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Die Wahrheit · 1932-11-25 · Heft 48 (25.11.1932) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 48 (25.11.1932)
Date
1932-11-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 jüdische Bevölkerung Oesterreichs. Es ist nun eine merkwürdige Tatsache, daß wie so oft auch hier die Nationalsozialisten und die Jüdischnationalen genau dasselbe anstreben: „ein Minderheitsrecht der Juden". Den Führern der Jüdischnationalen ist die Gefahr eines Minderheitsrechtes der Juden selbstverständlich bekannt. Woher kommt es, daß sie bei ihrer einmal aufgestellten Forderung hartnäckig beharren? Die Erklärung läßt sich leicht finden, wenn man diese Führer mit wirklich bedeutenden und erfolgreichen politischen Führern vergleicht, die in der letzten Zeit hervorgetreten sind. Man denke etwa an den Tschechen Masaryk oder den Indier Gandhi. Ersterer hat während des Krieges Oesterreich verlassen, alles, was er besaß, sein Heim und sein Stellung aufs Spiel gesetzt. Ebenso hat letzterer sein Leben, seine Freiheit und seine Gesundheit für seine Ziele eingesetzt. Von den jüdischnationalen Führern in Oesterreich hingegen ist nur bekannt, daß sie, durch verschiedene Umstände (wie staatliche Pension, Grundbesitz, einträgliche Kanzleien) an Wien gebunden, nicht daran denken, dieses behagliche Leben aufzugeben. Die schwere, oft gefährliche Aufbauarbeit in Palästina überlassen sie anderen. Um ihren politischen Ehrgeiz zu befriedigen, müssen sie jüdischnationale Landespolitik betreiben. Dessen Voraussetzung ist aber die Aufrichtung von neuen weithin sichtbaren Scheidemauern in Oesterreich, und dazu muß das Minderheitsrecht der Juden dienen, das zu einem neuen Ghetto führt. Niemals hätte TheodorHerzlan Landespolitik oder Minderheitsrechte deutscher Juden gedacht. Dies beweist sein Buch: Altneuland, in dem Christen und Mohammedaner in der neuen Gesellschaft in Palästina vollkommene Gleichberechtigung genießen. Minderheitsrechte für die Juden in Oesterreich anstreben, heißt ihnen das Vaterland, mit dem sie durch Sprache, Kultur und Erziehung aufs engste verbunden sind, zu nehmen, bevor sie ein neues haben. Es ist dies mehr als unverantwortlich. Das Gutachten des Professors Merkl, das sich nur an die Auslegung toter Buchstaben hält und das wirkliche Leben und die im Völkerleben ausschlaggebenden Machtverhältnisse unberücksichtigt läßt, ist praktisch wertlos und irreführend. VORNEHME f/MILIEN - PENSION r^p^siigp ■Slfcl^ •■£_fiiÄ!ililL^d täglich 5-Uhr-Tee SEMF1ERING TELEPHON 11 Hochstraße 43 neben Hotel Panhans Mäßige Preise, Zimmer mit PensionS 12.— aufwärts Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser in jedem Zimmer. Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein. Besitzer Die Bedeutung der Bezirkskommissionen. Ein offenes Schreinen. Bei den Kultuswahlen, die im Jahre 1928 stattfanden, mußte man feststellen!, daß die Sorge um die Bezirkskommissionen die Parteien bei weitem nicht in dem Maße beschäftigte wie-die Sorge um die Erlangung der Mandate in der Kultusgemeinde. Auch in diesem Wahlkampfe scheinen wieder die Bezirkskommissionen vernachlässigt und ihnen nicht jenes Interesse entgegengebracht zu werden, das diese Kommissionen verdienen. Die Bezirkskommissionen sind es, die ein sehr wichtiges Wort bei der Besteuerung der Zensiten mitzureden haben. Die Bezirkskommissioneinj sind es aber vor allem, die den Zensiten kennen und über seine Vermögensverhältnisse informiert sind. Die Fürsorgetätigkeit kann nur