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Die Wahrheit · 1932-12-02 · Heft 49 (2.12.1932) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 49 (2.12.1932)
Date
1932-12-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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L*wg&t&^ta^»L»^j^iiiwy^to-jr»p^aw ■gwiraifcr*OTffi'*gaTC«g^^ JME WAfiRIKlT Sdte 3 Ifor cfer Entscheidung. Die Versammlungen, welche die „Nichtnationale Liste" in der letzten Woche vor der Wahl veranstaltet hat, boten dasselbe Bild wie .das der vorausgegangenen Wochen, nur daß die 2ähl der Besucher noch gewaltig größer, der Beifall ^welchen - die Retflner der „Nichtnationalen liste" ernteten, noch lebhafter und die Stimmung noch zuver- :sichtlicher war. Ja, das äußere Bild, das die Verisammlungen boten, konnte den Eindruck erwecken, daß es sich nicht um eine Kult us-, sondern um reine politische Wahl handelt, so lebhaft . ging es in den Versammlungen zu, die wahrhaft Massenversammlungen waren und sich über alle Wiener .Gemeindebezirke erstreckten. Besonders dann, wenn jugendliche Ruhestörer, welche scheinbar •von einer gemeinsamen Z e n t r a 1 e aus in 'die ' Versammlungen der „Nichnationalen Liste" zu ^rengungszwecken dirigiert worden sind, durch :laute "Zwischenrufe und Lärm den ruhigen Fortgang der Versammlungen zu hindern versuchten, erreichte die "Erregung ihren Höhepunkt. Das Benehmen, welches diese grünen .blauweißen Jungen -trotz des Verbotes ihrer Parteileitung an den Tag legten, war ein so abstoßendes, der Eindruck, welchen sie auf alle besonnenen Wähler machten,-ein so abschreckender, daß sich jeder vernünftig denkende Mensch wohl hüten wird, Partelen -sehte r Stimme zu geben, welche die Jüdische Jugend in-solcher Weise verführen und mißbrauchen. Das immerwährende Nachplappern -derselben eingelernten Phrasen, das immerwährende Vorbringen der gleichen unsinnigen Schlagworte ist nicht nur ein Beweis des. Mangels eigener Argumente, sondern noch mehr ein Zeichen dafür, daß unsere Gegner die Tatsachen, welche unsere Redner ins Treffen führen1 konnten, nicht vertragen und sie deshalb in Lärm und Getöse zu ersticken versuchen; denn nur der, welcher nicht zu überzeugen vermag, versucht den anderen zu überschreien. Oft waren die jungen -Burschen, welche von "dieser Zentralstelle in die Versammlungen .geschickt wurden, kaum den Kinderschuhen entwachsen. Es war bei ihnen daher selbstverständlich auch nicht dies gebührendte Reife vorauszusetzen, zu verstehen, um was es-sich bei Kultuswahlen handelt. Doch bei den'Führern der Parteien, welche diese Burschen als Sturmtruppe benützten, hätte man wohl die nötige :Reife und das nötige V e rant wortungsgefühl voraussetzen dürfen, zu wissen, welches Verbrechen sie an der Jugend 'begehen, wenn sie diese in solcher Weise verhetzen. Das Beschämendste und Traurigste daran ist, daß-diese Jungen in ihrer Verblendung nicht einmal vor :dem Alter irgendwelche Achtung bekunden und sich dadurch in hohnsprechender Weise über eines der erhabensten Gebote unserer Religion, welche Ehrfurcht vor jedem grauen Haupt -befiehlt, hinwegsetzen. Doch wahrlich, für die Verhetzer dieser Jugend wird einst die Zeit kommen, wo sie sich an die ' Wahrheit des Satzes erinnern werden, „womit du gesündigt hast, damit