Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 48 (25.11.1932)
- Date
- 1932-11-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 iall ist auch folgende Begebenheit, die sich vor den Wahlen ereignet hat': Der New Yorker State-Council der Steuben-Society von U. S. A. entsandte eine Abordnung zu Oberst Herbert Lehmann, um ihm in wärmsten Ausdrücken seine Unterstützung zuzusichern. Die Deutschen in Amerika hätten gut in Erinnerung, daß Lehmanns Vater. Meir Liehmann, einer der Auswanderer wart, die im Jahre 1848 ihr Vaterland verließen, als viele deutsche Patrioten gezwungen waren, auszuwandern. Und sie schätzten so sagten sie. die erhabenen fortschrittlichen Traditionen, die Lehmann pflegt, hoch ein und würdigten seine Tätigkeit in vollem Maße. Die Deutschen Amerikas ständen hinter ihm, sie würden mit ihm gehen. Und die Deutschen in U. S. A. sind mit ihm gegangen. Die Steuben-Gesellschaft von Amerika ist die größte Organisation der Deutschen in den Vereinigten Staaten. Sie trägt den Namen Friedrich Wilhelms von Steuben. des in Magdeburg geborenen, späteren nordamerikanischen Generals, des Hohenzollern-Hechingischen Hofmarschalls, Generalstabschef von Washington. Gleichwie, die Amerikaner und die amerikanischen Juden haben auch die Deutschen Amerikas dem neuen jüdischen Gouverneur Herbert Lehmann durch die Steuben-Gesellschaft ihr Vertrauen zum Ausdruck gebracht. In den Zeiten, die wir jetzt in Deutschland und Oesterreich durchleben, soll diese Tatsache nicht unerwähnt bleiben. K. Studio auf seiner Reis'. . . Die schweren Unruhen an der Breslauer Universität. Breslau, den 17. November. Im Sommer dieses Jahres wurde der Lehrstuhl für bürgerliches Recht an der Universität Breslau frei, den bis dahin Professor Dr. Rosenstcck-Hüssy inne hatte. Die juristische Fakultät der Universität schlug dem Kultusminister eine Liste von Wissenschaftlern vor. an deren Spitze der Frankfurter Privatdozent Doktor Ernst Cohn, selbst ein Breslauer, und ein auswärtiger außerordentlicher Professor stand. Nach Verhandlungen entschloß sich das Kultusministerium für Dr. Cohn, der auf Grund seiner Frankfurter Lehrtätigkeit bereits vorübergehend einen Lehrauftrag an der Universität Kiel .gehabt hatte. Sofort nach dem Bekanntwerden der Ernennung Dr. Cohns, die Anfang Juli erfolgte, setzte vqn Seiten der nationalsozialistischen Studentenschaft die Hetze gegen den zukünftigen Lehrer ein. Am 13. August d. J. veröffentlichte der „Schlesische Nationalsozialistische Beobachter" einen Artikel: „Ein Jude — deutscher Rechtsprofessor", in dem die Behauptung aufgestellt wurde, die Breslauer Studentenschaft sei durch die Berufung eines jüdischen Professors aufs schwerste provoziert worden. Es sei zu hoffen, daß durch die Neuordnung der Verhältnisse in Preußen die Berufung „des Juden" sich von selbst erledige. Sollte das nicht der Fall sein, dann igiebe es nur eins: Kampf bis zum Aeußersten. „Die Breslauer Studentenschaft wird nicht dulden, daß Herr Cohn in Breslau seine talmudische Weisheit verzapft, und wenn der Skandal so groß wird, daß die Universität geschlossen wird. Lieber ein Semester verloren--als Herren Cohn auch nur eine Stunde lang reden zu lassen. Die Zeiten der papiernen Proteste sind vorbei. Es gibt andere Wege." In dem Artikel wurde die Behauptung aufgestellt, daß von einer Berufung nicht die Rede sein könne, denn Dr. Cohn sei vom Kultusminister ernannt und „über den Kopf der Fakultät nach Breslau hin versetzt worden." Trotz dieser bewußten Irreführung und Verhetzung der Studentenschaft erfolgte bedauerlicherweise von der Pressestelle der Breslaues Universität keine amtliche Richtigstellung, aber man hörte gerüchtweise, daß Rektor und Senat der Universität, ebenso wie die Fakultät, unbedingt willens sei, für die akademische Lehrfreiheit des neuberufenen Professors Dr. Cohn einzutreten. In einer Unterhaltung, die kurz vor Beginn des Semesters zwischen dem Verfasser dieses Artikels und einem im parteipolitischen Leben an prominentester