gerecht ihre Pflicht erfüllen, wenn sie sich auf die Erhebungen und Mitteilungen der einzelnen Mandatare der Bezirkskommission, die ja fast alle Fürsorgeräte sind, verlassen kann. Das gesamte jüdische Leben wird von der Bezirkskommission gleichsam überwacht und es ist sicherlich nicht ungerecht, wenn man verlangt, daß alle politischen Parteien ihr Augenmerk auch auf die Bezirkskommissionen richten. Man darf die Wirksamkeit der Mandatare, die sich den Bezirkskommissionen zur Verfügung stellen, nicht gering werten. Sie sind bei der Führung der Geschäfte der Kultusgemeinde sehr wichtig und oft viel wichtiger als der Kultusvorstand selbst. Als einfaches Mitglied einer Bezirkskommission bitte ich die verehrte Hauptwahlleitung dafür Vorsorge zu treffen, daß bei der am 4. Dezember 1. J. stattfindendien Wahl darauf gesehen wird, daß die Wähler auf die Notwendigkeit der Abgabe zweier Stimmzettel aufmerksam gemacht werden. Ich glaube, daß das keine Verletzung des Wahlaktes oder eine Beeinflussung im Sinne der Wahlordnung darstellen wird, wenn die Vorsitzenden der Wahlkommission die Wähler darauf aufmerksam machen würden, daß sie eine doppelte Wahl, die Wahl in den Kultusvorstand und die Wahl in die Bezirkskommission vorzunehmen haben. Wenn alle Parteien sich einigen würden, daß die Vorsitzenden dieses Mahnwort an die Wähler richten dürfen, und wenn die Kultusgemeinde den Vorsitzenden einschärfen würden, dies auch tatsächlich zu tun, dann würde sie für die Gerechtigkeit der Verteilung der Mandate, die ja schließlich allen Parteien zugutekommt, weit mehr leisten, als wenn sie aus Furcht vor der Verletzung irgendeiner gedachten, aber nicht niedergeschriebenen Wahlbestimmung sich „jeder Beeinflussung" entziehen würde. Zisiersdorf. Von L. Moses Vor einigen Tagen ist wieder einmal die Kunde von neu entdeckten Erdölvorkommen in Zistersdorf durch die Blätter gegangen. Damit wurde die allgemeine Aufmerksamkeit wieder auf dieses sonst ziemlich weltentrückte Städtchen im niederösterreichischen Weinviertel gelenkt, dessen Name schon, ohne daß es früher jemandem aufgefallen wäre, eine gewisse Vorbedeutung besitzt. Man hatte bisher gemeint, daß die Stadt ihren Namen Zisternen verdanke, in denen in früheren Zeiten Wasser angesammelt wurde. Der Fund des Petroleums, durch den die alte Stadt nahe an Oesterreichs Grenze zu neuer Blüte zu gelangen verspricht, gibt diesem Namen aber erst seine hand über alle Leidenschaften. Sie selbst wird zur mächtigsten Leidenschaft, zur Liebe zu Qott. die zugleich die Liebe zu seinen Geschöpfen ist, sie wird zur Liebe zu unserem Schicksal. Erkennen wir Gott als Grund und Ursache von allem, was in uns und um uns geschieht, dann ergeben wir uns in unser Los, sehen in ihn unser wahres Gut und tun — aus dem göttlichen Triebe in uns heraus — das Gute. In dieser Liebe vereinen wir uns mit Gott, die Liebe zu ihm wird eins mit seiner Liebe zu uns, zur Welt. Von diesem höchsten Glück erfüllt, streben wir danach, auch unsere Mitmenschen zur gleichen Erkenntnis,— der Erkenntnis Gottes, die zur Gottesliebe wird — zu führen und so eine menschenwürdige Gemeinschaft zu gründen. Wir beurteilen dann die Mitmenschen gerecht, da alles, was sie tun. sie ja mit Notwendigkeit so und nicht anders tun müssen. Wir verspotten sie nicht und verachten sie so wenig, wie wir etwa mathematische Gebilde, Linien und Flächen hassen oder verlachen. Statt dessen suchen wir die Menschen zu bessern, indem wir ihren Geist zu klären und zu bilden uns bestreben. Dem