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Die Wahrheit · 1932-12-02 · Heft 49 (2.12.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 49 (2.12.1932)
Date
1932-12-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DDE WAHRHEIT Der 4m Dezember — ein Schicksalstag für das österreichische Judentum. Von Dr. Jakob O r n s t e i n, Präsident der „Union österreichischer Juden". Der Wahlkampf ist bis zu seinem Höhepunkte gediehen. Die Jüdischnatäonalen arbeiten mit Hochdlruck, um die Parole Herzls, richtig Nordaus, von der Eroberung der Kultusgemeinde zur Wahrheit zu machen. Sie wollen fihre angebliche Berechtigung, die Führung unserer altehrwürdigen Kultusgemeinde zu übernehmen, vor allem auch durch ihr Programm begründen, das sie der Wählerschaft vorlegen. Dieses Programm trägt den Stempel der Un&uf richtigkelit an sich, denn seine im Budget der Kultusgemeinde überaus erfahrenen Verfasser, müssen sich wohl bewußt sein, daß seine Erfüllung geradezu einen sich durch viele Jahrzehnte über unsere Gemeinde ergießenden Goldregen voraussetzt. Zu Ende eines Jahres der schwersten wirtschaftlichen Krisen, in welchem insbesondere auch in zahlreichen jüdischen Häusern die bitterste Not ihren Einzug gehalten hat, in welchem keine jüdische Familie in unserer Stadt von der drückenden Sorge um das Morgen verschont geblieben ist, am Schlüsse eines Jahres, in welchem wir auch nicht die leiseste Hoffnung auf eine Besserung der uns aufreibenden Krise liegen können, ergießt das jüdischnationale Programm ein Füllhorn von Gaben über uns, die es wohl verspricht, die aber nie zur Wirklichkeit werden köamen. Der Gemeindebund, für dessen Verwirklichung sich auch unsere bisherigen Vertreter im Vorstande der Gemeinde in geradezu hervorragender Weise betätigen, soll uns jüäe Schaffung, Erhaltung und Unterstützung gemeinsamer Einrichtungen und 'Anstaltein, insbesondere solcher zur Heranbildung jüdischer Ritualfunktionäre, Lehrer und Gemeindeverwaltungsbeamten, die Erhaltung bestehender leistungsschwacher Gemeinden u. a. m. bringen. Das nationaljüdische Programm verlangt weiters neben der ausgiebigen Unterstützung und Förderung der Tempel- und Bethausvereine und der sonstigen Religions- und Ritualzwecken dienenden freiwilligen Vereinigungen und Verbände — ein Programmpunkt, Jessen Erfüllung sich der Kultusvorstand auch bisher mit allen Kräften nach Maßgabe der zu Gebote stehenden Mittel gewidmet hat, also ein keineswegs neuer Programmpunkt — die Gründung von jüdischen Gemeindeschulen und insbesondere die Uebernahme des jüdischen Gymnasiums in das Gemeindebudget, obzwar doch die beiden jüdischen Schulen, nämlich das jüdische Gymnasium und die Talmud-Thora-Volksschule selbst mit dten sehr beträchtlichen Jahressubventionen von S 36.000.—, bzw. S 24.000.— und trotz der Heranziehung der weitesten, diesen Anstalten nahestehenden Kreise nur ein kümmerliches Dasein von Tag zu Tag fristen können. Und schließlich soll die Gemeinde auch der Förderung der wirtschaftlichen Wohlfahrt der jüdischen Bevölkerung sich widmen. Aber dieser letztere Progrjammpunkt kann seine Erfüllung nur dann finden, wenn die wirtschaftliche Lage der Gesamtbevölkerumg die unumgänglich notwendige Besserung erfährt. Und für diese Besserung kommt in allererster Linie die Gesetzgebung des Bundes in Betracht Der Abschluß günstiger Handels- und Zollverträge wird sich sofort im Wirtschaftsleben der Gesamtbevölkerung und demnach auch für die Wirtschlaft der jüdischen Bürger bemerkbar machen. Die Kulrusgemeinde wird in ihrem Wirkungskneffse wie bisher bei allen Arbeiten, die sie zu vergeben hat, ihre Gemeindemitglieder, soweit diese Arbeiten von ihren Mitgliedern geleistet werden können, bevorzugen- Sie hat auch vor zwei Jahren durch Uebernahme von Stammeinlagen im Betrage von S 20.000.