Stelle stehenden rechtsgerichteten Professors (gleichfalls Mitglied der juristischen Fakultät) stattgefunden hat, hat der betreffende Herr seine feste Ueberzeugung zum Ausdruck gebracht, daß die Studentenschaft nichts gegen Professor Dr. Cohn unternehmen w e r d e. Für Donnerstag, den 10. November d. J., war die erste Vorlesung von Professor Cohn über „Sachenrecht" angekündigt. Der Hörsaal war schon lange vor Beginn der Vorlesung überfüllt. Als Professor Cohn den Saal betrat, empfing ihn sofort lautes Scharren und Pfeifen. Als er daraufhin beweisen wollte, daß es besonders bedauerlich sei wenn ein Dozent, der bereits an zwei Universitäten unangefochten seine wissenschaftliche Lehrtätigkeit habe ausüben können, gerade in seiner Heimatstadt so empfangen werde, setzte ein ohrbetäubender Lärm ein und es ertönten die Rufe: „Wir wollen keine Juden, Juden raus!" Professor Cohn verließ den Hörsaal, uni sofort mit dem Rektor, Geheimrat Brockeimann. wieder zu erscheinen. Es gelang auch diesem nicht, sich Ruhe zu verschaffen. Das polizeiliche Ueberfallkommando mußte gerufen werden, das den Hörsaal und die Gänge räumte. Noch schlimmer wurden die Szenen, als Professor Cohn um 11 Uhr seine zweite Vorlesung abzuhalten versuchte. Von Augenzeugen wird berichtet, daß man den Eindruck Tiatte. nicht mehr in einem akademischen Hörsaal, sondern in einer Volksversammlung zu sein, bei der der bekannte nationalsozialistische Terror ausgeübt wurde. Die Anwesenheit des Rektors verhinderte nicht, daß wieder judenfeindliche Zurufe ertönten, das Horst-Wessel-Lied und Deutschland, Deutschland über alles wird angestimmt und — ein wohl einzig dastehendes Ereignis in der Geschichte der deutschen Studentenschaft — dem Rektor wurde mehrfach entgegengebrüllt: „Hände aus den Hosentaschen!" Hier mußte die Polizei eingesetzt werden, die nun endgültig Hörsäle und Gänge räumte. Als Professor Cohn dann die Universität verlassen wollte, fand er auf der Straße eine wilderregte Menge vor, die ihn aufs gemeinste beschimpfte und ihn mit dem Gesang© begrüßte: „Haben sie nicht den kleinen Cohn gesehen?" In Begleitung von zwei Polizeibeamten mußte Professor Cohn den Wegnach Haus antreten, bis er ein Auto fand, mit dem er nach Hause fahren konnte. So stellen sich sachlich die Ereignisse des 10. November dar. Sie wurden an Roheit noch um vieles überboten durch die Vorgänge, die sich am Donnerstag, den 17. November, abspielten, als Professor Cohn entsprechend dem Beschluß des Senats seine Vorlesung wieder aufnehmen wollte. Schon vor 9 Uhr waren Gänge und Vorräume von etner wilderregten Studentenmenge besetzt. Kaum hatte Professor Cohn seinen Vortrag begonnen, da wurden die Türen des Kollegsaales eingedrückt und die Menge stürmte herein. Der jüdische Student Goldschmidt bekam einen Fausthieb ins Gesicht und mußte später mit einem -Krankenwagen abtransportiert werden. In den Hörsaal wurden Tränengasbomben geworfen, so daß die Vorlesung sofort abgebrochen werden mußte. Dann begann in den Gängen das übliche Absingen nationalsozialistischer Kampflieder. Die Studenten standen an den offenen Fenstern der Universität und verständigten sich mit dem unten auf der Straße stehenden Publikum, das zum größten Teil aus Nationalsozialisten bestand, durch dauernde Zurufe und Händehochheben. Von den ordnungsliebenden Studenten wurde allgemein bedauert, daß trotz der schweren tätlichen Angriffe die Polizei nicht in die Universität gerufen wurde, so daß es zur Bedrohung! und Verletzung jüdischer Studenten kommen konnte. Der Dekan der juristischen Fakultät. Professor Dr. Waldecker, hat im Zusammenhang mit der Angelegenheit seine Geschäfte als Dekan vorläufig niedergelegt Die Universität ist bis auf weiteres geschlossen worden. Diese Vorgänge haben begreiflicherweise nicht nur in der jüdischen Akademikerschaft und in der jüdischen Bevölkerung Breslaus überhaupt eine ungeheure: Erregung hervorgerufen, sondern sie sind auch in all den r.ichtjüdischen Kreisen, die. unabhängig von