Erfahrungssatze: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf" ist entgegenzustellen die Forderung: „Der Mensch soll dem Menschen ein Gott sein." Wir verwirklichen damit das Ideal einer Gemeinschaft, in der ohne äußeren Zwang alle freudig! ihre Pflicht tun, die Tugend üben, ohne einen Lohn dafür zu fordern, weil das Glücksgefühl der Liebe zum Guten an sich schon der höchste Lohn ist. Was die Menschen entzweit, ist. wie wir sahen, das Streben nach Reichtum. Ehre und Sinnengenuß. Es ist der Egoismus, der Trieb, das eigene Ich auf Kosten der anderen rücksichtslos zu entfalten. Dieser Trieb der Selbsterhaltung und Selbstentfaltung ist jedem Wesen angeboren. In der Natur herrscht er rücksichtslos und so weit, als ihm nicht durch die Macht eines Stärkeren Schranken gesetzt werden. Das ist das Naturrecht. das einzige Recht, nach dem das Tier und der Mensch im Naturzustande handelt. Doch der Mensch, ja schon vielfach das Tier erkennt, daß seiner Selbsterhaltung nicht dient ein Krieg aller gegen alle, daß es vielmehr von Vorteil ist. sich mit anderen zu einer Gemeinschaft zusammenzuschließen, eine Organisation, einen Staat zu bilden, in dem der einzelne von seinem Natur recht opfert und dafür den Schutz der Gemeinschaft, die Rechte des Bürgers genießt. Freilich darf die Gemeinschaft nicht die Freiheit des einzelnen tyrannisch unterdrücken. Die Demokratie ist deshalb unter allen Staatsformen die angemessenste, vorausgesetzt, daß die Bürger geistig so weit reif sind, daß sie aus freien Stücken und aus innerstem Antriebe die Gesetze der Gemeinschaft achten und freudig ihre Bürgerpflicht erfüllen. Der Staat ist eine Menschheit im Kleinen und das Staatsgesetz ein Abglanz des götdichen Waltens. Es bestimmt, was Recht und was Unrecht ist. So wie wir gegen das Gesetz der Natur und das Sittengesetz uns nicht vergehen können, ohne unfehlbar den Rückschlag zu erfahren, so ist Gehorsam gegen das Staatsgesetz unbedingte Bürgerpflicht Reichtum, Ehre und Sinnengenuß sind verwerflich nur als Selbstzweck, doch nicht als Mittel, „unser Sein zu erhalten und zu erhöhen", unsere Freude am Dasein zu mehren und unsere Kraft zu stärken in dem Streben, mit unseren Mitmenschen eine Gemeinschaft zu bilden, in der die Erkenntnis Gottes und damit die Liebe zum Guten. Wohlwollen, Freiheit und Friede die Menschen einen. Dieser idealen Entwicklung steht hindernd im Wege eine falsche Auffassung der Religion. Spinoza sagt: „Wie man in unserem Amsterdam, wenn man mit einem Menschen ein Geschäft vorhat, nicht fragt, zu welchem Glauben er sich bekennt, zu welcher Menschengruppe er gehört, sondern nur, ob er ehrlich und vertrauenswürdig ist, so muß jeder Staat um seiner Selbsterhaltung willen religiösen Zwist unterdrücken und den Uebergriffen geisüichar Mächte entgegentreten." Die Religion hat nach Spinoza nur einen Zweck: die Menschen zur Rechtlichkeit und Nächstenliebe zu erziehen. Jedem muß es frei stehen, zu denken, was er will, und das Gedachte auszusprechen. Nicht allen ist es gegeben, sich zu einem philosophischen Gottesbegriff emporzuringen. „Der Weg zu ihm", sagt Spinoza, „ist rauh und steil und nicht für jedermann: aber alles Erhabene ist ja ebenso schwer als selten. Doch auch dem Schlichtesten ist der Weg zur Glückseligkeit gewiesen und gebahnt, wenn er dem Gott, den die Bibel lehrt, dem Gott der Gerechtigkeit und Liebe, gehorcht Indem man aber die einfachen Lehren der Bibel, die nur auf diesen Gehorsam abzielen und sich nur an das Gemüt und den Willen der Menschen wenden, mit philosophischen