— die bestehende, von befiden großen Parteien einheitlich geleitete Kredit-Kassa zu fördern gesucht Ob sie, wie auch wir gerne sehen möchten, in der Lage sein wird, auch die im jüdisch-nationalen Programm geforderte jüdische Gemeinde-Spar- und Vorschußkassa zu errichten, ist wiederum nur eine Frage dies Budgets. Beinahe ebenso wichtig ist heute eine jüdische Berufsberatung, ein jüdischer Arbeitsnachweis und ein Institut für Umschulung. Wie sollen nun Aufgaben, die dlas jüdisch-nationale Programm der Gemeinde stellt, mit einem Einnahmebudget von ungefähr 6 Millionen Schilling, welche aber schon heute nicht vollkommen zur Bestreitung aller Ausgaben hinreichen, erfüllt werden? Bei einem sich immer mehr verschlechternden Budget, welches bis zum heutigen Tage allein an Kultussteuern gegenüber iäem gleichen Tage des vergangenen Jahres einen Mindereingang von über S 260.000.— aufweist, können derartige Aufgaben derzeit nur zum allergeringsten Teile erfüllt werden. -Das Resümee muß daher lauten: Dieses unerfüllbare Programm für die künftige Tätigkeit) des Vorstandes, in welchem bisher, — es sei zu unserem Leide gesagt — um Ausgaben von S 50.— gefeilscht wird, ist nur auf Irreführung der Wähler berechnet. Wenn aber die Verfasser des Programms behaupten wollen, idlaß sie an seine Erfüllbarkeit glauben, dann bildet dieses Programm die schwerste Anklage gegen die jüdischnationale Partei, die trotz ihrer — wir können geradezu sagen — Vormachtstellung in der Gemeinde seit ungefähr zwölf Jahren die Erfüllung dieses Programmes auch nicht zum allergeringsten Teile in Angriff genommen hat. So wäre der Kamp! gegen das Vordringen der Jüdischnationalen im Vorstande schon aus ,dem Grunde vollkommen gerechfertigt weil auch nur ein Versuch, Teile ihres Programtnes durchzuführen, eine Sprengung des Budgets, wenn nicht eine Zerstörung der Einheit der Gemeinde bedeuten könnte. Uns obliegt eine noch viel höhere und beiligere Pflicht, als gegen dieses Programm anzukämpfen, denn uns trennt eine tiefe, nicht überbrückbiare Kluft von den Jüdischna- ENonrat AUSWAHL billigste pheise s# \. a. TEPPICHE VORHÄNGE nOSELSTorrc, decken NUR I^DAlICRNrlAnKT 12-14 tionalen.Es gibt keineV erb i n dungzwischen unseren und ihren Anschauungen über die wesentlichsten Prinzipien einer jüdischen Politik, von welcher dasWohl undlWehe des Judentums in erster und letzter Linie abhängt. Das ist die Frage unserer Stellung zur Gesamtbevölkerung und zum Lande, in welchem wir leben. Auf unserer Seite die Auffassung der „Union", diaß wir keine Sonderstellung im Staate anstreben, ja sie sogar zurückweisen müßten, daß wir keine andere Stellung begehren und behaupten wollen als jene; welche uns unsere eigenen Staatsgrundjgeseitze gewährleisten, dlaß wir die gleiche Berechtigung mit allen anderen Staatsbürgern, wie sie uns durch unsere Staatsgrundgesetze verbürgt ist, als unser alleiniges Ideal, dessen volle Verwirklichung wir immer und immer anstreben müssen, betrachten. Auf der anderen, der jüdischnlaitionalen Seite, wenden wir auf den unserem Vaterlande von unseren Feinden aufgenötigten Friedensvertrag verwiesen, auf das Heil, das uns dieser Zwangsvertrag bringen soll, nämlich die Minoritätenrechte, welchen der Führer der radikalen Jüdischnafönalen ehemals als Abgeordneter des Nationalrates noch durch seinen Antrag auf gesetzliche Anerkennung der besonderen jüdischen Nation eine weitere Verstärkung verleihen wollte. Allein wir wollen absehen, daß der Friedensvertrag nur efih einziges, nicht nur für die jüdischen Minoritäten berechnetes Minoritätenrecht feststellt, nämlich idas Recht der Gewährung von Mitteln aus dem allgemeinen Budget für Erziehung, Religions¬ oder Wohltätigkeitszwecke (Akt. 68). Die Jüdischnationalen aber stellen ein Minoritätenrecht fest das weit über diesen einzigen Punkt herausgehtSie wollen aufGrund einessolchen nebulosen Rechtes eine besondere Rechtstellung der jüdischen Bevölkerung. Wir aber lehnen eine solche mit Entschiedenheit lab, weil