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Die Wahrheit · 1932-11-25 · Heft 48 (25.11.1932) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 48 (25.11.1932)
Date
1932-11-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT >s m Berechtigung. Ein viel kostbareres Naß noch als dieses Wasser oder der in der Umgebung der Stadt gebaute Wein wird von den Zistersdorfer Zisternen aus einen Wettkampf mit weltbeherrschenden Rivalen antreten und wenn einmal Schweden und Böhmen, Türken und Kuruzzen Zistersdorf befehdet haben, kann sich das Städtchen nun auf einen viel edleren und unblutigen, um nichts aber weniger heftigen Strauß mit Engländern, Amerikanern, Rumänen und Polen gefaßt machen. Zistersdorf hat auch sonst schon manche Wandlung durchgemacht. Seine Kirche wurde im zwölften Jahrhundert von einem Ritter aus dem edlen Geschlechte der Herren von Kuenring gegründet und bald darauf den Zisterziensern von Zwettl übergeben, so daß oft auch vermutet wurde, die Stadt hätte diesen Mönchen ihren Namen zu verdanken. Im sechzehnten Jahrhundert aber wurde sie von evangelischen Nachfolgern derer von Kuenring gesperrt und erst im Zuge der Gegenreformation wieder eröffnet. Während des ganzen Mittelalters war Zistersdorf gleich dem an derselben Grenzlinie liegenden Marchegg ein für den Verkehr mit Ungarn und Mähren wichtiger Handelsplatz, an dem schon im Jahre 1319 ein „Marchart, den Juden Swertzlein Sohn" nachweisbar ist. Dieser Jude Marchart scheint schon in seinem Namen etwas von der nahe von Zistersdorf vorüberfließenden March mit sich getragen und damit sechshundert Jahre vor dem Triumph dieses Prinzips seine Bodenständigkeit bekundet zu haben. Noch deutlicher drückt sich aber vielleicht bei aller Betonung der überlieferten Eigenart die Heimatverbundenheit der Juden von Zistersdorf — die dabei sicherlich nicht alleinstanden — darin aus, daß in den hebräischen Urkunden jener Zeit Zistersdorf einen eigenen hebräischen, sozusagen judaisierten Namen „Zizisdorf" führte. Im Jahre 1529 erscheint das Städtchen übrigens sogar unter denjenigen Orten angeführt, in denen die Juden trotz ihrer Vertreibung aus dem übrigen Niederösterreich verbleiben durften. Sogar Generationen von Juden lassen sich in Zistersdorf nachweisen, so im Jahre 1409 Josep der jud von Zysteistoff und Slomel der judt, sein prueder und im August 1566 erhalten Moises Kaufmann aus Zistersdorf und seine zwei Brüder von Ferdinand I. einen Schutzbrief, wie er auch ihrem Vater schon verliehen worden war. Die Schutzjuden Mandl und Hirschl aus Zistersdorf finden sich wiederholt in den Akten des 16. Jahrhunderts und im Jahre 1564 wird in Eisenstadt (Burgenland) gelegentlich einer Perlustrierung aller dort befindlichen Juden ein Rabbiner namens Markus aus Zistersdorf verzeichnet, dessen Frau und sechs Kinder sich seinen Angaben zufolge in Lundenburg (Mähren) befinden. Diese Judengemeinden des westlichen Ungarn und des südlichen Mähren sind es naturgemäß auch, wohin die Spuren unserer Juden von Zistersdorf von dem Zeitpunkte an führen, da ihres Bleibens in diesem Städtchen nicht mehr länger war, während im Jahre 1420 auch dort die „Wiener Geserah" ihre Opfer forderten. Sonst aber scheinen die Zistersdorfer selbst immer gutmütige Leute gewesen zu sein, aber sie hatten oft Schweres zu ertragen und trotz starker Befestigung wurde Zistersdorf im Jahre 1706 infolge Verrats von den Freischaren Rakoczis angezündet und ein Teil der Einwohner niedergemetzelt. Die meisten Zistersdorfer flüchteten damals in Erdställe, die in der Nähe der Stadt noch jetzt zu sehen sind. Erdlöcher waren also einst die Rettung der Zistersdorfer gewesen, vielleicht wird aber