Parteistellung und Konfessionszugehörigkeit. wahrhaftedeutsche Kulturgesinnung und akademische Lehrfreiheit einer parteipolitischen Verhetzung unterzuordnen nicht willens sind, auf stärkste Ablehnung gestoßen. Erfreulicherweise hat sich innerhalb der Breslau er Professorenschait nach den Unruhen des 10. November eine geschlossene Abwehrfront gegen das Verhalten der nationalsozialistischen Studentenschaft gebildet. Auch aus den Reihen der nichtjüdischen Studenten hörte man immer wieder und wieder scharfe Mißbilligung gegenüber dieser Bekundung vermeintlichen deutschen nationalen Wesens. Lehrerschaft und Studentenschaft hofiten, daß es der Autorität der Universitätsbehörden gelingen würde, eine Wiederholung der Tumulte zu verhindern. Der 17. November hat gezeigt, daß die Zügellosigkeit der Studenten, unterstützt von nichtakademischen nationalsozialistischen Parteiangehörigen, mit den bisher angewandten Ordnungsmaßnahmen nicht einzudämmen ist. Die Breslauer Vorgänge sind nicht dazu geeignet, das Ansehen Deutschlands in der Welt zu fördern. Die Verantwortung dafür, wie für die Schädigung des friedlichen Teils der Breslauer Studentenschaft, der seinem Studium in Ruhe nachgehen möchte, tragen die Kreise, die aus der Schulungsstätte des Geistes einen Tummelplatz für Roheit und Gewalttätigkeit gemacht haben. Dr. Ernst Fracnkel (Breslau). * * * Debrecen. Am 17. November vormittags drane eine aus acht Hörern bestehende Gruppe einer christlichen Studentenkorporation in die Universitätsbibliothek ein und forderte die dort lernenden jüdischen Studenten und Studentinnen auf, binnen zwei Minuten den Lesesaal zu verlassen. Sie warteten jedoch diese Frist nicht ab, sondern stürzten sich auf die überraschten jüdischen Studierenden und schlugen auf sie ein. Selbst die jüdischen Studentinnen wurden mit Fäusten bearbeitet. Zwei jüdische Studentinnen wurden so schwer verletzt, daß sie einige Zeit das Bett werden hüten müssen. Auch die Verletzungen einiger jüdischer Studenten sind erheblicher Natur. Schließlich griff die Polizei ein und besetzte die Universitätsbibliothek. Vor dem Zemtralgebäude der Universität kam es ebenfalls zu antisemitischen Unruhen, hier wurde der jüdische Student Bela Herczeg schwer verprügelt. Die jüdischen Studenten entsandten eine Abordnung zum Bürgermeister von Debrecen und ersuchten ihn, eine strenge Untersuchung einzuleiten und die Schuldigen an den Unruhen zu bestrafen. Außerdem erstatteten sie bei der Staatsanwaltschaft die Anzeige gegen unbekannte Täter wegen Ehrenbeieidigung und Körperverletzung. Der Rektor hat. um weitere Zwischenfälle zu verhüten, die Einstellung der Vorlesungen angeordnet. Der Universitätssenat trat nach den Unruhen zusammen und behandelte zunächst die Angelegenheit des jüdischen Hörers des ersten Semesters Bela Herczeg, der jenen christlichen Hörern, die ihn mit großer Uebermacht vor dem Zentralgebäude der Universität angriffen und schwer verprügelten, das Wort „Feiglinge" zugerufen hat. Der Senat hat deswegen Bela Herczeg für zwei Semester relegiert. Am Nachmittag herrschte in der Umgebung der Universität Ruhe. Um 9 Uhr abends jedoch kam es vor der Zentraluniversität, wo eine Gruppe von fünfhundert Studenten der Entscheidung des Senats gegen Bela Herczeg harrte, zu Ruhestörungen, die auch zu Zusammenstößen mit der. Polizei iührten. Kultus- und Unterrichtsminister Dr. Horn an hat an den Rektor der Debrecener Universität das folgende Telegramm gerichtet: „Die Abendblätter berichten über eine blutige Schlägerei, in deren Verlauf jüdische Studenten schwer insultiert worden wären. Erbitte dringenden tdegraphschen Bericht. Im Falle der Wiederholung der Kundgebungen sind die Täter, wenn es sein muß mit Poiizeigewalt, festzunehmen, gegen sie ist sowohl bei den Universitätsbehörden die Disziplinaruntersuchung, als auch das Strafverfahren unverzüglich einzuleiten." Bis jetzt halt man, abgesehen von dem schnellen Urteil gegen den jugendlichen jüdischen Studenten Bela Heczeg, der für zwei Semester