wir keine andere Stellung haben wollen, als die mit unseren andersgläubigen Mitbürgern gemeinsam. Wir lehnen sie aber auch mit aller Entschiedenheit ab, weil wir befürchten müssen, daß unsere antisemitischen Feinde diese Sonderstellung der Juden zu unserem Nachteile ausnützen werden, weil sie uns eine Sonderstellung einräumen würden, die zu einer Beschränkung unserer staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Rechte notwendigerweise führen muß. Vergeblich werden wir auf den Schutz des Völkerbundes hingewiesen. Wo blieb dieser Schutz, die Betätigung des legitimen Wirkungskreises des Völkerbundes, als das Recht ganzer Länder von dem stärkeren Nachbarn gewalttätig unterdrückt untf' mit'Füßen getreten wurde. Wie hat sich der Völkerbund in dem Streite zwischen Griechenland und Italien, zwischen Japan und China usw. zum Schutze des Schwachen betätigt? Und da sollen wir annehmen, daß der Völkerbund das unterdrückte jüdische Recht schützen wird. Und es wird ihm auch das formale Recht zur Intervention fehlen, wenn die Verwaltung .dias Gesetz in einem ungünstigen Sinne auslegen wird, oder wenn selbst dEe Gesetzgebung unter äußerlicher Hochhaltumg der Staatsgrundgesetze auf einem Nebenwege das jüdische Recht beugen will. Nein, nicht der Völkerbund soll uns schützen, sondern nur wir selbst, die wir für unser Land', in welchem das Judentum seit mehr als 1200 Jahren bod e n s t ä n d i g 5 st, arbeiten und mit diesem Lande leben und leben wollen und so unser Recht in die Herzen unserer andersgläubigen Mitbürger einschreiben. Wir wollen ihnen durch die Tat beweisen, daß dieses Land, nicht wie in einem jüdisch nationalen Blatte behauptet wird, unsere „Adoptivheimat" ist, die wir lieben, weton sie es verdient, nein, dieses Oesterreich ist unsere einzige, unsere wahre Heimat Ein Recht, d'as von außen gegeben wird, bricht bald in sich zusammen, auch wenn ein auswärtiger Faktor zu seinem Schutze berufen sein soll. Und darum sagen wir unseren jüdischen Mitbürgern: Die jüdischnationale Politik kann dem Judentum nur Unheil und Verderben bringen. Und um diese Katastrophe, um dieses, i.'h möchte_sagen, geradezu nationale Unglück, von unserem "so heißgeliebten Judentum abzuwehren, haben wir uns mit den „Werktätigen Juden" zu einer antinationalen Front verbunden, diesen Juden, äte auch bisher im Kultusvorsfende sich nur jüdisch betätigt haben und deren Wortführer auch in diesem Wahlkampfe den Wählern feierlichst erklären, daß im Kultusvorsande kein Raum zur Betätigung ihrer andersgearteten sozialdemokratischen Weltanschauung gegeben ist, weil dieser Kultusvorstand nicht über die dem ganzen Staate dienenden Belange, sondern nur über jüdische Angelegenheiten zu entscheiden hat. Und weil sie mit uns einig sind in der Erkenntnis der jüdischnationalen Gefahr für die Rechtstellung des Judentums, darum wollten sie unsere Verbündeten söin. Aber diese nichtnationale Front kann uns nur dann zum Ziele führen, wenn sich alle Wähler ihrer Pflicht besinnen, in dem Bewußtsein, daß wir diesen Kampf führen zur Erhaltung und zum Schutze unserer Rechtstellung, daß wir diese Gemeinde in ihren altehrwürdigen Traditionen erhalten wollen, daß wir sie unseren Nachfahren übergeben wollen, so wie wir sie von unseren Vorfahren übernommen haben, daß wir kämpfen und streiten um ihr und ihrer Kinder Wohl, welche in diesem Staate leben und ihre Zukunft finden sollen, als freie, gleichberechtigte und gleichverpflichtete Bürger unserer Heimat. Danksagung. Außerstande, allen Korporationen und Vereinen, sowie allen Freunden und Bekannten einzeln unseren Dank für die herzliche Anteilnahme an dem schweren Verluste, den wir durch das Ableben unseres Gatten und Vater Eduard Herlinger erlitten haben, auszusprechen, bekunden wir auf diesem Wege ihnen allen unseren innigsten Dank. Rosa, Moriz. Heinrich HerUnser.

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