auch nun, in unseren Tagen der gesteigertsten Not eine ausgleichende Gerechtigkeit den Zistersdorfern von heute und mit ihnen ganz Oesterreich aus Erdlöchern anderer Art Hilfe und Heil erblühen lassen. «•■■■«■■■■MM«! Die Wahlen in U. S. A. Am 8. November verlor Herbert Hoover den Waldkampf. Mit 17 gegen 12 Millionen Stimmen beschloß das amerikanische Volk, Franklin D. Roosevelt ins Weiße Haus zu berufen. Was wußte das amerikanische Volk und mit ihm die ganze Welt am zweiten Tage nach dieser stillen Revolution, nach dieser friedlichen Staatsumwälzung? Daß Herbert Hoover sicli nicht eine Stunde länger im Weißen Hause aufhalten wird, als von der Verfassung vorgeschrieben ist. und daß selbstverständlich in den Vereinigten Staaten keine Person und keine Partei daran denkt, nachdem sie in der Minderheit geblieben ist, die Macht im Staate zu beanspruchen. Als Ergebnis des demokratischen Sieges sind gleichzeitig am 8. November zu Gouverneuren gewählt worden: Herbert Lehmann, ein Jude, für den Staat New York, Henry Horner, ein Jude, für den Staat Illinois. Was wußte das amerikanische Volk und mit ihm die ganze Welt am Morgen nach diesem Ereignis? Daß es in den Vereinigten Staaten keine verhetzten Menschen gibt, die Schaufenster jüdischer Läden einschlagen, jüdische Passanten angreifen, alarmierende antisemitische Hetze in die Welt setzen, weil ihnen die politische Entscheidung eines Teiles des Volkes nicht gefällt. Dieses Ereignis ist von der überwiegenden Mehrheit des Volkes mit Zustimmung und Begeisterung, von den übrigen mit Ruhe, Anstand und Achtung aufgenommen worden. Vergleicht man diese Verhältnisse in Amerika mit denen z. 6. in Deutschland, so kann man sich eines gewissen Neides nicht erwehren über die Art und Weise, wie das amerikanische Volk seine wichtigsten staatlichen Angelegenheiten regelt. Das ist nicht nur dem Prinzip der im Volksbewußtsein tief verankerten amerikanischen Demokratie zu verdanken: die Amerikaner haben schon einmal die Frucht des Bürgerkrieges gekostet — und sie hüten sich, wieder zu diesem Mittel zu greifen. Im Staate New York selbst leben etwa zwei Millionen jüdischer Seelen, die beinahe ein Viertel der Gesamtbevölkerung ausmachen. Im Staate Illinois werden etwa 350.000 Juden gezählt, deren Antefl an der Gesamtbevölkerung etwa 9 Prozent ist. Dieser hohe Prozentsatz der jüdischen' Bevölkerung in beiden Staaten hat natürlich dazu beigetragen, daß jüdische Kandidaten für die Wahlen der höchsten Aemter nominiert wurden. Es wäre aber grundfalsch zu meinen, die Demokraten hätten nur wegen der numerischen jüdischen Stärke sich entschlossen. Lehmann und Horner wählen zu lassen. Und es wäre auch irrig anzunehmen, die Wahl von Juden zu Gouverneuren in U. S. A. sei überhaupt ein Novum, eine außergewöhnliche Erscheinung. . Weder Lehmann noch Horner sind die ersten Juden, die in Aemter berufen worden sind, denen in Deutschland die Stellung der Ministerpräsidenten in den einzelnen Ländern entspricht. Der Name des Gouverneurs des Staates Georgia — Emanuel — sowie der des Gouveneurs des Staates Washington — Salonion — ist bekannt. In Idaho war der Jude Moses, in Utah der Jude Bamberger Präsident Und in der letzten Zeit, noch vor den Novemberwahlen. gab es zwei jüdische Gouverneure: Meyer in Oregon und Seligmann in New-Mexiko. Diese vier Staaten hatten bei einer Bevölkerung von über zwei Millionen kaum 20.000 Juden — der numerische Faktor ist also bestimmt nicht von ausschlaggebender Bedeutung. Nicht der quantitative Einfluß spielt dort die Hauptrolle — auf die Qualität der Person kommt es an, auch wenn der wertvolle Mensch ein' Jude ist! Es ist selbstverständlich'auch in U. S. A. nicht