Orient. IL, Praterstraße 66, Tel. R 40-4-50. Grand-Caf6 Wien, IL, Stuwerstraße 1, Tel. R 44-0-11. Cafe Schüttelhof. IL, Schüttelstraße 67. Tel. B 51-5-57. Cafe Ilion, HL. Löwengasse 39, Tel. U 17-4-15. Jobann Hogl's Restaurant. III.. Boerhaveg. 19, (Ecke Klimschgasse, 16). Tel. U18-0-14. Cafe Thereslanum. IV., Favoritenstr. 28. Tel. U 40-4-40. Gasthaus Gunsam, V., Siebenbrunneng. 5a, Tel. A 30-605. Gasthaus Bocan, VI., Kasernengasse 9. Gasthaus Mrvka. VI., Magdalenenstr. 17, Tel. B 26-1-97. Gasthaus Hofmeister, VII., Kandlgasse 46. Restaurant Rosenheck, VIL, Lindengasse 34, Ecke Zollergasse, Tel. B 35-0-84. Restaurant Schlössel. VI1L. Langegasse 53. Caf6 Sanettyhof, VIII., Blindengasse 17, Tel. A 27-0-13. Schneider'« Gasthaus. VIII., Laudong. 48, Tel. B 45-3-84. Cafe City, IX., Porzellang. 1, Tel. A 18-4-28, A 18-4-29. Restaurant Weissmann, IX., Seegasse 7. Restaurant Kornmehl, IX., Koling. 3. Tel. A 19-3-23. Cafe Esplanade. IX., Alserbachstr. 41. Tel. A 18-5-45. Privatlokal S. Oesterreicher, IX., Liechtensteinstraße Nr. 113, Tel. A 18-0-21. Cafe Brünnlbad, IX., Alserstr. 30, Tel. A 28-4-90. Probstiers Gasthaus, X., Humboldtgasse 25. Gasthaus Patek. XII.. Eck« Pohlg. und Singrienerg. Hotel Weißer Engel, XIII., Hietzinger Hauptstraße 3, Tel. R 34-2-40. Cafe Breitensee, XIIL, Hütteldorferstraße 117, Tel. U 33-0-40. Cafe Maschek. XIV., Kardinal-Rauscher-Platz 7, Tel. U 33-1-22. Cafö Zentral. (Zellhofer), XV.. Mariahilferstraße 152, Tel. R 30-5-56. Gasthaus W. Wawra, XVI.. Hubergasse 10. Gasthaus Watzka, XVII., Hormayergasse 41. Restaurant Wieninger, XVIIL, Schopenhauerstraße 41. Cafe Zögernitz. XIX.. Döbl. Hauptstr. 76. Tel. B14-100. Gasthaus Kohn, XX., Heinzelmanngasse 1, Tel. R 47-2-80. Restaurant „Goldener Engel", XXL, Am Spitz 2/3, Tel. A 60-5-95. Michtnatfionale iisie KuUuswähler und -Wählerinnen f Der Wahlkampf — so heftig wie noch nie — ist zu Ende. Es darf nicht geschehen, daß durch die Teilnahmslosigkeit und Indolenz der Wiener Judenschaft diesmal die Jüdisch-Nationalen die Majorität erlangen. Uber die Gefahren der jüdisch-nationalen Politik für Jeden einzelnen Wiener Juden, ob er den Kultusangelegenheiten nahe- oder fernesteht, sprechen in letzter Stunde unsere Kandidaten in den am Samstag, den 3. Dezember 1932, um 8 Uhr abends, stattfindenden 5 Massenversammlungen im Feslsaal des Nied.-öst. Gewerbevereins, I., Eschenbachg.11, Festsaal des Hotel Continental, II., Taborstraße 8, Sitzungssaal des Mag. Bezirksamtes, V., Schönbrunnerstr. 64 Gasthaus Münz, XVII., Kalvarlenberggasse 14/16, Sitzungssaal des Mag. Bezirksamtes, XX., Brigittaplatz 10. Elnu»ltftf nur für KnUuswilhler.