wirst du auch bestraft werden". * * * Da sich unsere Versammlungen eines viel größeren Interesses bei unseren Gegnern erfreuten, als sie für ihre eigenen oft leeren Versammlungen übrig hatten, da die fortgesetzten Störungsversuche ein großes Maß an Nervenkraft, Selbstbeherrschung, Energie und Schlagfertigkeit erforderten, hatten unsere Redner schwere und aufreibende Arbeit zu leisten, eine Arbeit, welche größte Anerkennung verdient. Unsere Versammlungsredner haben in den letzten Wochen geradezu Uebermenschliches geleistet und sind unermüdlich tätig gewesen, um Aufklärung in die weitesten Schichten der Wiener jüdischen Bevölkerung hineinzutragen. Sie eilten von Versammlung zu Versammhing, von Bezirk zu Bezirk und sprachen meist in mehreren Versammlungen an einem Abend, immer wieder wiesen sie auf die Bedeutung des 4. Dezember für das Wiener Judentum hin und auf die schweren Gefahren, denen der Bestand unserer Gemeinde, ja die Existenz der Wiener jüdischen Gemeinschaft überhaupt, ausgesetzt wären, falls die Bestrebungen der Jüdischnationalen verwirklicht würden. Und doch führten sie ungeachtet der zahlreichen persönlichen Angriffe und Verleumdungen, dienen sie seitens der gegnerischen Redner und Zeitungen ausgesetzt waren, den Wahlkampf mit einer geradezu bewunderungswerten Vornehmheit und enthielten sich aller persönlichen Gehässigkeiten, obwohl die Kampfesweise selbst der Führer der Gegenpartien so manchen hierzu hätte hinreißen können. "Die Wahl be w e.gung Ist abgeschLas-sen. Unsere Führer und Versa mmluagsredn er ha-ben ihre Pflicht und Schuldigkeit voll und ganz erfüllt. Nun ist es an den Ku 11us w äh- 1 YORNEflflE fAMMfN-PENSION iHHiaBratiQn.HaHBBtiays täglich 5-Uhr-Tee ISENPIERING TELEPHON 11 |Hochstrafie 43 neben Hotel Panhans ''••■^^^^^sCi- '■'\>r~M:\^m^i;-JPf-".--«TV ITv7*£;.vV^itfi:LuÜ4 'fcBmlHitH^ f§ Mäßige Preise-Zimmer mit PensionS 12.— aufwärts B Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser ü in jedem Zimmer. £= ü Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer i lern, auch ihrerseits ihre Pflicht und Schuldigkeit voll und ganz erfüllt, len und amSonntaig wieein Mann für die Nichtnationale Liste zustimmen. »MUMMS» ••«■■■■! ••■■••■•■•■••■•••» Sind die Juden eine Nation? VoniRegierungsrat Dr. Emil Weinberg. In einer Mitteilung des Zionistischen Landes v erbandes heißt es u. a.: „In Europa setzte nach dem Weltkriege eine Neuorientierung >.ein. ^Länder mit umfangreichen jüdischen Siedlungen wie Polen, Rumänien, Tschechoslowakei besannen sich auf das Selbstbestimmungsr-eerht der Juden als Nation und die Juden dieser .Länder wählten Juden zu legitimen1 Vertretern ihrer Interessen. Jüdische Abgeordnete, jüdische .Gemeinderäte, jüdische Senatoren-... . . Nur •Oesterreich, nur Wien bildet eine Ausnahme." Wie ■verhält sich dies nun in der Wirklichkeit? Es ist richtig, daß die Juden in Polen und Rumänien, wo sie im Unterschied zu Oesterreich in großen'Massen-wohnen, ihre eigenen Vertreter in den öffentlichen Körperschaften haben. Aber nirgends geht es den Juden schlechter als in diesen beiden Ländern. In Pol en werden die Juden bekanntlich derart boykottiert, .daß unzählige vom Hunger- •tode Ibedroht sind, und neuestens sind furchtbar b'lu'tigce Studenteakr awa'lle an idler