relegiert wurde, weil er es als feige bezeichnete, wenn eine große Gruppe über einen Einzelnen herfällt, nichts davon gehört, daß gegen irgendeinen der wirklichen Schuldigen ernsthaft vorgegangen wäre; es steht noch nicht einmal fest, ob mau irgendwelche Schuldige namhaft gemacht hätte. * * * Warschau. Die jüdischen Studenten Meier Pukler. Ludwig Plummi, Israel Perlmann, Nachum Hurwicz. die während der antisemitischen Unruhen an der Warschauer Universität vor längerer Zeit verprügelt worden waren, hatten sich vor dem Warschauer Gericht wegen Widerstand gegen die Polizeigewalt zu verantworten. Als nämlich die Polizei am Tatort erschien, flüchteten die angreifenden Antisemiten, während nur die angegriffenen Juden dablieben; angeblich sollen sie der Auffoderung der Polizei, auseinanderzugehen, nicht Folge geleistet haben. Mit ihnen saß auf der Anklagebank die christliche Studentin Swanna Spinak. die sich ihrer jüdischen Kollegen angenommen hatte und deswegen zugleich mit den Juden aus dem Univershätsgebäud» hinausgeworfen worden war. Sie und ihre jüdischen Kollegen verantworteten sich dahin, sie hätten der Polizei keineswegs Widerstand leisten wollen, sondern hätten wieder m das Universitätsgebäude zurückkehren wollen, aus dem sie hinausgeworfen worden waren. Der Verteidiger beantragte Niederschlagung des Prozesses auf Grund der Amnestie. Die Entscheidung des G&richtes ist nech nicht gefallen. Am Warschauer Anatomischen Institut sammelten nationaldemokratische Studenten Unterschriften für eine Petition an den Senat, in der der Wunsch ausgesprochen wurde, daß jüdische Studenten gesondert ihre Uebungen machen sollen. Im Verlauf dieser Propaganda wurden mehrere jüdische Studenten und Studentinnen von Nationaldemokraten überfallen und schwer mißhandelt. Die jüdischen Studenten und Studentinnen, die daraufhin das Institutsgebäude verlassen wollten, wurden vor dem Tore von sie erwartenden Nationaldemokraten überfallen und zum Teil niedergeschlagen. Erheblich verwundet wurde die Studentin Neuield und der Student Warm, leichtere Verletzungen erhielten zehn weitere jüdische Studenten. Dt-r Rektor der medizinischen Fakultät verfügte die Schließung des Anatomischen Instituts so lange, bis Garantie datür geschaffen sei. daß sich solche Vorfälle nicht wiederholen. * * * * Wilna. An der Wilnaer Universität kam es während der Vorlesung von Prof. Chladka zu schweren Unruhen, als nationaldemokratische Studenten versuchten. ihre jüdischen Kollegen gewaltsam aus dem Saale zu entfernen. Die jüdischen Studenten leisteten Widerstand, so daß die Nationaldemokraten einen weheren Angriff nicht mehr wagten. Sie begnügten sich damit, an die jüdischen Studenten Warnungen zu erlassen, daß sie es nicht wagen sollen, sich in den kommenden Tagen im Universitätsgebäude. blicken zu lassen. Beim Verlassen der Universität kühlten die Nationaldemokraten ihren Mut an jüdischen Passanten, von denen mehrere überfallen wurden, wobei dir jüdische Kaufmann Jakob Mülstein besonders schwer verprügelt wurde. Der Fall Reichwein. Generalmusikdirektor Prof. Leopold Reichwein (Wien) schrieb, die „Wahrheit" erwähnte es schon, im „Völkischen Beobachter" gegen „die Juden in der deutschen Musik". Die Kunst sei für die Juden nur da, um Geld zu verdienen. Der Aufsatz erregte Aufsehen in der Musikwelt und bei den Juden. Herr Reichwein verdiente sein Geld früher nur in Wien, z. B. durch Aufführung der Werke des Juden Mahl er, den er jetzt angreift. Er wollte aber mehr verdienen, und als im Auslande, weit von Wien, in der ihm unbekannten Stadt Bochum die Stelle des städtischen Generalmusikdirektors frei wurde, kam ihm der Gedanke, daß er gleichzeitig in Wien und in Bochum als Doppelverdiener tätig sein könnte. Es gelang ihm. Wer verhalf ihm dazu, ohne dabei zu verdienen? Eine musikalische jüdische Familie in Bochum! Vor der Anstellung schrieb er ihr: „Sollte ich das (nämlich die VIII. Symphonie von Bruckner) auch einmal in Bochum dirigieren? Wenn ja, dann ist's sicher