alles in bester Ordnung; nicht in allen Beziehungen ist Amerika für die Juden ein Paradies. Aber der 8. November 1932 beweist, daß das Gift des Antisemitismus in Amerika nicht die furchtbare Wirkung hatte, daß Europa leider noch immer viel von der Gerechtigkeit dieses großen Landes lernen kann. Herbert Lehmann ist Jude. Und ein guter Jude. Er ist einer der Gründer des American Joint Distribution Committee. Ein Mann mit offenem Herzen und offenen Ohren, auch für jüdische Leiden in aller Welt. Sein Interesse gilt dem Wiederaufbau im Osten ebenso wie der Aufbauarbeit in Palästina. Lehmann ist sogar der Vizevorsitzende der Palestine Economie Corporation. Er tritt als Jude auf — und es ist keine Uebertreibung zu behaupten, daß er nach Roosevelt die populärste und beliebteste Pesönlichkeit bei den Demokraten ist. Der bekannte amerikanische Politiker Smith äußerte sich einmai: „Daß es mir gelungen ist. Lehmann für die Politik zu gewinnen, ist der größte Vorteil für den Staat New York. Denn in seiner Person hat der Staat einen Menschen gefunden, der unter den politischen Persönlichkeiten kaum seinesgleichen hat." Ohne jeden Schaden für eine politische Karriere hat sich auch der vierundfünfzigjährige Henry Horner, der jetzt zum Gouverneur von Illinois gewählt worden ist, als Jude exponiert Er ist Mitglied des Sinai-Tempels und durch seine Beteiligung an allen jüdischen philanthropischen Angelegenheiten sehr bekannt. Viele Jahre hindurch übte er das Richteramt aus. Weder fühlte er sich während seiner Richtertätigkeit je als Jude „befangen", noch sind andere auf den Einfall gekommen, ihn wegen seines Judenseins als „befangen" abzulehnen. Sein Judentum war auch kein Hindernis für Millionen seiner Mitbürger, ihn zum Gouverner von Illinois zu wählen. Ist das etwa nur eine Wirkung der demokratischen Parteimaschine? Zwingt der bürokratische Parteiapparat dem Volke seine „Bonzen" auf? Gewiß, die Demokraten im Staate New York sind natürlich ihren demokratischen Kandidaten Lehmann treu geblieben. Uebrigens: die kati:olis chen Demokraten — den: Juden Lehmann. Aber jüdische Kandidaturen gibt es in U. S. A. nicht nur bei den demokratischen Partei. Die Sozialisten haben jetzt ebenfalls einen Juden, Wald mann, aufgestellt; Die Republikaner sind seinerzeit mit jüdischen Gouverneurkandidaturen aufgetreten, und zwar mit den Kandidaturen von Oskar Strauß und Albert öttinger. Was ist von Franklin Roosevelt, von den Demokraten, von Herbert Lehmann zu erwarten? Es ist klar, daß keineswegs eine radikale Aenderung in der inneren und äußeren Politik des Landes von heute auf morgen zum Ausdruck kommen kann. Weder werden die VereiiÜEten Staaten auf der Weltwirtsebaftskonferenz im April für die Abschaffung der Zollschranken, für eine freiere Weltwirtschaft eintreten, noch wird in der nächsten Zeit schon die Prohibition gänzlich beseitigt werden. Und man wird auch noch Spinozas Mutter. Zu Spinozas 300. Geburtstag. In ihren Augen lag die: Sehnsucht nach vergangnen Tagen, Nach ihrer Heimat südlich warmer Pracht. Sie trug die Fremde still und ohne Klagen, Nie ist die Liebe zu ihr aufgewacht. Der Geist der Ahnen in ihr weiterlebte. Ihr Wissensdurst, ihr starker Bildungsdrang, Der zu den höchsten Sphären aufwärtsstrebte, Und den der Alltag doch nicht niederzwang. Sie war nur Frau, in ihrem engen Kreise Sie nimmermehr Verständnis fand. In tiefsten Stunden, heimlich stets und leise Nahm sie die Bücher scheu zur Hand. Dann schwanden ihres Hauses düstre Mauern, Es weitete die Welt sich ihrem Blick. Die Ahnung höhern Seins ließ sie erschauern. Das waren Stunden voll von reinem Glück. Und nicht umsonst dies wunderbare Streben Und dieses Geistes