Tagesordnung. :in Rumänien können "Juden unter anderem Hochschulen überhaupt nicht besuchen,'Pogrome sind in den letzten 'Jahren wie- -derholt vorgekommen. In der Ts&hecho- "s lö-w a'k^ei verfolgte die herrschende Partei mit ihrer Anerkennung der Juden nur den Zweck, die Stellung der Deutschen und die der deutschen Sprache zu untergraben. Dies ist ihnen gelungen. Der Einfluß der wenigen jüdischen Vertreter ist äußerst gering und steht in keinem Verhältnis zur Zähl der Juden. Soweit Juden hervorragende öffentliche Stellungen bekleiden, sind es deutsche oder tschechische Sozialdemokraten. In allen iübrigen Ländern, besonders in Großbritannien, in Frankreich, Amerika, in Italien, Jugoslawien, Ungarn usw. betrachten sich die Juden nur als "Konfession und nicht als Nation. In Ungarn drohten noch vor wenigen Jahren einflußreiche politische Parteien die Juden zu zwingen, sich als Zionisten zu bekennen. Die ungarischen Juden lehnten den Zionismus und ihnen vom Ausland angebotene politische Hilfe ab. Heute erklärt bereits der 'Ministerpräsident Gömbös, daß er ^seinen Standpunkt in der Judenfrage geändert habe und alle Juden, die die Schicksalsgemeinschaft :mit den übrigen Bewohnern Ungarns anerkennen und zum Besten des Vaterlandes beitragen, als "Bruder anerkenne. All dies ist nur natürlich. Ueberall wo Juden wohnen, stehen sie in unlösbarer Sprach-, Wirtschafts- und Schicksalsgemeinschaft mit ihrer Umwelt. Von dieser können sie sich nicht durch Erklärung als Nation befreien. Die Folge einer sol- Spaxlalhaus für Woll« im« Stricken Moritz Nagel 'Wien, 2. Bez^TaborstraOe Mr. 17 Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden. Telephon A4&-S-69 chen Erklärung ist nur eine Isolierung und Erschwerung ihrer Stellung sowie eine Erleichterung für judenfeindliche Bestrebungen. Die „plutokratiscke Union". Von Dr. Oskar Hein, früher Stadtrat der Gemeinde Wien. Unter den verschiedenen Schlagworten, welche in dem nun abgelaufenen, höchst unzeitgemäßen und der Union aufgezwungenem Kampfe gebraucht wurden, spielt das Schlagwort von der „plutokratischen Union" eine Hauptrolle. ich bin das älteste Vorstandsmitglied der Union und vielleicht der einzige noch Ueberlebende von jenen Männern, welche vor mehr als vierzig Jahren unter dem Präsidium des Dozenten Dr. Grünfeld die Union zu einem Rechtsschutzverein für ganz Oesterreich umgestalteten. Da ich damals wegen meiner Schriften gegen Schönerer. Schneider und Türk, welcheden Gegenstand eines Preßprozesses gegen das „Vaterland" und einer geheimen Sitzung des Abgeordnetenhauses bildeten, bei alten Aktionen zur Bekämpfung des Antisemitismus in der vordersten Reihe stand, so war Ich auch an der Umgestaltung der „Union" zu einem Rechtsschutzvereine lebhaft beteiligt und bin daher über die Intentionen, welche dieser Umgestaltung zugrunde lagen, genau informiert. Es handelte steh um einen Rechtsschutzverein für arme entrechtete Juden aus ganz Oesterreich. Rothschild und Guttniann waren auf unseren Rechtsschutz wahrlich nicht angewiesen. Als ehemaliger Vorstand der Rechtsschutzstelle der „Union" weiß ich es ganz genau, wie oft immer und immer wieder unter dem Präsidium des ehemaligen Qemeinderates Siegmund Mayer, Wilhelm Annigers und Maximilian Pau! Schiffs zaldreichen armen Juden aus.ganz Oesterreich wirksamer Rechtsschutz gewährt wurde. Wenn irgendeiner in dem weiten Oesterreich wagen reines Judentums gefährdet, war. so wandte er sich an die „Union" und wurde tatkräftig unterstützt. Wiederholt wurden in Oesterreich bei drohenden Ritualmordaffären sofort Erhebungen eingeleitet und diese Affären Im Keime erstickt._ Zeitlebens Freude an Möbeln vom Großmöbelhaus Max Beroinann, Rfen II., Pratentr. 