Spitzfindigkeiten verquickte, entstanden über diese aristotelischen und platonischen Definitionen des götdichen Wesens Streitigkeiten, die Bürgerfrieden und Bürgerglück untergruben. Der Staat hat aber nur nach den Taten, nicht nach den Meinungen der Bürger zu fragen." Wie wenig die Theologie ein Recht hat. philosophische Lehren auf das Bibelwort zu stützen, sucht Spinoza zu beweisen, indem er die Bibel, wie ein Menschenwerk, kritisch durchforscht und betont, daß Religion nur eine bestimmte Lebensform bedeute, aber nichts mit Literaturgeschichte und Literarkritik. nichts mit Philosophie, ja nichts mit einer unduldsamen Theologie zu tun habe. * * Dieser Lehre Spinozas, die wir hier nur mit einigen dürftigen Strichen skizziert haben, ist es ergangen, wie im Orient so vielen Baudenkmälern des Altertums. Man hat Teile ihrer Ruinen völlig willkürlich in neue Häuser ganz anderen Stiles und Charakters hineingebaut. So werden einzelne Sätze Spinozas von den entgegengesetzten Seiten für ihre Zwecke zitiert. Es wird oft in Spinoza hineingelegt, was seinem innersten Wesen widerstreitet Spinoza ist kein Materialist: bei ihm ist der Geist nicht Produkt der Materie. Er selbst wehrt sich gegen den Vorwurf des Atheismus. Er. der sonst anscheinend so nüchterne Verstandesmensch, wird zum verzückten Schwärmer, wo er von der intellektuellen Liebe zu Gott spricht Seine Entdeckung des Gottesbegriffes als des „Ein und All" der Welt erfüllt ihn mit einer überströmenden Freude, die an die Schilderung Carters des Entdeckers des Tutenchamen-Grabes. erinnert wie er nach sechs Wintern vergeblichen Suchens mit einem Mal in die Oeffnung der seit 3000 Jahren verschlossenen Königsgruft die elektrische Lampe steckt und von der goldenen Zauberpracht seines Inhaltes geblendet wird. Wie beneidenswert muß der glückselige Spinoza allen den Gott-Suchern erscheinen, die seines Gottesbewußtseins nicht teilhaft werden! So kann man ihn denn trotz seiner Gegnerschaft gegen jeden Dogmenzwang nicht gut einen Atheisten nennen. In seiner Lehre ist vielmehr so manches, was der Theologie wertvolles Gut liefert. Nicht umsonst nennen ihn Goethe „theissimum et christianissimum". Herder und Schleiermacher einen „Heiligen". Novalis einen „Gott-trunkenen Menschen". Er selbst hat zum Teil stillschweigend, zum Teil nach eigenem Geständnis, vieles seiner angestammten Religion und ihrem Schrifttum entlehnt, hier vor allem seinen Geist logisch geschult und zum Bisans-Ende-Denken geschärft Sagt man doch vom Juden: „Er singt Logik und betet Metaphysik." Spinozas Lehre ist Monotheismus, nicht als Offenbarungs-Religion, aber als Ergebnis voraussetzungslosen Forschens. Das, was der Menschengeist auf sich selbst gestellt mit seinem Verstände von Gott zu erfassen vermag und in strenger Konsequenz aus dem so gewonnenen Gottesbegriff als Richtlinien für unser sittliches, soziales und politisches Verhalten ableiten kann, das liegt uns vor in der Lehre Spinozas. Gewiß ist der Verstand nicht für alle der Weg. Gott zu suchen. Das ist eben Sache der persönlichen Veranlagung und Einstellung. EöUvös. der große Ungar, sagt: „Wir können Gott mit dem Verstände suchen, aber finden können wir ihn nur mit dem Herzen." Wohl dem. der, wie Spinoza. Gott mit dem Verstände sucht und dem das Herz Gottes so voll wird, wie ihm Eines ist unbestreitbar: Unzähligen ist Spinoza zum Mentor und Berater auf ihrem Lebenswege geworden. Den Fortschritt der Kultur hat er wie wenige gefördert

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