umfaßbarer Flug. In ihrem Sohne dürft' sie weiterleben. Ihr Erbe tausendfältig Blüten trug... Dreihundert Jahre sind dahingegangen. Wie viele, viele ruh'n vergessen schon, Die rastlos nach des Wissens Palme rangen. Unsterblich aber ward ihr großer Sohn. Beate Baumgarten. nicht morgen vernehmen können, daß die Demokraten an den internationalen politischen Problemen Anteil nehmen und ihre „splendid isolation", ihre Monroe- Doktrin aufgeben. Das alles sicher nicht. Und doch weht nach diesem demokratischen Sieg eine frischere Luft, entstehen Hoffnungen auf einen anderen Zugang zu den Weltfragen, zu Europa, zu Deutschland, die hoffentlich nicht ganz trügerisch sein werden. Hitler zeichnet in seinem Buch „Mein Kampf" das Bild von zwei Juden: der jüdische Unternehmer oben in seinem Büro, und dar jüdische Agitator, der 'Revolutionär, der Streikorganisator unten im Fabrikhof. Einen anderen Typus kennt er nicht. Der jüdische Unternehmer, der Bankier, der Finanzmann ist im nationalsozialistischen Schrifttum eine ausgeprägte Figur: der Feind der Arbeiterklasse. Nun, es soll hier kein Wort zur Rechtfertigung von Ausbeutern gesagt werden — von welcher Seite sie auch kommen mögen. Es ist aber von Interesse zu verfolgen, wie Herbert Lehmann gewählt worden ist. um zu sehen, wie gefährlich es ist, mit fertigen Schablonen zu operieren. Bekanntlich ist Herbert Lehman in einer armen jüdisch-deutschen Familie in New York geboren. Er hat sich mit der Zeit heraufgearbeitet, ist Bankier und eine der bekanntesten Figuren der amerikanischen Wirtschaft und Unternehmerwelt geworden. Wie gestalteten sich aber die Beziehungen zu diesem jüdischen Bankier seitens großer Teile der Arbeiterschaft? Der bekannte sozialistische Führer Salvador N i n p h o, Vizepräsident der International Ladies Garment Workers Union, empfiehlt, für Lehmann zu stimmen. Er erklärt, Lehmann sei ergebenster Freund der organisierten Arbeiter. Man weiß, wie Lehmann die unzähligen Arbeiterkonflikte geschlichtet hat. wie er seine größte Sympathie den Gewerkschaften und allen ihren Nöten erwiesen hat. Und was der Sozialist und Unionführer Ninpho gesagt hat. haben auch andere Unionführer gesagt. Die„ State Federation of Labor hat auf ihrer Jahreskonvention in Ultica, New York, eine Resolution gefaßt, die : Lehmann als den geeignetsten Kandidaten für den höchsten Posten der Staatsregierung proklamiert. Die Wahl von Herbert Lehmann lag dem deutschamerikanischen Judentum besonders am Herzen. Das Interesse Lehmanns, des Sohnes einer deutschen Familie, für Deutschland ist bekannt. Die amerikanischen Politiker, die mehr mit den deutschen Interessen verbunden sind, wissen es. Und es ist kein Zufall, daß unter denjenigen Diplomaten, die besonders für die Wahl Lehmanns eingetreten waren, in erster Reihe auch der ehemalige amerikanische Botschafter in Deutschland, Gerard. stand. Und kein Zu- Honhuzs In der Novisader Isr. Kultusgemeinde gelangt eine neu systemisierte Religionslehrer-Stelle zur Besetzung. Konkurrieren können nur solche Bewerber, die das 40: Lebensjahr nicht überschritten haben, die Qualifikation besitzen, in den Mittelschulen Religionsunterricht erteilen zu können. Diejenigen, die der serbischen Sprache vollkommen mächtig sind, werden bevorzugt. Gehali laut Uebereinkommen. Bewerber wollen ihre Gesuche mit dem Nachweis der vorbezeichneten Erfordernisse, ferner ihres Alters, Familienstandes und bisherigen Wirkens, an gefertigten Vorstand bis 8. Dezember einsenden. Novi Sad (Jugoslawien), den 8. November 1932 Der Vorstand der Isr. Kultusgemeinde in Novi Sad: Armin Klein, Notär. Julius Frank, Präsident

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