33 Ausstellungsräume 2000 m1 Telephon Nr- R 43-1-70 Ich selbst habe für einen flernalser Juden hrelner Ritualmordaffäre eine Verurteilung des Verleumders erwirkt. Ja sogar für einen Hamburger Juden, gegen welchen vom antisemitischen „Deutschen Volksblatt" eine Beschuldigung erhoben worden war. habe ich im Wege einer Preßklage das Hetzblatt gezwungen, in offener Schwurgerichtsverhandlung die Beschuldigung zu widerrufen. Als Rechtskonsulent der „Union" habe ich eine große Heimatsrechtsaktion eingeleitet und zahllosen jüdischen Familien das Heimatsrecht verschafft. Im Falle Hilsner, der uns durch viele Jahre intensivst beschäftigte, haben wir u. a. einen Detektiv in Polen angesiedelt, einen Preis für die Eruierung des Mörders ausgeschrieben und das Seminar des Professors Liszt in Berlin veranlaßt, eine krtminahvlssenschaftliche Studie zu veröffentlichen, aus welcher dt» Unschuld Hilsners klargestellt, wan. Auf eine Begebenheit, welche für die „plutokratische" Einstellung der „Union" besonders bezeichnend ist. möchte ich noch hinweisen. Damals war der geniale Bankdirektor, der allgewaltige Gouverneur Theodor Ritter von Taussig. ein überaus eifriges und verdferlstvolles Mitglied des Kultusvorstandes. Als aber Theodor Taussig sich für die Bodencreditanstalt an einer Anleihe für das judenfeindliche Rußland beteiligte, hat die „plutokratische Union" alle Rücksichten beiseite gesetzt and eine Protestaktion inszeniert, durch welche Taussig xezwungen wurde, aus dem Kultusvorstand auszutreten. Zu den mit besonderer Vorliebe gebrauchten Schlagwerten des gegenwärtigen Wahlkampfes gehört es auch, daß man die „Union" der Feindseligkeit gegen die Ostjuden beschuldigt. Es sei davon abgesehen, daß Dr. Bloch und Dr. Zins zu den Begründern der Union gehörten. Es sei nur darauf hingewiesen, daß die Präsidenten der Union. Siegmund Mayer und Maximilian Paul Schiff, gleichzeitig Präsidenten des gallzischen Hilfsve reines waren, welcher es sich zur Aufgabe gesetzt hatte, für die armen Juden in GaBzien Arbeitsgelegenheiten zu schaffen, und auch tatsächlich große Leistungen auf diesem schwierigen Gebiete aufzuweisen hatte. Die „Union" ist ein Rechtsschutzverein, welch« natürlich niemals danach fragt, welcher politischen Richtung und welcher Herkunft diejenigen angehören, welche ihren Rechtsschutz anrufen. So hat sie unter Ihrem verdienstvollen gegenwärtigen Präsidenten in der Optionsfrage, in der Frage des „Studentenrechtes" und in vielen individuellen Fällen eine umfangreiche Tätigkeit entwickelt und sich hierbei ausschließlich vom jüdischen Interessenstandpunkt leiten lassen. Wie wir erfahren, Ist Herr Leopold Erfror, Tapezierermeister, VIII., JosefstädterstraBe (01, von der Kandidatur als Kulrusvorsteher bei der „Sozialistischen Eiste" (Poate-Zlon) zurückgetreten.

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